da capo, molto espressivo!


Ich habe eine neue Schülerin. Sie ist über 50, ich 24, das ist schon irgendwie lustig. Sie unterrichtet selbst und möchte Tipps für ihren Musikunterricht. Außerdem möchte sie neue Literatur, neue Stile, neue Techniken kennenlernen.

Ich denke und dachte mir in der Musik immer: worum es geht, ist das ganze Wesen, den ganzen Körper zum Instrument zu machen. Das ist im Grunde eine sehr einfache Erkenntnis, aber sie ist im Unterricht manchmal nicht leicht umzusetzen. Es etwas sehr Intimes, einen anderen Menschen auf sein Körpergefühl, seinen Atemfluss, seine gesamte Einstellung aufmerksam zu machen.

Das war nämlich das erste, was ich bearbeitet habe – nicht Technik, nicht musikalischen Aufbau. Sondern ihre Beklemmung. Hab das natürlich diplomatischer ausgedrückt…

Der Ton macht die Musik, aber wo kommt er her?

Ob ich meinem Instrument Klang verleihe, hat damit zu tun, ob ich mir selbst Bauch und Raum gönne. Der Klang ist meine lebendige, schwingende Verlängerung. Wenn ich ihm Platz gebe, hat er auch genügend Energie, den anderen bis ins Herz zu reichen. Und es ist die Frage, ob ich überhaupt den Mut habe, mein Wesen bis zum Herz eines Anderen zu verlängern?

Ob ich zum Beispiel einen hohen Ton zunächst aus Angst „hinausspucke“ und ob es mir dann gelingt, die Höhenangst abzulegen, ist selten eine reine Technikfrage. Der Vorgang hat damit zu tun, ob ich in meinem Körper eine stabile Basis von den Füßen hinauf aufbauen kann, auf der sich der hohe Ton dann samtweich aufrichtet. Auf der die technisch schwierigsten Stellen sich in aller Ruhe ausbreiten können, usw.

Das was Musik zur Musik macht, finde ich, ist außerdem das Spiel mit den Klangfarben. Ich kann die Nuancen meines Instruments nur hören und erzeugen, wenn ich auch den Nuancen in meinem Wesen nachspüren kann. Wenn ich weiß, was ein stabiles von einem wackligen Becken; einen feinen Atem von einem ruckigen; eine offene Kehle von einer verklemmten unterscheidet; wie sich Trauer, Wut, Ruhe, Übermut, Langeweile anfühlen… Nur wenn ich mich selbst in allen Nuancen meiner Lebendigkeit erspüren darf, wird das aufs Instrument überspringen und zu meinem Ausdrucksmittel werden.

Ein Kind geht diesen Weg meistens sehr gerne und mit viel Neugierde. Manche Erwachsene sind davon aber eher unangenehm berührt, weil sie sich selbst nicht gerne berühren und spüren (schon gar nicht vor quasi Fremden). Dann kommt noch dazu, dass wir Musik und Körpergefühl trennen, oder bestenfalls annehmen, dass körperliche Erfahrung ein nettes Accessoire zum Musikunterricht sein kann. Aber wirklich bewusst ist selten, dass das eine ganz grundsätzlich mit dem anderen verbunden ist, dass die beiden eins sind.

Ich bin jedenfalls gespannt, wie das so weitergehen wird. Ob die Musik bei meiner Schülerin vom Kopf ins Herz rutscht. Für mich ist das eine wunderschöne Sache, einen Menschen auf diesem Weg begleiten zu können.

2 Antworten zu “da capo, molto espressivo!

  1. Danke für diese Erhellung. Bis eben dachte ich, es liege vorwiegend an der Psyche, meist besonders am schon in Kindheitstagen gelernten „Ich trau mich nicht“ und „Ich kann das nicht“ und auch manches Mal an einer mir persönlich zuwideren Vorliebe für´s Zieren, Kokettieren und Schwächeln auf der Suche nach mehr Zuwendung und Aufmerksamkeit – aber wenn ich´s so aus der physischen Perspektive betrachte, ergeben sich noch ganz andere Feinheiten. Zahlreiche … wer mir zum Beispiel eine waschlappenartige Hand zur Begrüßung reicht, dem wird vermutlich auch beim Musizieren eine gewisse Dynamik nicht zu eigen sein. Wobei natürlich die Psyche sich im Körper niederschlägt und somit zeigt. Stimmt alles, was du schreibst. Sehr scharfsinnig beobachtet.

    Eine weitere Frage dazu an dich: Hast du schon darüber sinniert, wie es sein kann, daß mancher Mensch schon jahrelang ein Instrument zu spielen übt – aber noch nie auf die Idee kam, darauf einfach mal zu improvisieren, sich selbst und das Instrument einfach auszuprobieren? Für mich undenkbar – und für viele real.

    Liebe Grüße, Sati

  2. Hallo Sati,

    das ist eine gute Frage, die ich mir stellen MUSSTE, als ich mir selbst das Improvisieren beibringen wollte. :)

    Ich glaube, die Lust am Ausprobieren und Improvisieren hat auch viel mit dem Spaß am Zweckentfremden zu tun. Man bekommt ja gelehrt: das hält man so herum, das macht man so richtig, das klingt auf diese Weise am Besten. Und irgendwann komm ich halt nicht mehr auf die Idee, z.B. ein Klavier zweckzuentfremden und hinein zu singen, weil das so super hallt. Oder den Klang meines Instruments jenseits des „Schönen“ auszutesten, drauf zu klopfen, zu kratzen oder irgendwie sonst „etwas anders zumachen“… Usw.

    Improvisieren ist auch ein Fall ins Unbekannte hinein, man hat scheinbar überhaupt nichts um sich festzuhalten (stimmt nicht ganz, auch ganz große Improvisierer haben ja meistens ein musikalisches „Gerüst“ in ihrem Kopf). Ich kann gut verstehen, dass sowas Angst macht.

    Meine erste Lehrerin hat mich z.B. kaum vom Notenpult weg geholt. Als ich das erste Mal auf der Uni ganz frei präludieren sollte; als wir im Ensemble einmal ein total lustiges zeitgenössisches Stück „improvisiert“ haben, ist mir der Angstschweiß von der Stirn geronnen…

    In meinem Fall war es die Angst, jetzt aus dem Nichts etwas ganz Tolles hervorzaubern zu müssen.

    Bei meinen Schülern hab ich gemerkt, dass Improvisieren am einfachsten mit Geräuschen funktioniert, die das Instrument so hergibt. Geräusche sind nicht so mit Bedeutung belegt wie Tonfolgen. Wenn das Kind dann gemerkt hat, dass ihm nichts passiert, wenn es quietscht und kracht und sonstwie schräg klingt, ist das meistens schon die halbe Miete.

    Also, wie gesagt, ich denke das Nicht-Probieren-Können hat damit zu tun, dass einer sagt: So geht dieses Instrument!, und der andere diese Tatsache genauso hinnimmt wie das 1×1, das ja auch nicht hinterfragt wird.

    Liebe Grüße,
    Lily

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