Briefwechsel mit meiner Weiblichkeit


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Was mich momentan am Meisten beschäftigt, ist die Tatsache, dass ich Dich brauche und Du mir zugleich richtig Angst einjagst. Du erscheinst mir hart und lieblos – als würde eine Rückbindung an Dich bedeuten, dass Du mich zu Dingen zwingen wirst, die ich gar nicht tun möchte. Oder dass Du mich zwingst, „Kröten“ zu schlucken, Konsequenzen zu ziehen, die ich gar nicht ziehen möchte, die mir Angst machen. Ich gebe zu, dass ich mich da als armes Opfer sehe, und Du siehst ja allein schon an meiner Art mit Dir zu sprechen, dass ich mich zur Zeit kaum mit Dir identifiziere – als würden wir zwei völlig unterschiedliche Programme fahren.
Also, ganz ehrlich, mein Bild von Dir ist das einer Tyrannin. Und gleichzeitig ist da auch Neugier, weil ich weiß, dass Du anders bist – ich weiß nur nicht wie. Und genau dieses WIE zu erforschen, mit Dir in Kontakt zu treten und ein klareres Bild von Dir in mir zu gewinnen – diese Aussicht erfüllt mich wiederum mit Freude.

Du sagst ich wäre hart und lieblos, aber ich denke, Du begreifst langsam auch, dass ich einfach nur ein Behälter bin. Du hast viele Eigenschaften und Gefühle an mich abgegeben, die Dir hart und lieblos erscheinen. Bei mir, also in diesem Behälter, lungern diese ungesehenen Kindern einfach herum. Als Behälter ist es nicht meine Aufgabe, sie zu heilen – sie warten alle darauf, gesehen zu werden, aber von Dir.

Wenn ich mich auf Dich einschwinge, dann merke ich schon, dass Du all die Dinge, die ich für „Weiblichkeit“ hielt, gar nicht bist. DU bist zum Beispiel gar nicht Verletzlichkeit, Du bist auch nicht Erotik, Du bist nicht Emanzipiertheit, Du bist nicht Angst oder Mut – das alles bist Du nicht. Ich empfinde Dich als Raum, der all das halten und bewahren kann. Ein Ort, ein Platz, an dem die scheinbaren Unterschiede wegbrechen und alles in- und nebeneinander existieren kann.
Und jetzt begreife ich auch, warum das Thema „Raum“ für mich so wichtig geworden ist. Mir Raum einzugestehen, meinen Platz im Leben einzunehmen.

Und genau da kriege ich ehrlich gesagt wirklich unglaubliche Angst. Wenn ich mich gezwungen sehe, mich wieder völlig auf mich zu besinnen – so wie zur Zeit – dann fühle ich mich wie ein Junkie auf Entzug. Und es ist mir gleichzeitig sehr peinlich, mir einzugestehen, dass ich wie ein abhängiges, kindliches Weibchen verhalte. Das ich mich an Sicherheiten außerhalb meiner selbst kralle; dass ich eine „Gefallerin“ bin; dass es mich fast verrückt macht, dass ein Mensch (mein Partner zum Beispiel) sich von mir abwenden könnte.

Auch da bin ich Behälter und Gefäß. Ich habe nicht die geringste Schwierigkeit, all das was Du als peinliche Schwäche bezeichnest, in mich aufzunehmen. Ich sehe ja auch Deine großartige Kraft. Du musst aber auch begreifen, dass Du mich nicht zu Dir emporziehen kannst. Ich bin tatsächlich all die Liebe und Sicherheit, nach der Du Dich sehnst, aber ich kann eben nicht hinauf in Deinen Kopf umziehen. Ich warte hier, mit offenen Armen, und ich nehme wahr, dass Deine Scham für Deine Mängel und Unsicherheiten es Dir unmöglich macht, Dich lieben und halten zu lassen. Aber ich kann Dir nicht „entgegen kommen“, weil Du selbst es gar nicht wünschst. In Situationen wie jetzt ist Dir unverständlich, dass irgendein Mensch Dich tatsächlich lieben könnte – nach all Deinem kindlichen Geheule, Deinen Wutanfällen, Deiner Unselbstständigkeit, Deinem verletzenden Verhalten … Das heißt, Du lässt nicht zu, Dich in mich fallen zu lassen, HINUNTER zu wandern.

Ja, das ergibt Sinn. Aber so wie Du das beschreibst ist auch das in Dir aufgehoben: meine momentane Unwilligkeit, mich lieben zu lassen, mich selbst zu lieben – in Dir. Und das beruhigt mich ungemein.

Ja, genau so ist es. Ich trage auch diese Unwilligkeit. Das Prinzip ist ja wieder das Gleiche: Du hast ein unangenehmes Gefühl, Du schiebst es weg, es landet bei mir. Und von dort kannst Du es auch wieder abholen.

Jetzt hatte ich das Bild der Erde vor mir, die ja auch alle möglichen Wesen auf sich trägt und sie nährt ohne zu unterscheiden zwischen Gut und Böse. Aber wenn ich mir so vorstelle, was da alles bei Dir landet, dann kommt mir auch das Bild der Überfrachtung.
Angenommen, Du wärest ein leerer Behälter – leer von Abgeschobenem  – was wäre dann Deine Qualität? Was würde ich da finden, wenn ich in Dich „umziehen“ würde, wie Du es nennst?

Ich möchte Dir zuerst sagen, warum es momentan so unangenehm ist, in mich einzukehren. Ich denke, Du hast das Prinzip ja bereits begriffen: Du trittst in einen Raum voller Dinge, die Du als hässlich, böse, peinlich und ablehnenswert wahrnimmst.
Du erlebst aber jetzt schon, dass es mitunter Plätze in diesem Raum gibt, die leer geworden sind. Und diese Leere ist Fülle, Freiheit, Klarheit. Der Punkt ist aber wieder, dass nicht ICH diese Fülle, Freiheit und Klarheit bin. Diese Empfindungen stellen sich eben nur ein, weil Du in meinem Raum der Stille und Leere verweilst. Und das tut gut.

Ja, genau so ist es!

Sprechen wir über die Sexualität, und meine Vorstellung von Beziehung. Zur Zeit brechen ja alle Dämme und ich sehe, dass ich mich aus verschiedenen Gründen an bestimmte Ideale und Bilder geklammert habe und die Kontrolle nicht mehr behalten kann. Ich verstehe jetzt, dass es an der Zeit ist, mein Leben für mich zu leben und andere einfach sein zu lassen.
Mein Partner ist der Mensch, der mich mit all der Geduld und Liebe versorgt, die ich mir selbst nicht geben kann. Und aus genau diesem Grund stoße ich sie immer wieder weg und veranstalte wiederkehrende Dramen, um ihn wegzudrücken. Und wenn ich’s dann geschafft habe, fühle ich mich völlig haltlos dem inneren Loch gegenüber.

Was sagst Du zu den Themen, die mich derzeit so traktieren?

Ich bin überzeugt, dass es nicht darum geht irgendwas im Außen zu verändern und eine Lösung zu finden. Ich kann Dir auch keine Lösung anbieten und ich kann Dir nicht sagen, wie es ausgeht, wenn Du aufhörst, gefallen zu wollen oder Dir selbst vorzuschreiben, wie Du zu sein hast. Der Punkt ist wohl, dass Du lernst, offen zu bleiben in Deinem Loch und die vermeintliche Leere, das Ziehen und Zerren in Dir zu spüren. Du weißt selbst, dass Du Deine Bedürfnisse noch nicht alle kennst, oder dass Du vor manchen Angst hast.
Ich denke, dass Du Dir deshalb misstraust. Deshalb sagst Du, dass Du befürchtest, ich könnte von Dir etwas verlangen, das Du selbst gar nicht möchtest. Eine Trennung zum Beispiel. Aber das verlange ich gar nicht. Wenn ich irgendetwas „will“, dann nur, dass Du Deinen Halt in Dir findest, in mir also. Du kannst Dich ja einfach mal fragen, was Du tun müsstest, wenn Du keinen Partner mehr hättest. Das ist die Antwort.
Aber nochmal: mein „Wollen“ heißt nicht, dass ich das von Dir verlange. Ich wende mich nicht ab von Dir, wenn Du Dich mir verweigerst. Ich bin ja stets da und halte Dich.

Du klingst – wie mein Partner! :) Und da sehe ich die Parallelen: ich verweigere mich beharrlich der Liebe, die schon für mich da ist.
Um auf Deine Frage zurück zu kommen, was ich tun müsste, wenn ich auf mich alleine zurückgeworfen wäre? Ich denke, ich müsste selbst für meine Stimmungen Verantwortung übernehmen. Ich müsste Trost, Halt und Sicherheit in mir selbst finden und mich noch mehr den vielen Menschen in meinem Leben öffnen, neugieriger sein und ein Stück weit auf die Anderen pfeifen! Ich müsste lernen, mein Leben wirklich nur für mich zu leben und es mir gut gehen lassen, völlig unabhängig von den Umständen.
Das klingt ja alles wunderschön. Warum macht es mir dann Angst?

Ich denke, das ist der springende Punkt: Du sprichst gerade von den Konsequenzen, die Du eingangs erwähnt hast und vor denen Du dich fürchtest. Du scheust vor Deiner Freiheit zurück!

Ich denke, ich habe Angst davor, wirklich nach meinen eigenen Regeln zu leben und mir auch zu nehmen, was ich brauche. Eigentlich meine ich damit: mir selbst zu geben, was ich brauche. Irgendeine seltsame Logik sagt mir dann, dass ich einsam sein werde.

Eigentlich bist Du ja dann alles andere als einsam. Wenn Du voll bist, kannst Du andere Menschen einfach einladen und Dich an ihrer Gegenwart erfreuen. Ich bemerke, dass Du Dir eigentlich selbst nicht über den Weg traust!

Ja, das stimmt. Besonders was die Sexualität angeht, worüber ich mit Dir sprechen möchte. Ich bekomme langsam ein klareres Bild davon, was mein Wesen ist und was ich selbst in diese Welt bringe. Eins davon ist Erotik. Und allein das so auszusprechen und anzunehmen, ist mir sowas von unangenehm! Ich denke mir: was für eine Unverschämtheit, wie kann eine einfach von sich behaupten, die Erotik zu verkörpern?! Und es erscheint mir besonders lächerlich, wenn ich bedenke, wie verkorkst ich in vielen festen Beziehungen war und bin; dass ich plötzlich in mir gegen unsichtbare Wände laufe. Die Sinnlichkeit verkriecht sich plötzlich im Zusammensein mit dem Mann, mit dem ich sie eigentlich leben und ausstrahlen könnte! Um dann bei anderen Männern wieder aufzuleuchten – aber immer nur, so lange es sicher und auf Abstand bleibt…

Ein Grund ist sicherlich, dass Du Deiner Sinnlichkeit sehr viele Regeln auferlegt hast.
Ich sehe, dass Du in besonders entspannten Momenten förmlich überläufst vor Saftigkeit.
Ich sehe, dass es aus all Deinen Poren fließt.
Ich beobachte auch, dass Du in so einem Zustand einen Raum betreten kannst und alle Männer zum Schnurren bringst. (Ich empfinde das als sehr erfrischend.) Ich denke, der Clou ist eben die Entspanntheit. Du weißt: Du bist in Sicherheit. Du kannst einfach nur sinnlich sein, weil Du mit niemandem in die Kiste steigen musst, niemand überzeugen musst, weil Du einfach Deinen Wein und die Unterhaltung genießt, weil Du lustig und humorvoll sein kannst, und dann wieder heimradelst.
In Deiner Beziehung hast Du ungefähr zehn Billionen Regeln aufgestellt um die Beziehung „gut“ zu erhalten: Du musst eben sinnlich sein, Du musst erotisch sein, Du musst Deinen Mann begehren, Du sollst nach keinen Anderen schielen, Du sollst aber vor allem Deine Erotik rationieren und portionieren und nur dort aus dem Sack lassen, wo es passt. Und warum sollst und musst Du das alles?

Weil ich mir nicht über den Weg traue. :)

Ganz genau. Bei mir hängen ein paar Gestalten herum, die Du als promisk befunden hast. Da ist zum Beispiel eine Frau, die es hemmungslos genießt, erotisches Prickeln zu verbreiten.

Hm, und dieser Frau erkläre ich dann: Sei mal fair den anderen Frauen gegenüber. Es ist nicht fair, ihre Männer so durcheinander zu bringen. Nur so als Beispiel. Ich kriege sofort Gewissensbisse.

Gegenfrage: wie geht es Dir damit, wenn eine Frau Deinen Mann durcheinander bringt? Ich denke, da geht es wieder um ein tieferes Verständnis und Vertrauen – vor allem Dir selbst gegenüber.
Dann ist da eine andere Frau, die schwer Nein sagen kann. Wenn diese Frau gemeinsam mit der Östrogen-Bombe in Aktion tritt, kannst Du es natürlich nur mit der Angst zu tun bekommen. Denn Du befürchtest, Deine Integrität zu verlieren und einfach alles mit nach Hause zu nehmen, was Dir zugelaufen kommt, ohne zu fühlen ob Du das überhaupt willst. Und solche Aktionen gefährden wiederum alles, was Dir lieb und sicher ist.

Was sich jetzt sehr geklärt hat durch Deine Worte, ist mein Verständnis von Erotik. Einerseits fühle ich einen Erwartungsdruck, erotisch und schön zu sein. Andererseits gibt es aber sehr abgrenzende Regeln: nicht zu erotisch, denn das gefährdet die Sicherheit. Nicht zu wenig, sonst bin ich prüde. Ein sehr wackeliges Terrain. Das mir dann ehrlich gesagt auch die Freude nimmt, das Prickeln in mir auch rauszulassen.

Ich spüre ungefragt auch Deine Frage, wie Du Deiner Sinnlichkeit Ausdruck verleihen kannst, ohne dass es „gefährlich“ wird –

Ja, so ist es! Ich bin sehr verunsichert von Dingen wie Polygamie oder offenen Beziehungen. Ich versuche also selbst, mich exklusiv zu halten. Dabei – das Seltsame ist ja, dass ich eigentlich nicht mit Anderen schlafen möchte – trotzdem habe ich Angst vor dem, was passieren könnte, wenn ich es mir erlauben würde. Verrückt.

Ich kann Dir wiederum nichts anderes sagen, als dass Du Halt in Dir selbst finden musst. Es gibt keine Regeln und ich weiß, dass es schwierig für das Ich-Bewusstsein ist, diese Tatsache auszuhalten.

Puh.

Nehmen wir an, Du verbietest Dir Schokolade. Dann denkst Du an nichts anderes mehr als Schokolade. Schokolade erscheint plötzlich ungemein riskant. Sie ist eine Gefahr für all Deine Absichten, gut und brav zu sein. Und irgendwann wird die Begierde so groß und übermächtig, dass Du die Tafel verschlingst, ohne sie zu schmecken. Hinterher fühlst Du Dich schlechter als zuvor. Und verlierst Deine Selbstachtung. Also, auch hier wieder die Frage: geht es denn um Schoko JA oder Schoko NEIN, oder um etwas völlig anderes? Freiheit, zum Beispiel.
Und an diesem Punkt wartest Du immer noch darauf, dass jemand da draußen kommt und sagt: „Ja, Lily, Du darfst Dir jetzt diese Freiheit geben.“ Die Freiheit, Deine Schönheit zu genießen, Dir mehr Platz zum Atmen zu gönnen, und auch mal einfach die Sau rauslassen ohne Dich darum zu sorgen, wen Du damit aus dem Gleichgewicht bringst. Du wartest auf Erlaubnis für alles, was Du Dir nur selbst geben kannst.

Und wie? Ich kenne die Antwort eigentlich schon – aber Du bist einfach so herrlich klar…

Das WIE hat nur mit Deiner Einstellung zu tun.

Du kannst bewusster werden in allem was Du tust. Du könntest zum Beispiel aufhören, schon beim Frühstück beim Brotaufschneiden ans Kaffeekochen zu denken, beim Kaffeekochen ans Essen, beim Essen ans Lesen, und beim Lesen ans Abwaschen. Du verpasst das, was Dir so lieb ist: den Duft in Deiner Nase, das Brot in Deinen Händen, die Morgenluft auf der Haut, den Geschmack auf Deiner Zunge. Du verpasst Dein eigenes Kribbeln, Deine Saftigkeit und – ja – Deine Weiblichkeit!

Du kannst beginnen, jeden Schritt Deines Tages in dem Bewusstsein zu gehen, dass Du in Deinem Leben gehst und stehst, und dass es nur Dir gehört.

Du kannst beginnen, den Ort Deiner Sinnlichkeit, Deinen Körper und Deine Brüste, bewusster zu kontaktieren und seine natürliche Vitalität und Vibration, die Du als Erotik beschreibst, in immer mehr Situationen herausstrahlen zu lassen bis Du sicherer wirst. Und spürst, dass sie nicht gefährlich ist, sondern im Gegenteil alles einfacher und lebendiger macht.

Du darfst langsam, behutsam, Deinen Griff lösen und Dich hinunter sinken lassen, in meine Arme.

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