verdauen braucht länger als essen


Nach der absoluten Abgeschiedenheit, den sternklaren Nächten, der wohlriechenden Luft und den ungezählten Stunden der Muße frage ich mich nun, in welche ‚Realität‘ ich zurückkehren möchte? Alleen aus Wahlplakaten oder Kastanien?, Ampelrot gegen Blättergrün?, Geschäftigkeit versus Achtsamkeit? Ich habe sämtliche Vorkehrungen getroffen und das sogenannte echte Leben als Kasperltheater erklärt; ganz zu meinem geistig-körperlich-seelischen Wohlbefinden.

Zuallererst habe ich meine Rückkehr mit einer Stunde bei meiner liebsten Yoga-Lehrerin zelebriert; und im Anschluss mit gutem Kaffee begossen. Selbstverständlich mit dem dazugehörigen guten Buch.

G.I. Gurdjieff schreibt in seiner Einleitung zu Meetings with Remarkable Men einige sehr interessante Gedanken zur Literatur; zur Bedeutung der Sprache für die geistige Entwicklung und als Ausdruck durchlebter Erfahrung und empfundener Zustände.

Auf dem Heimweg, als ich über das Gelesene nachgedacht habe, ist mir mit einem Schlag klar geworden, warum ich mich mit meiner Diplomarbeit in derartige seelische Turbulenzen hineinmanövriert habe.

Was ich will, was ich anstrebe, ist eine Arbeit zu schreiben, die das Ergebnis meines ersammelten, durchlebten, selbst erarbeiteten Wissens darstellt. Eine Arbeit, die meine gelebte Erfahrung sozusagen wie einen Tropfen meiner Essenz in sich birgt; mein Kind mit Hand und Fuß und Kopf.

Was (scheinbar) von mir erwartet wird, ist, eine Arbeit die aus Kopien und Zusammenstellungen der Ideen anderer Leute besteht. Ohne mich selbst in die Erfahrung und die wahre Wissensaneignung versenkt zu haben. Was ich seit Beginn meines Studiums zur Perfektion gelernt habe, ist akademisches Ess-Brechen. So viel wie irgend möglich schlucken, halb verdauen, danach wieder auskotzen.

Verdauen braucht aber nun einmal länger als Essen.

Der Laienpsychologe hat’s bereits erkannt: hier liegt ‚Konfliktpotential‘, wenn ich ausspeien muss, bevor ich wirklich schmecken kann.

Ich habe selten – zumindest nicht auf der Uni – gelehrt bekommen, wie man sich mit Haut und Haar einer Sache verschreibt, sie dreht und wendet: zunächst im Geist, bis sie nach und nach in die gelebte Ebene sickert, während sich Wissen und Erfahrung zu einer siegreichen Allianz verbünden. So etwas braucht mehr Zeit als ein Semester (oder zwei). Meine Intelligenz wurde wunderbar trainiert, aber mein Gefühl und meine Intuition sind schwächlich im Vergleich. Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass ich mich gänzlich hilflos fühlte, sobald ich mich auf die Suche nach eigenen Gedanken und Zugängen machte. Ich wollte eben nicht das Er-lesene wiederkäuen (sei es auch noch so erlesen), sondern vor allem verwerten; und auch nicht einen großen Haufen Sauce über ein de facto nicht existierendes Gericht verteilen – das ginge ja leicht, das wäre eine rein geistige Kür.

An derartiger Hirnmasturbation bin ich nicht mehr interessiert; diesem semi-intelligenten manikürierten Sprach-Ästhetismus (bes. in der sogenannten ‚akademischen Landschaft‘ des deutschsprachigen Raums)… Worte sind zu kostbar für bloße Ausschnörkelung des auditiven/geistigen Raums, oder? :)

Worte und Literatur haben die Macht, den Menschen zu bewegen und auf ganzer Ebene zu bilden. Seit ich zum ersten Mal Bücher in die Hand bekommen habe, die diese ‚gelebte Essenz‘ eines Autors in sich tragen, habe ich mehr Achtung vor dem Wort denn je.

Eine andere Sache kommt mir zum Akademischen in den Sinn. In dieser Episode kam ich – damals 19? 20? – zum ersten Mal ganz bewusst mit zwei sehr unterschiedlichen Auffassungen von Lernen in Berührung. Ich wandte mich während des Lernens verzagt an eine Studienkollegin: „Ich werd‘ das nie begreifen! – wie soll ich die Prüfung schaffen?!“ Sie, nach einem Blick auf meine Unterlagen, fassungslos: „Warum lernst du das bitte nicht auswendig???“ Ich, ebenso ungläubig: „Meinst du das ernst? Ich kann doch keine Prüfung schaffen, ohne den Stoff zu verstehen?!“ Oh seliger Idealismus.

Ich werde beizeiten gewarnt, mich nicht zu sehr in meine DA zu investieren und den Schmarrn einfach zu hinunter zu tippen. Nun, ich kann das nicht. Ich möchte mir und diesem Kind die Zeit gönnen, zu reifen um wirklich überlebensfähig zu werden.

Und das Argument, dass meine Arbeit von niemandem gelesen werden wird, zählt nicht.

Warum soll ich die Qualität meiner Arbeit von irgendjemand abhängig machen? Schreibt eine gut, weil sie viele lesen, oder ist es doch umgekehrt? Der schönste Lohn wird immer mein eigenes Reifen sein. Und ich möchte niemals zurückblicken und feststellen, dass ich 2 Jahre (oder auch nur eines oder ein halbes) lang eine Sache halbherzig verfolgt habe; dass ich Zeit und Schweiß in etwas gesteckt habe, das mir selbst nie bedeutsam erschien.

Ende des Wortes zum Sonntag Montag.

***

Abgesehen von diesen Entwicklungen auf akademischer Ebene haben sich auch auf Yogischem Gebiete unzählige Türen in ganz erstaunliche, aufregende und erhellende Räume geöffnet. Ich bereite gerade die Zwischenberichte der vergangenen Woche vor. Bloss muss ich daran erinnern, dass mir noch keine dritte Hand gewachsen ist und ich leider unanständig häufig den unbezwingbaren Drang verspüre, mich dem Zug der Wolken und Vögel anzuschließen.

2 Antworten zu “verdauen braucht länger als essen

  1. Liebe Artemis!

    Ich habe die Schule ein Jahr vor dem Abitur beendet, mit einem gar nicht üblen Notendurchschnitt, jedenfalls deutlich unter drei. Diesen Text lesend, fühle ich mich mal wieder in meiner Entscheidung bestätigt, damals kein Studium gewollt zu haben. Um so mehr, da ich das unschlüssige Drehen und Wenden der Töchter meiner Freundin in deren Studienwahl beobachte.

    Gut, eigentlich war ich in meinem Entschluss mehr von Angst getrieben, als von irgend etwas Anderem. Aber da war auch die fehlende Einsicht, die Frage:“Was soll das alles, was ihr da in mich hineinstopfen wollt? Was bringt mir das?“, die mir letztlich kein Lehrer für mich schlüssig beantworten konnte.

    Altgebackene Weisheiten werden letzlich nicht wahrer, indem Einer sie beim Andern abschreibt.

    Oder?

    Rebellische Grüße,
    Kvinna!

  2. Liebe lily, ich habe Deine Ausführungen gelesen. Wer so schön reflektieren kann, der kann bestimmt auch seine Arbeit schreiben… wenn die Zeit dafür reif ist… LG Rainer

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