Aus dem Tagebuch: Körperideal und Körperwahrnehmung


Notizen aus dem Tagebuch, nach dem Workshop bei David Newman, Ende September:

Heute morgen unter der Dusche summe ich gerade mein altes neues Lieblingslied, als ich merke, dass es wieder so weit ist:

Ich kann nicht an mir hinunter blicken.

Die altbekannte Nackenstarre, die im Charakter dem Prinzip frühkindlichen Versteckspiels ähnelt:

was du nicht siehst, ist auch nicht da.

Also, das Kinn immer schön oben halten.

Als ich noch anders hieß und hier drüben gebloggt habe, hat mir der Kommentar einer Leserin (war es Kvinna, Sam, oder Sati?) geholfen, meinen mich seit Jahren begleitenden Körperhass mit neuen Augen zu betrachten. Als möglicherweise lebenslangen Freund, der mir immer präzise Rückmeldung darüber gibt, wie nah ich mir selbst bin.

Alles halb so tragisch, also.

Zumindest bis jetzt – einige Jahre später – hat sich die Prognose meiner Leserin als richtig erwiesen. Phasenweise leide ich unter dem psychologisch bedingten „steifen Hals“: ich mag mich nicht sehen, und noch weniger spüren. Mein Kopf möchte sich wie eine Glühbirne aus dem Rest der Fassung schrauben.

Und eine Stimme versichert mir – sehr glaubwürdig – dass ich jetzt, aufgrund des einen oder anderen Röllchens „zu viel“ meine Daseinsberechtigung verloren habe und mir genausogut ein großes Loch in den Boden buddeln könnte.*

Es scheint sich also nicht viel geändert zu haben. Aber:

Ich kehre zurück an den Kriegsschauplatz – jedes Mal aus einem anderen Blickwinkel, und mit wachsender Gewissheit, dass das, was ich dort von mir zu sehen glaube, nicht ich bin.

Heute morgen der folgende Gedankengang:

An welchem Punkt habe ich mich von mir selbst entfernt, so dass ich den Blick auf mich selbst gerade nicht ertragen kann? Woran müsste ich mich erinnern? Von welcher Kurskorrektur möchte mich meine Nackenstarre ablenken?

Die Zeit die ich damit verbringe, meinen Körper von außen zu begutachten wie ein Stück Fleisch, ist gleichzusetzen mit Zeit, in der ich versuche, mich nicht zu spüren. Der Schmerz kommt weniger von den schlimmen Dingen, die ich über mich denke und zu mir sage, als vielmehr von der Tatsache, dass ich mich mir selbst nicht mehr nah bin.

Ich könnte das Spiegelbild im Badezimmer nach innen verlegen – und dieses eingehend mustern, statt meines Gegenbilds da draußen.

Mein Körperideal könnte mehr und mehr zu einem Gefühl, einer sinnlichen Wahrnehmung, werden – …

Ich schätze den Begriff der „Intimität mit mir selbst“. Bin beflügelt von der Vorstellung, mir selbst so unendlich nah zu sein, dass ich mich selbst in den Momenten halten kann, in denen ich in den Blutrausch schlittere.

Es scheint, als würden die Worte von David Newman in mir Wurzeln schlagen:

„Beim Bhakti Yoga geht es darum, uns uns selbst von Herzen zu nähern.

Üblicherweise rationalisieren wir unser Befinden; es geht alles vom Geist aus.

Wenn wir beginnen, uns vom Herzen aus zu fragen wie es uns geht, spüren wir oft nichts. Das ist normal – wir sind diese Art, mit uns selbst umzugehen, nicht gewöhnt.“

Das ist schon wie eine große Liebesgeschichte, mit mir selbst. Ich erinnere mich an Momente, in denen ich mir selbst weinend im Arm lag, umfangen von bedingungsloser, beharrlicher Hingabe.

Dass ich lernen darf, was Liebe bedeutet – zu solcher Liebe fähig zu sein! – hätte ich ohne Selbsthass nicht erfahren.

~*~

* Dass die Stimme nicht in dem Maße verstummt, wie die Babyspeckröllchen mit den Jahren schmelzen, muss ich wohl nicht erwähnen. :)

Heute morgen unter der Dusche summe ich gerade mein altes neues Lieblingslied, als ich merke, dass es wieder so weit ist:

Ich kann nicht an mir hinunter blicken.

Die altbekannte psychologische Nackenstarre, die im Charakter dem Prinzip frühkindlichen Versteckspiels ähnelt: was du nicht siehst, ist auch nicht da.

Also, das Kinn immer schön oben halten.

Als ich noch anders hieß und hier drüben gebloggt habe, hat mir der Kommentar einer Leserin (war es Kvinna, Sam, oder Sati?) geholfen, meinen mich seit Jahren begleitenden Körperhass mit neuen Augen zu betrachten. Als Freund, der mich vielleicht ein Leben lang begleiten wird und mir immer Rückmeldung darüber gibt, wie nah ich mir selbst bin.

Alles halb so tragisch, also.

Zumindest bis jetzt – einige Jahre später – hat sich die Prognose meiner Leserin als richtig erwiesen. Phasenweise ereilt mich die oben erwähnte Nackenstarre: ich mag mich nicht sehen, und noch weniger spüren. Mein Kopf möchte sich wie eine Glühbirne aus dem Rest der „Fassung“ schrauben.

Ich kehre zurück an den Kriegsschauplatz – aber jedes Mal aus einem anderen Blickwinkel, und mit wachsender Gewissheit, dass das, was ich dort von mir zu sehen glaube, nicht ich bin.

Heute morgen also der folgende Gedankengang:

ich könnte das Spiegelbild im Badezimmer nach innen verlegen – und dieses eingehend mustern, statt meines Gegenbilds da draußen.

die Zeit die ich damit verbringe, meinen Körper von außen zu begutachten wie ein Stück Fleisch, ist gleichzusetzen mit Zeit, in der ich versuche, mich nicht zu spüren.

mein Körperideal könnte mehr und mehr zu einem Gefühl, einer sinnlichen Wahrnehmung, werden – …

ich liebe den Begriff der „Intimität mit mir selbst“ – ich bin beflügelt von der Vorstellung, mir selbst so unendlich nah zu sein, dass ich mich selbst in den Momenten halten kann, in denen ich in den Blutrausch schlittere.

Das ist schon wie eine große Liebesgeschichte – mit mir selbst. Ich erinnere mich an Momente, in denen ich mir selbst weinend im Arm lag, umfangen von bedingungsloser, beharrlicher Hingabe.

Dass ich zu solcher Liebe fähig bin, hätte ich ohne Selbsthass nicht erfahren.

Je mehr ich diesen Pfad entlang gehe,

3 Antworten zu “Aus dem Tagebuch: Körperideal und Körperwahrnehmung

  1. Grüss Gott Lily,

    du bist eine wunderschöne junge Frau. Wenn du das rote Strickkleid von weiter unten tragen kannst, kannst du überhaupt nicht zu dick sein.
    Seltsamerweise geht es fast allen jungen Frauen so wie dir, oft nicht ganz so ausgeprägt wie bei dir aber die, die sich selber bemäkeln sind in der Überzahl.
    Bei mir hat es sich mit mitte Fünfzig total gedreht und ich vermute dass es vielen wenn sie älter sind genauso geht. Wenn ich auf dem Höhepunkt meiner Wohlfühlphase bin, kurz bevor alles in den Keller rutscht, liebe und spüre ich mich
    so sehr, dass ich dann an meinem Verstand zweifle weil ich richtig dick bin.
    Vlt. ist es zwingend notwendig wenigstens im Alter seinen Körper zu lieben damit wir den Verlust intensiver spüren wenn wir diesen ein Leben lang ungeliebten Körper hergeben müssen.

    Liebe Grüsse//Erika

    • Liebe Erika,

      danke für deine Worte :)

      Was du geschrieben hast, spiegelt wider was ich meine: es wird so oft betont, dass „junge, normalgewichtige, hübsche Frauen“ ihr Spiegelbild nicht ausstehen können – solche, „die es nicht nötig haben.“ Als ob der Selbsthass berechtigter wäre, wenn sie mehr auf den Rippen hätten…

      Es ist genau wie du schreibst: am eigenen Verstand zweifeln, weil man sich liebt – trotz Fett und Falten. Aber die Liebe kennt ja genau all diese Grenzen und Bedingungen, die der Verstand aufstellt, überhaupt nicht. Das ist ihr Wesen.

      Ich habe selbst mal mehr auf die Waage gebracht, und es war eine wichtige Erfahrung für mich. Ich nehme Gewichtsprobleme ernst, aber mittlerweile weniger aufgrund diktierter Schönheitsideale (zumindest bemühe ich mich). Sondern weil mein Zu- oder Abnehmen einen inneren, seelischen Prozess dokumentiert. Gleichzeitig versuche ich auch jene Seite in mir zu nähren, die ihren Körper gerne zeigt, sich schön findet, und ihre Weiblichkeit zum Ausdruck bringt – also, es geht doch irgendwie wieder um Schönheit, aber eine befreite.

      Deinen letzten Satz finde ich so wichtig! Ich finde es nicht makaber, über meinen Tod und mein Alter zu meditieren, um das Wesentliche für mich heraus zu filtern, besonders wenn ich mich gerade selbst hasse. Wenn ich mir dann vorstelle, wie ich älter werde, an Kraft und Beweglichkeit verliere, und irgendwann meinen Körper wieder verlasse, dann wird mir deutlich, dass jede Sekunde Selbstbestrafung vergeudete Zeit ist. Es wird mich nicht glücklicher machen, mich selbst in irgendwelche Formate zu zwängen – auch wenn ich das manchmal ernsthaft glaube.

      Herzliche Grüße an dich,
      Lily

  2. Grüss Gott Lily,

    da hast du eine weise Antwort geschrieben.
    Übrigens: Ich gratuliere dir zum Titel und beglückwünsche dich.

    Liebe Grüsse//Erika

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