Komplex


Vielleicht mutiere ich gerade zur kleinlichenYoga-Seelenhirtin…

Ich mag’s nicht leiden, wenn Menschen den hygienisch weißen Hochglanz der oberflächlichen Yoga-Vermarktung an ihre Fahnen heften, und den ganzen Rest den Bach runterkippen.

Das ist wie… darf ich einen schlechten Vergleich wagen? … wie … die Verpackung verkochen und das Essen in den Müll werfen.

So geschehen vor wenigen Tagen. Eine Bekannte unterrichtet jetzt Yoga. Sie meint eigentlich: Körperübungen. Denn die Philosophie und „das ganze Zeug dahinter“ interessiert sie eigentlich nicht, drum hat sie auch keine Ausbildung gemacht.

Da bin ich übrigens nicht kleinlich, denn es gibt grottenschlechte zertifizierte Yoga-Lehrer genauso wie echte Perlen ohne offizielle Unterrichtsberechtigung.

Ich bin versucht zu fragen: „Warum nennst Du es dann Yoga?“

Und weil ich manchmal ein Urschl bin, denk ich mir im Stillen: Weil dann alle an die Bilder der schönen großen Zen-Räume mit den schönen still lächelnden Frauen auf den schönen teuren Yogamatten inmitten von schönen ordentlichen Blumenarrangements aus den Katalogen denken und hoffen, dass sich durch das Kopieren der Vorlage das schöne Bildnis wie von selbst auf das weniger schöne Innenleben überträgt.. deshalb wahrscheinlich.

Und außerdem vielleicht wegen dieser Geschichte vom „Yoga-Hintern“…

Es erwacht die Missionarin in mir, die versucht ist, spornstreichs die armen Schüler aus den Klauen meiner inkompetenten  Bekannten zu befreien.

Dann gibt es noch die devote Yoga-Philosophin die sich naserümpfend ob dieser Stümperei abwendet. Pfff… das ist doch kein Yoga, sollte sich schämen…

Außerdem ein kleiner Komplexhaufen, der mir zuraunt: Ja, siehste, so musst Du’s machen … Spar Dir doch Deine Arbeit, die Leute interessieren sich nicht für tiefgehendere Dinge. Siehste, Philosophie und deren praktische Anwendung im Yoga, das ist doch nur so uninteressantes Zeug…

Dann noch die Yogische Gefolgsfrau in mir, die Respektlosigkeit der altehrwürdigen Doktrin gegenüber wittert und sich fragt, ob sie nun einschreiten soll, oder ob die altehrwürdige Doktrin schon selbst für sich sprechen und sorgen kann.

Der übliche innere Sauhaufen, also.

Weil – „echtes Yoga“ – was ist das überhaupt?

Ich ertappe mich ja immer wieder dabei, dass ich selbst in dieser neuen Rolle der Schülerin die nun auch unterrichtet, neuen Formen des Erwartungsdrucks begegne.

Denn nun mal ehrlich, das ist halt eine Berufssparte, deren Ruf den Ausübunden vorauseilt.

Weiße Kleidung? Mala-Ketten? Lispel-Stimme? Gummi-Glieder und bitte immer recht freundlich…

Für den einen hat eine „echte Yogalehrerin“ die Yoga-Sutren in Sanskrit lesen zu können.

Der/die Nächste erwartet profunde Kenntnisse der Mantren.

Andere finden es befremdlich, wenn Yoga-Lehrer Alkohol, Zigaretten oder Fleisch konsumieren (egal in welchen Mengen) oder überhaupt über die Stränge schlagen.

Und irgendwie hamse ja auch Recht. Ein Mindestmaß an persönlichen  Erkenntnissen, am Wunsch zu wachsen und zu lernen, erwarte auch ich von jemandem, der Yoga unterrichtet.

Von meinem Steuerberater erwarte ich ja auch gewisse Dinge.

In erster Linie bin ich aber Mensch, und es sind die Rollen, die mich unglücklich machen.

Sowas nennen die Yogis „asmita“ – das falsche Verständnis der eigenen Person. Und asmita wird zu Recht zu einem der 5 geistigen Gifte gezählt.

Denn solange ich mich als „Yogini“ identifiziere, kann es sein, dass ich aufgrund diverser Vorstellungen und Erwartungen mit mir selbst und anderen in den Clinch gerate.

In erster Linie bin ich Mensch und diese Episode mit meiner Bekannten zeigt bloß, dass ich Angst habe.

Zum Beispiel, dass Leute das, was meine Bekannte da veranstaltet für „Yoga“ halten und dann die „echten Yoga-Lehrer“ wie ich arbeitslos werden.

Da geht’s ja im Wesentlichen um Unvertrauen und die Angst, nicht anerkannt zu werden, ausgelacht zu werden, wie auch immer.

Belächelt zu werden für die Tiefe die ich suche und keine Menschen zu finden, mit denen ich das alles teilen kann.

Und das Ganze wird ja nur Schlimmer, so lange ich mich mit diesem Yoga-Aspekt identifiziere. Denn hinter den Masken und Rollen von Beruf, Herkunft, Geschlecht usw. mach ich doch einfach nur Erfahrungen.

Und dann muss ich mir auch grade selbst auf die Schulter klopfen, dass ich die Missgunst die mir gerade durchs Blut rauscht, nicht übel nehme und sie auch nicht wegzumachen versuche.

Stattdessen bin ich Mensch, und Menschen sind unsicher und verletzlich.

Und genau das erlaube ich mir jetzt mal zu sein.

Na!

Eine Antwort zu “Komplex

  1. Danke für´s Erzählen. Bin ja auch schon diversen Ideen und Konzepten jeweils für eine Weile aufgesessen – bevor auch diese sich wieder aufgelöst haben, wie sie gekommen sind. Schon erstaunlich, daß so „hinterher“ zu sehen.

    „In erster Linie bin ich aber Mensch, und es sind die Rollen, die mich unglücklich machen.“ – ist genial gesagt!

    Lese gerade hier und da ein bischen über Magie – aber auch nicht die weiße, softe Wellness-Variante wie du sie oben für diverse Yoga-Flyer beschreibst – und dort traf ich auf eine Theorie, die das Gleiche nur anders besagt: Demnach sind wir lediglich ein Konglomerat von verschiedensten Geistern (ich könnte auch Ideen/Vortsellungen hierfür einsetzen, du hast es Rollen genannt) – die im Grunde keine wirliche eigene Identität besitzen, sich aber quasi für eine Weile zusammenfinden zu einer „Person“ – bevor sie sich wieder von dieser lösen.

    Eine angenehme Sommerfrische wünsche ich dir jetzt hier – liebe Grüße, Sati

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