wie wir im leben stehen, zeigt sich im stehen – auch auf dem kopf


Was mich am Yoga immer wieder fasziniert, ist die Möglichkeit, den eigenen Programmierungen auf die Schliche zu kommen und das ermächtigende Gefühl, sich als Regisseur, nicht als Spielball des eigenen Lebens zu erfahren.

Als ich als Austauschstudentin in Schweden gelebt habe, habe ich einige Freunde kennengelernt, die sich Nackenprobleme zugezogen haben, weil die Yogalehrerin in einem Uni-Kurs ihre ca. 30 Schüler (die vermutlich auch nicht mehr Yoga machten als dieses eine Mal pro Woche) an der Wand in den Kopfstand springen ließ.

Der Kopfstand gehört zu den verlockendsten, weil optisch spektakulären und trotzdem scheinbar einfachen Yoga-Haltungen. Es gelingt fast jedem, sich mit Hilfe einer Wand mehr oder weniger koordiniert nach oben zu wuchten (ja natürlich bin auch ich der Versuchung erlegen). Was Schultern, Arme, Bauch, Hüften und Beine nicht an Kraft, Stabilität und Beweglichkeit mitbringen, gleicht einfach die Wand aus, und eben auch die Halswirbelsäule.

Diese Berichte kamen für mich grade zur rechten Zeit, als ich selbst gerade anfing, an dieser Haltung zu arbeiten, und mich ihr spektakuläres Aussehen zu blenden drohte. Also hab ich beschlossen, nicht den Umweg zu nehmen, sondern den Kopfstand in der Mitte des Raumes zu üben und mich Schritt für Schritt hinein zu tasten, statt die Wand hoch zu hüpfen. Die Reise dauert schon gute 1 1/2 Jahre.

~*~

Wie keine andere Haltung – er wird auch als König der Asanas bezeichnet – bringt mich der Kopfstand mit verkörperten Programmen und Einstellungen in Berührung. Ein kleiner Auszug, was ich auf dieser Reise so alles lernen durfte:

Wie gehe ich mit Gefahr und Herausforderung um? Ich beobachte mich an der Schwelle zum Abheben, die Zehen berühren grade noch den Boden, gleich beginnt der Drahtseilakt. Kann ich wachsam bleiben? Bleibe ich aus Angst am Boden kleben? Oder macht mich die Furcht ungeduldig, so dass ich die Flucht nach oben antrete, einfach losspringe?

Mein Muster ist es, in einer herausfordernden Situation zu schnell zu handeln und ein wenig Kopf-los zu werden, was doch recht unpraktisch ist, wenn man versucht darauf  zu stehen.

Kann ich fallen? Ich kann nichts Schwieriges beginnen, wenn ich Rückschläge nicht einplane und lerne, sie zu meinem Vorteil zu nutzen. Wenn ich etwas Neues lerne, muss ich nicht nur erfahren wie es geht, sondern auch beobachten, wie es nicht funktioniert. Aus dem Kopfstand zu fallen bringt die Lernerfahrung, auch in der  Stresssituation die Aufmerksamkeit nicht wegzuschleudern, sondern den Sturz zu beobachten und im (Körper-)Gedächtnis gut abzuspeichern. Wenn ich ein paar Mal gefallen bin und mich von der Enttäuschung oder Frustration gelöst habe, bringt mich das wieder zurück in den Zustand des puren Lernens, wo es keine Fehlschläge gibt, sondern nur Neugierde. Iyengar sagt: Wenn du etwas Neues lernst, lerne zuerst, genau zu beobachten.

Wenn ich über mich selbst hinaus wachsen und meine Welt auf den Kopf stellen möchte, muss ich mir das gelegentliche Scheitern gönnen – Scham darüber kann mich nur hindern. Die Anmut des Seiltänzers, oder des genialen Musikers, oder des beseelten Schriftstellers, ist nicht zuletzt belebt von der Erinnerung an die hundert Stürze, Kiekser, verworfenen Manuskripte, und die Freude darüber, jeden einzelnen dieser „Fehlschläge“ als Wegweiser genützt zu haben.

Kann ich den scheinbar längeren Weg gehen? Die sicherste Methode, um in den Kopfstand zu kommen, ist, jegliche ruckartige Bewegung zu verhindern, die die gute Ausrichtung der Halswirbelsäule aus dem Lot bringen könnte. Es wird empfohlen, solange an der Ausrichtung der Unterarm-Schulter-Hüft-Achse zu arbeiten, bis die Füße gemeinsam in einer fließenden Bewegung und von selbst vom Boden abheben. Das schien bei mir einfach nicht zu funktionieren, meine Zehen blieben am Boden kleben, von Leichtigkeit oder dem Gefühl des Abhebens keine Spur.

Etwa ein Jahr später war ich in einer Vorbereitungshaltung damit beschäftigt, die maximale Weite und Fülle meines Brustkorbs und Schultergürtels herzustellen und Stabilität in die Auflage der Unterarme zu bringen, als meine Füße urplötzlich ganz leicht wurden und ich mich in einem halben Kopfstand wiederfand. Ich musste vor Überraschung laut lachen, so dass ich erst wieder umfiel, aber, immerhin, ich war abgehoben wie ein vom Wind hochgewehtes Blatt.

Weil meine Basisauflage fest war, wurde der Rest ganz leicht. Weil ich nach unten gearbeitet hatte, kam ich nach oben.

Gelegentlich führen die Wege scheinbar weit weg von dem, was ich ursprünglich zum Ziel hatte. Statt hinauf in den Kopfstand vielleicht zu Schulteröffnern. Oder Bauchstärkern. Oder zur Yoga-Philosophie. Oder Menschen, die mir helfen, die feinstoffliche Vernetzung meiner Körperstruktur besser zu verstehen und zu nutzen. Vielleicht muss ich auch einfach nur die Zeit für mich arbeiten lassen.

Die Yogis nennen das tapas. Das Wort kann mit Feuer, Eifer oder Antrieb übersetzt werden. Es ist das Prinzip, das alle unsere Vorhaben am Leben erhält. Es ist die Beständigkeit, mit dem der Mensch dem Leben jeden Tag ein bisschen mehr Platz in sich freischaufelt.

~*~

Vor allem tanke ich auf dieser Reise aber Vertrauen. Zum Beispiel, dass das, was mir so wundersam und unmöglich erschien, auch mir passieren kann.

Dass auch meine Füße eines Tages ganz leicht werden und sich meine Welt mit (beinahe) müheloser Leichtigkeit auf den Kopf stellt.

Ist euch Ähnliches passiert? Ist ein Wunder geschehen, an das ihr fast nicht mehr geglaubt habt? Hat euer Einsatz Früchte getragen, die saftiger und größer waren, als ihr es euch zu träumen gewagt habt? Habt ihr das beglückende Gefühl der Leichtigkeit und Stärke genießen dürfen, das nur ein selbst errungener Sieg mit sich bringen kann?

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