entspannend ist, es nicht zu wissen


Eine SMS um Null Uhr 54:

Sag mal, woher weißt du wer du bist, was dich ausmacht, und was du allein wirklich willst? zweifel plagen mich schon wieder. denk an dich! kuss deine s.

Eine Antwort um neun Uhr 09:

hallo meine hüsche! kann’s nicht genau sagen, aber in momenten in denen ich das 100%ig weiß bin ich mit allen sinnen im jetzt, sorgenfrei und entspannt. und oft weiß ich nur durch ausprobieren, was ich will = was mich ausfüllt. und wann skypen wir? ;) lily

Das Gespräch mit meiner lieben Fern-Freundin S. folgte dann am Abend.

Sie sitzt derzeit tagtäglich in einem Büro, wird von der Chefin zunehmend ignoriert und fragt sich, ob der Sinn ihres Daseins tatsächlich im Erstellen von Excel-Tabellen und telefonischem Beantworten der immergleichen Fragen liegen kann.

Ein sinnentleertes Roboterdasein zu fristen, kann’s ja wohl nicht sein. Aber gilt es dann gleich, die einzig wahre „Berufung“ zu finden? Das fragten wir uns in diesem Gespräch.

Die Selbstverwirklichungs-Gesellschaft hat das alte Dogma der totalen Selbstaufgabe für Beruf und Geld einfach über ein neues Dogma drüber gelegt: dass wir jetzt alle unsere Berufung finden müssten. Dann wäre alles gut. (Und es wird wiederum viel Geld ausgegeben, um diese Berufung zu finden.) Was aber, wenn sich gerade dadurch das alte Räderwerk einfach weiterdreht?

Denn hinter beiden Vorstellungen liegt das Paradigma,
dass das was wir TUN und ARBEITEN erfüllender ist als das, was wir SIND.

Und: dass wir uns von dem was wir TUN beglückt, erfüllt und selbstverwirklicht fühlen müssen.

Dabei verhält es sich meines Erachtens eher anders herum:
erst ruht Mensch in dem, was sie/er wirklich ist,
und dann findet sich der Behälter, also die Arbeit, in der sich dieses Sein entfalten und ausdrücken kann.

Manchmal zerbrechen davor aber jene Gefäße, die einfach nicht mehr zum neuen Inhalt passen. (Ein Beispiel.)

(Soviel zum Thema, dass sogenannte Selbstverwirklichung sich immer schön anfühlt. Selbstverwirklich kann verdammt unangenehm werden!)

Im Laufe dieses Gespräches ist mir noch einmal die Kraft des „Nicht-Wissens“ bewusst geworden – ich finde das sehr erleichternd, NICHT genau zu wissen, worin mein Lebens- und Berufsglück bestehen könnte.

Ich habe natürlich ein paar Vorstellungen, aber im Grunde lasse ich gerne das Leben mir alles zeigen.

Dann zeigt es mir etwa, dass es mich glücklich macht, im Wald einen Baum zu spüren und mich in ein Blättermuster zu versenken. Trotzdem werde ich nicht Outdoor-Guide.

Oder ich entdecke das Glück, stundenlang ein Festmahl zuzubereiten und dann meinen Freunden zuzusehen, wie sie genüsslich all die lieben Gedanken und Gefühle verspeisen, die ich in ihr Essen hineingerührt habe. Trotzdem werde ich nicht Köchin.

Es gibt ein Muster unter all dem. Vielleicht ist es das, was Anselm Grün als „Lebensspur“ bezeichnet.

Meine persönliche Lebensspur hat damit zu tun,
dass ich anderen Menschen gerne Wärme, Zuneigung und Genuss schenke.
Ich bereite Menschen gerne einen Platz, um in sich einzutauchen, sich wohl zu fühlen, mit sich in Kontakt zu kommen.

DAS ist meine persönliche Berufung.

Jetzt gerade ist einer der Behälter dafür der Yoga-Unterricht.

BIN ich deshalb eine Yoga-Lehrerin?

Nö.

Das ist nur das, was mir das Leben gezeigt hat,
um dem was ich BIN
einen sichtbaren Ausdruck im TUN zu verleihen.

3 Antworten zu “entspannend ist, es nicht zu wissen

  1. Hi,
    schöner Gedanke: erst Sein, dann Seinsausdruck.

    Da kommen mir sofort Assoziationen zum Grundeinkommen, in der Art, in der es Götz Werner vertritt: Nicht die Arbeit ermöglicht uns ein Einkommen, sondern ein Einkommen ermöglicht es uns, nach unseren Vorstellungen tätig zu werden.

    Und entgegen landläufiger Annahme, macht das den Einzelnen nicht unmündig, sondern schiebt ihm im Gegenteil die volle Verantwortung zu: Sein/Werden, was man ist, und dann nach den eigenen Bedürfnissen und auch äußeren Umständen tätig werden.

    Keine Ausreden mehr für verpasste Chancen oder vorbei gezogenes Lebensglück!

    • Hallo Barbara,

      da hast Du eine schöne Verbindung erkannt!

      Was würdet Ihr mit einem Grundeinkommen anstellen?

      Wenn ich mir vorstelle, einfach Geld dafür zu bekommen zu leben – weil ich DA bin – ertappe mich bei dem Gedanken, dass ich das gar nicht verdienen würde.
      Andererseits, wenn ich träume – ich würde mit so einem Grundeinkommen einen großen schönen Raum mieten.

      Und Leuten, die Bewusstseins- und Körperarbeit wirklich gut gebrauchen könnten, sie sich aber nicht leisten können, meine Dienste anbieten.

      In der derzeitigen Realität braucht es garantiert noch einige Jährchen, bis ich diesen Traum anbieten kann. Schade eigentlich.

      Auf die Gefahr hin, hier die Suppe von vorgestern wieder aufzuwärmen: ist es nicht so, dass eins der Gegenargumente bzgl. des Grundeinkommens lautet, dass sich ein Mensch sein Geld erst verdienen müsste (und wir dann alle auf der faulen Haut lägen)? Also wieder dieses Glaubenskonstrukt, dass wir erst durch ordentlich TUN unsere Lebensberechtigung „verdienen“ müssen.

      LG, Lily

  2. Ja, das ist bisher eines der Hauptgegenargumente. Basierend auf der alten und zutiefst inhumanen Ethik des „Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen“.

    Basierend auch auf Angst, Neid, gegenseitigem Zweifel und Unterstellungen, Missgunst, – alles Grundlagen unserer jetzigen Gesellschaft, die die Rädchen am Laufen halten (und uns im Hamsterrädchen).

    Fragt man heute Bürger nach dem BGE, dann kommt immmer wieder dieser Zweifel am Mitmenschen hoch „ja, wer würde denn dann noch arbeiten.. lauter Sozialschmarotzer und so“ Fragt man aber ganz direkt nach „Ja, würden Sie selber denn noch arbeiten?“, dann antwortet ein überwältigender Großteil mit „ja, klar“.

    Weil es erfüllt tätig zu sein, weil man sich einbringen will, Talente ausleben etc. Vielleicht dann etwas abgespeckt im Umfang, vielleicht etwas genauer hingesehen bei der Art der Arbeit und Wahl des Arbeitsplatzes, – gut so!

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