gewalt an frauen, religion und der ganze wahnsinn (und was das mit yoga zu tun hat)


Kurz nachdem ich den letzten Eintrag geschrieben hatte, war ich wieder im Afrikazentrum. Der Chef-Sozialarbeiter dort legt mir seit einigen Wochen ganz gerne Auszüge aus Verhören von Asylanwärtern aufs Büro, die ich schnell ins Englische übersetzen soll. Das heißt, dass ich regelmäßig eine gehörige Dosis mehr oder weniger blutig-krimineller Geschichten zu lesen bekomme.

So auch diese Woche.

In der Akte auf meinem Tisch ging es um einen Mann, der eine Affäre mit einer verheirateten Frau hatte (angeblich wusste er nichts von ihrer Ehe). Sie bringt ein Kind von ihm auf die Welt, der Ehemann kommt dahinter, greift den Liebhaber mit Messer an, bringt Frau und Liebhaber ins Gefängnis.

Sie wird zum Tod durch Steinigung verurteilt.

Der Liebhaber kommt frei.

Laut Gesetz soll ihm nichts passieren, aber der Ehemann und seine Freunde schwören Rache. Um nicht umgebracht zu werden, flüchtet der Liebhaber aus Nigeria und landet in Österreich.

So weit die Geschichte. Achja, ich habe nicht erwähnt, dass der Liebhaber Christ war und die Frau Muslima.

(Das macht sie aber auch nicht wieder lebendig. Und erklärt mir nicht, was mit ihrem Kind passiert ist.)

Ich möchte hier jetzt nicht auf Ausländerpolitik etc. eingehen, sondern auf das Thema vom letzten Eintrag und direkt zu den Kommentaren von Erika/Gauzibauz springen.

Es ging darum, warum ich zwischen Spiritualität und Religion unterscheide.

Hier ein Grund:

Es ist gut möglich, dass ich im frühen Sommer 2009 beginnen werde, in besagtem Afrikazentrum Yogaunterricht für Frauen zu geben.

Ich möchte das umsonst machen – als Teil meiner ehrenamtlichen Arbeit – weil ich finde, dass Yoga besonders denen, die am meisten davon profitieren würden, einfach nicht zugänglich ist.

Ganz abgesehen vom gesundheitlichen Gesichtspunkt geht es darum, diesen Frauen ein oder zwei Stunden pro Woche anzubieten, die sie für sich allein haben, in denen sie Kraft schöpfen, neue Perspektiven erfahren, sich auf ganzheitlicher Ebene neu ausrichten und ausprobieren können.

Meine Vorstellung ist es, diesen Frauen Yoga als Werkzeug der Selbstermächtigung und Befähigung näherzubringen. Nicht mehr und nicht weniger :)

Aber jetzt kommt die Frage:

Was erzähle ich Frauen, die großteils aus Ländern kommen, wo sich Christen und Moslems gegenseitig die Köpfe einschlagen, von Gott?

Was erzähle ich Frauen, deren Schwestern vielleicht gesteinigt wurden, denen Polizisten schon mal kochendes Wasser über den Körper gekippt haben, die von ihren Familien wie Vieh verkauft wurden, von Selbstrespekt, von Selbstliebe?

Was habe ich diesen Frauen überhaupt zu sagen? (*große Angst, schlotter schlotter*)

Ich denke mittlerweile, dass ich vor allem zuhören werde.

(So ähnlich wie ich auch die ehrenamtliche Arbeit im Zentrum nicht begonnen habe um zu helfen, sondern um zu lernen.)

Aber ich möchte auch nicht aus Angst das Herz des Yoga – nämlich die Erhebung zum Höheren – einfach auslassen und meine Stunden dort zu reinen Körperübungen ohne tieferen Gehalt verkommen lassen.

Deshalb suche ich nach Möglichkeiten, nach Wegen, die Hinwendung zu diesem Höheren zu umschreiben ohne dabei das Wort „Gott“ in den Mund nehmen zu müssen. Denn es kann sogar passieren, dass ich Gruppen gemischter religiöser Konfessionen unterrichten werde.

So wie ich das begreife, ist das Wort „Gott“ im Kulturkreis dieser Frauen ein trennender Begriff (ja, Erika, mir tut das in der Seele weh).

Das Wort „Yoga“ hingegen bedeutet nicht weniger als Vereinigung und Verbindung.

Wenn ich Menschen den yogischen Weg des Verschmelzens und Vereinens mit sich, dem Augenblick und dem eigenen Leben, näher bringen möchte, dann muss ich zumindest ansatzweise darauf achten, die vordergründig trennenden Dinge anfangs auszulassen.

Deshalb spiele ich mich zur Zeit mit Möglichkeiten, das Göttliche zu verkleiden, auf dass es sich unerkannt durchmogeln möge um seine Arbeit zu tun…

10 Antworten zu “gewalt an frauen, religion und der ganze wahnsinn (und was das mit yoga zu tun hat)

  1. Hi Lily,

    vielleicht bringen all diese Frauen mit ihren schweren lebenswegen und bitteren Erfahrungen ja viel mehr mit als Du erwartest. Hätten sie sonst überlebt? Würden sie sonst noch leben.

    Alles gute für Dich und Dein Vorhaben,
    Misia

  2. Jenau!
    Afrika ist ein äußerst „spiritueller Kontinent“, auch, wenn da so viele verschiedene Religions-Mäntelchen drübergelegt wurden – die Frauen werden schon wissen, was gemeint ist. Und der „Wortlaut“ ergibt sich. Worte sind eh nur Krücken und letztlich ist ES ohnehin nicht benennbar. Und allzu viel Worte braucht es ja eh nicht. Oder so … Sati

  3. Gerade fiel mir eine Taxikundin wieder ein, aus Nordafrika. Ziemlich durchgeknallt, viel unterwegs, voller Unrast, meistens hochgradig betrunken und ziemlich schnell streitsüchtig. Die fragte mich während unserer ersten Fahrt, ob ich religiös sei. Ich antwortete mit „nein“, da ich wie du „religiös“ i.d.R. mit den menschengeschaffenen Institutionen verbinde. Sie wollte mir dann erzählen, daß das nicht gut sei und mir sicher was fehle, blablabla. Und ich hatte keine Lust, mich zu erklären, meinen Bezug zum Göttlichen usw. Am Ende fragte Sie mich, ob ich wisse, wer sie sei – und ich antwortete ihr „Ja. Du bist doch Gott!“ Daraufhin rief sie „Woher weißt du das?!“ und reichte mir ihre Hand zu einem sehr kräftigen Handschlag für ihre zierliche Statur (erdig eben) und wir lachten. Das war´s. Und jede wußte Bescheid.
    Fiel mir eben wieder ein …. Gruß, Sati

    • Hallo Sati,
      Hallo Artemisia (hihi, ich hieß früher so wie du),

      Ich gebe euch beiden absolut Recht. Viele der Frauen kenne ich ja schon und ich weiß, dass die meisten von ihnen einen sehr stark verwurzelten Glauben haben. Und dass sie unglaublich stark sein müssen, um all das durchzustehen, was ich gelegentlich, stückchenweise, und von außen zu sehen bekomme.

      Zur Zeit mache mir einfach Gedanken, wie ich auf respektvolle Weise Hilfe zur Selbsthilfe leisten kann. Ich merke, dass es mich beschäftigt, wie ich mich als weiße, akademisch ausgebildete, ledige, nicht misshandelte, wohlhabende, kinderlose Frau verhalten kann oder muss, damit ich Gehör finde. Hilfe ist so eine zweischneidige Sache!

      Ich arbeite seit einem halben Jahr dort und ich habe schnell kapiert, dass ich alles überdenken muss, mit dem ich dort hinkomme und die Leute betreue. Die Prioritäten, die Denkweisen sind einfach meilenweit voneinander entfernt. Ich weiß, ein paar „Levels“ höher sind wir tatsächlich eins, aber im Materiellen herrscht Trennung pur. Ich muss mir selbst darüber klar werden, was ich dort überhaupt tun möchte und was davon tatsächlich benötigt wird, bevor ich mich hinstelle und mein Programm abspiele.

      Am Allerneugierigsten bin ich jedenfalls auf das, was ich von ihnen lernen werde (sollte die Sache letztendlich zustande kommen). Ich tippe: einiges!

      Schönen Abend!

  4. du wirst gehör finden wenn du zuhörst
    du kannst niemand ‚betreuen‘ aber angebote machen
    dann können die frauen selbst sagen was das göttliche für sie ist
    das gemeinsame tun wird dann allen zeigen was notwendig ist was heilsam ist was hilfreich ist
    ich lese aus deinem post dass du möchtest dass dein angebot perfekt ist lass mal sich alles entwickeln seinen eigenen lauf nehmen
    ermutigende grüße birgit
    (die auch immer meint die perfekte antwort haben zu müssen *giggle* )

    • Liebe Birgit,

      danke für die Analyse. Du hast es erfasst.

      Die Idee ist noch relativ frisch und dementsprechend bin ich einfach aufgeregt.

      Außerdem Perfektionistin. Mit dem Hang mich zu hinterfragen, alle meine „Denkfehler“ auszumerzen usw. Ich habe ganz einfach furchtbare Angst, belächelt und ausgebuht zu werden, wenn ich mich ver-denke oder ver-tue. Ich habe Angst davor, für dumm befunden zu werden. Ich habe Angst davor, unverstanden oder missverstanden zu bleiben. Ich habe Angst davor, rausgeschmissen zu werden.

      Siehst du, so ist das. Ich nehme mal an, ich bin kein Einzelfall :) Komplett abstellen kann ich meine Angst nicht, zumindest nicht sofort, aber ich kann Gelassenheit finden und damit leben, statt davon bestimmt zu werden. Es gibt einen Teil von mir, der von ihr völlig unberührt ist und er wächst beständig, juhu! Von dem lass ich mich an der Hand nehmen.

      Also, ich erlaube mir das jetzt einfach: noch nicht ganz im Augenblick zu verweilen, mir viel zu viele Gedanken zu machen, meine Motive zu hinterfragen, meine Vorstellungen zu überdenken, und generell einfach nicht ganz ZEN zu sein. :-D Ich kenn das: wenn ich kräftig umgerührt habe in mir, legt sich alles von selbst.

      Liebe Grüße und danke nochmal für die Worte

    • Hallo Erika!

      Doch, die Übersetzung stimmt, aber es gibt noch viele mehr…

      Also, das Joch ist nicht als negativ zu verstehen. Ein Joch bindet zwei Dinge zusammen. In dem Sinne ist Yoga Vereinigung.

      Yoga kann auch noch übersetzen als einen Zustand, an dem wir vorher noch nie waren. Wenn ich eine bewusste Anstrengung tue, um etwas zu erreichen, das ich vorher noch nicht kannte (z.B. um ein Instrument zu lernen), dann ist das Yoga. Salopp gesagt: Yoga ist, ständig den eigenen Tellerrand zu erweitern.

      Noch eine Definition ist, dass Yoga die Fähigkeit ist, unseren Geist ohne Unterbrechung oder Ablenkung auf einen Gegenstand zu lenken. Ich kann also kochen, duschen, oder einkaufen und dabei Yoga betreiben, wenn ich mich völlig auf mein Tun und meine Umgebung einlasse.

      Die letzte Definition, die ich kenne, ist Yoga als ein Zustand des Einsseins mit Gott. Gott wird im Yoga-Sutra von Patanjali übrigens einfach als höheres Wesen definiert, da sind die Yogis also sehr offen. Jeder Augenblick, in dem sich mein kleines Ich-Bewusstsein öffnet für etwas Größeres, ist Yoga.

      Herzliche Grüße!

  5. Danke für die Definition. Es ist sehr aufschlussreich.
    Im Übrigen halte ich dich für eine bemerkenswert wache, junge Frau – dein Angagment mit den afrikanischen Frauen wird sicher erfolgreich.

    Liebe Grüsse//Erika

  6. Liebe Lily (formerly known as Artemis),

    ja, aber ich heisse wirklich so und inzwischen mag ich meinen Namen auch. in der Kindheit – 1970er, schwäbische Provinz – da hatt‘ ich’s ein bisschen schwer damit. Aber heute…nichts dagegen einzuwenden. ; )))

    Soviel zu diesem Thema. Wie Erika sagt: ich find‘ Dich auch toll und wünsche Dir nur das Allerbeste. Misia

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