Ego und (physischer) Schmerz


Ach Gott, diese Gene – in meiner Familie haben Frauen anscheinend alle ein hypermobiles Iliosakralgelenk (die Verbindung zwischen Grün und Blau unten im Bild). Es verhakt und verkeilt sich bei uns ganz gerne, mit manchmal recht unangenehmen Folgen. Der Schmerz ist übrigens nicht zu verwechseln mit dem Ischiassyndrom (obwohl ich nicht weiß, was mir lieber wäre).

Der Schauplatz. (Danke, Wikipedia)

Na jedenfalls hatte meine Mutter schon vor einigen Tagen immer wieder blitzartig eintretende Schmerzen im unteren Rücken, um dann Dienstagabend völlig bewegungsunfähig in ihre Federn zu sinken. Höchstwahrscheinlich ein eingeklemmter Nerv.

Als ich gestern zu ihr fahre, geht’s ihr trotz allem recht gut. Das komödiantische Talent meiner Mutter entfaltet sich besonders gut nach ein, zwei Gläschen Wein, oder aber auch wenn sie mit relativ klarem Geist ans Bett gefesselt ist. So spielt sie mir also gleich die Episode mit dem tumben Notarzt vor, der morgens gekommen war, ihr eine Spritze gab (die nie gewirkt hat), dann kumpelhaft-deftig auf den ohnehin schmerzenden Rücken patschte und wieder ging, ohne auch nur einen Satz mit ihr gesprochen zu haben.

Dann folgt eine ebenfalls recht humorige Auflistung der nun zu verschiebenden Termine und anzurufenden Klienten. Schließlich wird sie ärgerlich und sagte: „Ich weiß, dass ich etwas loslassen muss, nur was? Ich verstehe das einfach nicht!

Ich halte währenddessen meine Hände unter ihr Kreuz und bin ziemlich überrascht von der Wucht des energetischen Chaos‘, auf das ich treffe. Ich habe das Gefühl, dass ihr ganzer Unterkörper ausgehungert und dunkel ist; vor allem aber abgetrennt von ihrem Herzen durch eine Barriere auf der Höhe des Zwerchfells.

Einen Augenblick überlege ich, ob das jetzt in Ordnung ist, ob ich überhaupt die Erlaubnis habe, das Befinden meiner Mutter auf so deutliche Weise zu spüren. Irgendwie ist es mir zu intim, aber ich kann mich den aufkommenden Gefühlen und Sätzen nicht entziehen.

Ich sage ihr das. Und sie meint, dass ihr meine Hände gut tun; dass sie sich als Mutter gerade nicht herab gesetzt fühlt und dass sie wissen will, was ich wahrnehme. Ihr Vertrauen in mich und das Geschehen berührt mich, also schließe ich die Augen und gehe nochmal in ihren Unterbauch.

Als erstes spüre ich, dass die Barrierefunktion des Zwerchfells/Solarplexus‘ ein Ablenkungsmanöver des Ego* ist, das Veränderung, Verbindung und Heilung natürlich verhindern möchte, um seine Herrschaft aufrecht zu erhalten.

Das funktioniert in etwa so:

Zuerst versucht das Ego eine Reihe von geistigen Ablenkungsmanövern: Warum passiert mir das? Was ist der Grund? Ich verstehe das nicht! Die Suche nach Gründen führt in diesem Fall nirgendwohin, und genau das ist ja auch die Taktik. Oder die Gedanken drehen sich im Kreis um alles, was eigentlich zu erledigen wäre.

Wenn der Geist dann endlich vom Karussell abspringt und sich ohne den inneren Geschichtenerzähler ganz einfach auf den Augenblick konzentriert, schaltet das Ego einen Gang höher. Es versucht, mit starken Emotionen die Annäherung an die vergrabenen Gefühle zu verhindern.

Ich nehme eine große Traurigkeit im unteren Rücken meiner Mutter wahr, aber wenn sie versucht, „hinunter zu steigen“ um sich diesem Teil zu widmen, spürt sie als erstes Frustration und Wut, die in ihrem Magen brodeln.

Diese explosiven Emotionen im Solarplexus sind ein Versuch, sie davon abzuhalten, zu den aufgestauten Gefühlen durch zu gelangen und eine Herzensverbindung herzustellen. Was die Traurigkeit benötigt, ist pure Anteilnahme, Liebe und Wärme. Weiter nichts, es gibt nichts zu verstehen, oder zu ändern.

Diesen Prozess direkt unter meinen Fingerspitzen begleiten zu dürfen, bringt mich ein großes Stück weiter.

Also – wortwörtlich zu begreifen, wie sehr sich dieser „kranke“ Körperteil nach Liebe sehnt, ohne dass der Intellekt auch nur eine Spur davon mitbekommt. Als ich meiner Mutter sage, dass ich den Eindruck habe, als würde sich ihr Rücken die Wärme gierig aus meinen Fingern saugen, und sie ein wenig überrascht kuckt, kann ich förmlich spüren, wie nichts von dieser Sehnsucht im Kopf ankommt – weil die Verbindung gekappt wurde.

Das war eine wichtige Erfahrung – nicht zuletzt, weil ich eine ganz große „Verstehen-Wollerin“ bin.

Wenn ich in meinem Hirn drin hocke, bin ich ebenso ahnungslos von der tiefen Sehnsucht in meinem „kranken“ Körper, wie meine Mutter gestern. Es war spannend, das Ganze mal von der Warte des schmerzenden Körpers aus zu betrachten.

Habe mir für den nächsten Menstruationskrampf hinter den Ohren notiert: nicht denken, umarmen!

Übrigens: heute morgen schlurft Muttern immer noch ein wenig Omi-mäßig durch die Gegend, aber die Schmerzen sind weg!

* Ich verwende den Begriff „Ego“ im Sinne der Psychology of Vision. Das Ego ist jener Wesensanteil, der sein Dasein auf dem Prinzip der Trennung und Konkurrenz begründet. Es hat kein Interesse an wahrem Erfolg, echter Intimität oder Nähe, weil diese Dinge Trennung und Konkurrenz überwinden und das Ego damit auflösen. Das Ego entwickelt daher Ablenkungsmanöver und bietet uns Dinge, die zum Beispiel so aussehen wie Nähe oder Erfolg, uns aber nicht ermöglichen, wirklich zu empfangen.

Ach Gott, diese Gene – in meiner Familie haben Frauen anscheinend alle ein hypermobiles Iliosakralgelenk (die Verbindung zwischen Grün und Blau oben im Bild). Es verhakt und verkeilt sich bei uns ganz gerne, mit manchmal recht unangenehmen Folgen. Der Schmerz ist übrigens nicht zu verwechseln mit dem Ischiassyndrom (obwohl ich nicht weiß, was mir lieber wäre).

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