das gesicht das ich nicht vergessen kann


Eine Sammlung seltsamer Schlaferlebnisse: Dienstags-Träumereien

An der Schwelle zum Frühling klopft er seit Jahren an,

jedes Mal ein bisschen anders.

Ein Grund weshalb es sich lohnt, Tagebuch zu führen.

~*~

Einmal lag ich wochenlang wach, unter der Decke das Ticken der Herzschläge und Atemzüge zählend. Wann hört es auf?

Im Jahr darauf lag die kühle Hand der toten Großmutter auf meiner Stirn; die Binde die damals ihren Kiefer hielt um meine Kehle geschnürt.

Heute Nacht bettete er mich sachte auf ein wiegendes Boot, legte ein Lächeln auf meinen Körper und Münzen auf meine Augen, schickte mich hinaus zur Insel in der Mitte des Sees.

~*~

Diesen Frühling geht er im  Sonntagskleid, geht er mir sehr nah, der liebe liebe Tod. Stellt mir schöne Fragen und die einzige Antwort die ich mir geben kann ist: Lebe! Was hält ihn zusammen, diesen Zellhaufen mit „mir“ drinnen? Ein großes Kinderstaunen; fast laufe ich wieder mit offenem Mund durch den Tag.

Mehr seltsame Schlaferlebnisse

7 Antworten zu “das gesicht das ich nicht vergessen kann

  1. hallo lily,

    Liebe und Tod – um diese mächtigen Portale kreist Leben. Ein mutiger, ein offener Text von dir. Wünsche deinem Kinderstaunen und deinem yoga diary weiterhin zahlreiche positive Resonanz.
    Yoga kann Power aufbauen – auch für die Tänze und Turbulenzen im Licht und Schatten des Geschehens.

    es grüßt

    heinzscheel

    • hallo heinzscheel,

      vielen dank für deine zeilen. ja… die kraft, die yoga freisetzen kann erstaunt mich immer wieder. besonders dann, wenn sie mir fehlt. ein, zwei tage pause genügen und ich fühle mich steinalt (nur ohne die weisheit).

      übrigens, du hast den hundertsten kommentar hier verfasst. preis kriegst du keinen, aber die ehre :)

      herzliche grüße,
      lily

      • Hallo lily

        yoga hält dich davon ab, dich steinalt zu fühlen. Wie schön!!!
        Das erinnert mich an den Japaner Nobuo Shioya, der mit Mitte 90 sein erstes Buch über seine Methode der Meditation publiziert hat. Sie hat ihn laut seiner eigenen Aussagen verjüngt.

        es grüßt heinzscheel

  2. Wie sich das trifft! Am vorigen Samstag war ich auf einer Beerdigung. Der Pastor sprach von Grausamkeit. Ich seh‘ da keine. Ich meine, der Tod ist uns vorherbestimmt, er kommt irgendwann. Und er gehört ganz genauso zum Leben dazu wie die Geburt. Ich habe erlebt, dass auf ein absehbares Sterben ganz genauso gewartet wurde wie auf Geburtswehen. Die Sicherheit, das beides kommt, ist dieselbe und auch die Unberechenbarkeit des Eintreffens. Also ängstigt mich da gar nichts. Selbstverständlich ist ein Verlust, der Tod eines Anderen, ein Schnitt, ein Riss, eine Verletzung. Aber die gehören auch ganz genauso zum Leben dazu.

    • Ich bin sehr neugierig auf meinen Tod.

      Wie fühlt sich das an, zu sterben? Vielleicht wird es sein wie noch nichts zuvor, aber vielleicht werd ich auch merken, dass es ganz selbstverständlich ist; ein Gefühl, dass ich schon immer kannte … wirklich, dieses Geheimnis des Nicht-Wissens fasziniert mich völlig, weil es so unlösbar ist und zugleich auf jeden Fall beantwortet werden wird. Anderen verknotet es beim Gedanken an die Unendlichkeit des Universums die Hirnwindungen, mir beim Gedanken an den Tod.

      Ich weiß, dass er selbstverständlich ist, aber, Kvinna, ich leugne nicht, dass er mir Angst macht. Ich habe keine Angst davor, ihn zu sehen, keine Angst vor toten Menschen – ich hatte das Glück, als Kind/Jugendliche nicht von Sterbebetten ferngehalten worden zu sein. Ich wollte das sehen, und durfte es auch.

      Wovor ich mich fürchte, ist, keine Zeit zu haben. Das ist ein Gedanke der mich sehr oft begleitet, wenn Menschen zum Beispiel verreisen, dann packt mich oft der Gedanke: vielleicht siehst du ihn/sie jetzt zum letzten Mal. Und dann nehme ich mir die Zeit, diesem Menschen Platz in mir zu schaffen. Ihn oder sie wirklich wahrzunehmen, so dass ich nicht an einem Grab stehen muss und denken: ich konnte dich nicht genießen, während du am Leben warst. Und jetzt weiß ich nicht ob ich dich wiederseh.

      Sowas wäre schon grausam. Nicht der Tod an sich. Aber die Konfrontation mit den verpassten Gelegenheiten, mit dem nicht Gelebten, nicht Gesagten, nicht Gefühlten.

      In diesem Sinne bringt mir der Tod gelegentlich Freudentränen. Er macht alles so viel farbenfroher, intensiver. Und es genügt nur der Gedanke an ihn.

  3. Früher war meine größte Angst vor dem Tod die, zu sterben, bevor meine Kinder mich entbehren können. Dann bin ich 2003 zum ersten – und bisher einzigen – Mal geflogen. (Ich habe keine Flugangst, das nur am Rande) Und im Abheben merkte ich, wie ich mich von allem löste und dass die Kinder gut aufgehoben sind. Dann ist mir meine Tochter einmal im Alter von noch nicht vier Jahren auf einem riesigen Campingplatz unmittelbar nach der Ankunft richtig verloren gegangen. Wir haben sie sehr lange gesucht, der halbe Campingplatz war in Aufruhr. Und ich habe mir jede einzelne Möglichkeit der Katastrophe genau angesehen: Sumpf, Teich, Meer, jemand hat sie in seinen Wohnwagen gezerrt – und neben die Angst stellte sich im Flugzeug und auf dem Campingplatz ein anderes Gefühl: eben jenes, all‘ das Unerfüllte loslassen zu können. Weil ich muss.

  4. Heute früh ist hier in meiner Stadt ein Einfamilienhaus abgebrannt. Eine vierunddreißigjährige Mutter kam mit ihren ein, drei und fünf Jahre alten Kindern ums Leben. Der Vater hat sich mit einem Sprung aus dem Fenster retten können.

    Nun reibe ich mir gerade meinen Kommentar von gestern selbst unter die Nase.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s