ROSA! – oder vom Wert des Abgelehnten


Vor einigen Tagen sitze ich am Fahrrad an der roten Fußgängerampel, als eine Frau direkt neben mir abbremst, mich von oben bis unten mustert, anlächelt, und verkündet:

„Mei, san Sie liab anzogn!“ („Mei – nicht übersetzbar – sind Sie hübsch angezogen!“)

Da muss ich lachen – ich trage nämlich zum ersten Mal seit sehr (!) langer Zeit Rosa. Altrosa ins Fliederfarbene gehend, um genau zu sein, so wie die Farbe der alten Unterkleider meiner Urgroßmütter in den Kisten am Dachboden unseres Hauses in Frankreich. Lange habe ich nach genau diesem Farbton gesucht und bin – tja – nur bei einer schwedischen Großhandelskette fündig geworden.

Rückblende.

Ich bin ca. 7 oder 8 und habe nur zynische Verachtung für diesen Farbton übrig. Rosa – die Farbe der Prinzessinnen, der Wendy-Leserinnen (das war eine Zeitung für kleine Pferdefanatikerinnen), der Papi-Töchterchen, der Barbie-Sammlerinnen, der sternäugigen Träumerinnen und Glitzer-Nagellack tragenden Wimpernklimper-Mädchen … also, nicht mir. Ich war zwar einmal eine rosa Faschingsprinzessin mit Krönchen auf dem Kopf, aber nur mit 4, und dann nie wieder.

Von außen betrachtet ist diese Abneigung meinerseits ja eine ganz eklatant offensichtliche, kompensierte Sehnsucht nach dem Mädchen-Sein. Das Bedürfnis nach meiner eigenen Form der Weiblichkeit, für das ich jetzt nach einer passenden Ausdrucksweise suche.

Schon vor einigen Jahren sagte mir meine Aura Soma-Beraterin bei meinem ersten Besuch, dass Rosa sowas wie meine Seelenfarbe sei. Und dass ich mich ruhig mehr mit der Empfänglichkeit, Intuition und Weiblichkeit im Kern meines Wesens verbinden könne. Pfff!, dachte ich nur, weiblich bin ich schon genug, vielen Dank!

Und wie es eben so ist im Leben, hatte ich Unrecht und gab (gibt!) es noch so viel zu entdecken, wie der geneigte Besucher zum Beispiel hier und hier nachlesen kann.

Bei einer Aufstellung vor einigen Wochen darf ich zum ersten Mal spüren, welche Stärke und Kraft eigentlich hinter völliger Hingabe und Empfänglichkeit stecken. Damals habe ich noch nicht den Mut, völlig loszulassen, aber das Gefühl ist gut, und die Richtung auch.

In den Tagen und Wochen danach fühlt sich alles an wie eine zweite Pubertät – eine Initiation, wie ich sie in meiner ‚richtigen‘ Pubertät nicht bewusst erlebt habe. Ich werde sehr still, zurückgezogen, scheue die Blicke der Menschen (und vor allem der Männer!) – wie ein kleines Mädchen eben, in dessen Seelengrund gerade etwas Großes und Ehrfurchtgebietendes heranwächst, für das es noch keinen Namen hat.

Die Weiblichkeit erobert mich in meinen Träumen: ich tauche durch Seen und tempelartige Swimmingpools; suche nach meinem Weg in unterirdischen Pyramiden; bemale meinen Körper mit blutroter Farbe; …

Dann wache ich eines Tages auf und beschließe, mich mit Rosa auszustatten.

Was mich zurückbringt zur Erkenntnis, dass das, was ich am meisten ablehne auch das ist, was am meisten zu mir gehört.

Und wer näht mir jetzt dieses Kleid? *woohoo!*

6 Antworten zu “ROSA! – oder vom Wert des Abgelehnten

  1. Köstlich, ich habe so gelacht. Und ich kann dasselbe Geständnis ablegen: Seit acht Wochen bin ich im Besitz zweier rosa T-Shirts. Ich hätte diese niemals, niemals nie getragen! In meiner Kindheit waren rosa-Träger auch verachtet. Wegen Barbie, Bussi Bär, Wendy und zahlreichen anderen Entgleisungen. Allenfalls der Bazooka Joe durfte eben rosa sein, ansonsten war man halt ein Mädchen. Eins von der Sorte, das zuhause sicher eine Strickliesl hat und bei Regen gleich schmilzt wie eine Zuckerwatte. Diese Farbenkriegsführung in der Erinnerung und noch im Blute, konnte ich tatsächlich bis zu meinem 35. Geburtstag kein rosa anziehen. Ich konnte es nicht mal sehen. Wenn jemand auf die Idee kam mir Blumen zu schenken und diese waren rosa, dann fühle ich mich gleich wie meine Oma, nur älter. :D
    Ich war selbst halbtot erstaunt, als ich feststellte, wie herrlich sich die rosa Wäsche anfühlte. Die Farbe machte mich einfach froh. Ich war fast traurig, mich so lange um die Freude von rosa auf der Haut gebracht zu haben.
    Insofern kann ich Deine Freude absolut nachvollziehen :) und die Erkenntnis die Du gewonnen hast, teile ich ebenfalls: das, was man glühend ablehnt, ist wirklich auf die ein oder anderen Weise in einem. Und bedarf eine Untersuchung mit Lupenglas :)
    Liebe Grüße
    Giannina
    P.S.:Ach ja, und nähen kann ich leider nicht. Aber wenn Du das Kleid willst, wird es zu Dir finden! :)

  2. Hello Kitty nicht zu vergessen! Oh, damals waren Hello Kitty Taschenspiegelbesitzerinnen verpönt! Die Visual Kei Szene hat ja die ollen Kittydinger dann fürchterlich populär gemacht. Plötzlich war es niemandem mehr peinlich :) Verrückte Zeiten….

  3. Das könntest du direkterdings aus meinem Leben abgeschrieben haben ^^ Diese Erkenntnis: iich darf weiblich sein, auch ohne so zu sein wie DIE! Und nun habe ich eine Tochter, in deren Schulklasse die Mädchen mehrfach in der Überzahl sind (19:6), die die „Rosa Klasse“ heißt. Was aber tut meine Tocher? „Wilde-Kerle“-Pullis tragen! Hat aber dennoch Handtäschen hier, Glitzerzeug da. Sie hat, denke ich, mit acht Jahren schon ihren eigenen Weg gefunden. Schwer zu beschreiben, aber sie ist und gibt sich weiblich, ohne in diesen Prinzessinnen-Kram wirklich hineinzurutschen…

  4. :lol:

    Ich erinnere mich gerade an eine Phase in meinem Leben, wo außer „schwarze Klamotten“ nichts anderes infrage kam… … …

    Und ob Ihr’s glaubt, oder nicht, vor ein paar Jahren ging ich über zum ersten rosa Freizeitanzug (natürlich nur für zu Hause ;-) ) Und vor ein paar Monaten erst kam das erste rosa Teil für die Öffentlichkeit hinzu :lol:

    Alle anderen Farben haben aber schon früher den Weg in meinen Kleiderschrank gefunden!

    Liebe Grüße, Lily!
    Josephine

  5. Ich sehe schon, wir erleben alle eine Erweckung des rosa in uns ;)
    Mysteriös :)

    Lily, Deine Tochter ist mir sympathisch :) Vielleicht wird sie auch erst mit 25 die rosa Seite in sich entdecken, aber wie wir sehen ist es ja nie zu spät.

    Liebe Grüße
    Giannina

  6. Ja, das finde ich auch gerade sehr spannend, dass hier noch einige andere eine Bekehrung zum Rosa erleben! Da erinnere ich mich, ich besaß als Kind einen ganz kleinen Hello Kitty-Schreibblock der klebrig-süß roch (nach irgendwas Obstigem), und der mich immer hungrig gemacht hat (wg. des Geruchs) Der fiel mir irgendwann in eine Pfütze. Tja. Irgendwie war ich erleichtert. Weil ich nicht mehr in Versuchung geriet, auf dem Papier herum zu kauen.

    Was Kvinnas Tochter angeht (die Giannina mir als mein Kind angedichtet hat) – die ist mir auch sympathisch. Ich bewundere Mädchen und Frauen, die einen selbstverständlichen Ausdruck ihrer Weiblichkeit gefunden haben…

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