Auf der Welle des Tao (und der eigentümliche Drang, abzusaufen statt zu schwimmen)


Als ich als Jugendliche begonnen habe, mich ernsthaft mit dem Tarot zu beschäftigen, war ich begeistert von der Vorstellung, mir und anderen mit dieser Arbeit weiterhelfen zu können. Ich habe zwar immer wieder guten Freunden von meinem Hobby erzählt, mich aber nie angepriesen. Trotzdem verspürte ich gelegentlich leise Enttäuschung, dass sich kaum jemand dafür interessierte und ich selten dazu kam, an jemand anderem als mir selbst meine Intuition zu trainieren. Bis ich den Wunsch, für andere zu legen, ganz vergaß, und mich nur mehr für mich selbst in die Materie vertiefte.

Jetzt, wo ich in der Yoga-Ausbildung stecke, verhält es sich ähnlich. Ich könnte, ich wollte – aber niemand will sich recht melden. Glücklicherweise bin ich  (mittlerweile) mit einer gesunden Portion Vertrauen in meine Fähigkeiten ausgestattet – ich weiß, dass die Melange aus Körperarbeit, Spiritualität und Philosophie das Fleckchen Erde ist, auf dem ich heimisch bin. Dennoch – es wurmt mich, dass scheinbar keiner will, wenn ich schon halb verbrenne; mich endlich austoben möchte.

Dann läutet vor einigen Tagen das Telefon. Es ist eine Freundin meiner Mutter, die vor Jahren (!) gehört hat, dass ich Karten lege. Sie steckt in einer Zwickmühle, und sie möchte gerne über einige Dinge Klarheit gewinnen. Wir vereinbaren einen Termin.

Die 24 Stunden, bevor ich zu ihr fahre – wie soll ich sie Euch schildern?

Eine feine kleine Stimme in mir ist höchst amüsiert über den Gang der Dinge und fügt sich sofort dieser wunderbaren Wendung des Tao.

Eine etwas beunruhigtere Stimme flüstert mir ins Ohr, dass ich doch schon etwas aus der Übung sei. Stimmt eigentlich – wann habe ich das letzte Mal versucht, meine intuitiven Einsichten, die ich in der Betrachtung der Karten habe, für einen Dritten zu formulieren?

Eine bereits einigermaßen krätzige Stimme erklärt mir, dass ich mit meiner Lebenserfahrung wohl nicht werde punkten können und daher einen auf alte Blufferin machen werde müssen – also genau jene Klasse Kartenleger, deren Arbeit ich nicht nacheifere.

Und überdröhnt wird das Ganze von einem schrecklich fuchtelnden, tobenden Berserker, der mir vorhält, was für ein überhebliches, arrogantes, eingebildetes Gör ich doch sei – was bilde ich mir ein, dieser Frau zuzusagen und mich aufzuspielen als könnte ich in meinem Alter, einer Frau mit diesen Lebenserfahrungen, in irgendeiner Form weiterhelfen!

„Moment!“, sag ich zu mir (die es sichtlich nicht einfach hat in ihrer eigenen Haut), „Erstens: sie hat angerufen. Zweitens: das hat sicher einen Grund. Drittens: ich werde die Karten auf den Tisch legen und ihr offen sagen, was ich nicht beantworten oder einfach nicht abschätzen kann. Und viertens: ich habe jetzt immerhin einen Titel!“ (Und wer hätte gedacht, dass dieses letzte Argument mich selbst so beeindruckt hat, dass ich verstummte?!)

Nun, nachdem ich mit mir ins Reine gekommen bin, fahre ich los.

Ich erkläre ihr meine Art zu arbeiten, frage sie nach ihrer Thematik und teste vorsichtig, ob sie bereit ist, evtl. auch unter die Oberfläche zu gehen. Ist sie.

Ich finde es immer hilfreich, ein sogenanntes Tarot-Profil zu erstellen, dass ist eine Art in Tarot-Karten übersetztes Geburtshoroskop. Mir ist ja eigentlich völlig wurscht, ob die Karten Recht haben oder nicht, Fakt ist, dass sich jeder in den Karten erkennen will und alleine über Gespräch und Nachdenken wichtige Steine ins Rollen kommen können.

Und irgendwie bleiben wir eine geschlagene Stunde bei diesem Tarot-Profil hängen! Sie frägt und frägt, wir schrauben uns tiefer und tiefer in die Erfahrungen und Ahnungen, die die Symbole in uns wachkitzeln; spinnen immer weiter neue Fäden, neue Zusammenhänge.

Nach dieser einen Stunde versteht sie sich selbst besser; weiß, was sie mit ihrer Familie machen möchte; wie sie den Hausumbau organisiert; wo sie Erholung finden kann; und was welche Priorität hat.

Und als sie in die Küche geht, um mir Kaffee zu machen, sehe ich meinen Berserker aus der Ecke kriechen, ein bisschen geplättet zwar – wie ein halbleerter Luftballon – aber immer noch Berserker. Er hält mir drohend seine Faust hin und meint: „Ha, Fräulein, so ham Sie sich also aus der Affäre gezogen – mit einem Tarot-Profil, nix Anständiges, na, wo sind sie, unsere Prophezeiungen und Visionen? Nix als heiße Luft, ha!“

Aber dem Armen geht schon im letzten Absatz die Luft aus, und als er das freudenstrahlende Gesicht der Freundin sieht, die mit dampfendem Kaffee wieder herein kommt, entweicht sie ihm endgültig und er verkriecht sich zurück in seine Ecke. Ich werfe ihm ein paar Krümel köstlichen Spekulaz hinterher – er wollte ja nur helfen.

~*~

Übrigens: am nächsten Tag klingelt das Telefon erneut, und diesmal schickt die Freundin meiner Mutter die Freundin einer Freundin, der sie von mir erzählt hat und die ganz dringend Orientierung braucht. Ich sage zu. Halte Ausschau nach meinem verrückten Berserker. Aber dem bin ich jetzt anscheinend zu fad; ich glaube er tobt draußen um die Häuser. Auch in dieser Beratung erlebe ich zu meiner großen Überraschung, dass mir Antworten eingegeben werden, die genau die richtigen Dinge anstoßen und neue Perspektiven schenken. Obwohl ich eigentlich nichts will – ich bin jederzeit bereit, mir und den anderen jegliche Schwäche, Unkenntnis oder Unsicherheit einzugestehen.

Etwas sehr Neues für mich – eine, die gelegentlich von einer furchtbaren Scham geplagt wird, als altklug und hochnäsig enttarnt zu werden, und deshalb (mehr oder weniger erfolglos) versucht, ihre naseweisen Ratschläge wieder runterzuschlucken. In der Hoffnung, endlich einmal abwarten zu können, bis sie wirklich gefragt sind.

Was hiermit geschah.

~*~

Mein Fazit ist, dass mich das Leben und die Welle des Tao tatsächlich dorthin tragen, wo ich gebraucht werde. Und – dass es lustiger ist, dem Leben das Drehbuch zu überlassen, weil es immer für die besten Überraschungen sorgt (und Überraschungen, meine Güte, das ist doch wie ein riesiges, riesiges Geburtstagsgeschenk!). Wollte ich damals Tarot machen, bekam ich andere Dinge; möchte ich heute Yoga unterrichten, klingen Leute fürs Tarot an der Tür…

„Versteck Dich nicht aus vermeintlichem Anstand!“, sagt der Berserker zu mir, der gerade mit einem Blumenstrauß in der Hand aufgetaucht ist. Das wollte er ja die ganze Zeit!, meint er treuherzig; dass ich mich nicht verstecke, dass ich laut aufbrülle und so richtig auf den Putz haue.

Und vor allem, dass ich nicht glaube, es wäre höflich, wenn ich meine offenkundigen Talente verberge, damit niemand sich schlecht fühlt.

Schlecht fühln tun sie sich soundso!, sagt der Berserker, und grinst.

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