Aus der Yoga-Ausbildung ::: Eine Reise vom Mond zur Sonne


Gebundener Winkel, liegend © Chris Andre

Üblicherweise muss ich sehr auf meinen Energiepegel achten. Wenn ich morgens zum Beispiel versuchen würde, meinen Kreislauf mit Schwitzen und Anstrengung in Gang zu bringen, fühle ich mich hinterher so entleert, dass ich eigentlich gleich wieder schlafen gehen könnte. Lange habe ich das nicht akzeptiert – ich war viele Jahre eine regelmäßige Läuferin und hab mich immer gewundert, warum mich das Laufen selbst kurzer Strecken auch nach Monaten des Trainings nach wie vor so erschöpfte, egal wie langsam und schonend ich lief.

Interessanterweise habe ich erst durch jene Aspekte des Yoga, die sehr auf dem Yin/Mond-Prinzip (Erdung, Ruhe, Nähren) basieren, zu der körperlich-geistigen Kraft und Ausdauer gefunden, von der ich dachte, dass ich sie nicht entwickeln könnte, nachdem meine jahrelange Rennerei keine Erfolge gezeigt hatte.

Vor 1 1/2 Jahren habe ich 5 Monate lang nach B.K.S. Iyengar praktiziert. Die Haltungen werden sehr präzise aufgebaut und lange gehalten. Wobei – gehalten klingt so erstarrt, denn natürlich atmet der Körper, pulsiert, ist lebendig – aber die Bewegung kommt vom Kern des Wesens, ganz anders als bei der Bewegung äußerer Muskelschichten. Die Präzision der physischen Ausrichtung im Iyengar-Yoga bildet den Nährboden für eine kristalline, punktuelle Bündelung des Geistes. Durch die längere Verweilzeit wird das Üben zu einer Erfahrung des Seins (statt des Machens). Atemzug für Atemzug fällt alles weg, was nicht zum Übenden gehört.

Bei mir zum Beispiel kam eine Getriebenheit ans Tageslicht. Immer wieder tauchten Stimmen auf, die es mir zu vegällen versuchten, mich mehr als eine Minute in einer Haltung zu versenken. Zu groß war das Ärgernis „nichts zu tun“; die Angst „durch das Nichts-Tun keinen Nutzen aus dem Ganzen zu ziehen“; und – mein Favorit :) – die Furcht „dick zu werden“. Soviel zur Selbsterkenntnis.

Nun zum überraschenden Teil – den ich glaube ich aber schon mal wo festgehalten habe:

Als ich nach einigen Wochen diese Ängste vollends integriert hatte, war mein Geist endlich offen genug, die wunderbar heilsame Wirkung meiner Praxis auf mein ganzes Wesen überhaupt wahrzunehmen. Mein Pulsschlag, mein Atem, meine Gedankenströme – es war eine Entdeckungsreise. Als hätte ich den Rhythmus meiner eigenen Lebendigkeit bis dahin nur vom Hörensagen gekannt. Jetzt war ich gierig, mich in sie zu versenken und alle Aromen voll auszukosten.

Das erinnert mich an die herrlichen Pfirsiche einer Nachbarin in Frankreich. Sonnengereift. Wann immer sie einen Korb vorbei brachte, wurden die Früchte andächtig schweigend verspeist – untypisch für meine Familie, vor allem wenn sie isst! Den Geschmack dieser  Pfirsiche  kann ich nur mit „Lieblichkeit“ umschreiben. Der verschwenderischen Süße, mit der dieses Obst unsere Gaumen und Herzen umschmeichelt hat, konnte eigentlich nur die andächtige Stille der Esser gerecht werden. Nur im Schweigen konnten wir dieses wundervolle Gefühl der Belebung gänzlich auskosten. Es war als lägen die Wärme der Kornfelder, die Lebendigkeit des Sommers, die pralle Sinnlichkeit der Hügel um unserem Haus in jedem einzelnen Bissen. Sogar unsere süß verklebten Finger und die Pfirsichflecken auf unseren Hosen und Röcken wurden Willkommen geheißen als Gaben der Natur, die sich großzügig an uns zu verschenken wünschte.

Ich habe den Eindruck, dass meine Sippschaft selbst nach jedem stillen Pfirsich-Mahl großzügiger und herzlicher miteinander umging…

Durch meine Yoga-Ausbildung kam ich an einige Texte, die mir beim Verständnis von Sinn und Ausführung der Atemübungen wesentlich halfen. Als ich im Juni zum ersten Mal den Dreh bei der wechselseitigen Nasenatmung raus hatte, dachte ich nur: „Pfirsich!“ Es war die selbe, süße Gewissheit, vom Leben nicht nur ernährt, sondern verhätschelt zu werden – warum sonst sollte sogar die Luft die ich atme, so köstlich sein wie die vollmundigen Pfirsiche unserer Nachbarin? (Übrigens habe ich vor kurzem in einem klassischen Yogatext gelesen, dass diese Atemtechnik tatsächlich eine unerklärliche, tiefe Freude zur Folge hat.)

Das also hat mich die Yogapraxis im Prinzip des „Ying“ gelehrt: wahrhaft zu genießen und mich dem Leben nah zu fühlen durch Hingabe und Versenkung. Und wann immer es mir gelang, diese Einstellung durch meinen gesamten Tag zu tragen, bemerkte ich, dass ich in jeder Hinsicht weniger „konsumierte“ und mich trotzdem wesentlich satter und zufriedener fühlte. Außen hin sichtbare Ergebnisse: ich entwickelte ungemeine Ausdauer und verlor eine Menge Speck (jawoll, vom Nichtstun! Ich führe das auch auf die harmonisierende Wirkung auf den Hormonhaushalt zurück.).

~*~

Kosmischer Tänzer © Chris Andre

Nun hat mich seit einigen Wochen eine unerklärliche Freude am Sonnengruß gepackt ( das ist eine fließende Folge von Bewegungen die im Atemrhythmus ausgeführt wird. Es gibt viele verschiedene Sonnengrüße, hier einer der Klassiker).

Bis jetzt fühlte ich die meiste Zeit des Jahres das Bedürfnis, meine Yogapraxis etwa im Verhältnis 1:3 zwischen bewegt/kraftbetont (Yang) und ruhig (Yin) aufzubauen. Jetzt hat sich das Verhältnis plötzlich umgedreht. Ich dürste nach Yoga-Formen wie Ashtanga, bei denen der Übende fast nonstop in Bewegung bleibt und recht viel Kraft benötigt.

Und ich sehe: es passt wunderbar zu meiner momentanen Faszination für das Tao und den Zusammenhang aller Dinge.

Wenn ich mich verneige, strecke und drehe, dann merke ich, dass meine Kraft in dem Maße genährt wird, wie ich bereit bin, vollkommen loszulassen.

Sobald ich meinen Gruß an die Sonne in irgendeiner Form zu einer Zurschaustellung meiner eigenen Kraft und Beweglichkeit machen will – sind ebendiese dahin. Es ist pure Hingabe. Kein Wollen und kein Streben, kein „Dorthin will ich“ und „Dahin soll ich“.

Ich spüre: es gilt nichts weiter zu geben, als Bereitschaft für den sich stetig entfaltenden Prozess der Lebendigkeit. Bereitschaft, jede Haltung wieder aufzulösen sobald der Atem sich wendet; sich von einer Form zu trennen um in die nächste gegossen zu werden; zu beginnen, zu reifen und zu sterben im unaufhörlichen Wechsel. Es ist die Kunst, beständig in Neugierde zu verweilen, denn schließlich weiß ich nie so genau, wohin der nächste Atemzug mich leitet, wie er sich jetzt im Körper verteilen möchte.

Es ist eine schöne Lektion für mich Kontrolleurin – im eigenen Körper bewegt zu werden, den großen Weltatem durch mich durchwehen zu spüren, mich von ihm ein- und auseinander falten zu lassen, getragen und genährt von einer Welle der Liebe.

Dies ist ist eine Erfahrung, zu der mir wieder nur der „Pfirsich“ einfällt.

Und so lerne ich von Mond und Sonne das selbe: dass ich in vollkommener Sicherheit bin, weil das Prinzip der Lebendigkeit verschwenderische Großzügigkeit ist. (Und dass vom Loslassen alles besser wird…)

2 Antworten zu “Aus der Yoga-Ausbildung ::: Eine Reise vom Mond zur Sonne

  1. Hallo Guten Tag Geschätzte Blogg-Schreiberin Lily

    Ich bewundere es sehr, dass Sie in so jungen Jahren bereits soweit sind! Ich setze mich zur Zeit auch vermehrt mit meinem Energiehaushalt auseinander. Ich bin oft erschöpft ohne zu wissen weshalb. Es kann sein, dass ich eine ganze Nacht 8-9 Stunden geschlafen habe und einige Stunden später beim Lesen oder eine Dokumentarsendung gucken wollen, gleich wieder wegschlafe. Ich mache seit Jahren Yoga (für mich) und auch Qi-Übungen.
    Hätten Sie evt. eine Idee für mich, woran meine Erschöpfung liegen kann bzw. wieso ich meine Energie offenbar nicht voll und ganz ausschöpfen kann? Oder was ich tun könnte um endlich aus dem vollen schöpfen zu können. Grossen Dank.
    Ria

    • Liebe Ria,

      zuerst mal vielen Dank für Deinen Kommentar (ich bin ins „Du“ geschwenkt, ich hoffe, das ist in Ordnung), und für das Vertrauen, das Du mir entgegen bringst. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass es eine Vielzahl von Hintergründen für Erschöpfung geben kann: Lebensrhythmus und -umgebung, Ernährung, falsche Atmung, geistige Einstellung zum Leben, Schlafqualität u.v.m. spielen eine wichtige Rolle. Falls Du bereits nach dem Erwachen müde bist, könnte es lohnend sein, Dich von einem Arzt oder im Schlaflabor auf Dinge wie Atemstillstände während des Schlafens durchchecken zu lassen; so etwas kann den Körper enorm viel Energie kosten.

      Ich kann Dir natürlich aus der Ferne keine Diagnose erstellen. Falls Du es auf dem Yogischen Weg versuchen möchtest, habe ich trotzdem ein paar Empfehlungen für Dich:

      Ein qualifizierter Ayurveda-Arzt kann Dir sicherlich dabei helfen, Deinen Tagesablauf, Deine Ernährung, aber auch Deine Übepraxis auf Deine individuelle Konstitution abzustimmen. Auch die Chinesische Medizin ist in dieser Hinsicht sicherlich sehr hilfreich. Ich würde in jedem Fall den Arzt explizit darauf hinweisen, dass du Tipps für den Alltag wünschst.

      Beim Yoga würde ich auf drei Dinge achten: konstitutionsgerechtes und jahreszeitengerechtes Üben (zum Schnuppern empfehle ich Lucia Nirmala Schmidts „Chi-Yoga“, auch das „Yoga Gesundheitsbuch“ von Anna Trökes und Detlef Grunert ist hilfreich), sowie Pranayama. Diese Kombination möchte ich Dir allerwärmstens ans Herz legen.

      Wenn Du Deine Konstitution kennst, kann ein guter Yoga-Lehrer Dir helfen, ein Übungsprogramm (bestehend aus Asanas, Pranayamas und Achtsamkeitsübungen/Meditationen) zusammenzustellen und Dich dabei zu begleiten. Das bedeutet, dass nicht nur die Auswahl und Abfolge, sondern auch die Ausführung der Übungen genau auf Dich abgestimmt werden. Dazu gehört auch die Berücksichtigung der Umgebung (denn logischerweise arbeitet Dein ganzes System im Winter anders als im Sommer).

      Im Falle Deiner Erschöpfung wäre es ratsam, dass Du während des Übens von Asanas und Pranayama auf die größtmögliche Entspannung achtest, insbesondere der Muskulatur von Augen, Innenohr, Zunge, Kiefer, Schultern und Hüften. Beginne beim Pranayama erst mit komplizierteren Techniken wie Bandhas (Muskelverschlüssen) und Kumbhaka (Atemrückhalten), wenn Du merkst, dass du die Entspannung währenddessen beibehalten kannst.

      Ich empfehle Dir eine Mischung aus etwa 2/3 ruhigen und erholsamen Übungen (z.B. Restorative Yoga), und 1/3 anregenden Übungen. Wenn Du sehr erschöpft bist, lohnt es sich, einige Wochen vor allem „bodennah“ zu bleiben, um Kraft zu tanken. Es kann helfen, vor dem Schlafengehen einige sanfte Übungen zu machen, und besonders die Kiefermuskulatur zu entspannen.

      Genaue Übungen möchte ich an dieser Stelle nicht nennen – ich hoffe Du hast Verständnis. Dein Programm solltest Du in jedem Fall in Zusammenarbeit Deinem Lehrer/Deiner Lehrerin ausarbeiten.

      Chronische Erschöpfung ist außerdem häufig ein Zeichen dafür, dass wir „am Leben vorbeileben“, und unsere Energie an die falschen Dinge verschleudern, um die richtigen nicht anpacken zu müssen. Es gibt viele Werkzeuge, um hier einen geistigen Wandel zu bewirken – aber ich denke, das wäre genügend Stoff für einen eigenen Post.

      Ich hoffe, ein paar meiner Vorschläge haben Dich inspiriert. Es würde mich freuen, wenn Du mich auf dem Laufenden hältst und mir berichtest!

      Viele Grüße und alles Gute!
      Lily

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