Nichtraunzerzone!


Nein, ich darf wirklich nicht raunzen! Denn uns Österreichern geht’s saugut:

So gut, dass wir es uns nach wie vor leisten können, für jeden Milcheinkauf das Auto zu nehmen.

Bei den andern wird auf der Straße gestorben – aber unser Pflaster ist unglaublich fruchtbar! Wir haben die absolut idealen Fortpflanzungsbedingungen für B’SUVene! Sie vermehren sich wie die Kaninchen…

Unser Krankensystem ist auch total super. Es wird locker mit den Asthmatikern, Allergikern und sonstigen Lungengeschädigten fertig. In Graz ist es sogar so gut, dass wir es uns leisten können, die Feinstaubgrenze jeden 3. Tag* zu überschreiten!

Es ist euphorisierend! – wir haben so viel Zeit, es wird schon fast zu viel! Alle Räder und Motoren setzen wir in Bewegung, um wenigstens ein Viertelstündchen Verlängerung herauszuschinden. Was hat er denn davon, der Radfahrer, von seiner Raserei, hm?

Und dann unsere Zwischenmenschlichkeit … das ist so super! Wir kennen unsere Nachbarn total gut und unsere sozialen Netzwerke sind irrsinnig stabil. Die werden von den durchschnittlich 2 Stunden, die wir täglich allein im Auto zubringen, überhaupt nicht belastet. Und unsere Herzen schlagen auch durch die fetten Blechpanzer mitfühlend für unseren lenkenden Nächsten.

Ich versteh schon wieder überhaupt nicht, warum in dem Land immer alle raunzen.

Benzinpreise? Klimaerwärmung? Krebsraten? Geht’s bitte, das schaukeln wir doch eh schon die längste Zeit mit links**!

~*~

* Ich wurde darauf aufmerksam gemacht, dass die Feinstaubgrenze in Graz nur 100 mal im Jahr, also jeden 3.65ten Tag, also grob gesagt nur jeden 4. Tag überschritten wird.

** Ich wurde danach gefragt, ob das ein plumper politischer Fingerzeig sein sollte. Nein, der war so nicht beabsichtigt, ich finde die Auslegung aber lustig. Wir haben rechte und linke Gliedmaßen und Hirnhälften, es kommt nur darauf an, wohin wir damit gehen und was wir damit tun. Ich befinde die Bildung des Menschen hin zu einem politischen Wesen als eine wichtige Sache. Unter „politischem Wesen“ verstehe ich einen Menschen, der Verantwortung übernimmt und seinen Wahrnehmungskreis über den eigenen Bauchnabel hinaus ausgedehnt hat. Ein politisches Wesen (also im Sinne des Wortes ein „gemeinschaftlich ausgerichtetes“ Wesen) hat sich selbst als zentralen Bestandteil seiner Umwelt begriffen und beginnt bei der Umsetzung der Dinge daher zuallererst bei sich selbst. Es hat kapiert, dass der Schaden des Einen früher oder später auch es selbst trifft. Ein politisches Wesen sieht die Welt klar und ohne bunte Brille. Es liebt sich und die anderen genügend, um erkannt zu haben, das keiner weiterkommt, solang sich jeder gegenseitig alles mögliche in die Schuhe schiebt.

So viel zur Frage, ob ich mich über Rechts- oder Linksrucke freue. Ich freue mich vor allem über Rucke hin zum Haus- und Herzverstand. Ich freue mich über meine eigenen Rucke zum Zuhören, Mitdenken, Verstehen. Ich freue mich über Rucke weg von der Angst (denn von Angst sind alle Richtungen befallen). Ich freue mich vor allem diebisch über Rucke weg von der Politik hin zum politischen Denken.

3 Antworten zu “Nichtraunzerzone!

  1. „Unter “politischem Wesen” verstehe ich einen Menschen, der Verantwortung übernimmt und seinen Wahrnehmungskreis über den eigenen Bauchnabel hinaus ausgedehnt hat. Ein politisches Wesen (also im Sinne des Wortes ein “gemeinschaftlich ausgerichtetes” Wesen) hat sich selbst als zentralen Bestandteil seiner Umwelt begriffen und beginnt bei der Umsetzung der Dinge daher zuallererst bei sich selbst. Es hat kapiert, dass der Schaden des Einen früher oder später auch es selbst trifft.“

    Liebe Lily,
    danke für diese Perle. Ich selbst bin der zentrale Bestandteil MEINER Welt. Das genau ist der Punkt! Du sprichst aus meiner Seele!

  2. Hallo Kvinna,

    ich finde auch, dass die gesamte Umwelt-Diskussion großteils völlig an diesem Punkt vorbei geführt wird.

    „Umweltschutz“ sollte nicht wegen der Umwelt oder der Natur passieren. Die wird weiter bestehen, auch wenn sich die gesamte Menschheit selbst ins Jenseits befördert hat.

    Nachhaltigkeit hat was mit der eigenen Lebensqualität zu tun – ich glaube das Umdenken würde umso schneller und gründlicher vor sich gehen, wenn klarer wäre, dass es nicht um die Bäumchen und Tierchen „da draußen“ geht, sondern ums eigene (Über-)Leben. Das heißt, den Menschen als bedrohte Art zu begreifen und seinen Schutz und Erhalt ins Zentrum aller Bemühungen zu stellen.

    Vor kurzem sah ich ein Graffiti am Bahnhof: SCHEISS NATUR. Also: die Natur verdirbt uns den Spaß am Autofahren, am Müll machen – … Und irgendwie wird das ja nach wie vor so vermarktet. Umweltschützer bist du, weil du die Natur so liebst. Nicht aus purem „Egoismus“, weil du einfach gut und lange leben möchtest und dass nur geht, wenn dich deine Umwelt auch tragen kann und du sie DESHALB stärkst und stützt.

    Wie auch immer. Ich bin gespannt wie ein Flitzebogen – es sind spannende Zeiten.

    Liebe Grüße, Lily

  3. Es gibt eben kein „wir hier“ und „Natur da“. Wir sind Natur, das ist der Punkt, der Denkfehler. Und deshalb muss jeder ganz unmittelbar bei sich ansetzen. Alles andere kommt danach.

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