Von Schätzen, Drachen, und Familienmythen


Aus irgendeinem Grund hab ich mir wohl vorgestellt, dass ein „erwachsener“ Mensch (sprich: ich) von der Trennung seiner Eltern nicht so sehr berührt werden könnte/sollte, wie ein Kind oder ein Jugendlicher.

Dass mich Gefühle von Zerrissenheit und Traurigkeit dann doch mit derartiger Wucht hinterrücks erwischt haben, hat mich dementsprechend überrascht. (Aber es geht mir wieder gut…)

Heilmittel: Augenblicke geteilt mit dem Wind, dem Sonnenlicht, den Gräsern

Je weiter ich mich entwickle, desto mehr erkenne ich, dass nicht nur meine Probleme aus meiner Familienhistorie rühren, sondern dass v.a. meine speziellen Fähigkeiten und meine Aufgaben ganz wesentlich mit der Heilung dieser Familiendynamiken zu tun haben.

Der Punkt in mir, wo es zu den größten Zwangslagen und Unentschlossenheiten kommt (weil meine wahre Natur mit wesensfremden Erwartungen im Clinch liegt), ist eigentlich der Ort, wo ich meine größten Gaben entfalten kann, wo meine Aufgabe liegt und ich auch rückwirkend einen Teil meines Familiensystems heilen kann.

Diese Entdeckung (die sich freilich banal liest) hat mir im Wesentlichen geholfen, den Fokus vom Problem auf das dahinter liegende Geschenk und die Aufgabe zu lenken.

Im Gespräch mit einer Freundin kam mir dieser Satz in den Sinn:

„Es ist, als würde ich nicht mehr die Drachen sehen, sondern den Schatz, den sie bewachen – je größer der Schatz, desto furchterregender natürlich auch das Ungeheuer, das davor lauert.“

Wer trägt hier wen? - Die Pariser Urgroßmutter in meinem Kleid

„Welche Stimme gehört denn nun zu mir?“

Das ist eine Frage, die mich schon immer beschäftig hat, aber nach den jüngsten Ereignissen ganz besonders. Weil ich bewusster in meine Familien-Geschichte eintauche und damit auch mehr Verständnis darüber erlange, was meine spezielle Aufgabe innerhalb dieses Mikrokosmos sein könnte (in dem sich – für mich zumindest – wiederum das Große Ganze spiegelt).

Im Wesentlichen scheint unsere Familien-Aufgabe mit dem Thema erfüllter Partnerschaft zu tun zu haben (gefolgt von Geschichten rund um Wohlstand und Loslassen). Die männliche wie auch die weibliche Linie sind voll von sehr traurigen Liebesgeschichten – oder einfach nur „Geschichten“ ganz ohne Liebe, dafür mit viel Vernunft, Verschwiegenheit und Verboten.

Damit bin ich nun wirklich nicht alleine – denn, wie ein schöner Satz von Chuck Spezzano besagt: „Wir alle gehen aus den falschen Gründen eine Beziehung ein [verborgen, natürlich], und eine Krise gibt uns die Chance, aus den richtigen zusammen zu bleiben, oder gar nicht.“

Meine Mutter hat meinen Vater geheiratet, weil sie den Sätzen ihrer Mutter Glauben schenkte: „Du kannst doch froh sein, wenn dich überhaupt einer will!“ Und mein Vater wollte sie. Für meine Mutter war es lange einfacher, sich der süßen Versuchung des Nicht-Gewolltfühlens hinzugeben und ihren Eltern die Schuld zu geben, warum sich nicht auf ihren zwei Füßen stehen könne.

Die Familienkonstellation meines Vater ist sehr ähnlich (Überraschung!). Als Scheidungskind nur mit der Mutter aufgewachsen war er genauso auf der Suche nach seinen Eltern, und genauso wenig frei für eine echte Partnerin an seiner Seite, wie meine Mutter bereit war für einen Mann als gleichberechtigten, freien Partner neben sich.

Ich glaube nicht, dass die Ehe meiner Eltern aufgrund dieser Ausgangssituation von vorneherein zum Scheitern verurteilt war. Ihre Beziehung begann so wie alle Beziehungen wegen jener Anziehung, die auf innerem Mangel beruht.

Aber meine Eltern hatten Angst zu sprechen. Was ich in ihrer Ehe, meinen eigenen Beziehungen und denen meiner Freunde beobachtet habe: nicht was wir aussprechen, kann eine Beziehung zerstören, sondern es ist das trotz vieler Worte nie Gesagte und Gelebte, das unsere Authentizität und Liebesfähigkeit aushöhlt und schließlich abtötet.*

Ich erinnere mich daran, als Kind häufig von der Scheidung meiner Eltern fantasiert zu haben – der Gedanke schien mir immer ungemein erleichternd und lebensbedrohlich zugleich. Dem Konzept der „Ehe“, oder der „partnerschaftlichen Liebe“ begegnete ich mit – wie mir scheint – ungewöhnlich bissigem Zynismus und ungeheurer Vorsicht.

„Liebe“ schien mir etwas zu sein, dass ständig im Mangel ist, das „ausgehen“ kann. Ein lebenswichtiges Gut, von dem ich nicht weiß, wann es plötzlich nicht mehr verfügbar sein wird. Wie ich es oft ausgedrückt habe: Liebe schien mir wie eine Schachtel Pralinen, die einfach leer ist und bleibt, wenn sie verputzt ist. Mit dem Unterschied, dass ich nie weiß, wieviele Süßigkeiten überhaupt in der Schachtel sind.

Dementsprechend panisch wurde ich auch, wenn ich die Süße der Liebe einmal zu spüren bekam: „Oh, nun öffne ich mich also jemanden – die Schokolade ist angebrochen – wann wird sie verspeist sein? Wieviele Pralinen habe ich noch? Ist das der Anfang vom Ende?“

Ich kann gar nicht beschreiben, welche Ausmaße dieses Misstrauen gegen alle Gefühle des Verbundenseins und Fließens in mir bisweilen annehmen konnte – ich meine, manchmal brachte mich die Tatsache, dass ich zu meinem Freund große Liebe empfand, vor Sorge fast um. (Kennt ihr die Geschichte von Till Eulenspiegel, der beim Bergabstieg heult, weil er an den Anstieg denken muss, und lacht, wenn er aufwärts geht? – Genau. So.)

Kopfschüttelnde Freunde meinten dann häufig:

„Naja, wenn du jemanden liebst, dann weißt du doch, dass du es tust. Und dann genießt du es einfach.“

Es? Einfach? Genießen?!

Wenn mir ständig irgendwelche Stimmen in meinem Kopf klar zu machen versuchten, dass mir gleich die Luft zum Atmen ausgehen würde? Und ich gelegentlich vor lauter Angst schon die Liebe nicht mehr fühlen konnte, und sich sogleich neue Horrorszenarien von Trennung und Verlassenheit in mein Kopfkino drängten – also genau dessen, was ich so verzweifelt vermeiden wollte.

Dieser Wahnsinn erscheint ein geeignetes Ungeheuer für einen echten Heldenepos, hm?

Noch mehr Seelenfrieden: Augenblicke geteilt mit Moosgeruch, Morgentau und einem Sonnenstrahl

Vor lauter Hosenscheißerei (tw. wörtlich zu verstehen, kein Schmäh) habe ich gelegentlich die wichtigste Lektion vergessen, die mich mein zweiter Freund gelehrt hat: dass Liebe gemacht wird, dass ich nicht warten muss, dass sie vom Himmel fällt, oder wieder dorthin entschwebt. Sie ist vor allem eine Entscheidung dafür, und eine Verpflichtung zu ihr.

Die Schlüssel lauten: Bereitschaft und Verbindlichkeit (im Sinne von Hingabe, wie im englischen commitment).

Darin übe ich mich also – ganz besonders, weil mein „Familiendrache“ mich glauben machen will, dass es völlig hoffnungs- und sinnlos ist.

Zugleich spüre ich auch meine Familiengabe in mir – ein ziemlich zäher Idealismus, Grenzgängertum und ein Wissenshunger, der auch nicht gestillt ist, wenn man fast 100 ist (wie meine Großmutter).

Was also ist der „Drache“ in meiner Familie?

Die idée fixe, dass wir die Liebe nicht kennen. Dass es die Liebe nicht gibt, dass sie ein großer Witz oder bestenfalls ein beschränktes Gut ist. Dass Partnerschaft mit einem reellen Menschen aus Fleisch und Blut nicht funktioniert. Weil es schon eine Generation vor uns so war, und in der Generation davor ebenso, und in allen Generationen überhaupt.

Und der Schatz, den er verzweifelt zu bewachen versucht?

Die Fähigkeit, uns zu bekennen und einen Weg Hand in Hand zu gehen. Das Talent, die mystischen Dimensionen einer Partnerschaft zu erkunden, und diese Erfahrungen weiterzugeben. Die Fähigkeit, die Liebe zu einem anderen Menschen als Tor zu allen Menschen zu leben.

In diesem Sinne – in unserem „Problem“ ist die Lösung und Heilung bereits enthalten.

Das sehe ich so klar vor mir, noch viel klarer, seit meine Eltern getrennt sind, und seit ich durch die Angst und Verzweiflung durchgegangen bin, die in meiner Kindheit und den Generationen vor mir wurzelt.

Ich werde diesen Weg gehen, ich gehe ihn bereits, und ich weiß es wird gelingen – nicht den Schicksalen meiner Familie zum Trotz,

sondern ihnen zu Ehren.

Danke für mein Leben.

~*~

* Dazu demnächst ein eigener Post (Erinnerung an mich selbst).

3 Antworten zu “Von Schätzen, Drachen, und Familienmythen

  1. Liebe Lily,

    ein schöner Beitrag! Ja, ich stimme dir vollkommen zu: Indem wir die Wunden der verinnerlichten Mutter und dem Vater heilen, beenden wir auch die Kette des Leides, was seit Generationen weiter gereicht wurde. Dadurch befreien wir sie auch von diesem „Fluch“, von diesem schwerwiegenden Irrtum. Auch sie dürfen dann Frieden finden und werden nicht mehr erdrückt von der Idee des Scheiterns, die sie so stachelig in sich selbst spüren.

    Es gibt auch für mich immer wieder Anlass, meinen Eltern nachzuspüren, ihrer Beziehung zueinander und was ich davon unbewusst übernommen habe. Das ist nicht angenehm, manchmal erschreckend oder ernüchternd. Aber hat man den Schatz darin entdeckt, beginnt man erleichtert auf zu atmen. Und weiß, was zu tun ist…

    Ich wünsche dir damit und dafür von Herzen
    Alles Gute!
    Liebe Grüße
    Josephine

    • P.S.: Eine der wichtigsten, essentiellsten Erkenntnisse, wie ich finde, ist diese:

      „Was ich in ihrer Ehe, meinen eigenen Beziehungen und denen meiner Freunde beobachtet habe: nicht was wir aussprechen, kann eine Beziehung zerstören, sondern es ist das trotz vieler Worte nie Gesagte und Gelebte, das unsere Authentizität und Liebesfähigkeit aushöhlt und schließlich abtötet.“

      Wie wahr!

      • Liebe Josephine,

        danke für deine Worte. Ich erlebe es auch als erleichternd, festzustellen dass diese „Familienflüche“ und Irrtümer zwar reell sind, aber keineswegs „wahr“. Und es beflügelt mich, wenn sich trotz allem immer wieder ein Türchen auftut; sich ein besserer Weg zeigt.

        Die Realität ist magisch :)

        Herzliche Grüße an dich

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s