Tam jivam tam sariram – Sind Körper und Seele das selbe oder nicht?


Dieses Thema wurde von meinen Lesern gewählt – ihr könnt auch mitmachen, jederzeit und immer wieder! Was wollt ihr auf diesem Blog lesen? In der Leiste rechts könnt ihr Vorschläge auswählen oder eintragen (sie werden nach kurzer Zeit freigeschaltet). Von Lesern vorgeschlagene Themen, auf die ich bereits geantwortet habe könnt ihr unter diesem Button nachschlagen:
bereits-beschrieben-button

~*~

Diese Sache mit den Themenvorschlägen von eurer Seite entwickelt sich ungemein spannend, liebe Leser, denn ihr bringt mich immer wieder auf neue Dinge.

Den Begriff Tam jivam tam sariram, zum Beispiel. Den musste ich nachschlagen:

Wenn ich alles richtig verstanden habe, bezeichnet er die absolute Einheit von Körper und Seele und ist dem Konzept namens Annam jivam annam sariram entgegen gesetzt, das eine Dualität zwischen unvergänglicher Seele und vergänglichem Körper annimmt.

Aus dem ersten Konzept folgt, dass sich mit dem Tod des physischen Körpers auch die inviduelle Seele auflöst, und im extremsten Fall führt diese Idee zur vollkommenen Verhaftung in allem Materiellen. Das zweite Konzept hingegen führt in seiner extremsten Form zu Negierung des Körpers und der materiellen Welt.

Der frühe Buddhismus wendet sich gegen beide Konzepte und schlägt den Pfad der Mitte vor.

Nun bin ich leider auf diesem Gebiete alles andere als sattelfest bin, zäume ich das Pferd einfach von meinem yogischen Schemel aus auf. Ich freue mich aber auf Erläuterungen und Erklärungen von euch!

Seele wird im Westen (zumindest in der Psychologie) als veränderlich und berührbar definiert – wir sprechen z.B. von „seelischen Regungen“, was die yogische Psychologie und Philosophie hingegen ganz anders sieht.

Was manchmal in der Populärpsychologie als unsere seelische Mitgift bezeichnet wird, mit der wir leben müssen (Neigung zu Zorn, Angst, Anhaftung, etc.), sehen die yogischen Schriften lediglich als Folge eines Missverständnisses und keineswegs als Teil unseres wahren Selbst, unserer Seele.

Die Philosophie des Yoga sieht die Welt als wahr an (damit auch Träume, Vorstellungen, Missverständnisse usw.), lehrt aber dennoch, dass die Essenz des Menschen nicht mit seinem Körper, seinen Vorstellungen oder seinen Erlebnissen gleichzusetzen ist, auch wenn sie damit verbunden ist.

Was sich laut yogischem Verständnis schon im Körper zeigt, ist die Tätigkeit unseres Geistes. Sie ähnelt einem (meist reißenden) Strom, und seine Richtung wird von der Weise bestimmt, wie wir die Geschichte unseres Lebens schreiben und sie uns immer wieder selbst erzählen. Diese geistige Funktion nennen die Yogis citta, und sie stellt die Tätigkeit vor, wie ein Mensch Schlussfolgerungen aus dem zieht, was jetzt gerade geschieht und wahrgenommen wird, wie er sich erinnert, wie er sich die Zukunft vorstellt.

Auch Erinnerungen und Vorstellungen werden im Yoga als ‚wahr‘ anerkannt. Denn schließlich werden sie im Augenblick durchlebt, allerdings sind sie nicht das wahre Selbst des Menschen.

Was dem wahren Selbst hingegen wesentlich näher ist, ist der innere Beobachter. Er wird purusha genannt, das heißt soviel wie: „Der, der richtig sieht“. Purusha ist jener Ort, von dem aus die Strömung des Flusses, oder die Windungen des Labyrinths erkennbar werden – während Citta uns mitten in den Fluss, oder in das Labyrinth, stellt.

Purusha ist jener Ort, von dem aus wir sagen können, dass wir glücklich, wütend, oder müde sind.

Wenn wir Gemütslagen, Befindlichkeiten, oder Schmerzen lokalisieren und benennen können, setzt das voraus, dass es einen Teil in uns gibt, der von all diesen Regungen von jeher unberührt geblieben ist. Sonst könnte wir sie nicht unterscheiden.

Aus diesem Grund legen spirituelle Strömungen solch ein Gewicht auf die Erfahrung des inneren Beobachters – damit der Mensch sich selbst näher kommt.

~*~

Was bedeutet das für den Alltag?

Als Beispiel:

Ich habe allmonatlich ziemlich furchtbare Regelschmerzen (furchtbar werden sie, weil ich mich bockig wehre, Schmerzmittel zu nehmen, bis ich meist irgendwann kapituliere und die Dinger schlucke).

Während ich dann meist auf dem Bett oder dem Boden liege, und sich mein ganzer Unterleib anfühlt, als würde er gerade von einem Hai verspeist, habe ich zwei Möglichkeiten: purusha oder citta.

Citta ist die Stimme in mir, die mir alle möglichen Geschichten zu meinem Schmerz erzählt. „Hätte ich die blöde Schmerztablette doch früher genommen!“ „Welches Problem habe ich denn mit meiner Weiblichkeit, dass es so schmerzt?!?!?“ „Warum will mein Körper mich bloß so bestrafen?“ – etc. etc. Ich denke, ich muss das Gebrabbel dieses Geschichtenerzählers nicht weiter erläutern, er ist landläufig bekannt.

Das Ergebnis ist, dass ich jeder neuen Welle, auf der der Killerhai angeschwommen kommt, mit noch mehr Wut, Resignation und Ablehnung begegne.

Ich identifiziere mich mit dem was ich fühle, aber schlimmer noch ist, dass ich es interpretiere. Meine Wut auf mich selbst erklärt sich ja nur dadurch, dass ich selbst glaube, ganz und gar mein Körper zu sein. Und in dieser Verschmelzung (im negativen Sinn) ist ein liebevoller, behutsamer Umgang mit mir schwer möglich.

Purusha hingegen ist der Teil, der wahrnimmt, was wirklich passiert. Er registriert die enorme Wucht, mit der die Empfindungen in meinem Körper auf und ab branden. Er liest neugierig die Emotionen und Gedanken auf, die an die Oberfläche gespült werden. Er lässt sich am Ufer nieder, um dem Naturschauspiel zuzusehen.

Meist bewege ich mich zwischen den beiden Polen hin und her, aber der Zustand der völligen Präsenz hinterlässt mich immer erfrischt und hoffnungsvoll. Ich bin mit einem friedlichen, gütigen Teil in mir in Berührung gekommen.

Genau genommen hat mir die Extremsituation des Schmerzes also ein Sprungbrett in die Erfahrung einer zeitlosen Präsenz geboten – die mich meinem Körper keineswegs entfremdet, sondern mich tiefer mit ihm verbunden hat.

Ich bin nicht mein Körper, aber er ist hier, unter diesen Umständen, in diesem Leben, mein Mittel, mich selbst kennen zu lernen.

Ich denke, die Frage, ob Körper und Seele nun vollends das selbe sind oder nicht, ist nicht zu klären (zumindest nicht mit meinen intellektuellen Mitteln). Was sie aber aufzeigt ist die Macht der Wahl – womit wollen wir uns identifizieren?

Was gibt uns Weisheit und Friedfertigkeit, was ermächtigt uns?

~*~

P.S.: Ich habe meine Großmutter 9 lange Monate lang beim Sterben begleiten dürfen.

Ihr immer durchscheinender werdender Körper und ihre Augen, die Woche für Woche ein wenig mehr an Gegenwärtigkeit verloren haben, waren für mich deutliche Anzeichen, dass ihre Seele den Faden, der sie im Körper hielt, Stück für Stück ausgedünnt hat.

Aber als ich ihren Körper am Totenbett sah, kam mir schlagartig zu Bewusstsein, was eine Seele in einem Körper ausmacht. Gemeinhin sehen wir schließlich nur solche beseelten Körper…

Ich kann nur schwer beschreiben, was ich gesehen und empfunden habe. Dieser Leichnam war eine leere Hülle.

Vielleicht hat mir ihr Fehlen so deutlich vor Augen geführt, was die Seele ist.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s