An Euch (mit Schnell-Durchlauf der letzten Monate)


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Ich sitze hier auf dem alten Flechtstuhl, blauer Polster unter mir, das Tagebuch auf den Knien und, liebe Leser, was ich Euch nicht mitteilen kann: dieses Ziehen, ein zerrendes, sehnendes, stilles Glück, eine neu entdeckte Neugier.

Wenn ich morgens durch die große gläserne Tür auf die Straße trete – Gitter, Stufe, Gehsteig – und einfach nicht weiß, was das Leben mir heute entgegen schwemmt … es ist wie an Weihnachten. Ich frage mich, ob die Menschen meine großen Kinderaugen sehen können, das Kerzenlicht darin, meinen staunenden Mund. Mein Leben – so saftig, voller Texturen, in meinem Körper rieselt, sprudelt, verwirbelt jedes Eurer Worte, und ich bin wie eine große Windmühle auf dem Feld, die doch bewegungslos in Bewegung ist, wie das kleine Boot, das sich den Wellen hingibt, … es bewegt sich nicht, es ist nur auf dem schimmernden, tanzenden blauen Grund zuhause.

Meine Absicht, Euch all das Große, Einfache, Gnadenvolle mitzuteilen, kommt mir selbst in den Weg… Ich suche große, gnadenvolle Worte und sage doch nichts damit. Wenn hier das Große ist, im tönernen Aschenbecher, dem knarzenden Weidenstuhl, dem Teekrug – wann? … Wann kann ich frei sprechen ohne zu versuchen, Euch anrühren zu wollen, besonders schön sein zu wollen oder jemand, den Ihr gerne lest? Nehmt Ihr mich vielleicht auch, so hässlich wie ich scheinbar bin, mit meinen verqueren Worten, den Wiederholungen, den Langatmigkeiten? Darf ich Euch denn sagen, dass alles was ich sagen möchte ist: das Leben ist so wundervoll.

Ich wünsche Euch nur, dass Ihr aufblicken könnt, dass Ihr die Freude des Atmens entdeckt… Doch was will ich denn von Euch, liebe Leser, was erzähle ich Euch das? Ich will Euch etwas sagen, aber wie finde ich das wahrhaft Nährende zwischen den Worten?

Mein Herz ist eine Blüte, die sich aufs Papier entfaltet. Und was herausfließt ist nicht immer rein und klar, mein Hirn, mein Geist sind das, was staut und dämmt. Ein Satz geschrieben, der nächste sinnlos – ich könnte heulen. Was ich sagen möchte, ist dass ich suche und suche, nach einem Weg mich auszudrücken, aber ich renne gegen die Wand, immer und wieder. Es ist entmutigend – wenn ich doch jemanden hätte, der mir sagt, was gut ist und was schlecht. Wenn ich doch einmal wüsste, wie ich Euch schreiben soll, ohne mit Hülsen um mich zu werfen in der Hoffnung, dass ich die Saat irgendwo aufgehen sehen werde.

Kann es sein, dass der Stift in meiner Hand bloß eine Verlängerung meines Herzens ist, meiner Fähigkeit, das Leben aufzunehmen, einzulassen und durch meine Zellen rieseln zu lassen? Nur wie – wie?

Wenn ich mich durchwage zur anderen Seite: zwei helle luftige Räume. Weihrauchschwanger, satte feuchte Luft, ein Summen, Brunnen und Blumen.
Volle Teller, Silberbesteck, Trauben zwischen lachenden Lippen, das Haar eines Mannes, sachte badende Kinder, feiner Niesel auf den Härchen meiner Arme.
Süße Luft zwischen einem Paar Lippen, Sonnenlicht in dunkelblauen Augen von schwarzen Brauen umrahmt. Weiche, faule Hände auf meinem Rücken, meinem Bauch.
Ein Königreich im Morgenrot, Vogelstille, blaue Berge, Grashalme brechen den Nebel. Weiße Segeltücher fließen aus den Fenstern.

Das ist meine Landschaft zur Zeit, und ich mag nicht erklären, wie ich hierher gereist bin.

Aber. Ist ja ein Blog hier. Also: Schnelldurchlauf der letzten Monate.

  • Kurz nach seinem Besuch trennen sich der Lebkuchenmann und ich, nach vier Jahren. Das gibt es tatsächlich, stelle ich fest: Beziehungen die auseinander gehen, nicht weil es irgendwie nicht funktionieren würde. Sondern weil plötzlich alles gesagt, gegeben, geteilt, geheilt wurde – sich das Band von selbst löst. Beziehungen, die so enden, wie der Abschied von einem langen, wunderbaren Sommer. Bitter-süß, reich beschenkt. Die Liebe bleibt.
  • Trotzdem: mich hat eine Eisenbahn überfahren. Heulen, fiebern, husten, sterben wollen. Denn obwohl ich mich nicht gegen den Herbst wehre, spüre ich doch, dass ich trauern MUSS um den schönen Sommer, damit die Wunde heilt.
  • Dann, Wochen später, ein denkwürdiger Abend. Lily beschließt, wieder zu leben. Macht die Tür auf, wischt die Tränen weg, atmet durch. Als ich am nächsten Morgen erwache: eine Nachricht auf dem Handy-Display. Die alte Schulliebe möchte mich unbedingt wieder sehen. Kenn ich 10 Jahre – und genauso lang haben wir uns aus der Ferne beäugt. Anziehung – Abstoßung. Ein seltsam unbefriedigend-befriedigendes Spielchen.
  • Wenn ich nicht noch im Bett liegen würde, würde ich glatt rauskippen. Oder hinein ;) Ähem. Freude!!! Ich freue mich so sehr, ihn wiedersehen zu können, als wäre plötzlich die Chance da, all das Ungesprochene, Nichtgetane aufzuholen. Schuldgefühle!!! Geht das nicht zu schnell, in was reite ich mich da wieder rein? Und was sagt das über meine Gefühle für den Exmann aus, wenn ich so schnell wieder in den Geigenhimmel entschwebe? Eine interessante Mischung, denn ich fühle, das mit der Schulliebe hätte mächtiges Komplikationspotential, wenn ich nicht klar und bei mir bleibe. Zugleich: da sind die angestaute Wärme und Zuneigung von Jahren, die endlich an die frische Luft gehen dürfen. Angst!!! Dazu muss ich sagen: die Schulliebe und ich hatten ja schon Anbandelungsversuche hinter uns, die ich eigentlich enttäuschend in Erinnerung habe (Wenn er noch so küsst wie DAMALS, Hülfe!***)
  • Und vor allem: da spüre ich in mir Erotik, Fluss und eine Strahlkraft, die mich berauscht. Ich kenne sie schon, diese Empfindungen – aber so anhaltend, andauernd und „grundlos“, das ist alles neu. Die Gefühle gehören ja nicht zum Mann, sondern sie sind meine. Ich bin mir dessen bewusst, dass das vielleicht nur eine kurze Episode ist und fühle trotzdem, dass er mir hilft, etwas Wichtiges wiederzubeleben (das bei mir bleiben wird).
  • Beschließe, all die „gutes Mädchen, böses Mädchen“-Konzepte wegzulegen und zu genießen. Das Geschenk steht vor meiner Tür… Ich kann Euch gar nicht sagen, wie beglückend es ist, endlich frei mit ihm zu sprechen, endlich ihn frei berühren zu können, ihm endlich IN DIE AUGEN ZU SEHEN.
  • Der momentane Stand der Dinge: ich bin 80 und 14 zugleich (weise und mich spürend, aber auch eng verbandelt mit dem Telefon, denn es könnte ja läuten.). Yeehaaa!

*** Mittlerweile weiß ich, dass dieses Problem von den antrainierten Muskelspannungs-Mustern für unsere jeweiligen Instrumente herrührte, die anscheinend wenig kompatibel sind. Einige Jahre später zeigen wir eine deutlich erhöhte Bereitschaft, auch in anderen instrumentaltechnischen Gewässern zu fischen. :) Und alle anderen Probleme haben sich, nun ja, wie soll ich sagen, ausgewachsen…

2 Antworten zu “An Euch (mit Schnell-Durchlauf der letzten Monate)

  1. Liebe Lily,

    vielen Dank für diese lyrischen Worte, von den Gefühlen kommt bei mir ein genießerische euphorische Gefühlsstimmung rüber.

    Ich wünsche Dir viel Glück für den weiteren Gang der Dinge
    Liebe Grüße Rainer

    • Lieber Rainer, danke für die lieben Wünsche!

      Und übrigens: Du hast es messerscharf erfasst. Genuss! Euphorie! :-D

      Herzlich, Lily

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