Nachbarschaft


Meine Nachbarin hat Liebeskummer oder so.

Jedenfalls gab es in den letzten Wochen öfters knallende Türen und undeutliches Streiten durch meine Wand. Und nichts mehr hiervon.

Und gestern Abend höre ich Schluchzen.

Die Art von Schluchzen, die das Bedürfnis auslöst, durch Wände greifen zu können und zu sagen: “Alles wird gut.”

Also schreibe ich genau das auf ein Blatt Papier.

Nehme eine Tulpe aus dem Strauß.

Schleiche mich zur Tür hinaus und lege Blume und Gruß vor ihre Wohnung.

“Hihihi” sagt mein innerer Schelm. “Da wird sie Augen machen!”

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Nein, ich mache Augen.

Das lag heut morgen auf meiner Türmatte, mit einem Schokoherz.

Entschuldigung, ich muss jetzt mal kurz heulen gehen.

Was ich niemals vergessen will ::: Stumme Unterhaltung


Zurückkehren aus der Dunkelheit.

Erschütternd daran ist bloß eines:

Zu sehen, wie abwesend ich davor war.
Zu spüren, wie sehr ich die Liebe ausschloss.
Entsetzt über den Stolz, den nur ich nicht sah.
Den Rucksack voller Steine, die Schultern verspannt.

Aufatmen.

Ich habe Zeit verschwendet, doch selbst das war nie umsonst.

Ein leeres Haus, verstaubt und kalt, ist eine Einladung.

Den Herd entfachen.
Die Suppe kochen.
Die Betten ausschütteln.
Die Spinnweben wegstreicheln.
Die Fenster öffnen.

Die Amsel singt herein. Ich weiß, da kommen Freunde den Weg entlang. Es dauert nicht mehr lange und ich werde staunen, wer dem Duft der Suppe gefolgt ist. Alte Gesichter, neue Gesichter – ich sitze und erwarte sie. Noch ist es still, aber ich höre schon unser Lachen den Garten verzaubern, ich höre unser Weinen und abenteuerliche Geschichten.

Endlich streicht der Wind durch die Blätter und der Gefährte hat seine Stimme wieder.
Dieser Ruf, der ins Herz fährt. Oh, lass die Wahrheit einfach zubeißen:

Der Ruf kommt nie gelegen für die kleine Hand, die an sich halten will und nur ein wenig mehr Zeit erfleht.
Der Ruf sticht den Gedanken, der sich aus dem Fenster lehnt und um die Ecke blicken will.

Eine sanfte, gnadenvolle Sehnsucht nach reiner Hingabe ist dieser Ruf, und eine grausame Erkenntnis für das Menschlein, das nicht fassen kann, wie viel es in diesem Leben loszulassen gibt.

Gib dem Menschlein einen guten Witz und der Seele Flügel.

Gib dem Herzen Yoga:
reines Lauschen sein und reine Antwort zugleich.

Nur Frage sein, plan-befreit, ohne Schläue, ganz und gar weise.

Die Wahrheit kommt auf mächtigen Schwingen, feurig, alles niederreißend wie ein einziger gewaltiger Sieg.

Und immer, immer, will ich Besiegte bleiben, will ich eingenommen und belagert sein von ihr.

Dies ist ein endloser Fall, vorbei an Farben, an Gesichtern, an Formen, an Augen, verschwimmend, nicht zu halten. Das furchtbare Kribbeln in den Eingeweiden legt seine Maske ab: das ist keine Angst. Das ist Aufregung.

Was für ein großartiger Sturz, was für ein hoffnungsvoller Ausmusterer.

In jedem Augenblick durch einen winzigen Spalt:
kannst du bleiben? Bleiben?

Bleiben.

Treu sein und verweilen, im Entsetzen wie in der Zärtlichkeit.
Dein Gefährte sitzt jetzt bei dir und will nichts als deine Liebe.

Und wo bist du?

Sei Treue selbst, halte dem Wesen der Liebe die Treue, nicht ihrem Kleid.
Wende dich nicht ab, suche sie, locke sie aus deinem verkrusteten Sein heraus bis sie dich schallend lachen lässt.

Denn alles erneuert sich.
Das Gefühl ändert sich, das fühlende Herz ist ewig.

Ein winziger Spalt wird unsere große Prüfung.
“Was bleibt mir bloß, wer bleibt mir bloß, wo bleibe ich bloß?”

Doch durch diesen Spalt passt niemand außer dir,
und nicht einmal dein ganzes DU.
Was musst du vergessen? Und was hast du vergessen?

So wird es immer wieder sein.
Eine Reise durch neue Räume, die dich zum selben Nadelöhr führen.

Verneige dich vor diesem Zauber.

Am Ende des Tages ist noch immer nichts gewiss.
Aber nichts ist beliebig.

Du kannst spielen gehen. Mal dir was aus. Rufe in den Wald hinein. Berufe die Zerbrechlichkeit der Dinge zu deinem großen Meister.

Das Allerkleinste, Allerschwächste wird es sein, dass dich mächtig macht und frei.

Das Baby


(Letzte Woche hab ich versprochen, darüber zu schreiben. Bleiben nur noch: die Schüler. Und die Zigaretten.)

Es erwischt mich frontal, als ich durch die Tür komme: ein Gefühl, wie in Watte gepackt, freundlich und warm.

Ich bin ungeschickt und aufgeregt; ich weiß nicht, ob ich gelegen komme oder den beiden besser ein paar Stunden Schlaf gönnen sollte. Ich hoffe einfach, dass sie wissen, was sie wollen und es mir sagen.

Es ist in Ordnung. Ich werde, wacklig wie ich bin, ins Wohnzimmer gelotst, zur Quelle des Wattegefühls. Er sitzt da, seine erste Tochter auf dem Bauch, Decken darüber, Buch in der Hand, Tee auf dem Tisch. Seine neue Haut sitzt. Kein Kostüm, echtes Sein. Ein neuer Vater.

Meine Freunde wirken, als würden sie mit der größten Gelassenheit antikes Porzellan jonglieren. Naturtalente – ich hab ein Auge für Talent.

Wir sitzen gemeinsam auf dem Sofa. Sie erzählt mir, dass es im Grunde so einfach war und von der Natur in einer Eleganz und Logik geregelt ist, der man sich wohl vertrauensvoll ergeben kann.
Ich sehe sie, nüchtern und auch froh, an einem Ort, an den ich ihr nicht folgen kann.

Meine älteste Freundin, die mit mir auf Tischen getanzt und auf die Strasse gepinkelt hat, die mir böse war und ich ihr, die mir wieder vertraute und ich ihr. Und jetzt ist sie Mutter. Wir staunen.

Ich bin ein friedlicher Satellit. Kreise behutsam um diesen langsamen, warmen Planeten: ein winzigweiches Kind, gehalten von vier Armen, Kontinente aus dumpfem Herzschlag, Duft, Flaum.

Gibt es irgendeine Möglichkeit, aus dieser Höhe zu ahnen, was auf dem Planeten vor sich geht? Ich weiß es nicht. Aber die Geburt eines Sonnensystems erscheint mir auf einmal nicht mehr so abstrakt.

Ich bekomme das Baby in den Arm und wir sind kurz allein.

“Wenn du jetzt anfängst zu weinen, muss ich auch”, sage ich zum Baby. “Ich will nicht, dass du vor mir erschrickst.”

Das Baby ist sehr kooperativ und bleibt entspannt und müde. Ich entschuldige mich und mache das, was man immer tun muss, wenn niemand hinsieht: angreifen. (Babies haben einiges mit Museen gemeinsam.)

Niemand ist in der Nähe, also hört auch niemand den Knacks in meinem Brustkorb. Es sind weniger die Muttergefühle, als die Kinder-Instinkte, die da erwachen. Mit dem Baby verfalle ich in eine Erinnerung, die aus Haut und Hitze besteht. Aus Wohlgefühl und Irritation. Aus Druckwellen, Schallwellen, Lichtwellen.

Die Muttergefühle, die kommen erst beim zweiten Hinsehen.

“Achtung”, sagt die Freundin. “Die Hormone überfallen dich hinterrücks.” Für unsere Akademikerhirne ist das alles sehr abenteuerlich, beinahe unerhört.

Ich halte also zum zweiten Mal das erste Baby, das mir wahlfamilienmäßig am nächsten steht. Für einen äußerst kurzen Augenblick ergibt das Konzept von “Kamel durch Nadelöhr pressen” irgendwie Sinn. Das würde ich aber nie zugeben. Dieser äußerst kurze Augenblick ist nämlich lang genug, um von mir bemerkt zu werden.
Es ist der Augenblick, in dem ich es bemerke: Ich sage noch immer nicht Ja. Aber ich würde nicht mehr Nein sagen, zu so einem Kind.

Das lasse ich jetzt einfach sacken, ganz egal wie es Andere sehen. Die, die sich Kinder wünschen. Die, die welche haben. Und die, die daraus ein Politikum machen.

Mir darf es genügen, dazusitzen und sacken zu lassen, dass da jemand Neues vom Himmel gefallen ist. Und dass ich neugierig bin und dass wir uns mögen.

Viele Augen sehe ich in letzter Zeit, die staunen: Wo bin ich und wer bist du?

Ich weiß nicht, wo wir sind. Aber ich weiß, was zählt.