Rilke antwortet


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Zum Glück hab ich vor ein paar Tagen gelesen, dass ich normal bin.
Das zu wissen tut der kindlich-verunsicherten Seite doch so gut. Ich stecke eben wieder in der Trotzphase.

Meine engste Seelenverwandte dürfte zur Zeit die 7jährige Tochter einer Freundin sein. Die wälzt sich momentan regelmäßig tobsüchtig am Boden und brüllt:

„Du bist eine blöde Mama! Du bist eine BLÖDE MAMA! Du bist eine richtige Scheiß-Mama! “

Um dann vor lauter hilfloser Wut der „Scheiß-Mama“ trostsuchend auf den Schoß zu krabbeln.
Das Bewundernswerte an meiner „Scheiß-Mama“-Freundin ist, dass sie eine beachtliche Klarheit und Liebe hat, wenn Ihre Töchter überschäumen, weil ihr eigener Wille mit dem der Anderen gerade nicht zu vereinbaren ist.

So geht es mir momentan auch. Ich stehe an der Supermarkt-Schlange des Lebens, throne in einem Einkaufswagen voll toller Dinge und habe trotz-dem das Bedürfnis, alles kurz und klein zu hacken, weil ich DIESEN EINEN Schokoriegel nicht bekomme. Einfach nicht bekomme.

„Du bist ein blödes Leben! Du bist ein richtiges Scheiß-Leben!“ :) Eine eher kosmische Trotzphase.Ich bin wieder die 10Jährige, die nach der Schule auf der Toilette sitzt und ihr gesamtes Schimpfwortarsenal Richtung Universum verpulvert. Nur um Mal zu sehen, was das Gott so tut, wenn man es innbrünstig als kompletten Versager beschimpft?

Lachen. Und weiterhin lieben. Das ist das Unglaubliche. Sogar wenn ich es überhaupt nicht möchte und lieber weiterhin trotzig in die Wüste marschiere. Mir wird weiterhin gut sichtbar das Beste zugespielt.

Und das macht mich ehrlich gestanden manchmal sogar noch wütender. Ich kann bloß noch einsehen, dass tatsächlich für mich gesorgt wird, in der bestmöglichen Weise.

Wie vereine ich das menschliche Haben-Wollen, diese teilweise körperlich schmerzhafte Sehnsucht nach den Schokoriegeln, mit dem Wissen, dass ich tapfer loslassen und offen mich gedulden muss?

Sie sind so jung, so vor allem Anfang,
und ich möchte Sie, so gut ich es kann, bitten, lieber Herr, Geduld zu haben
gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen,
die Fragen selbst liebzuhaben
wie verschlossene Stuben
und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind.
Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten,
die Ihnen nicht gegeben werden können,
weil Sie sie nicht leben könnten.
Und es handelt sich darum, alles zu leben.
Leben Sie jetzt die Fragen.

Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.

R.M. Rilke an Franz Xaver Kappus
16. Juli 1903

2 Antworten zu “Rilke antwortet

  1. Wie so oft bin ich wieder einmal durch die im besten Sinne „schamlose“ Offenheit deiner Postings gerührt… Wohl, weil es an etwas in mir rührt. Ich spüre dahinter ganz viel Schönheit, Zartheit, Lebenslust. Danke für deinen schönen Blog!

    Und schön ist auch das Rilke-Zitat. Das ist wirklich ein wahrer, weiser Rat, unabhängig vom Alter! Wenn es mit zunehmendem Alter auch immer schwieriger scheint, so unschuldig und reinen, offenen Herzens in der Frage zu stehen. Da schleichen sich einfach schon zu viele Antworten dazwischen und zu viel Bequemlichkeit.

    Gut, wenn man dann Übung in dieser Haltung hat und immer wieder aufs Neue trennen kann zwischen Antworten, die das Herz weiten, und jenen, die es verschließen. Zwischen Wissen und Weisheit.

    Liebe Grüße!

  2. Liebe Lily,

    ich muss schmunzeln, wenn ich Deinen Post lese. Solche Gefühle kenne ich auch, bei mir tauchen sie auf wenn ich eine berufliche Stressphase habe, dann klappt es nicht mehr ganz mit dem Reinigen der gefühle…
    Ich wünsch‘ Dir alles Liebe und erfolgreiches Trotzen…
    Rainer

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