Das Große Kribbeln


Und dann fand ich mich ich vor über einem Jahr plötzlich im Körper genau jener Frau wieder, die ich niemals sein wollte.

Taub, leer, „frigide“.

Der Gedanke an Körperlichkeit, Sexualität, löste regelrecht Panik und Beklemmung aus. Männer nur zu sehen spürte sich an wie Druck, Erwartung, Freudlosigkeit. Und alles durchgemischt mit einem Gefühl von Sehnsucht, Scham, Verzweiflung – irgendwie schien ich mich verloren zu haben.

Es fing so ziemlich von einem Tag auf den anderen an. Rückblickend erkenne ich, dass ich selbst diesem Prozess grünes Licht gegeben hatte, als ich merkte, dass da irgendwo unter der Oberfläche ein neues Verständnis und Erleben von Frau-Sein, Sinnlichkeit und Sexualität geboren werden wollte.

Es war als fielen mit einem Mal alle Ablenkungsmechanismen aus, mit denen ich sonst das allmähliche „Ersterben“ im Körper überdecken hätte können. Und ich landete mitten drin. In der Ödnis, die Missverständnisse, Familie und das Bild von Frau/Mann/Sexualität in meinem Körper hinterlassen hatten.

Es war das nackte, pure Entsetzen.

Zum einen, weil der Andrang dieser in mir verstauten und angestauten Emotionen an sich oft überwältigend war.

Zweitens, weil mein Hirn, wahrscheinlich wie viele andere auch, mit einem angelernten Katalog von Deutungen und Bedeutungen meiner Situation überfrachtet war. „Wenn’s im Bett nicht mehr läuft … ist der Mann der Falsche … ist die Frau die Falsche … ist irgendetwas grundlegend falsch…“

Heute denke ich, dass es alles so kam, weil ich mich wahrscheinlich sicher genug fühlte, den ganzen alten Wust endlich an die Oberfläche zu bringen. Sicher genug in meinem Körper, in meiner Fähigkeit mich aufzufangen, in meiner Beziehung.

Ich, meine körperlichen Reaktionen, mein Körper überhaupt, waren richtig. Weil sie mir zeigten, was für MICH nicht richtig war. Und da ging es vorrangig nicht um äußerliche Veränderungen (Lebensumstände, Partner, oder Techniken). Es ging eher um Rollen die ich mir im Lauf der Jahre zugelegt habe; Vorstellungen vom Körper, der Liebe, den Männern, der Sexualität, die mich vielleicht schützten aber eben auch meinen lebendigen Ausdruck, das lebendige Erfahren meiner Körperlichkeit und meiner FREUDE daran grob beschnitten.

Aber zuerst wollte ich verstehen. Las tonnenweise Bücher, ging zu dieser und jener Therapie, lernte und verstand viel, probierte aus und LIESS MIR HELFEN. Half mir selbst.

Na klar, von außen gesehen war’s einfach zu erkennen: ich rannte um mein Leben. Von Therapie zu Therapeut, von Buch zu Buch, weil ich nach wie vor an meinen „Defekt“ glaubte. Weil ich nicht länger „diese Frau“ sein wollte. Ich konnte mich nicht identifizieren mit mir. Der Frau, die Angst hat ihren Mann zu empfangen, die Schmerz fühlt wo keiner sein sollte, Angst vorm Leben hat und völlig chaotisch und kopflos in ihrer Emotionalität untergeht und sich dabei kaum mehr fühlt.

„Wenn ich das noch löse, wenn ich noch diesen einen Schmerz begreife, wenn ich diese Verzweiflung los bin – dann … „

Ja was, eigentlich? Dann…

Und dann war da Gott.

Für mich war nie ein Zweifel, dass dieses „Etwas“ existierte, aber es war mein Sündenbock N° 1. Was habe ich getobt, gezettert, gehadert! Angeklagt: „Du lässt mich allein, du erwartest Dinge von mir, die ich nicht tun kann, du hasst mich, weil du mich solchen Schmerzen aussetzt!“ Und jedes Mal, wenn ich verheult und ausgebrannt nach so einem kosmischen Wutanfall auf dem Fußboden lag, kamen Frieden und eine unendliche, große, wunderschöne Liebe.

Ich spürte, das Göttliche liebt mich, hält mich, führt mich, und lächelt mir von innen her zu. Nur ich, ich konnte diese Liebe nicht nehmen.

ICH ließ mich allein, ICH erwartete Unmenschliches von mir, ICH hasste mich, ICH setzte mich Schmerzen aus, um mich für meine vermeintlichen Unzulänglichkeiten zu bestrafen.

Ich getraute mich nicht, diese strömende, umfassende göttliche Liebe in mich einzulassen. Mir fiel auf, dass ich von so viel Liebe immer ganz unbeholfen werde, egal wo sie mir begegnet ist. „Was, das alles für mich?…“ Ich schnitt mich ab, von all dem Schönen in mir und um mich herum.

Und irgendwann blieb mir nichts anderes übrig als zu erkennen: „Ich weiß, dass ich geliebt bin, aber ich kann es nicht mehr spüren. Alles was ich wahrnehme, ist kalt und tot. Bitte lehre mich, mich in mein Gottsein fallen zu lassen. Wie ein Vogel im Wind, eine Blume auf der Wiese – genauso vertrauensvoll, genährt und getragen im Jetzt. Sorgenfrei.“

Es war vor einigen Tagen. Ich saß auf dem Fußboden, die Arme um die Knie geschlungen, den Kopf eingerollt. Eine Stimme in mir, die wie meine war, und auch wieder nicht, und mit einer überaus bahnbrechenden Kraft sprach:

„Du bist geliebt, du bist so über alle Maßen geliebt und geschätzt. Alles hat Platz in dieser Liebe, und nichts was du je fühlst, tust oder denkst, könnte jemals aus dieser Liebe herausfallen.“

Und so begann das große Schmelzen. Ein Gefühl, das ich bisher nur vom Sex kannte, breitete sich in meinem Körper aus. Ein warmes Strömen in allen Gliedmaßen, ein Kribbeln und Erwachen in allen Zellen. Jede Pore geöffnet und empfänglich, und eine unglaublich kraftvolle und starke Lebendigkeit, die mich erfrischte und nährte. Mitten darin ein friedvoller, wacher Geist – völlig gegenwärtig.

Aber es war nichts „Außergewöhnliches“, vielmehr schien es, als wäre ich immer schon so gewesen, als wäre ich in Wahrheit immer dieser Zustand. Ganz so, als wäre ich aus einem Traum in die Wirklichkeit erwacht, mit belustigter Selbstverständlichkeit.

Es hielt nicht lange an, aber doch lang genug um mir begreiflich zu machen, dass Sexualität die ganze Zeit IST – und zwar anders als die allgegenwärtige vergewaltigte Version davon, die ich rund um mich wahrnehme. Sie ist die Kraft des Lebens und der Liebe schlechthin.

Jetzt, um viel Wissen und Verständnis reicher, kehre ich zurück zum Anfang. Dorthin wo alles begann, im Körper. Ich spüre immer öfter das Bedürfnis, mit mir zu sein, mich zu halten und zu berühren. Nur um mich selbst wissen zu lassen: „Ich bin da. Ich höre dich. Ich spüre dich. Es ist in Ordnung.

Das allein ist die größte, schönste „Selbst-Befriedigung“. Mich nicht allein zu lassen, mich sein zu lassen, mich zu lieben.

Es ist manchmal, als würde sich etwas in mir in mich hineinlegen, sich an mich schmiegen. Nach Hause kommen. Endlich.

Ich habe oft noch immer Angst. Angst zu versagen, dieses oder jenes nicht sein zu können, nicht zu genügen, nicht zu fühlen. Angst, auf ewig „diese Frau“ zu sein. Die Aussätzige, Frigide, Asexuelle, auf die mit dem Finger gezeigt wird.

Aber ich weiß auch: das sind Abwehrmechanismen gegen die übergroße Liebe und Wertschätzung , die ich in meiner Familie, in meinem Freundeskreis, bei meinen Schülern, in der Arbeit, und vor allem bei meinem Partner erfahre. Und die mich immer wieder so furchtbar ungeschickt macht…

Es braucht so viel Mut und Stärke, sich lieben zu lassen!

Ich weiß auch: ich möchte sprechen. Ich suche den Austausch mit Menschen über genau dieses Thema. Weil ich weiß, ich bin nicht die einzige, die durch die (sexuelle) Wüste streift.

Und hier noch: eins der schönsten Lieder, um Danke zu sagen.

2 Antworten zu “Das Große Kribbeln

  1. Wow – erstaunlich, daß du gerade jetzt über diese immense Kraft schreibst, die immer da ist. Und die fast überall so unterdrückt ist. Bin gerade mit meiner eigenen Sexualität wieder im Gespräch – sie war lange überlagert von vielen spirituellen Ideen, Wegen, wie immer mensch es nennen will. Kürzlich kam sie durch die Hintertür zurück und zwar gewaltig ….. Sie ist wie du schreibst, immer da und die meine hat wirklich Kraft. Irgendetwas Konkretes dazu zu sagen – fällt mir gerade schwer. Ich schenke ihr nun endlich die verdiente Aufmerksamkeit, da sie meine Lebendigkeit ausmacht. Also ist sie nicht nur Sex – den ich in den vergangenen Jahren insbesondere aus verschiedenen Ängsten eh vermieden habe – sondern auch und vor allem diese Kraft, die fähig, das Leben mit allem darin zu umarmen. Oder so … eh nur eine dürftige, lückenhafte, spontane Äußerung zu deinem Post.
    Habe ihr versprochen, mich ihr nun sehr aufmerksam zuzuwenden und noch sehr viel Freude mit ihr zu haben. Im Grunde speist sie alle Begegnungen und Erfahrungen, die in irgendeiner Weise mit Lust zu tun haben – und das sind eben alle.
    Besonders gerne zeigt sie sich gerade in der Betrachtung und der sinnlichen Wahrnehmung der geradezu geilen Natur im Frühling, aber auch beim Trommeln ist sie die Kraft, die das Feuerchen schürt und brennen läßt. Jede Begegnung mit Menschen ist von ihr getragen und die Kraft dahinter ist die, die auch ermutigt, sich zu verschenken – in ganz normaler Freundlichkeit, banal .. oder auch intensiver.
    Ich höre mal auf hier …. ist eh nicht beschreibbar. Und mache das, was du auch tust: Schaue mir interessiert die alten Muster an, die verhindern, daß die Lust einfach nur Lust sein darf.
    Liebe Grüße, Sati

    • Ja, ja, ja – genau!

      Könnte jeden Deiner Sätze unterschreiben, Sati!

      Sexualität speist alle Dinge, umarmt alles, ist IMMER gegenwärtig.

      Ich verbringe jetzt so viel mehr Zeit damit, in meinem Körper zu surfen, und erlebe einen enormen Kraftzuwachs. Außerdem entdecke ich voller Überraschung und Freude, dass ich natürlich ein sinnliches Wesen bin, und mir dieser ganze künstliche Stimulations-Firlefanz wirklich gestohlen bleiben kann. :)

      Beruhigend auch zu erfahren: Sinnlichkeit wird mit den Jahren nicht weniger, im Gegenteil. Der Körper wird eigentlich nur in dem Maße tauber und reaktionsloser, in dem ich in den Kopf umgezogen bin. Ich muss bloß wieder nach Hause kommen, und alles wird wieder viel lebendiger, natürlicher.

      Ich wünsche Dir viel, viel Spaß mit Deiner Lust. Ich bin mir sicher, sie nimmt Deine Einladung mit Freude an ;)

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