unterwegs. hören lernen. sprechen lernen. unspektakuläre spiritualität.


Sitze gerade in einem Prager Büro und denke über die letzte Zugfahrt nach. Ich verbringe in den letzten Monaten mehr Zeit im Zug, weil ich zwischen Österreich und Tschechien pendle.

Und während ich so in meinem Abteil durch die Landschaft getragen werde, unvereingenommen und der Geschichte des Landstrichs völlig unkundig, fällt mir eine große Veränderung in mir auf (meine liebste Beschäftigung: die Veränderungen in meiner Denkart, in meiner ganzen Betrachtungsweise, nachzuvollziehen).

Als ich mich vor 3 Jahren intensiv mit der Natur um mich herum zu beschäftigen begann, tat ich das, weil ich bei einem Spaziergang ein für mich sehr ernüchterndes, trauriges Erlebnis hatte. Ich ging im Spätherbst durch einen Wald und fühlte plötzlich meine Abgeschnittenheit, mein Fremdsein. Da waren wichtige Dinge zu hören, aber ich konnte die Sprache nicht verstehen. Ich ging zwischen den Bäumen und fühlte diesen sehr heftigen Verlust – als könnte ich in den Armen einer Mutter die Mutter nicht mehr spüren. Als könnte ich den Trost, die Wärme und die Berührung einfach nicht wahrnehmen. Also beschloss ich, die Sprache der Dinge um mich wieder zu lernen.

Es war eine intensive Zeit, in der ich mich vor allem mit Bäumen beschäftigt habe. Zwischen biologischem, naturheilkundlichem und mythischem Wissen gibt es kaum etwas, das ich ausgelassen hätte. Und langsam, sehr langsam, wuchs mein Vertrauen in mein „Gehör“ – mein Wissen, dass es da tatsächlich etwas zu hören gibt in der stillen Welt um mich herum. Dass nicht nur wir Menschen sprechen können. Und ich begann zu hören.

Irgendwann verstand und sprach und verstand ich die Sprache wieder fließend. Nach einiger Zeit (etwa einem Jahr), hat sich mein Zugang wieder geändert. Meine neu erworbenen Augen und Ohren überraschten mich nicht länger, der erweiterte Wahrnehmungskreis wurde normal. Ich dachte mir, dass diese Art der Kommunikation mit der Welt um und in mir ein gutes Hilfsmittel war; ich sie aber nicht zum Selbstzweck betreiben wollte.

Es ist schön, mit einem Bach oder Baum zu „sprechen„, aber das Sprechen selbst wollte ich nicht zum Selbstzweck überhöhen.

Zurück zur Zugfahrt:

Ich sitze am Fenster, sehe hinaus und fühle das Herz meiner Um-Welt als mein eigenes schlagen. Es ist schwer, den Vorgang zu beschreiben. Denn ich meine das alles nicht wie das Testament einer abgehobenen Hippie-Trippie-Waldhexe; ich sehe keine rosa Elefanten und auch keine Baum-Auren :) Meine Empfindung ist genauso spektakulär und vertraut, wie die alltäglichen Empfindungen auf meiner Haut. Es ist meine Entscheidung, ob ich dieses Alltägliche als wunder-voll erlebe.

Eine solcherart „erweiterte“ Wahrnehmung an sich ist nicht spirituell! Ich halte die Verwechslung von gelebter Spiritualität und allerhand bewusstseinserweiternden Techniken für potentiell schädlich und sehr rückschrittlich. Spiritualität hat nichts mit Wundern und spektakulären Geschehnissen zu tun. Ein wirklich spiritueller Weg ist nur in dem Maße aufregend, in dem sich der Mensch wieder erlaubt, das Leben selbst als das Wunder zu begreifen und sich nicht von allerlei schwebenden Yogis und hellseherischen Kartenlegern ablenken zu lassen. Nicht dass z.B. Hellsichtig-/hörigkeit nicht existieren täten – aber sie sind nicht das Ziel, das es zu erreichen gilt. Spiritualität hat überhaupt nichts mit Fähigkeiten zu tun, die dem einen gegeben sind und dem anderen nicht. Spiritualität befähigt mich, sie macht mich nicht süchtig oder abhängig (von einem anderen Menschen, einer Tätigkeit oder einem Gegenstand). Sie gibt mir aber leider auch nichts in die Hand, mit dem ich vor anderen angeben könnte. Im Gegenteil, sie lässt mich in den Augen mancher vielleicht klein und lächerlich erscheinen; und sie wird mich vielleicht dazu zwingen, einige meiner Freundschaften zu überdenken.

Machte ich meine Yogaübungen zu meiner Spiritualität, dann verlöre ich mit meiner Beweglichkeit auch meine Spiritualität. Wäre mir ein spirituelles Leben nur unter ständiger Anleitung eines anderen möglich, dann verlöre ich mit diesem Lehrer oder „Vermittler“ auch meine Spiritualität. So kann es also nicht funktionieren.

Spiritualität ist vor allem eine Entscheidung. Das macht sie jedem zugänglich – das macht sie sehr einfach. Zu einfach vielleicht für viele, die sich nach etwas sehnen, das ihnen ein Gefühl des Besonders-Seins gibt. Ein aufrichtig spirituelles Leben ist da sicherlich nicht aufregend genug. „Hokuspokus“ schon. Und, ja, manche Menschen sind vielleicht so „schwerhörig“, dass sie den Paukenschlag mirakulöser Begebenheiten benötigen, um überhaupt aufzuhorchen.

Was mich also irgendwann hellhörig gemacht hat, war die Tatsache dass ich mich der Natur um mich mittlerweile verschwistert wahrnahm, aber den meisten Menschen um mich entfremdet (also allen außerhalb meines Familien- und Freundeskreises). Ich fühlte – in der Theorie – eine brennende Liebe für die Spezies Mensch, das Wunder ihrer Existenz, die Schönheit des Weges, den sie beschreitet. Und ich fühlte – in der Praxis – eine große Wut auf ihre Dummheit, Angst und Unfähigkeit, diesem Wunder die Arme zu öffnen und diesen Weg aufrecht zu gehen, ohne sich beständig wieder zurück in Abhängigkeit und Angst zurück zu begeben.

Ich war wütend, weil ich die Entscheidungen dieser Spezies als verpestete Luft, als Unrecht, als Verkommenheit erben musste. Ich fühlte mich zwischen Menschen ebenso fremd, wie in dem Wald vor 3 Jahren.

Dann wurde mir klar, dass mich meine Zeit in der Natur nur auf eine bevorstehende neuerliche „Schulzeit“ vorbereitet hatte. Dass es nicht darum gehen konnte, mich in der Natur von den „bösen Menschen“ zu erholen und wieder zu Einklang zu finden. Nein, meine Aufgabe war es, die Sprache der Menschen wieder zu erlernen, die gespürte Trennung von meinen nächsten Verwandten zu überwinden.

Das ist schwieriger bei einem Wesen, das die Wahl hat, sich von Angst und Zweifel leiten zu lassen, das außerdem die Wahl hat, sich von der ursprünglichen Wahrheit des Lebens abzuwenden um sie sich bewusst zurück zu erobern. Es ist schwieriger, die Sprache der Spezies Mensch verstehen zu lernen, als die Sprache der Tiere oder Pflanzen. Vor allem weil ich selbst ein Mensch bin. Und menschle.

Ich bin im Herzen weggelaufen, habe im Herzen auf Durchzug gestellt. Aus Angst. Entsetzt über die vielen so offensichtlich schädlichen Entscheidungen, die täglich gefällt werden und deren Hintergründe ich nicht verstehen konnte. Und meine Entscheidung, mit totaler Ablehnung zu reagieren – mich taub zu stellen – , war ebenso falsch. Mich als abgetrennt von den Menschen zu erleben, als ihr Opfer … usw. Mir zu gestatten, ebenso von Angst und Trennung erfüllt zu sein, wie jene Handlungen, die ich verurteile. Die Verurteilung selbst! … Trennung, Trennung.

Ich habe mich lange gefragt, wie ich mich den Menschen wieder nahe fühlen könnte, mit Stärke und Integrität… Wie ich aufmerksam und offen in der Welt stehen kann, mit ihren Problemen, ihren Greueln. Wie ich mit offenen Augen an diesem Ort leben und arbeiten kann, mit Zuversicht und Hingabe und Liebe.

Ich hatte die Vision einer starken, befähigten Liebe, nicht dieser belächelten Abklatschversion mit hinnehmendem Ausdruck und treuherzig niedergeschlagenem Blick.

Da sitze ich also im Zug und mir wird zum ersten Mal bewusst, dass sich was verändert hat. Neben mir sitzt ein alter Mann der stinkt. Mir gegenüber eine alte Frau, die schläft. Daneben eine junge Gitarristin. Ihr gegenüber eine etwa 50jährige mit den Beinen einer 15Jährigen und blondierten Locken, verkrampft und angespannt in ihrem extrem kurzen Minirock, den starren Blick auf einen Brief in ihren gefalteten Händen gerichtet.

Und dann steigt es hoch, dieses Gefühl der Verschwisterung, der Verbrüderung. Und nochmal – es ist überhaupt nichts „Spektakuläres“. Es ist so spektakulär, wie eine liebe Freundin nach langer Zeit wieder zu sehen. Oder den Lieblingsonkel, den Bruder, die Mutter, die Lieblingsoma… Ein Gefühl der großen Zuneigung, der Verschworenheit, die keine Gründe kennt und braucht. So fühle ich für diese Menschen. Nur dass ich das theoretisch nicht „sollte“, weil ich sie ja nicht kenne und deshalb keine Gründe habe, sie zu mögen.

Aber ich fühle unsere Herzen schlagen. Wir schlafen, wir lesen, wir essen. Die schlafende Alte hat meine ganze Zuneigung in ihrer zerbrechlichen Ruhe, ihrer Lebenserfahrung, ihrer Nähe zum Tod. Sie ist ich, wenn ich alt bin. Die verklemmte Lesende in ihrem offensichtlichen Unwohlsein, ihrem Misstrauen, ihrer Angst vor dem Altern. Sie ist ich, wenn ich gelähmt bin von Panik und Trauer. Alle, alle, meine Schwestern und Brüder auf einem Weg, manche schneller, manche langsamer.

Und obwohl ich sie hören kann, obwohl ich sie aufrichtig liebe, muss ich nicht „lieb“ zu ihnen sein, muss ich nicht hinnehmen was sie tun, muss ich auch nicht den einen über den anderen stellen, muss ich nicht alles entschuldigen und kann zugleich alles verstehen. Ich begreife, dass ich mit dieser Liebe alle und alles ansehen kann. Von einem ruhigen Ort aus, ohne zurückzuschrecken und ohne mich hineinreißen zu lassen. Neutral.

Ich glaube, dass ist der einzige Weg, wirklich glücklich und aufmerksam und verantwortungsvoll und unverzagt in der Wirklichkeit zu leben – ohne wegzulaufen.

Das also war die sehr erhellende, erleuchtende Erkenntnis auf meiner Zugfahrt, bei der alle ganz normal und unspektakulär nebeneinander saßen und auch kein Engelschor im Abteil mit den Flügeln wedelte. – Zumindest konnte ich sie nicht sehen. :)

Ich könnte immer noch schreiben. Das innere Drängen, sich ständig besser zu erklären. Ego. Zum Beispiel habe ich das Bedürfnis, das mit dem „Sprechen mit Bäumen“ verständlicher zu machen. Aber es gibt Dinge, die werden die einen „da draußen“ sicher verstehen, und die anderen eben nicht. Für die bin ich dann halt verrückt.

Und jetzt lasse ich es einfach so stehen.

7 Antworten zu “unterwegs. hören lernen. sprechen lernen. unspektakuläre spiritualität.

  1. Meine liebe Lilie,

    nun habe ich am Bildschirm geklebt. Das hast du mir ganz wunderbar vor meinem lesenden Auge entwickelt. Ich fühle und verstehe jedes Wort: Eins sein mit allem und alles sein lassen – im absoluten Wortsinn. Für mich bist du jedenfalls nicht verrückt – nicht verrückter als ich selbst, du Schwester im Geiste!

    Herzvergnügte Grüße,
    Kvinna!

  2. Hallo ihr beiden,

    ich übe mich weiter im All-Ein-Sein…

    Und die Schwester im Geiste weise ich auf ihr neues „Monster“-Profilbild hin (das wird hier exklusiv für jeden wordpress-fremden Besucher erstellt). Ist das nicht herzig? Zumindest verrückt? Ein bisschen… ;)

    Lily

  3. Oh, für jeden ein anderes? Schade, dass es so klein ist, aber die Anzahl der Beine gefällt mir schon einmal sehr ;) – und der Farbwandel hier auch!

  4. yeah
    es geht mir wie kvinna
    ich lese lese
    und denk
    ich hätte es nicht besser formulieren können

    dieses erkennen der spiritualität im alltag
    des unspektakulären
    und der liebe zu allen mitwesen

    ich lese immer wieder gern bei dir mit
    lg birgit

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