Ein Brief an mich


Lily,

hier spricht dein Höheres Selbst, du weißt schon, diese leise Stimme, die sich meldet wenn du endlich aufhörst zu denken.

Lily, hör auf zu denken, dass ich die Stimme bin, die dir sagen möchte, was du tun solltest. Es gibt nichts, was du tun solltest. Aber um es genau zu nehmen, gibt es Dinge, die du einfach tun musst. Du fühlst es, du spürst es in deinen Knochen, im Herzen. Du weißt was ich meine: es gibt so viel, das du geben musst, das du teilen musst, so wie du nicht anders kannst als zu leben, zu atmen, und zu singen. Es gibt Dinge, die du tun musst, um zu leben und nicht zu zerplatzen.

Du fragst dich gerade, wie du Freude an der Arbeit finden kannst. Du fragst dich, wie du mit der selben Leidenschaft und Neugierde am äußeren Leben Teil nehmen kannst, wie du dich deiner inneren Welt widmest. Zunächst – es gibt diese Trennung nicht, und die Dinge im Außen, die dir so die Kehle zuschnüren, sind in Wirklichkeit in dir. Es sind Dinge, die du noch heilen wirst, und ich werde dir den Weg zeigen, aber jetzt ist nicht der Zeitpunkt dafür.

Lily. Bitte. Atme durch. Du hast 8 Monate lang dein Innerstes nach Außen gekehrt. Dieser Prozess war nicht etwas, das du durchlaufen solltest, es war etwas das du tun musstest. Du hast in deinen dunkelsten Momenten immer die Schönheit und Gnade gefühlt, dich selbst neu gebären zukönnen. Du bist – fürs Erste – auf den tiefsten Grund aller Gefühle der Verzweiflung, Angst, Verlassenheit und Unwürdigkeit getaucht und du konntest alles verwandeln.

Erinnere dich: oft hast du mich nicht mehr gehört und dennoch Wehe um Wehe um Wehe durchlebt, mit nichts als blinder Hoffnung. Du hast in deinen schlimmsten Momenten Gott und dein Leben verleugnet, und du hast dich dennoch, trotz der süßen Versuchung des Opferseins, immer wieder besonnen und darauf vertraut, dass es etwas Besseres gibt als dich wegzuwerfen. Du wolltest den Tod, und du hast dich wieder belebt.

Das ist genug. Ruh dich aus. Ruh dich aus.

Du fragst dich, ob du dein Leben opfern musst, um Essen im Magen und ein Dach über dem Kopf zu haben. Ich weiß, dass sich alles in dir zusammenzieht, wenn du daran denkst, dass du deine Tage in einem Büro verbringen müsstest, mit kurzen 4 Stunden abends für dich, die du schlussendlich mit dem Haushalt zubringst. Du fragst dich, ob „die Welt“ Recht hat und du tatsächlich einfach nur eine naive Träumerin bist. Du fragst dich, ob du es dir vielleicht irgendwie einrichten solltest, ob du vielleicht ein zimperlicher Hypochonder bist und alles nur halb so schlimm ist, nachdem es ja so viele Menschen schaffen. Vergiss nicht, dass du Teil dieser Welt bist, und dass deine Träume Teil dieser Welt sind, genauso wie deine Missverständnisse, deine Erkenntnisse, und die aller anderen.

Es stimmt, dass du noch nicht vollständig erwacht bist, und es ist auch wahr, dass du noch viele Missverständnisse über die Natur der materiellen Welt in dir trägst. Deshalb bist du nicht schlecht, und nicht minderwertig – du wirst erwachen in dem Maße in dem du weitergehst, in dem Maße, in dem die Menschen um dich herum erwachen. Du gehst diesen Weg zur Zeit mit ungefähr 7 Milliarden anderen – du bist wahrhaftig nicht allein. Schließ dich an.

Du darfst, und du musst träumen, denn es ist noch keine Form gegossen worden, in die dein Leben passen könnte. Es gibt keine Modelle, die haargenau auf dich passen, du musst dir dein eigenes erschaffen – und du wirst dich zuweilen selbst für deine Versuche und Ideen belächeln oder schief ansehen (was du immer daran erkennen wirst, wenn es die Menschen um dich herum tun). Es ist ein Irrtum zu glauben, dass du dich in bereits bestehende Formen gießen müsstest. Doch obwohl du etwas Eigenes schaffen wirst, gibt es dennoch etwas Allgemeingültiges und Wahres – das ist es, aus dem du und all die anderen ihr einzigartiges Dasein gießen und weiterhin gießen werden.

Die Träume, die ich unterstütze, Lily, sind jene, die die Kraft besitzen, die Schale um dein Herz zu knacken; es sind auch jene, die dir am meisten Angst machen; es sind jene, die dich in einen leuchtenden Stern verwandeln; es sind jene, die dir das Gefühl geben, zu platzen wenn du sie nicht aus dir heraus lässt. Du weißt was ich meine. Alles andere sind Illusionen, du erkennst sie daran, dass sie dich müde machen, dich verwirren, dich verhärten, dich einlullen, und dich wie ein verängstigtes Häschen an einem unangenehmen Ort festnageln.

Ich werde nicht zulassen, dass du dich in Illusionen und Tagträumereien verlierst, und ich weiß, dass mein Eingreifen in dieser Hinsicht manchmal hart scheinen kann. Aber noch viel weniger werde ich zulassen, dass du aufgibst und aufhörst zu träumen, oder dass du es nicht mehr wagst, beständig nach besseren Wegen zu suchen.

Du fragst dich gerade, ob du dein Verbesserungsstreben lassen solltest. Ob manche Menschen vielleicht Recht haben, die sagen, dass es nichts gibt, das es zu erreichen gilt, dass einfach alles ist. Du weißt, dass diese Ansicht richtig ist. Dennoch – lass dich nicht beirren. Du bist Teil der natürlichen Zyklen des Lebens, und in der jetzigen Umdrehung des Kreises bist du wie der Keimling, der nur ein Ziel hat: durch die Dunkelheit, hinaus ins Licht. Du gräbst deinen eigenen Weg. Du musst gewisse Dinge tun, all dein Herzblut in dein Fortkommen bringen (aber du solltest niemals vergessen, dass die Dinge am Besten durch dich und nicht von dir getan werden).

Eines Tages wirst du ein Baum sein, und du wirst erkennen, dass das Licht immer schon da war, und dass es nichts zu tun gab. Aber um das zu erkennen, musst du erst deinen Willen und seine Grenzen erforscht haben. Du musst der kleine Halm gewesen sein, der sich abmühte, um zu dem Baum zu werden, der einfach da ist. Das eine bedingt das andere.

Du kannst dir aber auch endlich eingestehen, dass du eine alte Seele bist und dir große Dinge vorgenommen hast. Du könntest dich nicht länger dafür schämen oder dich kleiner machen als du bist. Der Baum ist bereits in dir, und der Halm ist auch immer noch im Baum. Du kannst seine Ruhe und Weisheit benutzen, aber denke nicht, dass du jetzt bereits etwas sein solltest, wofür du noch zu jung bist. Du bist jung, aber du bist nicht klein. Habe Respekt vor den Bäumen die dich umgeben, und vor ihrer Geschichte, aber verfalle nicht dem Irrglauben, dass sie besser seien als du. Genauso habe Ehrfurcht vor den Keimlingen, die nach dir wachsen, und sende ihnen Wohlwollen und Wertschätzung , wenn du auf ihre Mühen hinunter blickst – es wird allen helfen, zu wachsen.

Ich möchte dich noch einmal an die Dinge erinnern, die ich dir in letzter Zeit geschickt habe.

Dieses Pferd auf einer Weide in der Nähe von Ulm, zum Beispiel. Du hast dir in die Hosen gemacht vor diesem Pferd, aber du bist trotzdem über den Zaun gestiegen (ich hab dich angeschubst…). Du hattest Angst, als es auf dich zu geprescht kam, und du hattest Angst, als es seinen riesigen Kopf an deine Wange gesenkt hat. Aber du bist stehen geblieben und hast es gebeten, dir zu helfen.

Vergiss nicht, was es dich gelehrt hat. Die unbezähmbare Freude, mit der es gelaufen ist und sich seine Weide zu eigen gemacht hat; seine Zartheit; sein starkes, reines Herz. Ich habe dich durch dieses Tier berührt – und ich weiß, dass du es gespürt hast.

Vergiss nicht die Wärme seiner Schultern an deinen Schläfen. Lass dich beleben vom Atem eines wilden Herzens, wenn es nicht weiterzugehen scheint. Geh hinaus und erhol dich im leidenschaftlichen Tanz deiner Träume.

Wolle. Wachse. Werde.

Die Welt ist da, um gesehen und gelebt zu werden!

In Liebe,

Du selbst

7 Antworten zu “Ein Brief an mich

  1. Sehr schöne Worte. Schreibt Dein DU Dir öfter diese Briefe? Wie sehr muss man mit sich im Reinen sein, dass man einen solchen Brief bekommt?

    Viele Grüsse!

    Luiza

  2. Hallo Luiza,

    ja, mein Ich schreibt mir öfters, v.a. im Tagebuch. So ganz im Reinen bin ich ja nicht mit mir selbst (was, denke ich, auch aus dem Inhalt des Geschriebenen hervorgeht).

    Ich stelle einfach eine Frage und dann beginne ich zu schreiben – und nach und nach, wenn der Verstand zur Tür hinausgeht, kommen Antworten herein. Die Frage ist ja dann immer noch, ob ich auf mich selbst höre ;)

    Herzliche Grüße,
    Lily

    • Ja, man könnte meinen, dass Du nicht ganz mit Dir im reinen bist, aber der Schritt seine eigene Stimme überhaupt wahr zu nehmen ist sehr gross und oft sehr gewagt. Wenn man ihn einmal geht, ist man auf dem besten Wege zu sich selbst. Wenn ich einige Menschen aus meiner Umgebung betrachte- die werden es NIEMALS schaffen.

      Lass es Dir gut gehen!

      Viele Grüsse aus der Wüste,

      Luiza

  3. Liebe Lily,

    schön, wenn man sich darauf verlassen kann, dass die Antworten auf alle Fragen über einen selbst kommen, nicht wahr?

    Das umhüllt einen immer wie ein warmer, kuscheliger Mantel. Wann immer man es braucht!

    Danke, für’s Teilen!
    Herzlichst
    Josephine

  4. Was für eine schöne Idee. Und ein schönes Blog! Ich werde gerne wiederkommen und lesen. Die Gespräche mit dem höheren Selbst kann man in Meditationen auch einüben, und es ist erstaunlich und erfreulich, das Wissen in sich erwachen zu sehen. Es ist ja alles in einem. Wie Du ja auch so schön in Deinem Artikel über die All-Einheit sagst.

    Liebe Grüße
    Giannina

    • Giannina,
      danke für deine Worte und herzlich willkommen! (Habe grade auf deiner Seite geschnuppert und bin völlig !@!?*!! über deine/n Beruf/ung – fantastisch! :-D )

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