Briefe an mich selbst ::: Old Friend from Far Away


Dieses Buch hat im Januar 2009 zu mir gefunden:

Natalie Goldbergs Old Friend from Far Away. The Practice of Writing Memoir

Ich habe nicht vor, meine Biografie zu verfassen. Aber Goldbergs schlichte, starke Sprache und ihre Übungen haben mich sofort wieder daran erinnert, wie sehr ich das Schreiben liebe. Das Buch ist eine Mischung aus kurzen, präzisen Schreib-Anstupsern (Write about your mother’s jewelry. Go. Ten minutes). Und dann wieder längere Kapitel, die mich auf wunderbare Weise an den Autobiografien anderer Schriftsteller teilhaben lassen und mir Grundsätze näher bringen.

Wie oft habe ich einfach nur 10 Minuten lang meinen Stift zu einem bestimmten Thema übers Papier gleiten lassen, um am Ende festzustellen: ich habe ein Stück Lebensgeschichte geborgen.

Vor einigen Tagen habe ich mein altes Tagebuch gefunden, in dem ich im Januar diese Übungen niedergeschrieben habe.

Ich möchte eine meiner damaligen Lieblingsübungen mit euch teilen – nämlich den „Test I„. Den hab ich gleich mehrere Male gemacht.

Es geht mir jetzt nicht um schriftstellerischen Wert, sondern um die Vielzahl der Erinnerungen die in diesen Übungen an die Oberfläche gespült werden. Wie in einem Setzkasten stehen sie beieinander und ergeben plötzlich ein sinnvolles Gesamtbild. Ich denke, das ist mit jedem Menschleben so?

Natalie fragt mich also auf Englisch (ich habe gekürzt), ich antworte weiter unten auf Deutsch.

Here is a test. The good thing about it is all answers are correct. Right off the top you receive an A.

You have two to three minutes to answer each question. Make sure you are specific. Nothing vague. You might want to begin each answer with „I remember.“

  • (1) The first one: give me a memory of your mother, aunt, or grandmother (…)
  • (2) Give me a memoray of the color red. Do not write the word „red“ but use words that engender the color red when you hear them. (…)
  • (3) Give me a memory of sound. Again try not to use the word „sound“ in your writing. (…)
  • (4) Give me a picture of a teacher you had in elementary school.
  • (5) Tell me about a meal you loved. Where were you when you ate it? What was the wheather like out the window? Who were you with? How old were you?
  • (6) Tell me about a time you remember rain. Rain might not be the main focus of a memory but write about a time when it was there with you as you said good-bye to your grandmother one cold day in November or kissed your first girlfriend on the lips before school at eight a.m.
  • (7) Right now list ten smells you remember. Be specific.

  • (1) Ich erinnere mich an meine französische Großmutter, die sich immer noch jeden Tag schminkt und zurechtmacht. Sie hat einen Buckel und arthritische Finger, die sich auf kunstvolle Weise in alle Richtungen biegen. Sie riecht immer frisch, jugendlich. Sie hat eine spezielle Falttechnik für ihre Servietten: nach dem Essen macht sie daraus eine kleine Tasche, dann steckt sie ihre Medikamente hinein und legt sie in die Lade zu den anderen Servietten.
  • (4) Sie hieß Frau D. und war meine Deutschlehrerin. Sehr klein, sehr dünn, schwarzes, krauses Haar, Pferdeschwanz. Sie war eine Maus in sehr engen Hosen, die ihre Beine noch dünner machten. Dazu immer eine Strickjacke. Sie war streng, fordernd, ausgezeichnet. Sie mochte mich, und ich sie. Ich liebte die Buchvorstellungen bei ihr und die Art mit der sie Diskussionen anzettelte. Einmal stand sie nach der Pause vor derKlassentür und sagte trocken zu uns Mädchen, die auch in den Raum wollten: „Schönheit vor Alter.“
  • (3) Ich erinnere mich daran, wie meine Großmutter meinen Vater ruft – das Haus ist riesig und sie muss ihre Stimme in allen Tonhöhen benutzen. Wir kichern hinter vorgehaltener Hand, während sich ihre Rufe langsam durchs Haus bewegen, mal lauter, mal leiser, dann ungeduldig, mit einem wütenden Überschlagen. Irgendwann kracht die Küchentür, sie geht aus dem Haus. Die Schreie hallen durch den Park.
  • (5) Ein Tisch voller kleiner Gerichte – Tzatziki, Melanzani-Salat, Feta, Gigantes … dazu Wein – ein ausgezeichnetes Essen auf Santorini. T und ich genossen, der Kellner war äußerst höflich, am Ende der Terrasse ein Sonnenuntergang. Urige Tanzmusik, die mir zwischen den Gängen von T. erklärt wurde. Wir hüpften im Rhythmus mit unseren Pobacken auf dem Stuhl, während der Kellner uns lächelnd gebratenen Käse auftischte, von dem wir uns nicht mehr erinnern konnten, ihn je bestellt zu haben.
  • (7) Nasse Wolle, Homöopatische Tropfen, Alte Zeitschriften, Kugelschreiberflüssigkeit, Menstruationsblut, Kreuzkümmel, Frisches Brot, Miso Suppe, Tannenzapfen, Katzenfell.
  • (6) Der Regen war wie ein Test am ersten Tag unseres Campingurlaubs in Autun. Ich war den ganzen Tag besorgt, dass es ins Zelt regnen könnte und meine Strickjacke roch vor lauter Feuchtigkeit nach Schaf. Im Kaffeehaus hat es uns trotz der Schirme auf der Terrasse in die Tassen geregnet. Ich war angespannt, verfroren, ängstlich. Und – ohne es zu merken – unbeschreiblich glücklich in diesem Niesel.
  • (1) Meine Mutter und Großmutter sitzen zu Weihnachten in der Küche. Ich habe meinen Teddy im Arm, einen Daumen im Mund. Der Ofen ist an und surrt leise. Meine Großmutter stellt mich zur Rede. Habe ich die Pullmoll-Bonbons aus der Dose auf ihrem Nachtisch aufgegessen? Ich werde rot und erkläre ihr, dass es mein Teddy gewesen ist. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass er die Bonbons verschlungen hat. Die beiden Frauen lachen, meine Mutter sieht mich streng an und bekommt diese spitze Nase. Sie glaubt mir einfach nicht! Tränen der Wut, der Scham.
  • (2) In Schweden habe ich einmal einen Kilo Ribisel auf einmal gegessen, gegen die Blasenentzündung. Ich erinnere mich außerdem an die Erdbeermarmelade zu den Waffeln im Mai. Ich habe dort auch Unmengen an Tomatensauce gekocht, gerne mit einem Schuss Rotwein. In der Früh griechisches Omelett, über dem Feuer des Gasherds. Oder auch gelegentlich Schwammerlgulasch mit ordentlich Paprikapulver. Und beim Brunchen Anfang September hat mir eine Freundin gezeigt hat, dass eine echte Schwedin Beerenmarmelade auf ihr Käsebrot tut.
  • (4) Frau P. hatte Querrillen in ihren Fingernägeln und sehr stramme Waden. Ich erinnere sie hauptsächlich in Röcken. Sie hatte einen trockenen Humor. Einmal hab ich einen Zettel zum Fernrohr gerollt und damit die Klasse betrachtet. Und was sehe ich? Frau P. guckt mir ebenfalls aus einem Papierfernrohr entgegen. Hab’s schnell wieder auf den Tisch gelegt und weitergeschrieben.
  • (3) In der Stille des fallenden Schnees sind wir am 1.1.2005 auf den Gipfel marschiert. Unser rhythmisches Stapfen, und dazu gelegentlich der Aufprall von ein bisschen Schnee, der vom Baum zurück in den Schnee fiel. Es war so still, dass auch das Schnaufen der Wanderer vor und hinter mir kaum zu hören war. Es knirschte leise unter meinen Schritten.
  • (7) Vanilleschoten, Benzin, Frisch geschnittenes Gras, Apfelstrudel, Jasmin, Hundescheiße, Sperma, Zahnpasta, Lindenblüten, Kaffee.
  • (6) Der Platzregen kam am Ende unseres Besuchs im Tiergarten Herberstein. J. und ich rannten zum Auto; es gibt ein Foto vom Augenblick als wir endlich drinsaßen: zwei nasse Gesichter, lachend, eins mit verschwommener Wimperntusche. Später sind wir nochmal stehengeblieben, um die nassen Kleider auszuziehen. Das erste Mal, dass ich (fast) nackt Auto fuhr.

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