wenn wir bedenken, dass wir alle verrückt sind, ist das leben erklärt.


Habe mich an diesem ansonsten herrlich faulen Sonntag kurz der Aktualisierung der Yoga-Seiten hier gewidmet (Bücher, Zwischenbericht von Woche 5) … Wer mag, kann vorbeischauen.

Ansonsten versuche ich, mich irgendwie mit den Wirkungen meines homöopathischen Konstitutionsmittels zu arrangieren. Ich weiß nicht, was genau ich verschrieben bekommen habe (mein Arzt sagt mir das üblicherweise erst Monate hinterher, „damit ich den Mitteln gegenüber neutral bin“…), Tatsache ist, dass die unbekannte Substanz mir wegen ihrer 200fachen Verdünnung ziemlich zusetzt.

Das haben Konstitutionsmittel angeblich so an sich, dass sie tief gehen. Ich habe seit einigen Tagen wirklich das Gefühl, dass mir etwas sehr feines, undefinierbares, unter die Haut kriecht und mich umstülpt.

Ich habe dieses Mittel nicht wegen körperlicher Beschwerden bekommen, sondern weil ich um Hilfe gebeten hatte, was meine Schwierigkeiten mit der Uni angeht. Um das kurz zu fassen – ich habe Schwierigkeiten damit zurecht zu kommen, wie auf der (oder dieser?) Uni Intelligenz, gutes Arbeiten, Sinnhaftigkeit und Schlüssigkeit beurteilt werden. Ich habe Schwierigkeiten damit, die Wertigkeit von Noten für mich zu finden und damit das Gewicht eines „Sehr gut!“ oder eines „Nicht genügend!“ für meine gesamte Person richtig einzuordnen.

Ich habe zuhause immer vermittelt bekommen, dass Lernen ständig möglich ist und vor allem, dass es aus Freude geschieht. Ich habe wohl so etwas wie eine ‚klassische Bildung‘ genossen – bin mit Hausmusik aufgewachsen, habe die griechische Mythologie verschlungen, ging unheimlich gern in die Oper, ins Theater, ins Museum. Bin viel gereist und habe Geschichte als etwas Lebendiges, Spannendes erlebt. Habe die Freuden eines Fernsehers erst mit 11 Jahren entdeckt. :) Und habe mich ab einem gewissen Punkt in der Schule ‚gespielt‘, wie wir sagen. Ich habe mit 16 die Schule gewechselt, weil ich das Gefühl hatte, genügend „gelernt“ und gebuckelt zu haben. Die Toleranz meiner neuen Musikklasse und die Selbstverständlichkeit, mit der ich aufgenommen wurde, haben mir bewiesen, dass Jugendliche auch ohne Gruppenzwang und Rang-Streitereien wunderbar miteinander auskommen können und einander bereichern. Jeder durfte tragen was er wollte, denken was er wollte, sprechen wie er wollte. Wir – die Musikklassen – hatten eine Art „Wanderklavier“. Jede Pause schoben wir es auf den Gang hinaus und es wurde zu lauthalsem Gesinge, Gegeige und Getanze improvisiert. „Der immens verzwickte Integrier-Walzer“ und die „Prager Fenstersturz-Polka“ gehörten zu den komischsten unserer Pausenaufführungen.

Im Trakt daneben waren die ’normalen‘ Gymnasiasten. Alle im Einheitslook. Was für ein fader Haufen!, hab ich mir manchmal gedacht, wenn ich, am Klavier lehnend, das Defilée der weißen/schwarzen Umbro-Sweater mit weißen/schwarzen Jeans über weißen/schwarzen Buffalos vorbeiziehen sah. Wir – die Musiker – waren zwar 17, aber wir hatten auch andere Interessen, als schnackseln, pudern, oder nageln. :)

Meine Eltern haben mir und meinem Bruder nie gesagt: „Mach deine Aufgaben!“ Es gab keinen Druck, wenn wir mal einen ‚Fleck‘, also eine 5, nach Hause getragen haben – zumindest ist mir der Druck nicht deutlich in Erinnerung geblieben. Ich war immer meine eigene Wertungsinstanz und immer schon eine sehr strenge. Wir beide, der Bruder und ich, haben dann mit Auszeichnung maturiert, was auch immer das über uns aussagen mag.

Ich weiß nicht, was seitdem passiert ist. Ich habe ja mittlerweile sogar alle Prüfungen hinter mir – jawoll! – nach gut 5 Jahren ist es geschafft. Nur noch eine, große – die ist aber zum Glück noch recht weit weg… Und niemals hatte ich in diesen Jahren ernsthafte Schwierigkeiten. Ich konnte immer gut abschätzen, was erwartet wurde und wie eine Aufgabe zu bewältigen war. Aber je mehr es dem Ende zugeht, desto mehr verlässt mich der Mut, desto alptraumhafter wird diese Beziehung zwischen mir und dem großen, weißen Haus. Ich sage „alptraumartig“, weil es tatsächlich so ist: ungreifbar, schwer zu beschreiben, ein Grauen, das sich anderen kaum vermitteln lässt.

Im Gespräch mit meinem Homöopathen bittet er mich, die Gefühle, die ich für die Uni habe, zu beschreiben, ein Bild dafür zu finden. „Wenn es mir wirklich nicht gut geht“, sage ich, „dann kommt mir die Uni vor wie eine riesige, bösartige Menschenvernichtungsmaschine.“ Ich grinse über meine  Worte, werfe ein, dass ich gerade übertreibe. „Nein“, sagt er, „wie ist das mit der Maschine?“ „Naja“, stottere ich, „das ist wie bei ‚Modern Times‘, wenn Chaplin zwischen die Zahnräder gerät. Ich werde zermalen. Die … Maschine … kennt meinen wunden Punkt und es liegt ihr nur daran, mich daran aufzuspießen. Sie macht Menschen grau, sie macht Menschen hirnlos, gefügig. Sie bringt mir nicht bei zu denken, sie lähmt mich. Sie nimmt mir meine Freude an dem, was ich immer am Liebsten getan habe – lernen, lesen, begreifen. Und vor allem – sie ist immer größer, immer stärker, voller Paragraphen, Randnotizen, Fallen, Stolpersteine.“

~*~

Wir reden noch ein wenig über Bosheit. Der Arzt sucht mir ein Mittel heraus, erfährt, dass es nur in England hergestellt wird. Ich muss meine Blutgruppe analysieren lassen, warte 3 Wochen, dann ist es soweit.

Vier kleine Globuli in einem Glasbehälter, die Beschriftung BL 200. Seit letzten Mittwoch schwimmen sie durch meine Blutbahnen. Was zum Henker war da drin? Angstschweiß? Knie-Gelee? (Das ist eine rhetorische Frage, selbst wenn ein geehrter Leser eine Ahnung haben sollte – bitte klärt mich nicht auf!)

Ich habe jedenfalls regelrechte Panikattacken. Auch was Neues.

Habe das Gefühl, auf der Zell-Ebene vergewaltigt zu werden. Druck auf der Brust, Beklemmung, und ein Zucken im linken Augenwinkel.

Ahahaha. Daher der Post-Titel. Zitat Mark Twain.

Eine Antwort zu “wenn wir bedenken, dass wir alle verrückt sind, ist das leben erklärt.

  1. Übrigens – dieses Mittel: das war homöopathisch aufbereitetes Menschenblut (hat mir mein Arzt einige Monate später verraten).

    Mir hat’s nicht gegraust deshalb, im Gegenteil. War mir sehr sympathisch. Und geholfen hat’s auch.

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