'Few of us have lost our minds, but many of us have long ago lost our bodies.' – Ken Wilber

Dienstagsträumereien ::: Die Träume der anderen, diesmal: Der lächelnde Chinese

2009 November 10
von Lily

Vor einigen Monaten sprach ich mit einer Freundin über die Kraft der Träume und wie uns diese nächtlichen Botschaften manchmal helfen können, große Veränderungen im Leben vorzunehmen.

Meine Freundin, die auch meine Aura-Soma-Therapeutin ist und mit ihren gut 40 Lenzen gehörig Lebenserfahrung mit sich trägt, erzählte mir folgende Geschichte, die mich sehr beeindruckt hat:

10 Jahre lang habe ich auf die aufwändigste Weise ein Traumtagebuch geführt, ohne wirklich zu wissen, weshalb und wozu.

Jeden Morgen und jeden Abend wurden nicht nur die Träume, sondern auch alles andere verzeichnet: was ich gegessen und getrunken habe, die Ereignisse des Tages, wann ich zu Bett gegangen bin, wie lang ich geschlafen habe, usw.

Bei dieser Mäusemelkerei hat sich nach einiger Zeit ein Muster herauskristallisiert. Etwa alle drei Monate hatte ich exakt den selben Traum:

Ich stehe am Rand einer Klippe. Unter mir meilenweit gähnende Leere. Der Wind pfeift mir um die Ohren. Ich weiß, dass ich springen sollte, aber ich wage es nicht.

Nach 10 Jahren schaffe ich den Absprung:

Ich falle mit rasender Geschwindigkeit, sehe die spitzen Felsen in der Tiefe immer näher kommen. „Ich muss verrückt sein – ich werde zerschellen!“

Plötzlich sehe ich weit unten einen kleinen Fleck. Während ich weiter falle, wird der Fleck größer: es ist ein Mensch. Ein alter Chinese mit langem weißen Bart schwebt mitten im Nirgendwo.

Als ich an ihm vorbei falle, steht plötzlich alles still. Wir sehen uns in die Augen; ich sehe nur mehr seine Augen und das stille Lächeln, das sich langsam auf seinem Gesicht ausbreitet.

In diesem Augenblick bin ich gewiss, dass mir überhaupt nichts geschehen kann.

Ich falle weiter. Lande federleicht auf den Felsen. Eine unbändige Freude erfüllt mich.

Am nächsten Tag hab ich mein Traumtagebuch nach einem Jahrzehnt ins Regal gestellt und mein Leben komplett verändert.

Briefe an mich, diesmal ::: Eine Nachricht von Lily mit 8 und ihre Antwort mit 25

2009 November 6
von Lily

Liebe Lily,

ich bin 8 und ich sitze an der Schreibmaschine und schreibe Dir einen Brief, Du bist 24 und sehr weit weg … Hahahahaaaaa!

Ich glaube Du bist jetzt endlich erwachsen – ich will Du sein!!!

Ich glaube Du hast einen tollen Beruf, Du wirst viel mit Menschen sprechen und Ihnen helfen. Ich glaube, Du wirst bestimmt auch viel schreiben, und vielleicht zeichnest Du die Bilder in Deinen Büchern.

Du bist jetzt bestimmt glücklich, Du hast eine schöne Wohnung in einem anderen Land mit vielen weißen Dingen und es riecht sehr gut. Außerdem kannst Du sicher schon sehr gut kochen. Dein Mann ist sicher auch super. Wie ist wohl Dein Mann?

Ich glaube Du hast viele Freunde. Ich habe eigentlich nicht so viele, aber es macht nichts.

Ich hoffe Du vergisst mich nicht.

Bussi, Lily

P.S.: Du hast sicher einen Busen, hahahahaaaaa!

~*~

Liebe Lily mit 8,

ich bin jetzt schon 25 und sitze in einem Kaffeehaus an meinem Laptop und schreibe Dir einen Brief. Du bist sehr weit weg, aber vergessen habe ich Dich nicht – hast Du gedacht das könnte ich? :)

Ich habe Deinen netten Brief in einem alten Koffer im Keller gefunden, neben einem ebenfalls schreibmaschinen-getippten Liebesbrief an „Dougie“. Ich nehme an, der war nicht an mich gerichtet. War das nicht der Typ von „Zurück in die Zukunft“? Den fand ich auch süß… Warum hast Du die Briefe eigentlich dorthin gesteckt, das frage ich mich? Hast Du gehofft, ich würde mit diesen Koffern in meine große weiße Wohnung im Ausland ziehen? mehr lesen…

Es ist vollbracht

2009 November 4
von Lily

Seit Ende letzter Woche bin ich akademisch betitelt und um einen Zentner kunstgechichtlicher Hirnknoten erleichtert. Jetzt versuche ich zu vermeiden, dass ich mir diesen Zentner von den Menschen um mich herum wieder aufgebürden lasse, und zwar aufgrund der ungemeinen Gewichtigkeit, die in Österreich der akademischen Betitelung beigemessen wird, und sei es nur ein läppischer „Magister“ – pardon, „Magistra“ heißt das in meinem Fall.

Statistisch gesehen werden jetzt also meine E-Mails im Schnitt 2 Tage früher beantwortet werden, wenn ich mein Mag.a in der Signatur unterbringe – mit diesem neuen sozialen Status muss ich erstmal klarkommen; mich in der Höhenluft sozusagen akklimatisieren. Insbesondere da ich als Tochter zweier Menschen, die es auf den Tod nicht ausstehen können, mit Knicks und Kratzfuß umschwirrt zu werden (sie sind mehrfach akademisch betitelt), den Stolz auf diese universitären Prädikate nicht gerade mit der Muttermilch aufgesogen habe.

Meine erste „Amtshandlung“ als Mag.a phil. war das Entwerfen meiner diversen Yoga-Unterrichtsmaterialien (Info-Folder, die Stunden-Blöcke, Stempel, etc. pp.). Darauf habe ich mich hufescharrend schon die vielen Wochen vor meiner Diplomprüfung gefreut – endlich frei zu sein für meinen Leib- und Seelenberuf!

Und genau so fühlt es sich an. Frei.

Aus einem stockfinsteren Wald zu kommen, den ich nur mit einer leisen Ahnung des Weges betreten hatte, ohne Licht, ohne Kompass …

nachdem ich unzählige Male an meinem Verstand gezweifelt habe -

„… unmöglich; es ist unmöglich, es gibt keinen Weg und ich war verrückt, hier überhaupt hinein zu marschieren!“

hanuman

Hanuman wagt gewaltige Sprünge.

Und das alles nur bedingt auf das Studium bezogen; das gesamte Jahr 2009 war auf allen Gebieten eine einzige, riesige Baustelle:

Eine Diplomarbeit, deren Thema dem Großteil meiner Umwelt und mir selbst schwer zu bearbeiten schien (vgl. das Bild vom Spaziergang im stockfinsteren Wald, auf der Suche nach einem begehbaren Pfad),

die Trennung meiner Eltern, die schwelende, jedoch lange vergessene Wunden aufgerissen hat,

und vor allem eine tiefe, tiefe Krise mit meinem Lebkuchenmann, die mich über 6 Monate lang dazu zwang, mich allen – aber auch wirklich allen! – schmerzhaften Bedürftigkeiten, verdrängten Trugschlüssen, verkehrten Selbstbildern, zu widmen, die sich in einem Vierteljahrhundert so ansammeln (ohne die Vorleben mitzuzählen, hehe).

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Aus dem Tagebuch: Körperideal und Körperwahrnehmung

2009 Oktober 21
von Lily

Notizen aus dem Tagebuch, nach dem Workshop bei David Newman, Ende September:

Heute morgen unter der Dusche summe ich gerade mein altes neues Lieblingslied, als ich merke, dass es wieder so weit ist:

Ich kann nicht an mir hinunter blicken.

Die altbekannte Nackenstarre, die im Charakter dem Prinzip frühkindlichen Versteckspiels ähnelt:

was du nicht siehst, ist auch nicht da.

Also, das Kinn immer schön oben halten.

Als ich noch anders hieß und hier drüben gebloggt habe, hat mir der Kommentar einer Leserin (war es Kvinna, Sam, oder Sati?) geholfen, meinen mich seit Jahren begleitenden Körperhass mit neuen Augen zu betrachten. Als möglicherweise lebenslangen Freund, der mir immer präzise Rückmeldung darüber gibt, wie nah ich mir selbst bin.

Alles halb so tragisch, also.

Zumindest bis jetzt – einige Jahre später – hat sich die Prognose meiner Leserin als richtig erwiesen. Phasenweise leide ich unter dem psychologisch bedingten „steifen Hals“: ich mag mich nicht sehen, und noch weniger spüren. Mein Kopf möchte sich wie eine Glühbirne aus dem Rest der Fassung schrauben.

Und eine Stimme versichert mir – sehr glaubwürdig – dass ich jetzt, aufgrund des einen oder anderen Röllchens „zu viel“ meine Daseinsberechtigung verloren habe und mir genausogut ein großes Loch in den Boden buddeln könnte.*

Es scheint sich also nicht viel geändert zu haben. Aber:

Ich kehre zurück an den Kriegsschauplatz – jedes Mal aus einem anderen Blickwinkel, und mit wachsender Gewissheit, dass das, was ich dort von mir zu sehen glaube, nicht ich bin.

Heute morgen der folgende Gedankengang: mehr lesen…

Von Schätzen, Drachen, und Familienmythen

2009 Oktober 11
von Lily

Aus irgendeinem Grund hab ich mir wohl vorgestellt, dass ein „erwachsener“ Mensch (sprich: ich) von der Trennung seiner Eltern nicht so sehr berührt werden könnte/sollte, wie ein Kind oder ein Jugendlicher.

Dass mich Gefühle von Zerrissenheit und Traurigkeit dann doch mit derartiger Wucht hinterrücks erwischt haben, hat mich dementsprechend überrascht. (Aber es geht mir wieder gut…)

Heilmittel: Augenblicke geteilt mit dem Wind, dem Sonnenlicht, den Gräsern

Je weiter ich mich entwickle, desto mehr erkenne ich, dass nicht nur meine Probleme aus meiner Familienhistorie rühren, sondern dass v.a. meine speziellen Fähigkeiten und meine Aufgaben ganz wesentlich mit der Heilung dieser Familiendynamiken zu tun haben.

Der Punkt in mir, wo es zu den größten Zwangslagen und Unentschlossenheiten kommt (weil meine wahre Natur mit wesensfremden Erwartungen im Clinch liegt), ist eigentlich der Ort, wo ich meine größten Gaben entfalten kann, wo meine Aufgabe liegt und ich auch rückwirkend einen Teil meines Familiensystems heilen kann.

Diese Entdeckung (die sich freilich banal liest) hat mir im Wesentlichen geholfen, den Fokus vom Problem auf das dahinter liegende Geschenk und die Aufgabe zu lenken.

Im Gespräch mit einer Freundin kam mir dieser Satz in den Sinn:

„Es ist, als würde ich nicht mehr die Drachen sehen, sondern den Schatz, den sie bewachen – je größer der Schatz, desto furchterregender natürlich auch das Ungeheuer, das davor lauert.“

Wer trägt hier wen? - Die Pariser Urgroßmutter in meinem Kleid

„Welche Stimme gehört denn nun zu mir?“

Das ist eine Frage, die mich schon immer beschäftig hat, aber nach den jüngsten Ereignissen ganz besonders. Weil ich bewusster in meine Familien-Geschichte eintauche und damit auch mehr Verständnis darüber erlange, was meine spezielle Aufgabe innerhalb dieses Mikrokosmos sein könnte (in dem sich – für mich zumindest – wiederum das Große Ganze spiegelt).

Im Wesentlichen scheint unsere Familien-Aufgabe mit dem Thema erfüllter Partnerschaft zu tun zu haben (gefolgt von Geschichten rund um Wohlstand und Loslassen). Die männliche wie auch die weibliche Linie sind voll von sehr traurigen Liebesgeschichten – oder einfach nur „Geschichten“ ganz ohne Liebe, dafür mit viel Vernunft, Verschwiegenheit und Verboten.

Damit bin ich nun wirklich nicht alleine – denn, wie ein schöner Satz von Chuck Spezzano besagt: „Wir alle gehen aus den falschen Gründen eine Beziehung ein [verborgen, natürlich], und eine Krise gibt uns die Chance, aus den richtigen zusammen zu bleiben, oder gar nicht.“ mehr lesen…