familienaufstellung. oder: die entwirrung scheinbar nicht zusammenhängender konstellationen


Sie hat vor genau 7 Wochen begonnen, die große innere Revolution. (Das ist meine Version des Sturms auf die Bastille verkrusteter, lebensfeindlicher Gebote… Enthauptet wird niemand, aber es fliegen die Fetzen.)

In dieser Zeit bin ich sehr intensiv mit allem in Berührung gekommen, was ich aus meinem Familiensystem mit mir herumtrage bzw. herumgetragen habe. Dieses „Gepäck“ beeinflusst und trübt(e) meine Lebensweise in einem noch größeren Ausmaß, als ich je angenommen hätte. Zugleich aber hat mir die Arbeit damit einige der beglückendsten, erfüllendsten Erlebnisse beschert, die ich je in meinem Leben hatte.

Anfang Jänner habe ich mich an das Angebot einer Freundin erinnert, mit ihr doch einmal eine Familienaufstellung zu besuchen. Ich ging also hin, ohne Erwartungen, nur mit dem sicheren Gefühl, dass es mir gut tun würde. Prompt wurde ich dann in beiden Systemen, die an diesem Abend aufgestellt wurden, als Darstellerin ausgewählt, und auch drei Wochen später war es gleich.

In meiner allerersten Sitzung sollte ich die Mutter der Klientin darstellen. Ich steckte plötzlich in der Haut einer Frau, die nicht richtig fühlen konnte, zunächst war ich wie erstarrt und völlig unfähig, irgendwelche Wärme oder gar Liebe für mein Kind zu empfinden. Mein Gedanke war, dass mein Herz irgendwie „kaputt“ sei – es ging einfach nicht auf, obwohl das doch nur natürlich sein sollte als Mutter (und „meine“ Tochter diese Liebe und Unterstützung wütend und trotzig einforderte). Im Nachhinein war die Empfindung des toten Herzens eine erstaunliche Parallele zu meiner Situation.

Was mich sehr beeindruckt hat war zu beobachten, wie die trotzigen Forderungen meiner „Tochter“ es mir und dem Vater unmöglich machten, sie wirklich zu lieben. Ihr Trotz war durchzogen von einer tiefen Unzufriedenheit mit allem was die Eltern taten oder sagten, und damit waren ihre Rufe nach Liebe auch zugleich auch immer ein: „Ich will mehr!“, obwohl beide Eltern bereit waren, ihr das wenige Gefühl, dass sie zu empfinden fähig waren, zu geben.

fontenay

Es ist dann gelungen, diese vertrackte Situation aufzulösen und es hat sich etwas ereignet, das ich als eines der vielen Wunder zählen möchte, die mir in den vergangenen Wochen widerfahren sind: ich sah der Frau in die Augen, die meine Tochter darstellte und zu der ich die ganze Zeit nicht viel mehr Zuneigung als zu einem Möbelstück empfinden konnte. Plötzlich ging mein Herz über vor Stolz und Liebe für sie, voll Dankbarkeit und unbändiger Freude, sie zur Tochter zu haben. Es war als wäre in diesem Augenblick, als die Ordnung wieder hergestellt worden war, ein Schalter in meinem Herzen umgelegt worden; es wieder frei war das zu tun, was es am besten kann: bedingungslos lieben.

Das hat mein Vertrauen in meine eigene Liebesfähigkeit so sehr bestärkt. Und auch diese unterschwellige Angst beseitigt, die mich davor manchmal befallen hat: ob mit meinem Herzen alles in Ordnung sei, weil es zu Weihnachten so plötzlich dicht gemacht hat.

Das noch größere Wunder für mich ist aber, was die Erfahrungen dieser allerersten Aufstellung in meiner eigenen Familie entwirren und zum Guten wenden konnte, ganz besonders im Verhältnis zu meinem Vater. Besonders spannend finde ich auch, dass die Umstände im aufgestellten Familiensystem und in meinem eigenen logisch überhaupt keine Parallelen aufweisen. Dass auch meine Rolle als Mutter oberflächlich nichts mit dem zu tun hat, was zwischen mir und meinem Vater geschehen ist. Und damit zeigt diese Arbeit der Familienaufstellung wunderbar anschaulich und fühlbar, dass wirklich alles mit allem zusammenhängt.

Aus dem Tagebuch, Mitte Jänner:

In der Nacht hab ich wieder gebetet, in aller Verzweiflung. Und da, plötzlich, taucht in mir der Gedanke auf, mich an den Vateraspekt zu wenden, nicht an die Mutter. Das hat so gut getan! Weil ich diese väterliche Liebe zum ersten Mal annehmen konnte. Ich habe gespürt, dass ich mich seit ich klein bin einem auch nur annähernd sexuell anziehenden Mann [d.h.: jeder, der dem Kindesalter entwachsen, noch nicht steinalt oder potthässlich ist] nicht unbefangen körperlich nähern kann, weil ich mich schäme. Ich kann mich erinnern, dass Papa meine Umarmung einmal weggedrückt hat, weil er meint, ich das wie eine Geliebte. Dabei war das nicht meine Absicht. Ich fühlte mich im Erdboden versinken. Es war so peinlich. [Und ich habe zur körperlichen Nähe meines Vaters einen unerklärlichen, sehr großen Widerstand entwickelt. Er hat mich nie unangenehm oder sexuell berührt. Mittlerweile sehe ich, dass es eher der Abscheu meiner Mutter ist, den ich „kopiert“ habe, um ihr nicht weh zu tun, wenn ich meinem Papa nah sein wollte.]

Als ich mich vom Himmelvater in den Arm nehmen lasse, merke ich, wie schwer mir das fällt, so eine Begegnung [zwischen männlich-weiblichem Aspekt] völlig ohne die sexuelle Ebene vorzustellen. Es ist eine andere Qualität, mir selbst meines Animus‘ bewusst zu werden; also die männliche Energie fließen zu lassen; als dem männlichen/väterlichen Aspekt des Göttlichen als Frau zu begegnen. Das hat mir so gefehlt. Ich spüre gerade so eine Freude über diese Entdeckung, eine stückweise Vervollkommnung. Habe aus irgendeinem Grund beständig meinen Namen wiederholt: Har Purkh, Har Purkh [ein indischer Name, den ich erhalten hatte], während ich eingeschlafen bin. Du bist hier, du bist gegenwärtig, du bist anwesend in mir, um mich, überall.

Ich habe das Gefühl, dass mit der Entdeckung und der Pflege dieser Beziehung ein ganz großes Loch gefüllt wird; eine Sehnsucht die ich lange unbemerkt mit mir rumgetragen habe. Wenn der Himmelvater mich liebt, mich trägt, schützt und leitet; wenn die Mutter mich nährt und heilt, liebt und führt – wovor muss ich mich dann noch fürchten? Befreit mich das nicht auch von der beinahe zwanghaften Suche nach männlicher Anerkennung, so wie ich sie kenne – sexuell? Und kann ich mir dann nicht erlauben, dass meine zwischenmenschlichen Beziehungen diese Liebe, die ich von oben empfange, spiegeln?

Ich habe mir nicht erlaubt, mich von der Stärke des Himmelvaters stützen und tragen zu lassen, ich habe mir nicht erlaubt, mich von ihm lieben zu lassen. Ich spüre so ein Bedürfnis, mich jetzt so richtig in dieser Liebe zu suhlen, das übersteigt alle anderen Sehnsüchte in diesem Augenblick…

Heute früh meinte meine Mutter, dass ich Eins zu Eins viele ihrer Muster übernommen hätte; ich solle Geduld mit mir (meiner Verwirrung) haben und diese Aufstellung [meine eigene, Ende Februar] anpeilen. Dann später kam mein Vater in den Raum und ich hatte den plötzlichen Impuls, ihn zu umarmen. Genau, was ich oben beschrieben habe – es mir zu erlauben, mich halten und lieben zu lassen von dieser väterlichen Energie. [Und auch: meinem Vater zu erlauben, Vater für mich zu sein!]

In dem Augenblick ist mir das Gebet in der Nacht wieder eingefallen. Es war so schön, umarmt zu werden; in diesem Augenblick war auch die körperliche Nähe selbstverständlich und angenehm, statt peinlich. Und er meinte, dass Papas immer für einen da sind. Da musst ich heulen.

Allein für diese wunderbare Fügung hat sich alles gelohnt.

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