von luftikussen und anderen windigen erscheinungen


Seit einigen Monaten beschäftige ich mich mit Ayurveda, der Lehre vom langen, gesunden Leben; eine Schwester des Yoga. Die Kombination dieser zwei uralten Wissenschaften hat mir viele neue Einsichten beschert und mir ganz besonders dabei geholfen, meine Vata-Imbalance wieder auszugleichen. Weil Vata in der „westlichen“ Welt generell auf sehr ungesunde Weise gefördert wird (Flexibilität, Kreativität und Aktivität um jeden Preis), dachte ich mir, dass meine bisherigen Erkenntnisse vielleicht auch für den Einen oder die Andere unter meinen Lesern interessant sein dürften. Ich vertraue fest auf den Hausverstand meiner Leserschaft, die diese (subjektiven) Ratschläge nicht als Ersatz für Arztbesuch und Beratschlagung mit Fachleuten verstehen wird.

Was ist Vata überhaupt?

Nach der ayurvedischen Lehre gibt es im menschlichen Körper drei Wirkprinzipien: Bewegung, Umsetzung und Stabilität. Vata ist das erste der dreien, das Konzept der Bewegung, aber auch des Raums und der Ausdehnung. Es steuert z.B. Vorgänge wie Atmung und Blutzirkulation, regiert über das Nervensystem, die Hohlräume im Körper und die feinstofflichen „Organe“ (Chakren). Vata steuert Bewegungen und die Sinne des Hörens und des Fühlens. Es wird mit den beiden Elementen Luft und Äther (Raum) in Verbindung gebracht.

Die beiden anderen Wirkprinzipien existieren natürlich nicht getrennt vom luftigen Vata. Das innere Feuer heißt Pitta und sein Zustand ist etwa in der Verdauung (Umsetzung) ablesbar. Dieses Feuer kann nicht ohne genügend Luft, also ein ausgeglichenes Vata, brennen. Ebenso ist Vata für das Stabilitätsprinzip Kapha wichtig. Ein normales Kapha zeigt sich etwa in einem starken Immunsystem, einem stabilen Körperbau, oder Zufriedenheit, Ruhe und Sinnlichkeit.

In jedem Menschen sind diese drei Prinzipien in einem ganz einzigartigen Mischverhältnis vertreten. Ayurveda lehrt, wie jeder Mensch dieses Mischverhältnis erkennen kann. Diese Lehre zielt darauf ab, jedem Werkzeuge in die Hand zu geben, um sein Leben seiner Natur entsprechend zu gestalten und damit großes Wohlbefinden und einen möglichst stabilen Gesundheitszustand zu erreichen.

Wichtig ist, dass keines der Prinzipien ‚schlecht‘ ist. Es kann nur durch diverse Einflüsse aus dem Gleichgewicht geraten. Ayurveda ist eine Lehre, die Gesundheit vor allem als einen fortwährenden Prozess des Ausgleichens und Balancierens versteht, der immer am einzelnen Menschen selbst ansetzt.

Was ist eine Vata-Imbalance?

Ich habe vorhin erwähnt, dass keines der drei Wirkprinzipien an sich schlecht ist.

Das wollte ich voraus schicken, weil mir auffällt, dass meine Umgebung (sicherlich auch eure) eine Hetze gegen Kapha betreibt. Die Stabilität unserer Körper (Fett und Muskelmasse) wird weg-diätet, süßes Nichtstun und schöpferische Muße sind gewissermaßen Fremdwörter, auch wird Erfahrungen und Eindrücken selten genügend Zeit gegeben, abzusacken und Wurzeln zu schlagen. Dagegen ist Vata meist im Überschuss vorhanden: wir möchten flexibel sein, immer offen, aufnahmefähig, neugierig, beweglich und einfallsreich.

Ein Vata-Überschuss ist, salopp gesagt, ein Überschuss von Wind im Menschen. Ja, auch Winde können ein Zeichen dafür sein… Aber auch übermäßige geistige Aktivität, der Erdung und Richtung fehlen, sind eine häufige Folge. Wer beim Lesen dieser Zeilen von einer gewissen Unruhe geplagt wird, oder seine Geduld verliert, könnte derzeit einen Vata-Überschuss erleben (dazu könnten auch meine literarischen Fähigkeiten beitragen).

Ein Überschuss von Vata bedeutet auch, dass die beiden anderen Prinzipien im Körper geschwächt sind: es gibt zu wenig innere Hitze und Erdung. Es kommt z.B. zu ständigem Frösteln, großer Unruhe, schlechter Verdauung (v.a. Blähungen, Verstopfungen), Abzehrung, lockeren Gelenke, trockener Haut, Haarausfall, …

Mein Vata und ich

Ich selbst wollte – oder konnte – meine Vata-Imbalance lange nicht sehen, weil ich nur auf meine körperliche Erscheinung geachtet habe. Die liegt eher im Pitta-Kapha-Bereich. Ein typischer Vata-Körperbau hingegen ist sehr schmal, feingliedrig, extrem groß oder klein – also zum Beispiel wie ein Model. Weil auch ich mich beizeiten an meinen Rundungen und Pölstern stieß und lieber eine Vata-sche Elfe sein wollte, konnte ich nicht sehen, dass mein Vata-Pegel schon lange im roten Bereich lag.

Weil mein Geist ständig ‚auf Achse‘ ist, im besten Fall also enorm schöpferisch, fein besaitet, musisch und anpassungsfähig, bin ich ein luftiges Vata-Wesen. Die andere Seite meines Wesens ist zufrieden und lebensfroh, körperlich stark und sinnlich. Dieser Kapha-Aspekt verleiht meinem inneren Luftikus besonders in stressigen Zeiten die nötige Erdenschwere, ohne die er vollends abzuheben droht. Daher also immer mehr Speck je mehr ich mich stresse, und hetze, und ärgere. Während ich im Inneren immer fahriger werde, legt mein Kapha liebevoll Fettreserven an und macht mich damit leider auch träge und schwermütig.

Meine beiden stärksten und zugleich schwächsten Wirkprinzipien sind also Vata und Kapha. Das zeigt sich auch in den Wehwehchen, die mich am häufigsten plag(t)en. Häufige Erkältungen und Verschleimungen (Kapha), mangelndes körperliches und geistiges Durchhaltevermögen (Vata), Depressionen und Angstzustände (Vata), schwaches Immunsystem (Vata/Kapha), Knotenbildungen (Kapha) und große innere Unruhe bei gleichzeitiger Schwere (Vata/Kapha).

Streicheleinheiten für den Luftikus

Um Vata wieder ins Gleichgewicht zu bringen, empfiehlt es sich, zweifach anzusetzen. Zum Einen sollten die beiden anderen Prinzipien im Körper gestärkt werden. Zum Anderen muss Vata gesenkt werden.

Luft ablassen; Feuer und Erde nähren

Vata wird von übermäßigem Informations-Input geschürt. Wer sich z.B. nach längerem ziellosen Kanäle-Zappen, Surfen oder Gerede seltsam verwirrt, überspannt und ermüdet fühlt, hat zuviel Vata im Körper. Seit ich meine Vata-Kurven ein wenig näher verfolge, habe ich den direkten Zusammenhang mit dem Sprechen erkannt. Es hat mir und meinem Vata sehr gut getan, mein Gerede drastisch zu reduzieren und zu versuchen, alles Halbherzige, Halbinformierte und halb Gemeinte wegzulassen. Außerdem versuche ich alle Ausflüge ins Internet oder vor die Glotze mit einem Ziel vor Augen zu gestalten, also z.B. einen bestimmten Film zu sehen, eine bestimmte Website zu besuchen, oder einen bestimmten Artikel zu verfassen. Ganz einfach, um Ziellosigkeit und übermäßige geistige Aktivität zu vermeiden. Um mich zu unterhalten, bin ich außerdem auf Hörbares umgestiegen. Hörbücher oder Radiosendungen tun den Augen gut und benutzen den Geist auf ganz andere und bereichernde Art und Weise, wie ich finde.

Auf körperlicher Ebene war die Sache schwieriger. Zum Beispiel bei der Bewegung. Die panische Angst davor, mich nicht genügend zu fordern und mein Bedürfnis nach Muskelkatern und zittrigen Beinen als Beweis einer ‚ordentlichen‘ Einheit, haben mich lange dazu verleitet, alle Signale von Körper und Geist zu ignorieren. Grundsätzlich verlangt mein Körper nach Bewegung, auch Anstrengung kann ich sehr gut wegstecken. Aber beide müssen sich mit Phasen der völligen Stille und Sammlung abwechseln.

Die Glück verheißende Verneigung

Im Yoga ist eine der Königsdisziplinen für Luftikusse das so genannte „Restorative Yoga“. Darunter empfehle ich vor allem die Vorbeugen. Heute Nachmittag war es mein genüsslicher, fünfminütiger Aufenthalt in einer sitzenden Vorwärtsbeuge, der mich zu diesem Artikel inspiriert hat. Eine Vorwärtsbeuge beruhigt und erholt das gesamte Wesen. Bevor sie das tut, führt sie uns aber an unsere Grenzen. In der Vorwärtsbeuge kommen wir mit Ziehen und Drücken, mit Wollen und Tun nur scheinbar weiter. Hier findet die Weisheit, dass „jeder alles erreichen kann, der nur genügend dafür kämpft und es nur genügend will“, ihr Ende. Ätsch. In der Vorwärtsbeuge gibt’s nichts zu tun (außer du möchtest Schmerzen und Verletzungen), es gibt auch nichts zu wollen. Nein wirklich, warum möchtest du denn mit deinen Händen zu den Füßen, mit der Nase zu den Knien? Was bringt dir das? Und was macht es so schwierig, dich in aller Ruhe zu verneigen und in der Verneigung zu verharren? Was ist so schlimm daran, dir eine Decke unter den Hintern zu stopfen, deine müdes Hirn ganz faul auf einem weichen Polster abzulegen? Warum ist das Bedürfnis, etwas zu tun und dich zu bewegen plötzlich so unbändig groß? Warum ist der Abwasch auf einmal wieder im Hinterkopf und lenkt dich von diesem Augenblick mit dir ab? Warum scheinen diese 5 (!) Minuten reine Zeitverschwendung, während die 5 verzappten Fernsehminuten überhaupt nichts ausmachen?

Die Vorwärtsbeuge lehrt den Luftikus schöpferisches Nichtstun. Er muss und darf sich wieder fühlen: seine Erdenschwere, seine Atmung, sein verkrampftes Gesicht – alles rückt ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Als nächstes kann er sich der Belüftung seiner Wirbelsäule widmen, denn der Atem massiert den Rücken auf wundersame Weise ganz von selbst. Irgendwann wird der Luftikus den Kampf mit sich selbst für eine Weile aufgeben. Er wird aufhören, sich zu den Knien zu ziehen oder zu den Füßen zu ‚wollen‘. Irgendwann wird er, ohne jegliches Zutun seiner Willenskraft, zu schmelzen beginnen und sich in sich selbst zusammenfalten; er wird ganz im Lauschen und Schweigen aufgehen und es genießen, dass er auf diese herrlich erholsame, stille Art und Weise mehr erreicht hat als mit dem vielen Gezerre. Er wird erfrischt und gestärkt wieder auftauchen und sich klaren Geistes wieder an die Arbeit machen.

Entgegen aller meiner Erwartungen (und ursprünglichen Absichten) hat mein Körper übrigens viel Ballast abgeworfen, als ich diese äußerst langsame, an feinen Vorgängen interessierte Form des Yoga zu einem festen Bestandteil meiner Praxis gemacht habe. Nein, ich empfehle hier keine Yoga-Diät! Schließlich geht es darum, alles überflüssige Tun und Streben abzulegen. In meinem Fall haben die lange gehaltenen Asanas mir anscheinend genügend Standfestigkeit und Ruhe verliehen, die ich mir davor durch Masse geholt habe.

Zu guter letzt: was kommt auf den Teller?

Vielleicht gibt es unter euch Luftikussen auch solche, denen Salat-Essen immer schon mehr als Pflicht denn als Genuss erschien (ist ja gesund, Vitamine etc. pp.). Rohkost verbraucht sehr viel inneres Feuer, von dem gerade Vata-Typen so wenig besitzen. Ich persönlich habe sogar im Hochsommer eher Lust auf Suppe als auf Salat. Nach einer Mahlzeit mit zuviel Rohkost fühle ich mich müde und schwer, obwohl ich ja theoretisch sehr leicht gegessen habe.

Ich bevorzuge warm und herzhaft bis höllisch scharf, zum Beispiel die typisch indische Mahlzeit mit Gemüse, Linsen, Reis, Chutney und ein bisschen Salat. Das bringt Feuer in den Körper. Vata lässt sich auch mit guten Ölen ausgleichen, und zwar im und auf dem Körper. Sesamöl ist im Essen genauso köstlich wie als warmer Guss auf der Haut, besonders auf den Füßen, am Kopf und im Gesicht.

Besonders im Winter und am Morgen, wo das innere Feuer (noch) nicht so recht lodert, tut mir ein warmes Frühstück gut und raubt mir nicht die Energie zur Verdauung.

Vata erhöhende Speisen sind zum Beispiel Hülsenfrüchte und Kohl (Stichwort Blähungen); die können mit speziellen Gewürzen oder Kräutern zubereitet werden (Bohnenkraut z. B.). Zu vermeiden sind übrigens auch die ach-so-gesunden Yoghurts – Activia, Actimel, etc… Wer zu Vata-Imbalancen neigt, sollte sie eine Zeit lang weglassen (oder zumindest reduzieren). Außer natürlich, die Darmflora braucht’s wirklich. Die schlechte Verdauung kann nämlich auch einfach von einem zu schwachen Feuer herrühren. Yoghurt aber wirkt extrem kühlend und verschleimend. Damit löscht es das ohnehin schon schwache Feuer und vermehrt Kapha im Bereich der Atemwege. Besonders im Winter trägt es dazu bei, uns zu wandelnden Kühlschränken zu machen. Im Sommer und in mediterranem Klima ist das natürlich nur erwünscht. 

*~*~*

Bleibt mir nur noch,…

… allen Vataschen da draußen meine Grüße durch den Äther zu vermitteln. Ihr müsst wieder ein kurzes Weilchen auf Neuigkeiten warten, weil ich meiner luftigen Natur folge und auf Reisen gehe. Aber nicht lang. Und in der Zwischenzeit: ich freue mich unwahrscheinlich auf Ergänzungen, Verbesserungen, Vorschläge und Gedanken zu meinen Beobachtungen. Es gibt vieles, was ich hier nicht erwähnen konnte und noch mehr, das ich (noch) nicht weiß.

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