ja, ich darf


Und noch eine Auferstehung:

Heute Morgen stand ich mit meinem Kaffee am Balkon bei Freunden in Wien und spürte plötzlich meine Ahnen hinter mir stehen; besonders meinen Großvater, der lange vor meiner Geburt starb; und eine stille Kraft rieselte aus den Generationen hinter mir in mein Herz; wie ein Segen der Freude und Leichtigkeit.

Mein ganzes Leben lang hat mich das Gefühl begleitet, dass ich eine glückliche Beziehung dauerhaft nicht führen dürfe, dass das für mich aus irgendeinem Grund nicht möglich sei; als läge eine Art Fluch auf mir.

In meiner eigenen Familienaufstellung vor wenigen Tagen hat sich dann herausgestellt, dass das ein Thema ist, das sich in den weiblichen Linien meiner Familien weit rückwärts durch die Jahrhunderte schlängelt. Liebe annehmen zu dürfen, sie zu fühlen und sich davon berühren zu lassen, war aus verschiedenen Gründen nicht möglich.

Mich hat das durch viele meiner Beziehungen hindurch überschattet wie ein Damoklesschwert, obwohl ich um viele dieser Familienschicksale nicht wusste.

Als ich ein halbes Jahr mit meinem jetzigen Freund zusammen war, kam plötzlich das Gefühl, das es jetzt bald vorbei sein müsste. Ich meinte zu ihm: „Ich habe Angst, dass wir schon viel zuviel des Glücks hatten und dass es jetzt bald vorbei sein muss.“

Und es wurde trotzdem immer schöner mit ihm.

Nach einem Jahr wuchs die Angst immer mehr; ich meinte zu ihm: „Jetzt sind wir uns noch näher gekommen, haben unsere ersten Krisen überwunden, sind noch glücklicher – jetzt muss es doch bald vorbei sein!“

Und dann ging es über ein Jahr so weiter und immer wieder ertappte ich mich dabei, angstvoll auf das vermeintliche Damoklesschwert über meinem Kopf zu blinzeln. Wieviele Male musste ich meinen Freund bitten, mir zu helfen, wieder in den Augenblick zu kommen. Besonders dann, wenn er mich mit  seinen leuchtenden, sanften Augen anblickte und ich mir allen Befürchtungen zum Trotz der Tatsache stellen musste, dass er immer noch nicht genug von mir hatte – und ich auch nicht von ihm. Mein erster Gedanke war of genug, dass ich doch jetzt endlich aufwachen müsse aus diesem Traum. Dass ich entliebt und ernüchtert endlich das erkennen sollte, was wahr ist.

Die Wahrheit schien mir das zu sein: Nicht-Liebe, Langeweile, sexuelle Frustration, Lethargie und Gefangenschaft. Diese Überzeugung war derart stark, dass mir absolut keine andere Destination der Reise möglich schien.

Und weil sich die „Wahrheit“ einfach nicht einstellen wollte, hab ich das Damoklesschwert selbst vom Faden geschnitten, um nicht mehr länger auf den Todesstoß warten zu müssen.

In dieser Wochen und Monate währenden Todesstunde hatte ich nicht nur die Gelegenheit, mich in mir selbst zu festigen, sondern auch, die Ordnung in meiner Ahnenreihe wiederherzustellen.

Und dann, nur ein paar Tage später, auf einem Balkon zu stehen und die Liebe leben und spüren zu dürfen  … nicht den Schicksalen in meiner Familie zum Trotz, sondern ihnen zu Ehren, das ändert alles für mich.

Nicht nur zu ahnen, sondern zu wissen, dass ich so viel Glück empfangen darf und – noch schöner! – im Andenken an meine Ahnen häufen will. Und irgendwie scheint es mir, als stünde hinter mir ein großer Haufen Seelen, die laut, sehr laut, jubeln und sich in die Arme fallen.

Mein Damoklesschwert, das hat sich in der Aufstellung übrigens mit einem breiten Grinsen und herzlichem Handschlag von meiner Darstellerin verabschiedet.

5 Antworten zu “ja, ich darf

  1. Hallo Lily!
    Das ist wirklich schön, ich freue mich für dich. Und dass du es so gut aufgeschrieben hast, ist auch sehr schön, denn so kann man es gut nachempfinden und teilst du deine Erfahrungen.

    Es mag vielleicht kitschig klingen, aber ich finde es wirklich wunderschön, wenn es jemand schafft, tatsächlich eine glückliche Liebe zu leben.

    Zum Stichwort Familienaufstellung: Ja, da kann sich einiges heraus kristallisieren, das einem vorher in der klaren Form nie bewusst war und das doch das Leben vorher massiv beeinflusst hat.

    Ich wünsche dir bedingungslose Liebe für alle Zeit!
    Viele liebe Grüße sendet dir Sunny

    • Danke euch beiden.

      Wir wollen sie alle, aber drüber zu sprechen ist kitschig. Oder so?

      Ich hab da ja lang so einen Bammel gehabt, dass ich mir das alles viell. nur einbilden könnte – eben wegen kitschiger Romanzen-Hirnwäsche … und dass es das was ich suche gar nicht gibt, und mir der Zuckerguss womöglich die Sicht verstellt.

      Was die Aufstellungen angeht – ich habe auch schon Negatives gehört, was aber häufiger mit den Leitern der Sitzungen zu tun haben scheint. Ich bin sehr dankbar, gleich in die Hände eines wirklich erdigen Menschen gekommen zu sein, der sehr sorgfältig und aufmerksam arbeitet.

      Wie meinte eine Frau nach einer Sitzung: „Es ist unglaublich heilsam. Aber Wegschauen geht danach halt wirklich nicht mehr.“

  2. Hallo Lily!
    Kitschig sagte ich nur deshalb, weil ich bereits mit Leuten zu tun hatte, die einen groß anstarren, wenn man die Worte „Liebe“ und „wunderschön“ von sich gibt, ohne sie im selben Moment mit „Kitsch“ in Verbindung zu bringen. Wir leben ja in einer etwas eigenartigen Gesellschaft, das, was wirklich Bedeutung hat, ist in vieler Leute Augen bloß „Kitsch“ oder „Schwachsinn“.

    Es ist schon bemerkenswert, dass ich ein paar Tage nach dem Lesen dieses Blogeintrags von dir, bei mir selbst festgestellt habe, dass ich keine Liebe annehmen kann… noch nicht…

    So gesehen, könnte ich mir auch vorstellen, dass das Wort „Kitschig“ von mir ein unterbewusster Ausdrück dafür war, dass ich die Liebe lieber als Kitsch abwerte, als zu akzeptieren, dass ich mir dabei schwer tu, sie anzunehmen.

    Jedenfalls glaube ich, dass dein Blogeintrag einer der Gründe war, warum ich mich mit dem Thema mal intensiver auseinenader gesetzt habe und auf das Problem aufmerksam geworden bin.
    DANKESCHÖN FÜR DEN BLOGEINTRAG =)

    Liebe Grüße mit vielen Sonnenstrahlen für dich!
    Sunny

    • Sunny,

      es freut mich wirklich sehr zu lesen, dass bei dir Dinge ins Rollen gekommen sind. Ich wünsche dir bei der Entdeckungsreise alles Gute (und vor allem Spaaaß!).

      Was du über den Kitsch schreibst kann ich gut nachvollziehen. Ich habe sowas Ähnliches mit dem Wort/Konzept von Gott. Wenn Menschen mit voller Inbrunst darüber sprechen, zum Beispiel wie ihr Leben durch ein Erwachen ins Göttliche hinein eine völlig neue Wendung genommen hat, verkriecht sich etwas in mir furchtbar peinlich berührt in die Ecke. Obwohl ich selbst ganz genau das Selbe erlebt habe…

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