Leben bedeutet, sich vollständig zu geben


Es muss eine der ersten wirklich transformativen, berührenden Erfahrungen während des Übens von Asanas gewesen sein, damals, in meinem Zimmer in Schweden, vor etwa 3 Jahren. Ardha Chandrasana hieß die Haltung, und an diesem Tag fiel es mir wohl besonders leicht, zunächst die fünf auseinander strebenden Energien (Arme, Beine und Kopf) dieser Haltung in meinem Herzen zu bündeln.

Und dann geschah’s: die gebündelte Energie begann sich vom Herzen aus wieder auszubreiten, und ich wurde zum leuchtenden Stern. Zum ersten Mal passierte mir das, was B.K.S. Iyengar einmal als „sich ausbreitendes Licht des Bewusstseins“ im Asana beschrieb; wenn die Intelligenz jeden noch so entlegenen Winkel des Körpers berührt und erfüllt, und beginnt, durch die Poren hindurch zu strahlen.

Asanas sind kein Sport, sondern eine geistige Disziplin (und ich meine diesen Begriff immer positiv). Diese bis dahin theoretische Erkenntnis rührte mich damals wie ein Donnerschlag im eigenen Körper.

Hätte mich der Vorfall weniger verwundert, wenn ich damals schon gewusst hätte, dass bei Ardha Chandrasana das Leuchten und Funkeln in der Tat Programm ist?

Ardha Chandrasana ist der Halbe Mond – aber Chandr bedeutet wörtlich: „Funkeln, Glitzern, Leuchten“.

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Der Blumenstrauß, den ich zum Studienabschluss erhielt, tut ...

Dieses Frühjahr hatte ich beim Üben ein ähnliches Erlebnis, bei dem ich an den Prozess des Erblühens denken musste.

Blumen blühen vollständig; es liegt in ihrer Natur, sich vollständig zu öffnen, zu verströmen, zu geben. Zumindest habe ich noch keine Rose gesehen, die sich höflich zurückgehalten hätte. Oder eine, die sich mit dem Blühen besonders beeilt hätte.

Vielleicht ist es das, was mich immer und immer wieder auf meine Matte zurückkehren lässt. Sie ist mein Mini-Labor, meine geheime Höhle. Hier kann ich das Knospen und Erblühen meines Wesens zulassen und erleben – ohne Scheu und Zurückhaltung.

Was bedeutet das konkret?

Dass ich mich in jedem Augenblick an den „richtigen Ort“ begebe. Dazu gilt es, alle Vorstellungen von einem Endzustand abzustreifen. Der richtige Ort ist dort, wo die Dehnung meine Haut, meine Muskelspannung, die Ausrichtung meiner Knochen, die Wachheit meiner Sinne, die Klarheit meines Geistes, mein Herzschlag, die Gezeiten der Atmung und der Fluss meiner Gedanken in lebendiger Harmonie zueinander sind.

In diesem kostbaren Augenblick wird alles, was „ich“ – also Lily – bin, transparent. Alles, was ich glaubte zu sein, zu denken, zu besitzen, oder zu wollen, fällt von mir ab. Ich erblühe. Ich bin wahrhaftig; ich selbst (aber eben etwas anderes als „Ich, Lily“. Schwer zu beschreiben.)

Und diese Erfahrung trage ich dann, Stück für Stück, hinaus in die restlichen Stunden meines Tages. Oder sagen wir: ich lasse meine Matte langsam immer größer und größer werden…

Die Entfaltung meines eigenen Wesens ist nicht nur ein Geschenk und ein Geburtsrecht, sie ist eine Notwendigkeit.

... was in seiner Natur liegt!

Zwischen meinem vorletzten und meinem letzten Studienjahr besuchte ich einen Intensivsprachkurs in Guadalajar, Mexiko. Ich wollte schnell und idiomatisch die Aussprache und die Umgangssprache des echten mexikanischen Spanisch lernen.

Mein erster und einziger Tag dieses Kurses war denkwürdig. Der Dozent beabsichtigte, seine Veranstaltung auf der Basis der Gruppenarbeit aufzubauen. Dann wollte er dieses Konzept auf den Bereich des Spracherwerbs anwenden.

Er begann mit einer Übung. Er teilte uns ein Blatt Papier aus, das uns anwies, uns eine Notlandung auf dem Mond auszumalen. Er zählte 30 Dinge auf, die unabhängig voneinander und sehr unterschiedlich in ihrem Nutzwert waren, zum Beispiel einen Luftschlauch, einen Magneten, eine Flasche Bier und eine Decke.

Wir sollten die Gegenstände nach dem Grad ihrer Wichtigkeit ordnen. Das Wichtigste für jemanden, der bei einem Raketenflug auf dem Mond notlandet, sollte ganz oben stehend, der Gegenstand mit dem geringsten Nutzen am Schluss der Liste. Wir sollten uns vorstellen, unser Leben hinge von unserer Entscheidung ab. Wir hatten 20 Minuten Zeit, die Übung alleine durchzuführen. Nach dieser Zeit teilte er uns zu sechst in Kleingruppen ein.

Nun sollten wir in der Gruppe unsere Entscheidungen vorstellen und begründen und danach einen Gruppenkonsens herbeiführen, welche Dinge am nötigsten seien, um als Gruppe auf dem Mond zu überleben.

Nach einer festgesetzten Zeit gab er uns die Lösungen, die eine Expertengruppe festgelegt hatte. Wir sollten zuerst unsere eigenen Ergebnisse damit vergleichen, dann die Gruppenentscheidungen.

Am Ende wurde jede Gruppe nach ihrem Ergebnis gefragt. Unsere Gruppe schnitt ziemlich gut ab. Der Dozent verdeutlichte, was das Ziel dieser ganzen Übung sein sollte: Keine Einzelperson im Kreis sollte besser abgeschnitten haben als ihr Gruppenergebnis. Er wollte damit erklären, dass sechs Köpfe immer besser waren als einer allein.

Ich verglich mein eigenes Ergebnis mit dem unserer Gruppe und stellte fest, dass das umgekehrt war. Mein eigenes Ergebnis war fast perfekt. Unser Gruppenergebnis lag weit unter meinem. Mein Ergebnis war sogar besser als das höchste Gruppenergebnis. Als ich das unserem Dozenten sagte, explodierte er. Er schrie mich an.

Wie könnte ich es wagen, wenn ich im Besitz besserer Kenntnisse und Fähigkeiten war, dieses Wissen für mich zu behalten, nur, um höflich zu sein? Wenn das Leben anderer davon abhing! Wie konnte ich so überheblich sein, so egoistisch und dumm! Was für ein Idiot ich sei! Und mit einem Blick, als wolle er mich anspucken, warf er mich aus dem Kurz hinaus und sagte, ich solle nicht wiederkommen. Er wolle keine Leute wie mich als Studenten.

Diese Erfahrung war peinlich und demütigend. Trotzdem war ich dankbar dafür. Das war ein Tritt, den ich brauchte und aus dem ich lernte. Ich lernte an diesem einen Tag mehr, als ich im ganzen Semester hätte lernen können.

Ich entschuldigte mich nicht mehr für meine Anwesenheit in einer Gruppe. Ich erlaubte mir, so viel wie möglich von mir zu geben und in jeder erdenklichen Form zu helfen. Die Gaben, die ich geben kann, werden von niemandem gegeben, wenn nicht von mir.

Aus: Lency Spezzano, Gib den Weg frei für die Liebe. Ein Leitfaden zum Öffnen des Herzens

Es liegt in der Natur des Seins, sich vollkommen zu entfalten. Das Sein ist vollkommene Präsenz (Sat), vollkommenes Wissen (Cid), vollkommene Glückseligkeit (Ananda). Sachitananda – das ist unser ursprünglicher, non-dualer Zustand; Einheit.

Blüht die Rose, weil sie sich eine Freude machen möchte? Oder anderen? Oder ganz einfach, weil sie muss?

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