feuertaufe


Der Übergang von der Yogaschülerin zur Yogaschülerin die auch unterrichtet, gestaltet sich erstaunlich selbstverständlich, fast wie das Schlüpfen von einem vertrauten Hemd ins andere.

Meine Feuertaufe war in zweierlei Hinsicht etwas wirklich Besonderes für mich. Zum Einen kam meine erste „richtige“ Schülerin, eine alleinerziehende Mutter um die 40, von sich aus auf mich zu, ohne mich gut besonders gut zu kennen, und bat mich um Yogaunterricht. Das erste Mal also, dass sich jemand außerhalb des Familien- und Freundeskreises zum Yoga bei mir meldete.

Zum anderen kam sie ganz direkt mit der Frage auf mich zu, ob ich ihr mit ihren relativ schwerwiegenden körperlichen und psychischen Probleme helfen könne (chronische Depressionen, Bandscheibenvorfall im oberen Rücke, Probleme mit den Knien). Sie habe gehört, dass Yoga da helfen könne. Da ich in meiner Ausbildung den Zusatzschwerpunkt Yoga-Therapie (Restorative Yoga) gewählt habe, war schnell klar, dass ich durch eine längere Begleitung dieser Frau viel lernen könnte. Ich wollte sie wirklich gerne als Schülerin halten.

Etwa eine Woche vor unserem Treffen stelle ich ihr Programm zusammen, etwas Sanftes, weil sie mir erzählt hat, dass sie sich immer sehr erschöpft fühlt. Sie hat außerdem keinerlei Erfahrung mit Yoga, ich möchte also auch Raum schaffen, damit sie sich mit der inneren Arbeit in den Übungen vertraut machen kann. Ich möchte ihr vor allem ein Gefühl von Weite und Bewegungsfreiheit im oberen Rücken wiedergeben, das heißt dass die Stärkungsübungen zunächst eher sanft ausfallen müssen, um die gelockerte Muskulatur nicht sofort wieder zu versteinern. Ein Sonnengruß in kleinen Segmenten kommt ebenfalls dazu, weil ich den Eindruck habe, dass ihre Natur eher fröhlich und tänzerisch ist, und denke, dass ihr meditative, fließende Bewegung liegen könnte.

Als ich einige Tage darauf zu ihr gehe, habe ich nichts weiter vorbereitet. Ich weiß nicht, was ich sagen werde, wie ich die Übungen erklären werde, wie ich von einem zum anderen fließe, und wie ich die Psychologie und Philosophie des Yoga in unsere Stunde einflechten soll – ob sie dafür überhaupt offen ist. Ich habe bloß meine Notizen zur grundsätzlichen Abfolge der Übungen, meine Matten, ein paar Yogablöcke, und einen Gurt. Zu meiner Verwunderung bin ich kein Stück nervös (was ich irgendwie schade finde; als ich noch Konzerte gespielt habe, fand ich die nervöse Vorfreude vor dem Auftritt immer wunderbar).

Ihre Wohnung ist geräumig, wirkt aber ein wenig melancholisch. Ich kann sehen, dass Tina Sorgen hat wegen ihrem pubertierenden Sohn; ein sehr gescheiter schmächtiger Bursche, der ziemlich bald in den Hof verschwindet um mit seinen Freunden an ihren Mopeds zu schrauben. Tina ist müde von der Arbeit, aber sie ist sehr neugierig und freut sich, dass ich da bin.

Wir richten das Wohnzimmer her, ich bespreche nochmal mit ihr, wo sie gerade Beschwerden hat, wie sie sich fühlt, und was sie jetzt braucht. Sie sagt mir, dass sie starke Schmerzen in der linken Schulter verspürt, die von den Bandscheibenproblemen herrühren. Dann erkläre ich ihr kurz, dass sie sich in den Übungen nicht auf eine äußere Form konzentrieren soll, die es zu erreichen gilt (wie beim Sport, oder auch im Tanz), sondern dass es darum geht, ihren Körper von ganzem Herzen zu bewegen. Dann lege ich sie auf den Boden für eine Anfangsentspannung und ein Dirga Pranayama, die Dreiteilige Atmung.

Wir beginnen mit einigen sanften Übungen für den Nacken und den Schultergürtel, alles zum Rhythmus des Atems. Ich beobachte, wo es in ihrem Nacken klemmt, mache auch ein paar unterstützte Schulterlockerungen aus dem Shiatsu. Mein ganzes Wesen ist völlig im Arbeitsmodus, extrem konzentriert, wie ein Tiger auf der Lauer. Ich bin überrascht über mich selbst. Nach den Übungen sagt Tina mir, dass sie sich schon freier fühlt.

Ich bitte sie, auf Hände und Knie zu kommen, für einige Wirbelsäulenstreckungen. Hier ist mir wichtig, dass sie das Konzept der vom Atem geleiteten Bewegung (im Gegensatz zur vom Hirn geleiteten) begreift. Ich bitte sie nachzuspüren, wie die Atemfülle und -Leere selbst den Körper schon in gewisse Richtungen bewegt. Sie muss diesen Bewegungsimpuls dann lediglich „verlängern“, die Bewegung weiterführen, bis der Atem wieder eine Kehrtwende macht und sie in die andere Richtung führt. Ich beobachte sie – sie hat’s sofort heraußen, ich kann sehen, wie ihr ganzer Körper sich vom Atem beleben lässt, sich mit der inneren Brandung treiben lässt. Nach einer Weile beginnt Tina zu lachen und bemerkt, dass sie keine Ahnung hatte, wie lang ihr Atem werden muss, damit sie wirklich jeden Wirbel einzeln in die Dehnung führen kann – „Meine Güte, meine Wirbelsäule ist ja wirklich lang!“

Wir stehen auf, für eine sehr behutsame Runde von Sonnengrüßen, bei denen die einzelnen Bewegungsabläufe nicht direkt aneinander gereiht werden, sondern jede zuerst einzeln einige Male wiederholt wird. Zuerst bringe ich ihr die Berghaltung bei (Tadasana), die von außen einfach nur wie Stehen aussieht. Wir bauen die Haltung von unten her auf, Füße, Waden und Schienbeine, Knie, Oberschenkel, Steißbein, Leisten, Unterbauch, Nabel, Brustgürtel, Schultergürtel, und zuletzt Nacken und Kopf, werden wie Bauklötze übereinander in der optimalen Ausrichtung gestapelt. Ich arbeite auch mit der Achtsamkeit in einigen Marmas, besonders die im Bereich der Lungenspitzen, so dass sie das Gefühl des Gehoben- und Getragenwerdens im aufrechten Stand gut erforschen kann. Am Ende steht sie tatsächlich wie ein Berg.

Ich stelle mich hinter sie, bitte sie, die Augen zu schließen, ihren Körper als Ganzes zu fühlen und dem Gefühl, dass ihr die Haltung gibt, gut nachzuspüren. Die Berghaltung wird im Yoga als die Mutter aller anderen tausenden von Haltungen angesehen. Deshalb lege ich großen Wert darauf, dass sie genügend Zeit hat, ihr persönliches Tadasana gut ins Herz zu nehmen. Nach einer Weile schlage ich vor, dass sie in ihrem Inneren nach Worten oder Bildern sucht, die ihr diese Haltung verkörpern, als „Schlüsselworte“ sozusagen für den Alltag. Zu meiner Überraschung beginnt sie mit geschlossenen Augen zu sprechen.

„Leichtigkeit. Stabilität. Aber vor allem Stärke.“

Ich kann spüren, wie unglaublich wichtig es für sie in diesem Augenblick ist, sich so zu fühlen. Ich erinnere mich dunkel, in diesem Augenblick einen dankenden Blick zum Himmel gerichtet zu haben…

Ich sage zu ihr: „Das ist nicht die Haltung. Das bist du. Du fühlst dich so. Es ist wirklich sehr einfach – du kannst dich jederzeit entschließen, dich so ins Leben zu stellen.“ Sie öffnet die Augen, und beginnt zu lachen, sie wirkt erleichtert.

Wir machen weiter mit dem ersten Teil des Sonnengrußes, bei dem mit dem Einatem die Arme zum Himmel gehoben werden. Ich bitte sie zu spüren, wie der Einatem das Brustbein von der stabilen Hüft-Bauch-Basis weg und zum Himmel hebt – sie muss der Richtung, die der Atems vorgibt, nur noch folgen und die Arme mitheben lassen. Sie hat sichtlich Freude an dieser Bewegung.

Als Test bitte ich sie nun, die Bewegung jetzt vom Hirn leiten zu lassen. „Sag deinen Armen einfach vom Hirn aus: Hebt euch!“ Sie reißt die Arme reflexartig wie ein Hampelmann nach oben, ihre Arme wie zwei Holzstäbe in die Luft gereckt als würden sie nicht zum Rest gehören. Wir müssen lachen, weil es so offensichtlich wurde, wie schlagartig sämtliche Integrität in ihrem Körper verloren gegangen ist, als das Hirn die Führung übernommen hat.

Danach surft sie wieder auf dem Atem durch den Sonnengruß. Als Abschluss folgen ein paar sanfte Rückbeugen um den Schultergürtel zu öffnen, und ein gestützter Luxus-Schulterstand mit dem Becken auf Pölstern. Ich klopfe ihr die Fußsohlen ab, so dass das Prana leichter in ihre Fußchakren fließen kann. Die Katze auf dem Sofa beginnt zu schnurren, ich halte das für äußerst passend.

Ich leite sie noch durch ein abschließendes Savasana, die Schlussentspannung (wörtlich Totenhaltung, aber das macht einigen Angst). Als sie sich wieder aufsetzt, wirkt sie wie ausgewechselt. „Ich fühl mich wie ein Sonnenschein!“ Sie zeigt mir ihre Gänsehaut auf den Oberarmen. „Das hab ich immer wenn mir was sehr gefällt.“ Ich widerstehe dem Impuls, mich wegzudrehen, damit sie meine feuchten Augen nicht sehen kann, die ich immer bekomme, wenn mir etwas sehr gefällt.

Beim Hinausgehen sage ich ihr noch, dass sie wirklich tolle Arbeit geleistet hat. Die Übungen an sich lockern und befreien natürlich, aber ihre psychische Wirkung so deutlich und schnell zu spüren, erfordert ein Einlassen aus ganzem Herzen, das nicht jeder bereit zu geben ist. Ich habe mir einiges von ihr abschauen können.

Als ich im Stiegenhaus stehe, geht hinter mir die Wohnungstür noch einmal auf. „Lily!“, schreit sie fast und stürmt hinaus, mit völlig entgeisterten Augen, „das gibt es nicht, das gibt es wirklich nicht, ich fühle meine Schulter nicht mehr! Es ist mir vorhin nicht aufgefallen, dass der Schmerz weg ist, weil ich mich einfach so frei fühle!“ Jetzt bin ich endgültig platt. „Wann hast du wieder Zeit für eine Stunde?“, sage ich zu ihr, „Du musst meine Lehrerin werden!“

3 Antworten zu “feuertaufe

  1. So schön zu lesen – und solche (Freuden- Berührtsein- Wasauchimmer-) Tränen kenne ich, die sind wirklich stark! Danke für´s posten und viel Freude mit deiner Berufung. Sieht so aus, als sei es perfekt für dich.
    Ich freu mich mit – Sati

  2. Übrigens – beim Lesen dieser schönen Neuigkeiten dachte ich mal wieder dran, wie wir i.d.R. so gestrickt sind, daß wir zu guten Neuigkeiten meist nichts weiter sagen. Etwa, wie wenn jemand auf die Frage „Wie geht´s dir“ schlicht mit „Gut.“ anntwortet. Wäre also auf der Welt alles wunderbar – würden wir vermutlich kaum noch reden. Nochmal liebe Grüße, Sati

    • :-D

      (Und der Grund weshalb ich nun geschwiegen habe, liegt nicht nur darin, dass ich dir zustimme, sondern dass ich auf internetz-fernen Pfaden gewandelt bin…)

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