In der Einsiedelei


Die Einsiedelei

Das 10. Haus, aus dem Göttinnenzyklus von Ulla Janaschek und Cambra Maria Skadé

Ich schraube mich immer tiefer hinunter in das Wesen und den Sinn meiner Krise. Allerdings – das mit dem „Schrauben“ könnte sich ja so anhören, als ob ich bohrte und wahnsinnig viel tue, dabei hat es mit einer immer größer werdenden Bereitschaft zu Präsenz und Gewahrsein zu tun. Kreisförmig geht es aber dennoch, und immer weiter hinunter. Ich komme wieder und wieder an denselben Felsen und Steinchen vorbei, aber mein Blick ist jedes Mal ein wenig klarer und die Zusammenhänge werden immer offenbarer.

Kein Stein, kein Fels, bleibt mehr auf dem andern.

Nun ist es so – je mehr ich mich in Präsenz übe, desto mehr darf ich erkennen, wie einfach das Leben ist. Dass die Lösung immer die allereinfachste aller denkbaren Lösungen ist. Und wahrscheinlich hat sie schon jahrelang vor meiner Nase herumgefuchtelt, in der Hoffnung, dass mich das „In-der-Ferne-Schweifen“ eines Tages endlich müde macht. So müde, dass ich zusammensacke und endlich den Boden sehe, auf dem ich jetzt und hier stehe.

Nun habe ich mich seit einem halben Jahr darum bemüht, den Grund hinter meiner tiefsitzenden Besorgnis zu erfahren, dass mir die Liebe entgleitet und dass ich niemals das behalten kann, was ich so sehnlichst begehre. Ich war bei Familienaufstellungen, die mir sehr geholfen haben, mir sind Bücher in den Schoß gefallen, die mir den Weg wiesen, ich habe eine Aura Soma – Therapie fortgesetzt, die mich ungemein unterstützt. Und dennoch, der Schmerz, die Zerrissenheit, die Stagnation – sie blieben. Bis ich irgendwann völlig ausgelaugt zusammengesackt bin und mit meinem Latein am Ende war. „Ich weiß einfach nicht mehr weiter!“, das war mein Hilferuf. Endlich bin ich stehen geblieben, bin ich in die Knie gegangen und habe jegliche Kraft verloren, der Wunde länger auszuweichen, indem ich sie wegzutherapieren versuchte.

Jetzt spüre ich endlich: die Zerrissenheit in mir, den kindlichen Schmerz des „Nicht-haben-Dürfens“, die Wut, die Frustration, die Furcht, bestraft zu werden für meine Wünsche, meine Bedürfnisse. Die Scheu davor, mir etwas Konkretes zu wünschen, weil mir „das Universum“ postwendend einen Verlust bescheren könnte, um mir zu zeigen, wo ich überall noch voller Verhaftungen und Bedürftigkeit bin.

Das Außen, die Menschen um mich, spiegeln mir schon lange nicht mehr meinen Schatten – sondern alles Positive in mir. Meine Freunde spiegeln mir meine Lebensfreude, meine Hilfsbereitschaft, meinen unbändigen Wunsch, Freude und Verbundenheit zu teilen. Mein Liebster spiegelt mir alle Liebesfähigkeit, alle Hingabe, alle Freiheit, alle Heilung, die irgendwo verbuddelt darauf warten, von mir gehoben zu werden.

Und ich? Ich sitze auf dem Trockenen, bin zurückgeworfen auf mich, auf alle Löcher, alle Glaubenssätze, die mich daran hindern, meine Geschenke und Talente zu empfangen und weiterzugeben. Und ich habe nicht mehr die Kraft, irgendwo hinzurennen, irgendwo hinzugehen, irgendetwas zu tun. Ich sitze da, wie der Alki ohne seine Flasche, und fühle das Fass ohne Boden, das ich bin. Es ist, als hielte jemand die Lupe auf alle toten und erstarrten Stellen in mir, so dass sie mein ganzes Sein ausfüllen. Oft genug heul ich mich in den Schlaf. Aber oft genug ist es einfach erleichternd zu erfahren, dass die totale Präsenz mit dem Schmerz eigentlich wie das Atmen mit der Wehe ist.

Da ist diese Geschichte mit meinem Vater. Der mich, wahrscheinlich aus Angst vor dem Inzestuösen, recht früh von seinem Schoß geschubst hat. Die Scham, als ich spüren musste, dass wir nicht nur Vater und Tochter sind, sondern auch Mann und Frau. Die Verlegenheit, wenn ich alte Babyfotos von mir ansehe, auf denen ich mich an seinen nackten Oberkörper schmiege. Mein Unglauben, wie sich Freundinnen von mir einfach so, völlig schamfrei, an ihre Väter kuscheln konnten? Die Mauer, die ich nun zwischen mir und meinem Liebsten fühle, sie war mir doch eigentlich sehr bekannt, sie war immer schon da, aber eben so nah, wie die sprichwörtlichen Bäume im Wald. Die Abgetrenntheit zwischen meinem Vater und mir, diese ungelenken Ausweichmanöver unserer Körper, sobald wir nah zueinander zu stehen kamen, die Scham, die Panzerung. Die völlige Erstarrung meines Körpers. Und zugleich, tief darunter, eine große Sehnsucht nach unschuldiger körperlicher Nähe, ohne Ziel und Absicht.

Ich kann das Schöne, die Liebe, nur schwer genießen, das zeigt sich mir deutlicher denn je. Sobald mein Körper berührt wird, springt mein Hirn in die Quere: „Ist das OK, was ich fühle? Was sollte ich fühlen?“ Und vor allem: „Wie lange darf ich das noch fühlen?“ Alles Schöne ist in meinem Geist sofort mit dem baldigen Verlust verbunden. Bei der Massage bekomme ich plötzlich so eine Wut, so eine furchtbare Wut weil ich mich nicht fallen lassen kann, weil ich ständig verunsichert bin und aus lauter Angst vor dem Aus nicht annehmen kann, was sich jetzt so schön und gut anfühlt. Ich möchte berührt werden, ich möchte mich so sehr ganz geben, aber es ist als ob ich kaputt wäre, als ob ich nicht wüsste, wie das geht. Dass ich mich nur fallen lassen kann wenn ich weiß: das verliere ich bald alles wieder.

Und jahrelang habe ich mit dem Unterleib gesucht, was mein Herz sich so gewünscht hat. Ich bin mitten entzwei gerissen. In meinen Träumen, wieder und wieder, der schmerzliche Versuch, die Liebe und den Körper zueinander zu bringen: ich, zwischen den Stühlen. Auf der einen Seite der Liebste, dem ich mich so verbunden fühle, und auf der anderen ein Fremder, dem ich mich nicht entziehen kann, den ich so sehr brauche, um mich zu spüren (wahrscheinlich verwechsle ich das lebendige Spüren“ mit dem Spüren von Schmerz und Verlust…). Das Versteckspiel, die Angst – das eine kann ich nicht haben, ohne das andere zu verlieren. Es gibt nur Entweder-Oder, das Und entgleitet mir ständig. Und eines Nachts kommt die Lösung in meinem Traum: der Liebste wiegt den Liebhaber in seinen Armen wie ein Kind, wie ein guter Vater den kleinen Sohn. Ich sitze ungläubig daneben und frage mich, wie der scheinbar Betrogene den Rivalen so sehr lieben kann, und erlaube mir nicht, Teil dieser Heilung zu werden.

Das Entweder-Oder, das kenne ich gut und schon sehr lange (und es kommt nicht von meinem Waageaszendent, ha!). Mich entscheiden müssen: die Mutter, oder der Vater. Wenn ich dem einen nah sein will, muss ich dem anderen fern sein. Es gibt kein Und, es gibt nur Oder. Verbundenheit ist immer mit Mangel verbunden. Ich bin erprobt im Loslassen, im Nichts-halten-Können. Mittlerweile krieg ich so eine Wut wenn ich mir selbst rate, loslassen. Ich möchte einmal etwas halten dürfen, etwas behalten dürfen, etwas spüren und haben ohne dass mir der Verlust im Nacken sitzt. Ich habe das Loslassen satt, wirklich, ich bin halt wie ein trotziges Kind gerade.

Ich könnte alles haben. Da draußen, da wartet alles auf mich, die Liebe, die Verbundenheit, die Nähe, die Freude, die Einheit. Aber darum geht es nicht, es geht nie ums Draußen. Mittlerweile, so scheint es, brauch ich die Tragödien im Außen nicht mehr, um zu kapieren, woran ich in meinem Kern glaube. Ich erschaffe es mir ganz alleine. Ich errichte mir meine Mauer selbst, ich konstruiere mir meine Dilemmata und meine Entweder-Oders.

Aber genau das gibt mir auch Kraft. Durch bloßes Hinsehen verändern sich die Dinge. Ja, zwischendrin bin ich voller Verzweiflung, Frust und Selbstmitleid, weil ich „schon wieder“ alles zu verlieren scheine, was mir so am Herzen liegt, weil ich es mir selbst verbocke und versaue. Aber, so wie beim Entzug (oder positiver wie bei einer Geburt) gibt’s da nix zu drehen, nix zu machen – die schreckliche Leere, der Schmerz, sie müssen ganz und gar anerkannt werden, damit sie sich wandeln können. Das ist mein Leitsatz momentan: wenn es weh tut, dann hab ich mich noch nicht ganz hingegeben, dann war ich noch nicht völlig da, im Hier und Jetzt mit diesem Schmerz.

Es ist wirklich sehr einfach. Es benötigt keinen Therapeuten, niemand, der mit mir meine Kindheit aufzwuselt. Alles, was ich oben geschrieben habe, kam mir nach dem Hineinspüren, nach dem Auflösen, in den Sinn.

Vor einigen Tagen machte ich das Ritual des 10. Hauses – der Einsiedelei – aus Ulla Janascheks und Cambra Maria Skadés Göttinnenzyklus. Da ging ich spiralig in meine Einsiedelei hinein und hängte auf dem Weg alles, was mich auszumachen scheint, was ich tue, mir wünsche, und befürchte, an imaginäre Haken. Gewissermaßen nackt und leer sollte ich im Inneren der Einsiedelei auf meinen Rohdiamanten treffen – das, was mir wirklich wichtig ist, den Kern meines Lebens. Und eine Fähigkeit sollte ich dort finden, die untrennbar zu mir gehört und mit der ich den Rohdiamanten schleifen würde. Ich war überrascht. Die Fähigkeit, die ich dort fand, das war die Liebe. Eine unbezähmbare Stärke, die mir aus dem Herzen strömte wie ein Wasserfall. Eine Kraft, die mich über Berge tragen würde und durch jeden Abgrund. Ein zäher, sehr zäher Wille zu wahrer Freude, Freiheit, und Verbundenheit.

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