'Few of us have lost our minds, but many of us have long ago lost our bodies.' – Ken Wilber

Aus der Yoga-Ausbildung ::: Eine Reise vom Mond zur Sonne

2009 November 19
von Lily

Gebundener Winkel, liegend © Chris Andre

Üblicherweise muss ich sehr auf meinen Energiepegel achten. Wenn ich morgens zum Beispiel versuchen würde, meinen Kreislauf mit Schwitzen und Anstrengung in Gang zu bringen, fühle ich mich hinterher so entleert, dass ich eigentlich gleich wieder schlafen gehen könnte. Lange habe ich das nicht akzeptiert – ich war viele Jahre eine regelmäßige Läuferin und hab mich immer gewundert, warum mich das Laufen selbst kurzer Strecken auch nach Monaten des Trainings nach wie vor so erschöpfte, egal wie langsam und schonend ich lief.

Interessanterweise habe ich erst durch jene Aspekte des Yoga, die sehr auf dem Yin/Mond-Prinzip (Erdung, Ruhe, Nähren) basieren, zu der körperlich-geistigen Kraft und Ausdauer gefunden, von der ich dachte, dass ich sie nicht entwickeln könnte, nachdem meine jahrelange Rennerei keine Erfolge gezeigt hatte.

Vor 1 1/2 Jahren habe ich 5 Monate lang nach B.K.S. Iyengar praktiziert. Die Haltungen werden sehr präzise aufgebaut und lange gehalten. Wobei – gehalten klingt so erstarrt, denn natürlich atmet der Körper, pulsiert, ist lebendig – aber die Bewegung kommt vom Kern des Wesens, ganz anders als bei der Bewegung äußerer Muskelschichten. Die Präzision der physischen Ausrichtung im Iyengar-Yoga bildet den Nährboden für eine kristalline, punktuelle Bündelung des Geistes. Durch die längere Verweilzeit wird das Üben zu einer Erfahrung des Seins (statt des Machens). Atemzug für Atemzug fällt alles weg, was nicht zum Übenden gehört.

Bei mir zum Beispiel kam eine Getriebenheit ans Tageslicht. Immer wieder tauchten Stimmen auf, die es mir zu vegällen versuchten, mich mehr als eine Minute in einer Haltung zu versenken. Zu groß war das Ärgernis „nichts zu tun“; die Angst „durch das Nichts-Tun keinen Nutzen aus dem Ganzen zu ziehen“; und – mein Favorit :) – die Furcht „dick zu werden“. Soviel zur Selbsterkenntnis.

Nun zum überraschenden Teil – den ich glaube ich aber schon mal wo festgehalten habe:

Als ich nach einigen Wochen diese Ängste vollends integriert hatte, war mein Geist endlich offen genug, die wunderbar heilsame Wirkung meiner Praxis auf mein ganzes Wesen überhaupt wahrzunehmen. Mein Pulsschlag, mein Atem, meine Gedankenströme – es war eine Entdeckungsreise. Als hätte ich den Rhythmus meiner eigenen Lebendigkeit bis dahin nur vom Hörensagen gekannt. Jetzt war ich gierig, mich in sie zu versenken und alle Aromen voll auszukosten.

Das erinnert mich an die herrlichen Pfirsiche einer Nachbarin in Frankreich. Sonnengereift. Wann immer sie einen Korb vorbei brachte, wurden die Früchte andächtig schweigend verspeist – untypisch für meine Familie, vor allem wenn sie isst! Den Geschmack dieser  Pfirsiche  kann ich nur mit „Lieblichkeit“ umschreiben. Der verschwenderischen Süße, mit der dieses Obst unsere Gaumen und Herzen umschmeichelt hat, konnte eigentlich nur die andächtige Stille der Esser gerecht werden. Nur im Schweigen konnten wir dieses wundervolle Gefühl der Belebung gänzlich auskosten. Es war als lägen die Wärme der Kornfelder, die Lebendigkeit des Sommers, die pralle Sinnlichkeit der Hügel um unserem Haus in jedem einzelnen Bissen. Sogar unsere süß verklebten Finger und die Pfirsichflecken auf unseren Hosen und Röcken wurden Willkommen geheißen als Gaben der Natur, die sich großzügig an uns zu verschenken wünschte.

Ich habe den Eindruck, dass meine Sippschaft selbst nach jedem stillen Pfirsich-Mahl großzügiger und herzlicher miteinander umging… mehr lesen…

Auf der Welle des Tao (und der eigentümliche Drang, abzusaufen statt zu schwimmen)

2009 November 13
von Lily

Als ich als Jugendliche begonnen habe, mich ernsthaft mit dem Tarot zu beschäftigen, war ich begeistert von der Vorstellung, mir und anderen mit dieser Arbeit weiterhelfen zu können. Ich habe zwar immer wieder guten Freunden von meinem Hobby erzählt, mich aber nie angepriesen. Trotzdem verspürte ich gelegentlich leise Enttäuschung, dass sich kaum jemand dafür interessierte und ich selten dazu kam, an jemand anderem als mir selbst meine Intuition zu trainieren. Bis ich den Wunsch, für andere zu legen, ganz vergaß, und mich nur mehr für mich selbst in die Materie vertiefte.

Jetzt, wo ich in der Yoga-Ausbildung stecke, verhält es sich ähnlich. Ich könnte, ich wollte – aber niemand will sich recht melden. Glücklicherweise bin ich  (mittlerweile) mit einer gesunden Portion Vertrauen in meine Fähigkeiten ausgestattet – ich weiß, dass die Melange aus Körperarbeit, Spiritualität und Philosophie das Fleckchen Erde ist, auf dem ich heimisch bin. Dennoch – es wurmt mich, dass scheinbar keiner will, wenn ich schon halb verbrenne; mich endlich austoben möchte.

Dann läutet vor einigen Tagen das Telefon. Es ist eine Freundin meiner Mutter, die vor Jahren (!) gehört hat, dass ich Karten lege. Sie steckt in einer Zwickmühle, und sie möchte gerne über einige Dinge Klarheit gewinnen. Wir vereinbaren einen Termin.

Die 24 Stunden, bevor ich zu ihr fahre – wie soll ich sie Euch schildern?

Eine feine kleine Stimme in mir ist höchst amüsiert über den Gang der Dinge und fügt sich sofort dieser wunderbaren Wendung des Tao.

Eine etwas beunruhigtere Stimme flüstert mir ins Ohr, dass ich doch schon etwas aus der Übung sei. Stimmt eigentlich – wann habe ich das letzte Mal versucht, meine intuitiven Einsichten, die ich in der Betrachtung der Karten habe, für einen Dritten zu formulieren?

Eine bereits einigermaßen krätzige Stimme erklärt mir, dass ich mit meiner Lebenserfahrung wohl nicht werde punkten können und daher einen auf alte Blufferin machen werde müssen – also genau jene Klasse Kartenleger, deren Arbeit ich nicht nacheifere.

Und überdröhnt wird das Ganze von einem schrecklich fuchtelnden, tobenden Berserker, der mir vorhält, was für ein überhebliches, arrogantes, eingebildetes Gör ich doch sei – was bilde ich mir ein, dieser Frau zuzusagen und mich aufzuspielen als könnte ich in meinem Alter, einer Frau mit diesen Lebenserfahrungen, in irgendeiner Form weiterhelfen!

„Moment!“, sag ich zu mir (die es sichtlich nicht einfach hat in ihrer eigenen Haut), „Erstens: sie hat angerufen. Zweitens: das hat sicher einen Grund. Drittens: ich werde die Karten auf den Tisch legen und ihr offen sagen, was ich nicht beantworten oder einfach nicht abschätzen kann. Und viertens: ich habe jetzt immerhin einen Titel!“ (Und wer hätte gedacht, dass dieses letzte Argument mich selbst so beeindruckt hat, dass ich verstummte?!) mehr lesen…

Dienstagsträumereien ::: Die Träume der anderen, diesmal: Der lächelnde Chinese

2009 November 10
von Lily

Vor einigen Monaten sprach ich mit einer Freundin über die Kraft der Träume und wie uns diese nächtlichen Botschaften manchmal helfen können, große Veränderungen im Leben vorzunehmen.

Meine Freundin, die auch meine Aura-Soma-Therapeutin ist und mit ihren gut 40 Lenzen gehörig Lebenserfahrung mit sich trägt, erzählte mir folgende Geschichte, die mich sehr beeindruckt hat:

10 Jahre lang habe ich auf die aufwändigste Weise ein Traumtagebuch geführt, ohne wirklich zu wissen, weshalb und wozu.

Jeden Morgen und jeden Abend wurden nicht nur die Träume, sondern auch alles andere verzeichnet: was ich gegessen und getrunken habe, die Ereignisse des Tages, wann ich zu Bett gegangen bin, wie lang ich geschlafen habe, usw.

Bei dieser Mäusemelkerei hat sich nach einiger Zeit ein Muster herauskristallisiert. Etwa alle drei Monate hatte ich exakt den selben Traum:

Ich stehe am Rand einer Klippe. Unter mir meilenweit gähnende Leere. Der Wind pfeift mir um die Ohren. Ich weiß, dass ich springen sollte, aber ich wage es nicht.

Nach 10 Jahren schaffe ich den Absprung:

Ich falle mit rasender Geschwindigkeit, sehe die spitzen Felsen in der Tiefe immer näher kommen. „Ich muss verrückt sein – ich werde zerschellen!“

Plötzlich sehe ich weit unten einen kleinen Fleck. Während ich weiter falle, wird der Fleck größer: es ist ein Mensch. Ein alter Chinese mit langem weißen Bart schwebt mitten im Nirgendwo.

Als ich an ihm vorbei falle, steht plötzlich alles still. Wir sehen uns in die Augen; ich sehe nur mehr seine Augen und das stille Lächeln, das sich langsam auf seinem Gesicht ausbreitet.

In diesem Augenblick bin ich gewiss, dass mir überhaupt nichts geschehen kann.

Ich falle weiter. Lande federleicht auf den Felsen. Eine unbändige Freude erfüllt mich.

Am nächsten Tag hab ich mein Traumtagebuch nach einem Jahrzehnt ins Regal gestellt und mein Leben komplett verändert.

Briefe an mich, diesmal ::: Eine Nachricht von Lily mit 8 und ihre Antwort mit 25

2009 November 6
von Lily

Liebe Lily,

ich bin 8 und ich sitze an der Schreibmaschine und schreibe Dir einen Brief, Du bist 24 und sehr weit weg … Hahahahaaaaa!

Ich glaube Du bist jetzt endlich erwachsen – ich will Du sein!!!

Ich glaube Du hast einen tollen Beruf, Du wirst viel mit Menschen sprechen und Ihnen helfen. Ich glaube, Du wirst bestimmt auch viel schreiben, und vielleicht zeichnest Du die Bilder in Deinen Büchern.

Du bist jetzt bestimmt glücklich, Du hast eine schöne Wohnung in einem anderen Land mit vielen weißen Dingen und es riecht sehr gut. Außerdem kannst Du sicher schon sehr gut kochen. Dein Mann ist sicher auch super. Wie ist wohl Dein Mann?

Ich glaube Du hast viele Freunde. Ich habe eigentlich nicht so viele, aber es macht nichts.

Ich hoffe Du vergisst mich nicht.

Bussi, Lily

P.S.: Du hast sicher einen Busen, hahahahaaaaa!

~*~

Liebe Lily mit 8,

ich bin jetzt schon 25 und sitze in einem Kaffeehaus an meinem Laptop und schreibe Dir einen Brief. Du bist sehr weit weg, aber vergessen habe ich Dich nicht – hast Du gedacht das könnte ich? :)

Ich habe Deinen netten Brief in einem alten Koffer im Keller gefunden, neben einem ebenfalls schreibmaschinen-getippten Liebesbrief an „Dougie“. Ich nehme an, der war nicht an mich gerichtet. War das nicht der Typ von „Zurück in die Zukunft“? Den fand ich auch süß… Warum hast Du die Briefe eigentlich dorthin gesteckt, das frage ich mich? Hast Du gehofft, ich würde mit diesen Koffern in meine große weiße Wohnung im Ausland ziehen? mehr lesen…

Es ist vollbracht

2009 November 4
von Lily

Seit Ende letzter Woche bin ich akademisch betitelt und um einen Zentner kunstgechichtlicher Hirnknoten erleichtert. Jetzt versuche ich zu vermeiden, dass ich mir diesen Zentner von den Menschen um mich herum wieder aufgebürden lasse, und zwar aufgrund der ungemeinen Gewichtigkeit, die in Österreich der akademischen Betitelung beigemessen wird, und sei es nur ein läppischer „Magister“ – pardon, „Magistra“ heißt das in meinem Fall.

Statistisch gesehen werden jetzt also meine E-Mails im Schnitt 2 Tage früher beantwortet werden, wenn ich mein Mag.a in der Signatur unterbringe – mit diesem neuen sozialen Status muss ich erstmal klarkommen; mich in der Höhenluft sozusagen akklimatisieren. Insbesondere da ich als Tochter zweier Menschen, die es auf den Tod nicht ausstehen können, mit Knicks und Kratzfuß umschwirrt zu werden (sie sind mehrfach akademisch betitelt), den Stolz auf diese universitären Prädikate nicht gerade mit der Muttermilch aufgesogen habe.

Meine erste „Amtshandlung“ als Mag.a phil. war das Entwerfen meiner diversen Yoga-Unterrichtsmaterialien (Info-Folder, die Stunden-Blöcke, Stempel, etc. pp.). Darauf habe ich mich hufescharrend schon die vielen Wochen vor meiner Diplomprüfung gefreut – endlich frei zu sein für meinen Leib- und Seelenberuf!

Und genau so fühlt es sich an. Frei.

Aus einem stockfinsteren Wald zu kommen, den ich nur mit einer leisen Ahnung des Weges betreten hatte, ohne Licht, ohne Kompass …

nachdem ich unzählige Male an meinem Verstand gezweifelt habe -

„… unmöglich; es ist unmöglich, es gibt keinen Weg und ich war verrückt, hier überhaupt hinein zu marschieren!“

hanuman

Hanuman wagt gewaltige Sprünge.

Und das alles nur bedingt auf das Studium bezogen; das gesamte Jahr 2009 war auf allen Gebieten eine einzige, riesige Baustelle:

Eine Diplomarbeit, deren Thema dem Großteil meiner Umwelt und mir selbst schwer zu bearbeiten schien (vgl. das Bild vom Spaziergang im stockfinsteren Wald, auf der Suche nach einem begehbaren Pfad),

die Trennung meiner Eltern, die schwelende, jedoch lange vergessene Wunden aufgerissen hat,

und vor allem eine tiefe, tiefe Krise mit meinem Lebkuchenmann, die mich über 6 Monate lang dazu zwang, mich allen – aber auch wirklich allen! – schmerzhaften Bedürftigkeiten, verdrängten Trugschlüssen, verkehrten Selbstbildern, zu widmen, die sich in einem Vierteljahrhundert so ansammeln (ohne die Vorleben mitzuzählen, hehe).

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