„Berufung“ folgt Dir bis aufs Klo – Beruf nicht

Ich kenne eine Frau, nennen wir sie Amy, die sich zum Heilen berufen fühlte.
Sie macht ihre Arbeit sehr gut: die Menschen erleben schon nach einer Sitzung, oft auch währenddessen, ein deutliches Abnehmen ihrer Beschwerden.

Das Problem ist: Amys Kundschaft setzt sich aus „Einmal-Wundern“ zusammen. Die Leute kommen ein Mal und dann häufig nie wieder. Das bringt Amy zum Verzweifeln. Sie kann keine Kundschaft „halten“ und fragt sich, ob sie überhaupt auf dem richtigen Weg ist, ob ihre Arbeit Wert hat oder ob sie alles lassen soll.

Ich frage Amy, ob sie nicht genau die Gabe hat, die sie als „Heilerin“ definiert:
Menschen in kürzester Zeit von ihren Beschwerden zu befreien. Zum Teil so gründlich, dass sie nicht wiederkommen MÜSSEN. Und ob sie sich zum Beispiel vorstellen könnte, diese Gabe als Teil ihrer ständigen Berufung anzusehen, während sie sich als „Brot-Beruf“ etwas anderes sucht.

Im Gespräch kristallisiert sich heraus, dass Amy nicht nur Heilerin sein will, nicht nur auf Anerkennung ihrer Kundschaft aus ist (denn die bestätigt ihr ja immer wieder die Wirkung ihrer Arbeit). Sie möchte eine Berufung, die „vorzeigbar“ ist. Sie wünscht sich, dass ihre „Wunderheilungen“ publik werden, dass sie sich in der Szene einen Namen macht und sich damit an ihren ehemaligen Lehrern rächen kann, die sie damals nicht in den Lehrkörper aufnehmen wollten. Sie will eine Berufung, die andere ins Staunen versetzt.

Sie sagt selbst, mit einem Zwinkern: eigentlich will sie, dass ihre Berufung so spektakulär ist, dass niemand sie ob ihrer Wertigkeit und menschlichen Reife anzweifeln kann. Jeder soll sehen, dass sie wohl einzigartig sein muss (hm … kommt mir das bekannt vor?)

Ich finde diese ganze Geschichte zum Brüllen (also, nicht für Amy, aber allgemein). Ich bin nicht dagegen, dass sich Menschen Arbeit suchen, die ihnen Freude und Erfüllung bringt. Aber dieser fast schon pathologisch gewordene Glaube, dass sich der Zweck unseres Daseins als „BERUFSbeschreibung“  finden und dann vorführen (!!!) lässt, macht mich schaudern. Er setzt nicht nur uns selbst herab und beschränkt uns. Wir verlieren den Blick für die Unsichtbaren Dinge, die so viel mehr Macht haben, als alles, was im Licht des Tages zu beobachten ist.

Ich frage mich, ob uns bewusst ist, dass vielleicht unsere morgendliche Semmel in aller Stille und Unsichtbarkeit von einem backenden Mystiker fabriziert wurde. Einem Menschen, der sorgfältig und liebevoll einen Teig geknetet hat, der uns nähren sollte – und zwar in dem Wissen, dass wir vielleicht nie erfahren werden, dass ER uns diese Köstlichkeit bereitet hat. So ein Mensch hat Macht, finde ich. Er tut, was was richtig ist, weil er die Bedeutung seiner Entscheidungen kennt – vor allem der unsichtbaren.

Manchmal habe ich das Gefühl, Menschen suchen verzweifelt nach dieser Berufung als etwas Beeindruckendem

Einer Tätigkeit, die sie „da draußen“ tagtäglich machen können, um dann abends heimzukehren zum „Normal-Sein“:

„Gut gemacht Günther, jetzt hast Du heute so vielen unbewussten Menschen geholfen, sich zu finden und bewusst zu werden [was auch immer Günther damit meint..., Anm. der Bloggerin], jetzt hast Du Dir aber wirklich Dein Abendessen vorm Fernseher verdient – sieht ja keiner. Und für den Idioten von nebenan finden wir morgen auch noch eine Lösung.“

„Berufung“  – eigentlich Bestimmung – geschieht im Unsichtbaren. Sind wir bereit, ihr zu folgen, wenn keiner zusieht?

Dazu habe ich noch eine Geschichte. Weiterlesen


Eine Topfpflanze lernt Spazieren ::: Gedanken übers Entscheiden

Grade zurückgekehrt aus Matsch und Gatsch oben im Wald – mmmh … wenn die Finger bei Raumtemperatur wieder auftauen und die Ohren rot werden… schön!
Abgesehen davon (der Themenwechsel wird abrupt, seid gewarnt):

Was macht den Unterschied zwischen -

- einem Nachmittag in Matsch und Gatsch
oder einem vor dem Bildschirm (wo bloß mein Hirn zu Gatsch wird)?

- einem langeweilen-induzierten Fressanfall
oder einer langwierig gekochten Köstlichkeit?

- einem unnötigen Zwischenton
oder einem weisen Rat?

- einem Erfolg
oder einer Niederlage?

Worauf ich hinaus will, ist dieser klitzekleine Moment,
in dem der Zeiger in die eine oder die andere Richtung kippt.

Was mich momentan absolut und vollkommen bezaubert,
sind jene Augenblicke, in denen ich drauf und dran bin, Dinge zu tun,
die mir Hausverstand und Selbstrespekt verbieten.

Und was mich noch mehr verzückt (ja, VERZÜCKT!),
ist der Stoff, aus dem die RICHTIGE Entscheidung gemacht ist.

Die Entscheidung, die mich wieder in den Sattel hievt.
Die, die mir am Ende des Tages ein Bild im Spiegel zeigt,
dem ich mit Achtung in die Augen blicke.
Und letztlich jene Entscheidung, die – geduldig wiederholt -
meinen Plänen Leben einhaucht.

Also, aus welchem Holz ist die richtige Entscheidung gemacht?
Ist es bloßer Wille?
Sowas wie Gewissen?
Gutmenschentum?

Was mir über diesen Stoff bewusst wird:
Er wird nicht von mir gewoben.
Wenn ich das Richtige so einfach tun könnte,
würde ich es die ganze Zeit tun.
Und das gilt für uns alle.
(Sonst würden wir alle unsere Töpfe verlassen und spazieren gehen – verdammt nochmal.) Weiterlesen


Märchenstunde ::: Seelenverträge. Ablenkungen. Schweigegelübde.

Das folgende Märchen ließ mich – wohl aus, ähem, persönlichen Gründen – an vielen Stellen aufhorchen (soweit man beim Lesen von Horchen sprechen kann… Wie auch immer.).
Gleich erzähle ich das Märchen.

Ich habe ein wenig über das Wesen der Einsamkeit nachgedacht – und zwar jener Einsamkeit, die archetypisch ist. Jene Einsamkeit, die Teil des Reifungsprozesses ist, weil wir nur so erfahren können, aus welchem Holz wir geschnitzt sind. Wenn bestimmte Pläne und Vorhaben eben nur von uns erdacht werden wollen, können wir zwangsläufig nicht mit dem Verständnis unserer Umwelt rechnen.

Und nicht zuletzt ist es zuweilen eine Einsamkeit, in der wir uns selbst nicht wiedererkennen und uns fremd sind. Die Erkenntnis, dass wir keineswegs eine festgelegte, deutlich umrissene Einheit sind, muss durch Erfahrung untermauert werden, zum Beispiel wenn wir plötzlich schwanger gehen mit ungesagten, unerhörten Ideen.
Wer sollte diese Ideen verstehen? Wer sollte uns beibringen, unserem Instinkt zu trauen?

Eben.

Der Heldinnenstoff in diesem Märchen ist aus Hingabe, Loyalität und Zähigkeit gewebt.

Drei archetypische Phasen machen dieses Märchen aus:
Die Einsamkeit, das Auf-Sich-Gestelltsein.
Das Erkennen der eigenen Aufgabe, das Arbeiten daran.
Die Versuchungen und Schwierigkeiten der Aufgabe.

Meine Gedanken zu diesem Märchen sind übrigens weniger kopf-geboren, als es den Anschein haben mag. Märchen versteht man eben auf einer Ebene unterhalb der Worte. Vielleicht geht es Euch ja ebenso:

Die wilden Schwäne – von H.C. Andersen

Die neue Frau des Königs – natürlich eine böse Stiefmutter – findet an ihren Stiefkindern keinen Gefallen. Sie verwandelt ihre elf Stiefsöhne in Schwäne. Ihre ungeliebte Stieftochter Elisa vertreibt sie ebenfalls mit einer List:
Zunächst versucht sie, das Mädchen zu korrumpieren: drei Kröten hat sie in sein Badewasser geschmuggelt. Eine für Hässlichkeit, eine für Trägheit, eine für Boshaftigkeit. Aber alle 3 Kröten verwandeln sich durch die Berührung der Prinzessin in Blumen. In letzter Not tunkt die Stiefmutter Elisa in dunkles Walnussöl, sodass ihr Vater das stinkende, schmutzige Mädchen nicht mehr erkennt und fortschickt. Weiterlesen


Eine Birne, ein Schuldi und Herr Kyrie wünschen: Frohes Fest!

Was meine Mutter damals vor Weihnachten verstand:

Ich: „Mama, ich wünsche mir ein Heft mit Loh-Gekritzeln…“ (ich war ca. 12)
Mum: „Was für Gekritzel?“
Ich: „Nein, nicht Gekritzel - ich meine Loh-Ge-Kritzel!“
Mum: „Tut mir Leid, ich hab keine Ahnung was Du meinst…“

Erst nach einiger Zeit wilden Gestikulierens begriff meine Mutter ihren Verhörer. Es waren natürlich Logik-Rätsel, die ich wollte. Oder eben Loh-Gekritzel. Eh klar.

Gestern gab’s bei der Bescherung allerdings keine Verhörer. Ich habe sogar nicht mal sagen müssen, was ich mir wünsche und ich bekam trotzdem die tollsten Sachen.
Das ist jetzt natürlich total kontraproduktiv.

Nämlich im Bezug auf jene populärpsychologische Lehrmeinung, die besagt, dass „Mensch schon sagen müsse, was er möchte, um es auch zu bekommen.“ Diese Vorgehensweise werd ich mir nun wieder abtrainieren. :)

Tut mir Leid, Psycho-Autoren, ich habe die These gestern nämlich TOTAL widerlegt. Ich habe nicht mal ein klitzekleines bisschen mit dem Zaunpfahl winken müssen – meine Lieben KÖNNEN meine Gedanken lesen! Ha! (Ich kann jetzt natürlich nicht sagen, was ich bekommen habe, weil ich sonst Werbung machen würde. Bis auf den handgeschmiedeten Silberring, das kann ich Euch erzählen. Handgeschmiedet! Und schmal! Genau was ich wollte – ohne den Mund aufzumachen.)

Worüber wir gestern noch gelacht haben: die gängigen weihnachtlichen Verhörer, die sich auch bei uns eingeschlichen hatten, als mein Bruder und ich klein waren.

Da war einmal der lachende Obi, den sicher einige Leser hier auch kennen: In der stillen, heiligen Nacht schleicht er sich in die Idylle: „Gottes Sohn Obi lacht!“

Und dann meine kindliche Verwirrung ob des „Schuldi“. Wer war wohl mein Schuldi???
Denn in der Kirche leierten sie herunter: “… wie auch wir vergeben unserem Schuldi gern“.

Dann gab’s natürlich auch noch das Obst in Marias Bauch. Eine Birne, ganz eindeutig, denn:
„… Du bist geBIRNEdeit unter den Frauen und geBIRNEdeit ist die Frucht Deines Leibes, Jesus.“

Und schlussendlich beharrte ich hartnäckig darauf, dass an der Krippe in Jerusalem ein Herr namens „Kyrie“ stand, oder vielleicht der Ochse so hieß, denn in dem Lied „Maria durch ein’ Dornwald ging“ hörte ich:

„Kyrie Esel Sohn“.
Mit seltsamer Betonung, natürlich. Aber ganz eindeutig: der Ochse (oder Herr) Kyrie, der Esel, der Sohn. Das war mir sehr sympathisch, drum hab ich kein anderes Erklärungsmodell akzeptiert.

Ich wünsche Euch allen, ganz konfessionslos, ein wunderbares Fest des inneren Feuers:

Was der Rose gesagt ward und sie öffnete,
ward mir gesagt, hier in meinem Herzen.

Was dem Zypressenbaum gesagt ward und ihn stark und grade machte,

was dem Jasmin geflüstert ward und ihn machte wie er ist,

was auch immer das Zuckerrohr süß machte,

was den Leuten der Stadt Chigil in Turkistan gesagt ward, dass sie so schön wurden,

was die Granatapfelblühte erröten lässt wie ein menschliches Gesicht

das wird nun mir gesagt. Ich erröte.

Was Gewandtheit in die Sprache tat, das geschieht nun, hier.

Die mächtigen Türen des Speichers öffnen sich, ich schwelle an vor Dankbarkeit,

an einem Stück Zuckerrohr kauend,

verliebt in den, dem all dies angehört.

Rumi – frei übersetzt


Dienstags-Träumereien (ein wenig früher) ::: Thermostat

Liebe Leute, wer würde sowas lesen?

Ich kann mich nicht zwingen, groß zu träumen.
Die Träume kommen, und sie breiten sich aus – und ich schwöre bei Papier und Bleistift, sie sind lang und zahlreich genug, um die Buchdeckel zu füllen, die ich im Wachzustand nicht vollkriege. Also, ein Buch über Träume?

Und meine Träume beschreiben unheimliche Kreise. Nein, keine Albträume. Keine Fieberschleifen.
Unheimlich sind sie im Sinn der thematischen Schleifen.

Sie reagieren wie ein Thermostat.
Temperaturen sinken – *klick* – Lily träumt vom Sterben.
Und ist sich der Doppeldeutigkeit dieser Aussage bewusst.

In der Nacht vom 9. zum 10. November

Es kommt mir in den Sinn, dass ich nicht einen Augenblick lang alleine bin.
Woher kommt die Kraft, die mich füttert?
Woher kommen diese Einsichten?

Ich habe keine Stärke ohne Diese Kraft.
Keine Liebe ohne Diese Leidenschaft.
Kein Wissen ohne Diesen Rat.
Ich bin ein Spiegel der Gnade,
Die Flöte des unbekannten Spielers.

Ich sterbe und schwebe schon in einer Art des Nichts.
Ich bin dabei, meinen Körper abzulegen.
Ein wahrhaftiges, wunderbares Entsetzen,
zu zerplatzen und in Partikeln in alle Winkel
dieser samtigen Nicht-Dunkelheit zu stieben.

Ich denke mir:
„Das ist es also. So endet ein Menschenleben. Jetzt muss ich ablassen.“

Knapp davor. Sogar im Traum weiß ich das. Ich könnte gehen.
Luftholen.

Nur ein Gedanke, der zieht mich zurück.
Ich habe mich nicht verabschiedet von diesem Menschen.
Ein Sog zurück in den Körper,
eine sentimentale Sehnsucht.
Aber es ist nicht richtig…

Zwei Meistern kann ich nicht dienen.

~*~

Nacht vom 14. zum 15. Dezember

In meiner Burg.

Frieden, jenseits von Frieden.
Stille, mehr als Ruhe.

Müde gehe ich in das erste Gebäude. Und das zweite.

Irgendwo eine Tür. Ein Atelier.

Drinnen ein Quilt, riesig, in Falten über den Stein geworfen.

Die Geschichte meines Lebens auf dem Stoff.

Ich sehe nur den Unterschied:
da, die bunten, dichten, reichen Bilder von siebenundzwanzig Jahren.
Dort, die vielen leeren, weißen Felder.

Und ich staune, ich komme nicht aus dem Staunen:
Warum überrascht es mich bloß,
dass das Bisherige nur ein Sechstel des Gewebes ausmacht
und so viele leere Felder, weiß und weich, den Boden bedecken?

„Ich bleibe noch ein bisschen“, sage ich mir,
„dann kann ich immer noch nach Hause gehen.“


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