Wo die Bedürfnisse der Welt mit Deinen Talenten zusammentreffen – dort liegt Deine Berufung!


Zitat: Aristoteles

 Die Sehnsucht nach seiner Berufung ist dem Menschen ins Herz gepflanzt worden, sagt Rumi, und deshalb ist sie vielen von uns wohl so nah, dass sie erscheint wie die verzweifelt gesuchte Brille, die die ganze Zeit über schon auf der Nase saß.

Wenn ich zurückblicke auf die zahlreichen Gespräche mit Lehrern, Eltern und Freunden; auf die hoffnungsvoll ausgefüllten Fragebögen bei Berufsberatungen für Jugendliche; auf die Lektüre universitärer Orientierungsbroschüren, … dann sehe ich, dass sie alle Recht hatten mit ihrer Einschätzung meiner Fähigkeiten und Eignungen. Und im Rückblick erklären sich mir auch das Unbehagen und das Gefühl der Unvollständigkeit, die mich trotz aller guten Gespräche, sinnvollen Vorschläge und schlussendlich gewählter Studienzweige immer erfüllten.

Was wollte ich denn überhaupt? Ich wollte etwas, bei dem ich all das verweben könnte, was mich so beflügelte – das Geschichtenerzählen mit dem Beobachten, den Ausdruck mit dem Lauschen, das Tänzerische mit dem Melodischen, das Vermitteln mit dem Lernen. Kurz gesagt: ich wollte leben, und zwar „kunstvoll“, wie ich das einem Onkel einmal erklärte; und an seiner hochgezogenen Augenbraue konnte ich ablesen, dass sich davon wohl kein Brot verdienen ließe.

Also habe ich mit mir selbst Kompromisse geschlossen – zwei Studien begonnen, die so in etwa meinen Talenten entsprachen; meine Fähigkeiten auf verschiedenen Gebieten ausgelebt; hier und da verschiedene Dinge unterrichtet (wobei die Freude mehr im Unterrichten lag, nicht am Fach); hier und da verschiedenste Dinge geschrieben; hier und da getanzt; hier und dort Musik gemacht; … immer wieder verfolgt von der verunsichernden Frage, weshalb ich denn so verschiedene Dinge tue, und auf was, bitteschön, ich mich denn einmal festlegen wolle?

???

Das mit dem Yoga, das schlich sich so etwa ab 15, 16, ein, ganz nebenbei. Mit etwa 22 wurde es zu einer Leidenschaft. Innerhalb eines Jahres wuchs der Abschnitt der Fachliteratur zum Thema in meinem Regal auf eine Länge von geschätzten 1Meter 20 – und ich kann mit Fug und Recht behaupten, jeden dieser 120 Zentimeter mit Genuss verschlungen zu haben. Überraschend, denn meine bisherigen Leseabenteuer mit Fachliteratur hatten eher Gewaltmärschen geglichen. Zu diesem Zeitpunkt füllte ich bereits unzählige Notizbücher und abendliche Gespräche mit Bemerkungen zum Yoga und seiner Philosophie. Es war wie eine sehr große Liebesgeschichte, deren Bedeutsamkeit einem erst Jahre später bewusst wird.

Eines Tages stellte mir jemand die entscheidende Frage: ob ich denn nicht Yoga unterrichten wolle? Und es tut mir sehr leid, dass ich mich einfach nicht an die Person erinnern kann, die mich dazu gebracht hat, mir meine Notizen noch einmal anzusehen und mich zu fragen, für wen ich denn soviel las und schrieb, für wen ich all die Zeit meine Reise so akribisch genau festgehalten hatte?

In diesem denkwürdigen, aber unspektakulären Moment, sah ich in meinen Reisenotizen plötzlich Wegweiser für andere Wanderer – vielleicht zukünftige Schüler? Im Augenblick, als ich beschloss, die Ausbildung zu machen, fiel alles an seinen Platz. Ohne es zu merken, hatte ich längst etwas gefunden, bei dem ich mich ganz und zuhause fühlte; bei dem meine Anlagen wunderbar ineinander griffen. Ich sparte ein Jahr lang auf die Ausbildung, schrieb noch mehr, las noch mehr, und musste mich teilweise zurückhalten, nicht schon dem leeren Raum vor mir Unterricht zu geben.

Am Tag als alles offiziell begann, spürte ich eine Energieverlagerung. Plötzlich erschien mir mein Vorhaben völlig lächerlich. „Wer interessiert sich schon für das, was du anzubieten hast?“ „Was bildest du dir eigentlich ein, dich mit deinen paar Lenzen hinzustellen und irgendwelchen Menschen etwas von persönlicher Entwicklung zu erzählen?“ „Menschen interessieren sich nicht für das, was du weitergeben möchtest.“ Und der absolute Hammer: „Das was du tust und kannst, ist grade mal so viel wert, dass du unter der Brücke knapp dem Hungertod entgehst.“

In welchem Melodrama war ich denn nun gelandet?!

Es hat einige Wochen gedauert, mich aus dieser passiv-aggressiven Verweigerung wieder heraus zu wurschteln. Die Verlockung, die in dieser Form des Selbstangriffs liegt, verwundert mich am Meisten. Es ging teilweise soweit, dass ich meine Liebe zum Yoga verleugnete, mein Talent zum Unterrichten ebenfalls, nur um weiter das arme, kleine, untalentierte Opfer sein zu können. Die Stimme der Berufung verhallte, dafür riefen andere umso lauter. Allein die Absurdität in den oben zitierten Aussagen wäre bereits genug gewesen, um den inneren Räuber verstummen zu lassen. Wäre sein Gift nicht so furchtbar süß…

Also – was war der Zucker, nach dem ich lechz(t)e; worin lag der honigsüße Lohn der Selbstbestrafung?

Nichts von mir zu erwarten, mein Licht unter den Scheffel zu stellen, mich selbst zu bescheiden… So musste ich auch keine Verantwortung übernehmen, nicht von den Klippen springen und konnte mich wunderbar hinter meiner selbstgewählten Mittelmäßigkeit verstecken, zugleich mich und meine „Unfähigkeit“ ständig als Vorwand verwenden, um die Probleme und Nöte meiner Mitmenschen auszublenden (und dabei nebenbei auch meine Chancen auf Wachstum, Erfolg, Glück).

Es heißt, dass Menschen sich vor ihrer eigenen Größe fürchten. Wie talentiert, wie beflügelt, wie erfolgreich getraue ich mich zu sein? Getraue ich mich, meine Kompetenz zu zeigen; gesehen zu werden? Getraue ich mich, den Yoga weiterzugeben, der mich so berührt und beflügelt – gerade auch weil er mich mit dem Unbequemen und Hässlichen konfrontiert hat?

Angesichts des ringsherum sprießenden Glamouryoga fällt meinem Räuberlein auch schnell eine gute Begründung ein, warum ich gar nicht erst zu versuchen brauche, mich einzubringen – denn „ich interessiere ja sowieso keinen“. ***

Bleibt nur die Erkenntnis, dass in diesem Djungel die Berufung bestimmt nicht über den lautesten Ruf verfügt. Aber den ausdauerndsten.

*** Zumindest dort nicht, wo die Luxuskutsche gegen die ultra-biologisch abbaubare Yogi-*Star*-Matte eingetauscht wurde; der Guccianzug gegen die Yogapants mit eingebautem Samadhi-Faktor und farblich abgestimmtem, erleuchtendem Yoga-Schweißtuch; und der Shoppingurlaub gegen den Yoga-Retreat in der Karibik … oder so – OM $$$HANTI!

2 Antworten zu “Wo die Bedürfnisse der Welt mit Deinen Talenten zusammentreffen – dort liegt Deine Berufung!

  1. Liebe Lily,

    die Krux liegt also gar nicht darin, seine Berufung zu „finden“, sondern sich vielmehr selbst zu gestatten und sich dafür einzusetzen, sie zu „leben“. Da kann ich auch Balladen davon singen ;-)

    Ich sage mir immer, dass – im Gegensatz zur heutigen Auffassung zu Angebot und Nachfrage – nicht die Menge der Menschen, die nachfragen, die erste Priorität für mich hat. Sondern vielmehr das, wo ich mit vollem Herz dahinter stehe und mit meiner ganzen Lebenserfahrung. Und so bleibt mein Leben immer ein Experiment, ein Versuch und es geht ums bewegen, nicht ums ankommen.

    Viele Grüße
    Josephine

    • Liebe Josephine,

      sicher ist, dass das „Finden“ mehr einem „Sich-Erinnern“ ähnelt – obwohl ich das jetzt auch erst im Rückblick erkennen kann (habe lang nach der Brille auf meiner Nase gesucht).

      Ich bin (wieder einmal) an einem gefühlten Anfang eines Weges und beobachte mich selbst dabei auch mit einer gewissen Neugier. Mir in der Außenwelt meinen eigenen Raum einzurichten und meinen professionellen „Wirkungsradius“ auf eine mir stimmige Größe auszuweiten – das sind die Dinge, die mich jetzt erwarten.

      Gut tut mir das Erinnertwerden ans Experimentieren – es geht zwar um nicht weniger, als meine Berufung zuzulassen; aber deswegen muss es ja nicht schwer oder ernst zugehen, vielleicht sogar im Gegenteil. Spielen und Probieren dürfen (grade was den vermeintlichen „Ernst des Leben“, Arbeit etc. angeht) …

      Herzliche Grüße,
      Lily

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