„Guter Schmerz“ oder „Sinnlose Qual“


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Vor Jahren, ich war 16 (oder 17?), verließ mich mein erster Freund. Ich traf mich danach mit einer Freundin im Park und sie brachte noch jemanden mit. Dieser junge Mann blinzelte mich spitzbübisch an und sagte: Ist das nicht toll, wie weh das tut? Wie man das Leben spürt? Wie alles aufbricht?

Tatsächlich war mir in diesem Augenblick, als hätte er mich an etwas erinnert – an etwas, das Hoffnung und Lebendigkeit versprach. Diese vage Erinnerung, der ich noch keinen Namen geben konnte, sagte mir vor allen Dingen, dass mein Schmerz der Anfang einer wunderbaren Geschichte sein konnte.

Die großen und kleinen Ausnahmestände in Körper und Seele sind das Schleifmittel, das unserem inneren Rohdiamant zu strahlendem Glanz verhelfen kann. Wenn es dunkel wird, besteht die Chance, das eigene Licht zu finden und zu entzünden – vorausgesetzt, es besteht aufrichtige Sehnsucht danach.

Viele Lebens-Schulen wollen uns näher bringen, dass Schmerz – der sich z.B. als Einsamkeit, Eifersucht, Zorn oder Neid äußert – eine Illusion ist. Meine Erfahrung ist, dass diese Betrachtungsweise zwar zutrifft, aber nur weiterhelfen kann, wenn die Realität des Leidens hier und jetzt als wahr angenommen wird. Ebenfalls aus Erfahrung weiß ich, wie schwer es ist, hinzusehen statt fernzusehen, hinzuhören statt taub zu werden, und Begrenzung, Ratlosigkeit und Ohnmacht zu erfahren, ohne vorübergehend den Verstand zu verlieren.

Als Menschen leben wir „zwischen Himmel und Erde“, wie B.K.S. Iyengar es ausdrückt. Manche behaupten, dass eine der Lernaufgaben, die wir uns gestellt haben, die Überwindung der illusorischen Trennung aus eigener Kraft ist. Wir brauchen den Zweifel, um Sicherheit aus uns selbst schöpfen zu lernen. Wir brauchen die  Illusion der Angst, um unser Vertrauen ins Leben aus eigener Kraft aufzubauen. Nur dann (nur dann!) wird es uns nie wieder genommen werden können.

Vertrauen heißt, zunächst nicht zu wissen, ob der Schmerz, den wir durchschreiten, ein guter oder ein sinnloser ist – und trotzdem zu gehen. Wenn wir als Hobbits unseren Schicksalsberg erklimmen, können wir die Stimme der Leser nicht hören, die rufen: „Jetzt raunz‘ nicht so, geh weiter, es wird doch sowieso alles gut!“ Aber es ist das Unwissen, das unseren Weg ja so außerordentlich schön macht.

Ich habe gehört, dass Engel große Achtung zeigen für die Spezies Mensch, die sich entschließt, für ein Erdenleben lang freiwillig zu vergessen und ihre unglaubliche Stärke durch die Illusion der Trennung zu entwickeln. Dabei geht sie das Risiko ein, sich vollständig im Nebel zu verlieren und den Weg zurück in die Einheit nicht mehr zu finden (oder nicht finden zu wollen).

Warum Menschen sich dazu entschließen, auf diese Weise zu lernen, weiß ich nicht genau. Offensichtlich ist aber, dass es aus Liebe und Mut geschieht, und dass jeder Schritt, den Menschen unternehmen, um den Schleier zu lüften, ein Akt von überwältigender Schönheit und Kraft ist. Das Besondere an dieser Stärke ist, dass sie vollkommen aus sich selbst gespeist ist.

Vertrauen heißt nicht, zu springen, wenn wir das Netz da unten noch sehen können. Vertrauen heißt nicht zu sagen: „Ich mache mal ein bisschen auf (aber eigentlich bin ich doch schon so oft verletzt und enttäuscht worden) und dann hoffe ich mal, dass mir das Leben entgegen kommt und mein ganzes Lebensglück durch diesen klitzekleinen Spalt in mich hineingewummert kommt.“ Vertrauen heißt nicht, schwimmen zu lernen, indem wir am Ufer sitzen. Wir müssen selbst herausfinden, dass das Wasser uns liebend gerne trägt, und dass wir stark genug sind, einen Sturm zu überstehen. (Kennt ihr Haders Lied über die Topfpflanzen? Nur so am Rande…) Schmerz kann zu unserem besten Verbündeten in diesem Tanz werden, genauso wie der Tod ein wunderbarer Freund ist, der ständig das wirklich Wichtige in unserem Leben mit Leuchtstift herausstreicht, wenn wir uns verzetteln. Tod und Schmerz sind nur sinnlos, wenn wir ihnen nicht die Hand reichen.

Wenn wir uns von Herzen dazu entschließen, wahrhaftig glücklich zu sein, müssen wir damit rechnen, dass das Leben antwortet. Es wird uns lehren, unser Glück in uns zu suchen, wo es auch nicht mehr verloren gehen kann.

Als Wesen, die zwischen Himmel und Erde leben, lernen wir gleichermaßen durch die irdische Illusion der Trennung (die Schmerzen verursacht) und die kosmische Wahrheit der Verbundenheit (die Freude bringt). Wir können uns jederzeit entschließen, auch im Schmerz durch Freude zu lernen – indem wir das Beste in uns nach Außen kehren und uns selbst zu Freunden werden. Es wird von Mal zu Mal besser gelingen, weil wir sehen, dass Schmerz und Freude – zumindest auf dieser Erde – zwei Seiten derselben Medaille sind.

Die Erfahrung von Schmerz bringt eine neue Wahrnehmung des inneren Raumes, vergleichbar mit dem Eindruck, während eines schlimmen Muskelkaters Körperstellen zu spüren, von denen man nicht wusste, dass sie existieren. Der Muskelkater ist geistig recht einfach zu handhaben: wir wissen, dass wir unseren Körper auf eine ihm ungewohnte Weise bewegt und seine natürliche Grenze auf recht abrupte Weise überschritten haben, so dass er beleidigt reagiert. Wenn seelischer Schmerz auftaucht, verhält es sich ganz ähnlich. Er ist ein Hinweis auf etwas, das uns nicht mehr entspricht, außer dass es sich dabei nicht so sehr um Äußerlichkeiten, sondern unsere Handlungs- und Denkmuster handelt. Der Schmerz wird so lange sinnlos bleiben, wie wir ihn als fremdverursacht betrachten.

Allerdings muss Schmerz nicht geistig verstanden werden, damit er sich verwandeln kann – das ist die gute Nachricht. Vielmehr möchte er begriffen, umarmt werden. Trotzdem ist es in Ordnung und sogar nötig, viele Anläufe, um mit Schmerzen fertig zu werden, mit Erklärungsversuchen zu beginnen. Der Vorteil dieser Vorgehensweise kann sein, dass mit dem Gefühl, etwas verstanden zu haben, Entspannung ins Hirn kommt. So ist Platz für Heilung.

Eine sehr gute Frage, um sich selbst zu helfen, lautet:

„Was müsste ich aufgeben, wenn ich mich von diesem Schmerz (dieser Wut, dieser Eifersucht, diesem Neid, diesem Hass, … ) verabschieden würde?“

Meist ist der Hintergrund des Leidens die Annahme, Opfer zu sein. Ein Opfer unserer Kindheit oder Erziehung, unserer Beziehungen, unserer Umwelt, unserer wirtschaftlichen Situation. Dieser Glaube ist beruhigend, denn er hält uns von der beängstigenden Aufgabe fern, in die eigene Kraft zu kommen. Der Schmerz aber wird sinnlos bleiben, solange wir daran glauben, dass er nichts mit uns zu tun hat.

David Schnarch schreibt in seinem fantastischen Buch Resurrecting Sex über das, was den Menschen menschlich macht:

„One of humankind’s most outstanding characteristics is our remarkable emotional resilience. Infants are not as helpless as we imagined – and neither are adults. Children obviously seek soothing from their parents, but just as parental neglect stunts children’s development, so does constant comfort and reassurance. Frustration, uncertainty, and anxiety are necessary during infancy, because they start developing our capacity to self-soothe.

The hallmark of being human is not dependence or fears of abandonment. It is our indomitable urge to chart our own lives, to persevere through difficult times and keep going. The basis of human resilience is not mule-like stubbornness but, rather, self-soothing.“

Im Yin-Yoga geht es genau darum, im aufrührerischen Schmerz das Elixier der Linderung zu finden. In einer intensiven Hüft-Öffner Einheit (5 Minuten Haltezeit pro Gelenkübung, arghs!) meinte meine Lehrerin: solange ihr euch dem Schmerz nicht stellt, wird er stark, beißend und stechend auf seinem Standpunkt beharren. Sobald ihr aber vollkommen darin versinkt, werdet ihr bemerken, wie er anfängt, zu pulsieren, zu wandern, sich zu beleben. Ihr müsst lernen, euch mit ihm zu verbünden.

Ich dachte nur: Lady, du spinnst!

Aber ich hab’s probiert. Und tatsächlich – irgendwann bin ich eingesunken und das klemmende Gefühl in meiner Hüfte begann sich zu verändern. Das Ergebnis war ein Hochgefühl, ein Wonnegefühl wie ich es selten erlebt habe – weil ich erkannte, dass mein Leiden ausschließlich von meiner Ausrichtung abhängt. Ich war bis unter die Haarwurzeln erfüllt von Liebe und Dankbarkeit für das Geschenk der Selbstbestimmung, das wir uns als Menschen jederzeit geben können.

Nur ein halb gesehener Schmerz bleibt ein Jammertal. Ein begriffener Schmerz aber führt ins Leben, in die eigene Kraft.

Und davon wünsche ich all jenen Lesern, die dieses Thema so fleißig angeklickt haben – von Herzen! – richtig, richtig viel. Ich danke euch – das hier zu schreiben war auch mir wieder eine gute Erinnerung an alles, was wirklich zählt.

5 Antworten zu “„Guter Schmerz“ oder „Sinnlose Qual“

  1. Ein sehr schöner und differenziert-klarer Bericht voll Herz und Verstand. Lediglich an einer Stelle musste ich ziemlich stutzen:

    „Ich habe gehört, dass Engel große Achtung zeigen …

    ähhhmmm … wo „hört“ man was von oder über Engel – bzw. als Rückfrage zur Klarheit: du nimmst die Existenz von Engeln als Tatsache an?

    • Hihi … genau dazu hatte ich noch einen Absatz geschrieben, den ich dann der Länge wegen gestrichen habe. Da ging’s drum, dass ich klar stellen wollte, dass ICH mich noch nie mit einem Engel im tête-à-tête unterhalten habe, auch wenn ich schon den ein oder anderen als Begleiter wahrgenommen oder auch irgendwo hin gesandt habe. Ein richtiges Gespräch mit einem zu führen, das kam mir noch nie in den Sinn – warum, weiß ich nicht, aber du hast mich auf jeden Fall auf eine Idee gebracht :)

      Das heißt, was ich geschrieben habe, habe ich tatsächlich irgendwo gehört/gelesen (wo, weiß ich nicht mehr), aber es leuchtete mir ein und ist mir im Sinn geblieben. Es ist eine Art die Welt zu betrachten, und eine bestärkende noch dazu, wie ich finde.

      Ich denke, von oder über Engel hörst und liest du, sobald du dich dafür interessierst. Oder wenn es für deine eigene Entwicklung bedeutsam wird. Ich wüsste nicht, warum sich ein Engel nicht mit jemandem unterhalten sollte, besondere Fähigkeiten braucht’s denke ich keine.

      Ob ich die Existenz von Engeln als Tatsache annehme? Das ist eine interessante Frage. Wenn ich mich selbst so lese, würde ich sagen – Ja. Oder besser, ich merke, dass sie da sind, aber Argumente hab ich keine dafür (noch nie eine Stimme gehört, kein Flügelrauschen gespürt, keine himmlischen Chöre vernommen). Und ich weiß nicht ob das die Sache jetzt klarer macht … :)

      Liebe Grüße

  2. „Tod und Schmerz sind nur sinnlos, wenn wir ihnen nicht die Hand reichen.“ Dem stimme ich bedenkenlos zu. Der Text ist mir ein Schlüssel, obwohl ich dies‘ Thema nicht gewählt habe.

  3. Sorry for writing in English, I read your blog, Lily, through an internet translation because my German don’t suffice (yet). The translation was good enough to make clear Lizzy’s comment, so I thought I’d share my view on that, if I may…

    Regarding angels, well, perhaps it all depends on how you define life (and consciousness) in general. We humans are alive, there’s no point arguing about that – although again that depends on how we define life. So, we are alive and with five senses that allow/prohibit us to perceive this world in its grandeur. If God (or however you call him/her/it) is omnipresent – a notion in which all major religions which actually have a God agree – then his/her/it consciousness is also omnipresent, hence everything is alive and imbued with God. Therefore angels, devas, or any beings of light could be perceived as ‚concrete‘ manifestations of God’s omnipresent will, taking form or formlessness depending on the necessity of the moment. Beings we can experience when we open up to God or the spirit in general, since that awakens more senses.

    Personally, I don’t believe that angels with feathers and halos etc. exist; this is just a way human perception tries to visualize something that is beyond the five senses. Within this infinite universe there seem to be much more than our imagination can grasp fully, parallel or entangled evolution paths we can’t discern, only grasp their scent or feel their light touch. For me, beings as such which guard the divine plan and are its messengers I can easily call ‚angels‘. I think that’s the meaning also of the original word in Greek: the one which brings news, a messenger.

    Sorry if I stirred away from the subject of „Good pain“ or „Pointless suffering“ (that’s how google translates it), but the main text allows me – as usual – only to get glimpses of Lily’s beautiful words and not comment thoroughly…

    With love,
    Grace

    • Thank you for your kind words and your thoughts on angels. I agree with you although, as I wrote before, I don’t remember ever „seeing“ one. At the same time, I guess I have always taken their presence as a matter of fact.

      I remember once I was in our summer house in France, I must have been 12 or 13 years old. My grandmother had fallen down the stairs and broken her pelvis, and the whole family was organizing the trip to the hospital, who would stay with her etc. etc. There was a huge cloud of worry around our heads, since health care in France can be a bit tricky. My grandmother was at that point 90 years old, and we didn’t want her to spend a night on a hospital corridor waiting for a treatment.

      I went behind the house, and (as if I had done that before) I started to call angels – many. I called my grandmother’s angels, my family’s angels, I called angels to go to that hospital, and arrange everything for her. I think there must have been 20 or 25 in front of me and I asked them for help and sent them around. I didn’t tell anyone about what had happened, mainly because I didn’t want to create expectations. Then my mother called from the hospital and said it was amazing, my grandmother had been given a room right when she arrived (which seemed like a miracle already), the doctors and nurses were incredibly nice and helpful, and within two hours she had been scanned and screened and treated, and now she happily snoozed in a room with a view on a park.

      Later on, I filled my mother in and told her I had asked angels for help. She smiled and said she had started to wonder what was going on because it all went SO well :)

      For me this was a wonderful experience, affirming my feeling that we don’t need ’special skills‘ to communicate with the divine, because we’re part of it already (easy to say, but what it means, omg omg omg…). The only thing needed is to ask with childlike purity and the honest wish to make the world a better place. Everything will be added.

      I have stated several times that I was not born with any so-called spiritual abilities (can’t „hear“ stuff, am not clear-voyant, etc. etc.) eccept trust, and actually, that’s ALL I need :) Living in a world where ’spiritual‘ is usually confused with ’special effects‘, this was a very important fact to understand and experience, so I could build trust in me and help others do the same. Those angels did not only help my granny, but me as well.

      You see – I have stirred away fromt the subject as well, but … ah… that’s ME! :)

      Thanks again and Namasté!

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