Das große Kribbeln – zu zweit


Geschafft! Ein Computer, 30 Minuten Zeit und geputzte Zähne – beste Voraussetzungen, um einen Musenkuss zu erhaschen und die Ereignisse der letzten Wochen endlich, endlich!, niederzuschreiben.

Ich habe nach meinem letzten Eintrag sehr persönliche Nachrichten von Menschen erhalten, die sich auch mit ihren Beziehungen und ihrer Sexualität, dem wie und weshalb, auseinandersetzen. Ich bin nach wie vor berührt davon, dass es trotz der Sexualisierung überall eigentlich kein wirkliches Wissen über die Erotisierung unseres Wesens gibt.

Sexuelle Aufklärung geschieht ja nach wie vor eher im Sinne technischer Bedienungsanleitungen. WARUM und WIE wir Sex haben, oder haben könnten – hm… zu diesem Thema tappen wir ja immer noch im Dunkeln.

Im Austausch mit anderen hat sich herauskristallisiert, dass das bedingungslose und urteilsfreie Hinhören und Bei-Sich-Bleiben die beste Medizin ist.

Ich und der Gingerbread Man hatten vor einigen Wochen das Bedürfnis, einfach mal alle Konventionen, alles Angelernte über Sexualität über Bord zu werfen, und komplett mit dem TUN aufzuhören.

Und wenn ich sage: mit dem Tun aufhören, meine ich das genau so. So erschreckend, oder befremdlich: Passiv-Sex. :)

Die größte Offenbarung für mich war, dass es tatsächlich so etwas wie einen natürlichen Magnetismus zwischen unseren Körpern gibt, der sich von selbst einstellt, wenn wir aufhören, unsere Körper in irgendeinen Zustand stimulieren zu wollen (zu solchen Stimulantien zähle ich auch tantrische Atemübungen, die ja ebenfalls auf der Idee beruhen, den Körper in irgendeinen Zustand zu bringen).

Also stattdessen: „einstöpseln“ (wie es Diana Richardson so herzig ausdrückt), und abwarten, atmen, spüren. Und zwischendurch immer mal in alte Bewegungsmuster abrutschen. Aber mit Bewusstheit. Ich habe festgestellt, dass der sogenannte Reibungssex mich tatsächlich an der Oberfläche mehr spüren lässt, ich aber den Kontakt zur eigenen Tiefe und zu meinem Partner verliere. Als wäre die wilde Lust eine Maske, hinter der ich meine tiefen Unsicherheiten und Taubheiten verbergen kann. (Gegen Lust schreibe ich hier nicht, weiter unten mehr dazu).

Wow. Ich habe plötzlich so viel verstanden über mich, unsere Körper, die Bedeutung des Männlich-Weiblichen, und die ungemeine Heilkraft die in unserer wahrhaftigen Begegnung liegt.

Ich denke, es hat sich ein völlig neuer Weg aufgetan, der mir auch erklärt hat, warum ich vorher solche Probleme hatte.

Es ist vergleichbar mit einer Reise in die Fremde – erst durch den radikalen Umgebungswechsel können gewisse Prägungen durch die eigene Kultur erkannt werden.

Zum Beispiel habe ich festgestellt, dass meine Angst vor Sexualität vor allem daher rührte, dass ich dachte, dass für Sex ein gewisser körperlich-geistiger Zustand nötig ist. DASS ich so dachte, zeigte sich mir erst durch den Umgebungswechsel.

Eigentlich ist ja alles in unserer Gesellschaft auf dieses Verständnis des Körpers und der Sexualität ausgerichtet:

Gerätschaften, Techniken, Mittelchen und Bücher werden angeboten, die ALLESAMT darauf abzielen, den Körper in eine „sex-taugliche“ Funktionsform zu puschen, aufzugeilen. Wir denken ja immer noch, dass der Mann einen Ständer, und die Frau ein Bächlein, oder gar einen Wasserfall, zwischen den Beinen benötigt, um Sex haben zu können. Dass dem überhaupt nicht so ist – nun, das ist schon revolutionär!

Vielleicht krallen wir uns so verzweifelt an Reibung und Geilheit fest, weil wir drunter Scham empfinden für die vermeintliche Taubheit und Lustlosigkeit unserer Körper. Zumindest ging es mir so – ich erkenne es jetzt. Ich war panisch, weil ich mich selbst so derartig unter Druck setzte, in „Höchstform“ zu kommen, dieses oder jenes zu fühlen, und dabei auch noch authentisch zu sein. Puh!

Es existiert kein Vertrauen in unsere Körper. Dass sie sich auch über die verliebte Phase hinaus ganz von selbst anziehen, öffnen, und in der Tiefe berühren können – ohne dass irgendetwas dazu getan werden müsste, das ist doch unvorstellbar!

Und das Misstrauen scheint berechtigt – mir ging’s nicht anders. In ALLEN meinen Beziehungen hatte ich schreckliche Angst vor dem Augenblick, in dem mich mein Partner nicht mehr anregen würde. Und der Moment kam unweigerlich und bestätigte mir all meine schlimmsten Ängste.

Jetzt denke ich aber, dass der Verlust der Sinnlichkeit meist nicht mit einem Nachlassen der tatsächlichen Anziehung zu tun hat. Vielleicht waren wir schon lange vorher kaum in Kontakt mit unseren Empfindungen. Die Wucht der Verliebtheit hatte aber die Macht, uns wieder in den ekstatischen, vibrierenden und sinnlichen Urzustand unserer Körperlichkeit zurück zu versetzen…

Nun habe ich mich bereits einige Male in psychisch recht fragilen Zuständen mit dem Gingerbread Man ins Bett gelegt. Ich war weder sexy, noch „in Stimmung“ (er auch nicht) – mehr noch, ich war überzeugt, nicht aufmachen zu können, nichts fühlen zu können. „Guter Sex“ schien Lichtjahre entfernt.

Aber der Unterschied war: ich wollte mich einlassen auf meinen Körper. Ich hatte begriffen, dass es nicht darum ging, mich in irgendeine Stimmung zu versetzen. Ich hatte begriffen, dass meine jetzige Lage kein Hindernis für Sex war. Sie war etwas, das durch Sex, und eigentlich NUR dadurch, in der Tiefe geheilt werden konnte.

Also lagen wir beieinander, manchmal still, manchmal leise sprechend, und ließen einfach aufsteigen, was so kam. Taubheit, gelegentlich auch Abstoßung, oder das Bedürfnis, einfach nur weg zu rennen, nur um die eigene Abgeschnittenheit nicht fühlen zu müssen.

Aus meiner weiblichen Perspektive kann ich sagen, dass es unendlich heilsam war, mit all meinen Ängsten und Befürchtungen wie ein offenes Buch da zu liegen, und nichts Besonderes, nichts Anderes sein zu müssen als das: ein kleines, verängstigtes, ziemlich lustloses Häuflein Elend.

Ich war verblüfft von der Treffsicherheit, mit der sein Körper die wunden Punkte in mir aufspürte, und vom unbeirrbaren, heilenden Liebesstrom, der von ihm ausging. Und jedesmal, wenn wir ein wenig dort ausharrten, fiel eine weitere Zwiebelschicht ab, wurden wir beide lebendiger, satter, vibrierender.

Vom Gingerbread Man weiß ich, dass er berührt war, mich in der Tiefe anrühren zu dürfen; verborgene Wunden aufschließen zu dürfen; seine Liebe in mich hineingeben zu können und auch durch meine Heilung gesunden.

Ich war verblüfft von der Selbstverständlichkeit, mit der unsere Körper sich aufeinander einschwangen. Sowas habe ich noch nie erlebt.

WIR WOLLTEN UND TATEN NICHTS, und gerade deshalb tat sich alles auf.

Nach solchen Begegnungen schien mir die Luft zwischen uns süß und einladend, wie der unwiderstehliche Duft rund um einen Rosenbusch. Es ist beizeiten wie die Anziehung von Frischverliebten, aber ohne Rausch – völlig klar, ruhig, still. Wir tanken aneinander auf und lernen uns auf einer Ebene kennen, von der ich nicht einmal zu träumen wagte, dass es sie gibt.

Und das Schönste ist: es ist nur der Anfang einer Reise in ein völlig neues Reich…

Viele Menschen haben mir von ähnlichen Entwicklungen berichtet. Sie haben mir Hoffnung gegeben, ohne dass ich so recht dran glauben konnte, dass es einen Ausweg gibt aus dem Gefühl des Lebendig-Begraben-Seins in mir.

Aber – sie haben Recht behalten. Und ich bin unendlich dankbar, nicht nur selbst so eine Verwandlung durchleben zu dürfen, sondern nun auch selbst, an Euch, an Dich, weitergeben zu können:

Es geht, es geht wirklich! :)

Und einen großen Dank auch an alle, die mir geschrieben haben und immer noch schreiben! Ich bin wirklich gerührt von Eurem Vertrauen und Eurer Ehrlichkeit. Bin zwar manchmal ein wenig lahm mit dem Antworten, aber ich bemühe mich, keine/n zu vergessen!

Kuss, Lily

3 Antworten zu “Das große Kribbeln – zu zweit

  1. ..das ist wirklich wunderschön ge- und beschrieben. Danke dafür!
    Und: „in der Tiefe anrühren“, – ja, das kommt mir bekannt vor…

    berührt
    Barbara

  2. Oh, das Lesen dieser wunderschönen Erfahrung hat jetzt sehr viel Wärme in meinem Brustkorb gebracht … danke für dein Erzählen. Auch das – ist schon heilsam. Sati

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