Gibt es ein Leben nach der Geburt?


Bei einem Advent-Treffen vor einigen Wochen unterhalte ich mich mit der Freundin einer Freundin über eine spontane Wiedergeburtserfahrung, die ihr vor einiger Zeit passiert ist. Ihre Geburt wurde künstlich eingeleitet, während der Presswehen klemmte sie fest. Sie erzählt mir, wie sehr sie dieses Gefühl des Feststeckens geängstigt hat und dass sie beim Wiedererleben ihrer Geburt die Eingebung hatte, ihren Kopf ein paar Zentimeter zu wenden, um weiterzukommen. Mit dem erstaunlichen Ergebnis, dass alle Angst von ihr abfiel und sie sich auf einmal von den Ereignissen tragen lassen konnte.

Wir unterhalten uns darüber, wie die Geschehnisse unserer Geburt uns vermutlich zu unseren ersten, grundlegenden Vorstellungen vom Leben führen. Vorstellungen und Programmierungen, die uns so nah sind wie das sprichwörtliche Brett vorm Kopf.

Meine Freundin meint, für sie wäre die Zeitbestimmung immer ein großes Thema gewesen. Etwas im eigenen Tempo zu machen; sich ihre Zeit völlig frei einzuteilen; Zeit als Raum und Weite statt als Enge und Druck zu empfinden; dass alles schien ihr lange undenkbar.

Dieses Gespräch hat mir große Freude bereitet – die Neugeburt einer Freundin bei einem Gläschen Roten zu begießen, war die ideale Abrundung des Advents.

~*~

Im Rückblick auf 2009 wird mir immer klarer, dass sich alles auf meine eigene „Wiedergeburt“ vor einigen Tagen zugespitzt hat.

Die Ereignisse der letzten Wochen waren intensiv und herausfordernd, darum hab ich mir ein bisschen Abstand vom Bloggen gegönnt. Ich wollte nichts Halbverdautes veröffentlichen.

Begonnen hat alles im Sommer/Herbst 2008, als der Gingerbread Man und ich eine partnerschaftliche Vision für die kommenden Jahre formulierten. Wir fühlten uns inspiriert vom Gedanken, unsere Sexualität zu reformieren; Schritt für Schritt, gemeinsam und jeder für sich die zahllosen Schichten historischer und persönlicher Konditionierung zu erforschen und aufzulösen, die uns Menschen von echter Sexualität so schmerzlich weit entfernt halten.

Übrigens sieht die Chinesische Medizin den sexuellen Akt selbst als nur 5%igen Anteil der gesamten „Sexuellen Energie“.

Unser Kulturkreis weiß im Grunde nichts mehr über Sexualität. Die verbleibenden 95% zu erforschen, das war also unsere Vision für uns als Paar.

Dann, letzten Januar, explodierte die Bombe.

Mein Körper machte monatelang dicht, ich war vollkommen zerrissen zwischen übergroßer Sehnsucht und der intensivsten Angst meines Lebens. Im Rückblick scheint mir das die logische Antwort auf unsere Pläne gewesen zu sein. Erstmal alles verlieren; durchputzen; von vorne beginnen.

Über genauere Einsichten und Zusammenhänge werde ich vielleicht im Laufe der nächsten Monate posten, wenn ich das Gefühl habe, dass die Wogen von 2009 sich geglättet haben und ich auf dem neuen Boden Wurzeln geschlagen habe. Der Gingerbread Man und ich liebäugeln auch mit dem Gedanken an ein gemeinsames Blog zum Thema  (er hat die wunderbare Gabe, individuelle Prozesse und ihre Einbettung in das große Ganze des Mensch-Seins präzis zu erfassen). Aber – das alles ist noch Zukunftsmusik.

Ich – also auch wir – bin noch dabei, nach all dem Tumult mein Zuhause neu aufzubauen. Im Grunde beginnen wir gerade eine völlig neue Beziehung.

Ich war die letzten beiden Wochen bei ihm (er ist vor einigen Monaten von der kleinen italienischen Insel wieder zurück aufs griechische Festland gehoppt. Mal sehen, wie lang er’s diesmal in diesem verrückten Land aushält…).

Die ersten 10 Tage hier wachte ich jeden Morgen mit einer intensiven, erschöpften Nervosität auf. Gerädert und unfähig zur Entspannung fiel mein Blick zuerst immer auf den halb im Kissenmeer vergrabenen Kopf neben mir; dann auf die Decke; dann auf das seltsame ‚M‘ auf der wuchtigen Holzkommode gegenüber. Nach den ersten zwei drei Blinzlern setzten die Angstschübe ein.

Tagsüber schafften wir es durch Gespräche und Energiearbeit, uns Schicht für Schicht durch unsere Problematik zu arbeiten. Wir gingen auf Konfrontation mit der Panik, indem wir an den Ort des Schmerzes gingen, nicht auswichen, und uns Schicht für Schicht gemeinsam durchfühlten. Das Vorankommen war zäh und mühsam; Tag für Tag erwachte ich mit dem selben gefürchteten Gefühl.

Am 6. Januar, dem Tag der Epiphanie, war’s genug, ich wollte mich wirklich nicht länger fürchten.

Ich wache auf; wieder mit einem grässlichen Gefühl; zum Aus-der-Haut-Fahren. Ich raffe mich auf fürs Yoga und beschließe, mich heute komplett durch den Schmerz durchzuarbeiten, egal wie lange es dauern sollte.

[Nebenbei: zu meiner Nervösität trug sicher auch die Stadt Athen bei, deren Wahnsinn einer permanenten Vergewaltigung der Sinne gleicht. Nur um 3 oder 4 Uhr morgens herrscht hier sowas wie Frieden und ich habe nicht das Gefühl, dass die Stadt sich gewaltsam in Ohren, Nase, Mund und Poren breitmacht. Dazu kommt, dass das Leben in Griechenland HART ist, für mich kaum vorstellbar. Angst und Sorge überall, denn das Leben kostet soviel wie in Zentraleuropa, aber die Gehälter betragen nur etwa ein Drittel oder die Hälfte. Kinder leben bei ihren Eltern bis weit über 30. Das Verhältnis zwischen Männern und Frauen – die Fähigkeit in Beziehung zu treten überhaupt – ist auf der tiefsten Ebene gestört. Menschen in meinem Alter sehen oft schon verbraucht aus. Die Mühsal steht ihnen allen ins Gesicht geschrieben. Und ich Grazer „Landei“ mittendrin… Habe immer meine liebe Not in dieser Stadt; bis ich nach ein paar Tagen den nötigen Schutz um mich den ganzen Tag aufrecht halten kann.]

Als ich mich auf die Matte zur Anfangsentspannung lege, fällt mir das oben genannte Gespräch zur Geburt wieder ein.

Plötzlich ist mir ganz klar, dass es auch bei mir genau darum geht: meine Geburt noch einmal zu erleben, und diesmal bewusste, lebensbejahende Entscheidungen zu treffen.

Ich lasse mich darauf ein, beginne mich zu bewegen, lasse Gefühle in mein Bewusstsein steigen, ohne zu interpretieren.

Bedrängnis. Eine würgende Angst vor dem „da draußen“. Misstrauen. Wut auf mich, auf alles. Warum habe ich mich überhaupt so weit vorgewagt?

Ich kann nicht zurück, und weiter will ich nicht.

Ich werde einfach hier bleiben. Versuchen, die Situation zu kontrollieren. Dem Unheimlichen da draußen einfach nicht entgegen treten.

Kontrolle, Kontrolle, Kontrolle.

Ich bewege mich weiter. Die Gefühle werden heftiger, ich erlaube ihnen, sich in mir auszubreiten. Doch zugleich, je mehr ich mich hinein entspanne, geschieht ein wunderbarer Sinneswandel.

Ich nehme meinen Mut zusammen. Ich sehe das Licht, und lasse los. Ich lasse mich hinaustragen in das Unbekannte, voller Vertrauen, dass es mich tragen wird und dass ich leben werde.

Nach zwei Stunden fühle ich mich als würde ich plötzlich sehen können und im Leben neu erwachen. Die Welt hat auf einmal mehr Farben, mehr Düfte, unendlich viele Möglichkeiten, Platz zum Spielen und Staunen.

~*~

Ich bin beglückt; lasse die Ereignisse beim Frühstück mit dem Liebsten nachwirken.

Ich möchte dieses Geschenk feiern; ganz leise und still. Ohne Sektkorken oder Ansprachen. Bloß dem Leben gestatten, den neu eroberten Raum in mir zu erfüllen und zu gestalten.

Einige Tage später kann ich meinem Gingerbread Man nach vielen Monaten wieder von Seele zu Seele in die Augen blicken. Die Nebel, in denen sich immer meine eigenen Ängste und Kontrollmechanismen spiegelten, lüften sich, Schicht für Schicht. Ich sehe wieder IHN – nicht den Schmerz. Und es scheint, als wäre der Durchbruch auf diese nächste Stufe dauerhaft gelungen…

Die Freude ist riesig.

Ich glaube, 2010 wird nun mein Jahr der Ernte…

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