nasenbluten


Heute sitze ich aus Selbstschutz (purer Vernunft) in der Bibliothek. Meine Autoaggression wird mit den Jahren – nunja – konkreter.

Morgens ist etwas sehr Dummes passiert, ich bin furchtbar wütend geworden und das Ganze ist mir dann entglitten. Ein wenig zu sehr, jetzt schwimmt mir der Kopf.

Ich werde den Auslöser nicht benennen, weil ich (mir selbst) nicht den Eindruck vermitteln möchte, mein Verhalten begründen zu können. Aber das ist auch ein Gesicht von mir und es geht mir besser damit, wenn ich es nicht verstecke. Wenn ich rausgehe, obwohl ich heute verquollen und hässlich bin; obwohl man mir die Wut und das Weinen ansieht, und vermutlich auch, dass mir die Nase weh tut. Wenn ich trotzdem hier sitze, zwischen Menschen, obwohl es mir nicht gelungen ist, Vergebung an mir selbst zu üben.

Vielleicht ist das auch ein Teil des Yoga. Genau zu spüren, was Gewalt bedeutet – Gewalt gegen mich, Selbstmitleid, Ohnmacht.

Es beginnt so harmlos, mit irgendeinem Missgeschick, irgendeiner Dummheit; oft hat sie mit Geld zu tun; dem Gefühl, alles verkehrt zu machen und zu einer Bürde zu werden. Und dann kommt das Gefühl, „es mir zeigen zu müssen“, mich zu strafen, auf den „rechten Weg zurück zu bringen“, die Kontrolle zurückzuerobern über mich und meine Tolpatschigkeit. Dann ein Schlag, und noch einer, und noch einer, und noch einer. Die seltsame Befriedigung, meine Dummheit als Konsequenz zu spüren. Austesten, wieviel ich austeilen und einstecken kann. Zu spüren, dass ich weh tun kann. Und wenn ich dann flenne wie ein kleines Mädchen, kommt der Punkt, wo es wirklich gefährlich wird. Da steckt ja auch Selbstmitleid drinnen, ein Opferverhalten. Schaut her, ich schlage mich, ich breche mir die Nase. Ich bin so arm, so klein. Und dafür … teil ich eben noch eine aus.

Es ist armselig und komisch, wenn eine erwachsene Frau morgens unter der Dusche steht und sich selbst schlägt. Und dabei, irgendwie sehr meditativ, dem Blut zusieht, das sich spiralig über dem Abfluss dreht.

Es ist armselig und nutzlos, in dem Augenblick und es scheint widersprüchlich, dass sich meine „Selbstverstümmelung“ so konkretisiert, also zu etwas Sichtbarem und Messbarem wird, je mehr ich auf dem Yoga-Weg vorangehe.

Ich schreibe hier darüber, weil ich euch das zeigen möchte, dieses Gesicht von mir. Weil ich den Widerspruch zeigen möchte, das Unlogische, das Lächerliche. Dass eine wie ich sich fast das Genick bricht, weil sie wortwörtlich mit dem Kopf durch die Wand will. Zumindest hat sie die Seelenruhe, sich selbst dabei zu beobachten. :)

Manchmal, wenn ich meine Texte lese, denke ich dass ich vielleicht den Eindruck erwecke, dass alles Licht und Liebe ist in mir. Das stimmt schon, auch. Aber ebenso ist da das entsetzlich Verrückte, das Rasende, jeder Vernunft Entbehrende. Und es muss da sein, und es will gesehen werden. Nicht von mitleidigen Augen, auch nicht von entsetzten, betroffenen, auch nicht vor schaudernden. Nicht von Augen die mir sagen, dass ich arm und wahnsinnig bin weil ich das mit mir mache.

Wenn ich gestern noch über die Auferstehung nachdenke und sie mir wünsche und sie jetzt angekrochen kommt, meine geballte Faust, dann ist das doch nur logisch. Weil sie sich sehnt nach dem Licht, nach mir, danach wieder dazuzugehören. Und ich mich danach sehne, sie zurückzugewinnen als meine Hand, nicht meinen Henker.

Deshalb, Erinnerung an mich: Gib acht, was du dir wünschst. Ganz besonders, wenn du den Weg nach oben beschreitest.

8 Antworten zu “nasenbluten

  1. Hallo Lily!
    Ich würde sagen, so verrückt ist es gar nicht, es ist, was es ist, es gehört zum Leben. Zumindest seh ich das so, nachdem ich selbst diesbezüglich meine Erfahrungen gemacht habe.

    Vielleicht ist nicht alles Licht und Liebe in dir, denn wo Licht ist, da ist auch Schatten und wo Liebe ist, da kann auch Hass sein. Aber ich lese jetzt schon eine Weile deine Texte und ich habe so das Gefühl, dass du das Potential hast, mit dieser Situation klar zu kommen.

    Jedenfalls wünsche ich dir das…
    Liebe Grüße mit Sonnenstrahlen für dich!
    Sunny

    PS: Ich hab da was für dich… Details gibts unter diesem Link:
    http://goldenesonne.wordpress.com/2009/02/26/lets-be-friends/

  2. Ich müsste lügen, wollte ich sagen, dass mich das nicht erschreckt. Aber sei es wie es sei: dich damit öffentlich zu entblößen ist nicht zufällig eine weitere Form der Selbstbestrafung? Und dann: wer weiß, was ich selbst so mit mir veranstalte, ohne mir dessen wirklich bewusst zu sein. Das Verdrängte, das hat so viele verschlungene Wege, sich selbst zu erhalten…

  3. Liebe Lily,

    meine selbstzerstörerischen Tendenzen, machen mir auch noch oft zu schaffen. Um so mehr ich mich darüber aufregte, um so schlimmer wurde es. Es ist gar nicht so einfach, aus dieser Selbsthassschleife rauszukommen!

    Ein Beispiel: zwei Stunden vor Jahreswechsel rutschte ich in meiner Diele aus und fiel mit dem Rücken in den großen Standspiegel. Auf dem Boden sitzend rieselten mir die Scherben durch das Oberteil. Außer ein paar Kratzern im Genick war mir nichts passiert. Ich bin mir also selber in den Rücken gefallen! Noch deutlicher geht es nicht.

    Ich versuche nun, mich und auch meine Selbstzerstörungaktionen anzunehmen.

    Heilung dauert eben manchmal länger.

    Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich durch das Outing meiner Selbstzerstörungsaktionen den ersten Heilungsschritt gegangen bin.

    Herzliche Grüße,

    Ulrike

  4. Wie schrecklich es sich anhört ist doch die Offenheit mit der du drüber reflektierst wieder so nüchtern und klar, daß es fast angenehm ist.
    lieben gruß
    elisabeth

  5. Grüss Gott Lily,

    Respekt! Sich selber eine blutige Nase zu hauen, das muss man erst fertig bringen. Ich habe die Angewohnheit, sowohl Worte die komisch klingen als auch Gesten die auf mich befremdend wirken, nachzuahmen. Nur so für mich um zu fühlen wie das ist.
    Mir will der Schlag ins eigene Gesicht so nicht gelingen.
    Schläge ins eigene Gesicht im übertragenen Sinne krieg ich eher hin. Oft unfreiwillig. Viele von uns bestrafen sich selber und merken es gar nicht. Der unabsichtliche Schnitt in den Finger und andere Unfälle sind zahlreich. Nur zwingen sie den Protagonisten nicht zum Nachdenken und der Wahrheit ins Auge zu schauen. Bei dir scheint das anders zu sein. Wie schon jemand vor mir sagte: Wo Licht und Liebe ist, MUSS auch Schatten sein.
    Dass du trotz verquollenem Gesicht raus gehst finde ich gut.
    Und wenn du das ohne Camouflage fertig bringst, finde ich das noch besser. Du bist ein starkes Mädchen und dass du deine Schwäche anschauen kannst, macht dich nur noch stärker.

    Liebe Grüsse//Erika

  6. Wieder mal haben mich eure Antworten auf Neues gebracht. Werde das Thema in den nächsten Tagen/Wochen wieder aufgreifen.

    Danke euch allen

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