Intimität, authentisches Sein und Yoga


Üblicherweise wird Intimität mit zwischenmenschlicher Nähe assoziiert und äußert sich zum Beispiel im Gefühl, sich einem anderen ganz gezeigt zu haben und dabei angenommen worden zu sein. Paradoxerweise hängt das Maß der Fülle und Intimität, die Menschen in Beziehungen aller Art erleben können, wesentlich von ihrer Fähigkeit ab, bei sich zu bleiben und ihren Selbstwert hauptsächlich aus ihrem Inneren zu beziehen. Der Grad der Intimität mit anderen ist ein direkter Spiegel der Fähigkeit zur Intimität mit sich selbst, also zur Authentizität.

Mit sich selbst intim zu werden bringt einem Menschen alle Vor- und Nachteile einer innigen Beziehung.

Der offensichtlichste „Nachteil“ ist, dass es keine Ausreden mehr gibt, sobald ein Mensch sein eigenes Herz berührt und erkannt hat. In der Intimität mit sich selbst muss er vielleicht erkennen, dass er sich mit derselben Grobheit und Fahrlässigkeit behandelt hat, die er anderen vorwarf. Intimität mit sich selbst führt zur Entscheidung, ob die erkannte Wahrheit authentisch gelebt wird (was unweigerlich Geburtswehen und Destabilisierung nach sich zieht), oder ob sie unter großen Mühen wieder eingebuddelt wird und der Vulkan schlussendlich auf heftigere und nicht selbst gewählte Weise ausbricht. Der Nachteil der Intimität mit sich selbst liegt klar auf der Hand und wird im Märchen vom König Blaubart wunderbar veranschaulicht. Die Frau des Königs wird von den „Leichen im Keller“ natürlich magisch angezogen. Was sie schließlich findet? Teile ihrer selbst, zerstückelt und abgespalten – solche Entdeckungen sind die Nebenwirkung der Intimität. Ihnen folgt die Rache des Blaubart auf dem Fuße; in der wirklichen Welt äußert sich das als dunkle Nacht der Seele, in der der Mensch das Gefühl hat, sterben zu müssen. In Wirklichkeit kämpft Blaubarts Ego (mit tausenden Argumenten) gegen die reine Wahrheit des Herzens die nicht viel mehr vorzuweisen hat als: „Es ist dunkel, es scheint scheußlich, aber das ist der Weg. Aber weshalb und wozu – DAS weiß ich nicht.“

Yoga und andere ganzheitliche Lebensphilosophien sind darauf ausgerichtet, jedem Menschen Werkzeuge in die Hand zu geben, die eigene Lebensaufgabe mit Anmut und Stärke zu erfüllen. Sie lehren nichts anderes, als mit sich selbst intim und hingebungsvoll zu werden. Diese Methoden bieten jenen Orientierung und Hoffnung, die sich von der schmerzlichen Ehrlichkeit, die die Intimität mit sich bringt, entmutigt fühlen – also allen Menschen in allen Lebensphasen und –umständen, und überall auf der Erde. Im Grunde begeben sich Menschen auf einen Yoga-Weg, weil sie sich, manchmal ohne es zu wissen, nach mehr Authentizität und Innigkeit in ihrem Leben und ihren Beziehungen sehnen. Yoga ist universell, denn es basiert auf einem universellen Bedürfnis.

Yoga schult Fähigkeiten, die jeden Menschen mit sichererem Tritt und mehr Zuversicht zu den köstlichen Vorteilen seiner ur-eigenen Intimität führen. Sie ist das, was menschlicher, stärker, freier und liebender macht. Nur sie vermag zu erlösen, zu beleben und zu verwandeln. Je stärker die Authentizität, desto stärker die Achtung des Menschen vor sich selbst. Desto stärker sein Mitgefühl. Desto größer die Kraft, der Welt seine einzigartigen Geschenke zu bringen. Es wächst die Begabung, sich authentisch zu zeigen und sich auf den Grund blicken zu lassen. Es kann wahrhaftige Intimität mit anderen aufgebaut werden. Der Vorteil der Intimität lautet: es gibt keine Ausreden mehr, kein Versteckspielen vor sich selbst. Sie ist der Nährboden der Liebe.

5 Antworten zu “Intimität, authentisches Sein und Yoga

  1. Ich finde das sehr schön geschrieben, Frage? meinst Du mit Intimität, mehr Ehrlichkeit mit sich selber? Und durch die Ehrlichkeit mit sich selber, mehr Eigenliebe?
    Liebe Grüsse zentao

  2. Pingback: Intimität, authentisches Sein und Yoga·

  3. Hallo zentao,

    ja, das meine ich! Intimität kann geschehen, wenn ich meinen Mut zusammen nehme und zeige, wer und was ich bin. Ich finde es zum Beispiel immer berührend, wenn mir jemand seine vermeintlich schwache Stelle zeigt, eine Angst vielleicht, eine Einbildung, oder eine Schwierigkeit. So etwas inspiriert mich, der Ehrlichkeit eines anderen mit offenen Händen zu antworten, und daraus entstehen dann innige, freundschaftliche Momente.

    Wir behandeln uns selbst ja oft genauso, wie schlägernde Ehemänner – also wie König Blaubart. Würden wir unsere Freunde so behandeln wie uns selbst, hätten wir keine. Ehrlichkeit mit sich selbst ist der erste Schritt, aber daraus erwächst noch keine Intimität. Die kommt, wenn wir die eigenen „Defekte“ ebenso liebevoll auffangen, wie wir es bei Freunden tun würden. Intimität entsteht auch dann, wenn ich stark und gefestigt genug bin, einer schmerzlichen Enthüllung in mir mit Liebe und Hoffnung entgegen zu treten.

    Ich finde es zum Beispiel wohltuend, wenn mich ein Freund, eine Freundin, in dem Moment halten und mögen kann, in dem ich mich grade nicht ertrage. Genau das kann ich lernen, mir selbst zu geben, meine Freunde sind die Vormacher. Wenn ich lerne, mich mit derselben Liebe und Akzeptanz zu halten und anzusehen, basiert mein Wissen, dass ich in Ordnung bin, nicht mehr auf der Meinung von außen, sondern es ist meine Erfahrung geworden.

  4. Hallo Lilly,

    der Zufall hat mich in deinen Blog geschwemmt und ich muss sagen: der Text und die Gedanken, die ich hier finde, gefällt bzw. gefallen mir außerordentlich gut. Werde also zukünftig nicht auf Herrn Zufall warten und öfter reinlesen.

    Liebe Grüße aus München

    Lizzy

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