kräftemessen


Sati hat einen Kommentar hinterlassen, ein Ausschnitt:

Deinen Post zum Thema Selbst-Bestrafung werde ich vermutlich die nächsten Jahrzehnte nicht mehr vergessen – er war sehr beeindruckend. Danke für deine Offenheit. Beim Lesen schwankte ich zwischen höchstem Erstaunen und Lachen über unser aller “Ver-rücktheiten” als Mensch .
Seitdem habe ich manches Mal gedacht, wie wir wohl aussähen, wenn wir alle unsere Selbstbestrafungs-Mechanismen weniger subtil und dafür so radikal und sichtbar wie du kürzlich ausleben würden. Das sieht dann etwa so aus wie in einem Asterix-Comic kurz nach der Schlacht …

Asterix war einer meiner Lieblingscomics und meine Pflichtlektüre in allen Sommerferien in Frankreich. Nichts hat mir soviel Freude bereitet, wie Obelix, der auszog um die Römer aus ihren Sandalen zu hauen.

Eine anderer Begleiter durch meine Kindheit waren wiederkehrende Alpträume in denen ich von Schulkameraden angegriffen wurde, und meine plötzlich zu Pudding schmelzenden Oberarme nur zu einer einzigen, laschen Ohrfeige fähig waren, für deren Erbärmlichkeit ich mich schämte (und auch ausgelacht wurde).

Ihr könnt euch also meine Befriedigung vorstellen, als ich vor zwei Jahren meine Schultern und dieses erstaunliche Bizeps-Paar im Spiegel sah und mir dachte: also, jetzt könnt ich einen zusammendreschen der mir blöd kommt! Jetzt könnt ich mich wehren! (Warum gelten eigentlich muskulöse Arme bei Frauen nicht als Schönheitsmerkmal? *rhetorische Frage* Dass eine ihr Revier verteidigen kann, ist wohl nicht so heiß.)

Nun, ich hatte immer schon das Gefühl, meinem Zorn auf die passiv-aggressive Weise – durch Worte oder Verweigerung – nicht wirklich Ausdruck verleihen zu können. Ich wollte spüren, dass auch ich stark bin, vielleicht sogar einmal stärker als ein Anderer, eine Andere. Aber … für Mädchen gibt es da herzlich wenig Möglichkeiten. Wenigstens das Rangeln und Raufen mit meinem jüngeren Bruder hat mir aber gut getan. Obwohl ich ihm das Büschel Haare, das er mir mal ausgerissen hat, immer noch nachtrage. Egal, er spürt meinen Biss in seine rechte Pobacke auch noch immer. Wir haben uns in geschwisterlicher Liebe gelegentlich eine übergebraten, bis dann irgendwann ein Punkt kam, in dem ihm sehr klar wurde, dass ich ein Mädchen bin, und man mit Mädchen nicht rauft. Schade.

Der Junge in mir ist also bis heute verunsichert, ob er stark genug ist, ob er sein Revier verteidigen könnte, ob seine Oberarme ihm nicht doch wieder zu Pudding zerfallen. Dieser Kleine ist es auch, der eine ungemeine Freude dabei hat, das Muskelspiel meines Körpers zu betrachten und sich zu denken: Ja! Ich bin stark! Er beneidet die Männer da draußen, die sich spielerisch raufen durften. Er beneidet sogar Hunde, denen man erlaubt, sich knurrend um einen Stock oder Knochen zu streiten.

Es geht mir weniger darum, meine Wut an jemandem auszulassen oder Schmerzen zuzufügen; das unterscheidet mich wohl vom Schläger. Ich habe in meinem Leben keinen Kampf angezettelt, sondern eigentlich immer gewartet (fast schon gehofft!) dass es zu einer Situation kommt, in der ich meine Kräfte messen kann. Um Gewissheit darüber zu haben, ob ich mich abgrenzen, ob ich mich wehren kann. Ob ich stark genug bin.

Vielleicht ist das ein weiterer Aspekt dieser ganzen Geschichte – vielleicht mache ich mich aus Ermangelung eines echten Gegners selbst zum Gegenüber.

Vielleicht ist das auch ein Grund, warum ich mich blutig geschlagen habe – ich habe meine eigene Stärke unterschätzt.

Mein Homöopath meinte mal, das hätte er noch nie gehört, dass eine junge Frau sich gerne raufen und schlagen würde (wahrscheinlich, weil ich nach außen hin nicht wirke wie eine, die sich nach einem fairen Kampf sehnt). Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, so ein Einzelfall zu sein.

Jeder Mensch will sich stark fühlen. Oder zumindest die Grenzen seiner Kräfte kennen.

4 Antworten zu “kräftemessen

  1. „Männer sind bereit, von einem anderen oder vom Himmel selbst, vorausgesetzt, daß, wenn es zu Worten kommt, sie uneberührt bleiben.“ (Giacomo Leopardi Peniseri)
    Kenne ich gut aus meinen jungen und ungestümen Jahren – dieser Wunsch, über die eigenen Kärfte zu wissen.
    Habe einige Male gnadenlos zugeschlagen – körperlich und sehr kraftvoll.
    Erheblich öfter Form von Worten – das ist den Frauen so mitgegeben. Und kann ebenso schmerzhaft und verletzend sein wie ein Faustschlag.
    Interessant, daß ich gerade heute morgen dieses Zitat fand und mir herausgeschrieben habe. Kann das so bestätigen für viele Männer, die ich traf und denen nichts anderes übrigblieb als zu kapitulieren vor der (zerschlagenden) Kraft des (meines) Wortes …. Manche haben versucht, mir diese Kraft physisch wegzuprügeln – auch das hat nicht geklappt.
    Dieses Wissenwollen um die eigene Kraft kenne ich nur zu gut – in den zahlreichen Praxistests hat es in der Tat viele verletzte gegeben.
    Heute weiß ich: Wenn nötig, werde ich sofort zum Tier und alles Andere schaltet sich ab – aber ich bin auch froh, daß es nur selten nötig ist.
    Es gibt so viele Arten und Formen von Kraft ….
    Sati

  2. Was für ein schöner Tippfehler, besonders auch beim Namen des Zitierten….. es muß so lauten:
    “Männer sind bereit,
    ALLES ZU ERLEIDEN,
    von einem anderen
    oder vom Himmel selbst,
    vorausgesetzt,
    daß,
    wenn es zu Worten kommt,
    sie unberührt bleiben.”
    (Giacomo Leopardi Pensieri)
    (so wird aus dem „Penis…“ dann doch wieder ein kultivierter Gedanke = Pensieri ….)
    Sorry ….

  3. Liebe lily,

    Frauen können von mir aus schöne starke Oberarme haben. Wenn ich Bilder afrikanischer Frauen sehe, die die Männer mit ihrer Feldarbeit ernähren, dann sind die bestimmt jemanden hier in Europa an Kraft überlegen, und sie sehen hübsch dabei aus…LG Rainer

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