Abbitte


Fußgängerzone in Lyon

Es war einmal, in einem anderen Land, eine junge Frau mit einem feinen Gesicht, beinah schwarzen Locken und blaugrünen Augen.

Als Kind lebte sie im vierten Stock über einem Marktplatz und machte sich einen Spaß daraus, gemeinsam mit ihrem Cousin die Händler vom Balkon aus mit Wasserbomben zu bewerfen, oder ihn davon zu überzeugen, in das Puppengeschirr zu pinkeln, damit die Puppen Suppe hätten. Die Freundschaft ging so weit, dass sie mit ihm am Heimweg von der Schule gerne einen kostbaren, vom Gehweg gekratzten Kaugummi teilte.

Diese junge Frau hatte als Kind oft gehört, dass sie hässlich sei, dumm und eigentlich zu nichts zu gebrauchen. Sie beging den Fehler, diese Geschichten zu glauben.

Dann, eines Tages, erschien ein junger Mann aus einem anderen Land, seltsam gekleidet, ein wenig ungeschickt, freundlich. Er machte ihr schöne Augen, all ihren Überzeugungen über ihre Unzulänglichkeit zum Trotz. Und die junge Frau dachte sich, dass sie wohl auf den Zug aufspringen sollte, so lange er fuhr – und sie noch dazu weit weg brachte. Also nahm sie den Herren zum Mann, der ihr eigentlich nicht gefiel, auch wenn sie ihn gern mochte.

Es war ein kleiner, verständlicher Fehler, wie er tausendfach begangen wird. Aus dem einen kleinen Fehler war ein zweiter kleiner Fehler entwachsen und führte zu einem weiteren Missgeschick – einer Verbindung, die mit ein wenig Aufrichtigkeit vielleicht doch wieder berichtigt hätte werden können.

Aber dann, in einer Nacht in einem Land jenseits des Atlantik,  gesellte sich eine sehr kleine, ungesagte Sehnsucht zu ihnen; ein Wollen und Drängen – ein winziges Licht, das später meinen Namen tragen würde. Die Hälfte, die mir fehlte, stürmte durch den Körper des Mannes, vor dem sich die Frau mittlerweile ekelte, geradewegs in ihr Innerstes und fand das andere Stück Leben, das zu mir gehörte und ich war gezeugt.

Mit mir im Bauch meiner Mutter war ein Stein ins Rollen gebracht, der Aufrichtigkeit erschwerte und die früher noch kleinen Fehler zu großen machte. Dieser Stein würde den Weg bahnen für eine zweite kleine Sehnsucht – einen lieben, rundköpfigen Winzling, der mein Bruder werden sollte.

Aber bevor das geschah, noch in der Nacht jenseits des Atlantik, zog das kleine Licht auf dem Weg zu seiner fehlenden Hälfte einen Trugschluss. Es deutete seine drängende Liebe zur Existenz als selbstsüchtiges Eindringen und seinen Wunsch nach dem Werden als rücksichtslosen Einzug in den lebendigen Körper einer Frau, die es nicht um Erlaubnis gebeten hatte.

Und so lebt dieses winzige, wortlose Wesen durch mich, als gälte es, jeden Tag seine Anwesenheit zu rechtfertigen und ein großes Missgeschick damit zu mildern. Alles Gute was es zustande bringt, brennt als Kerze auf dem Altar der Abbitte, den es errichtet hat um zu belegen, dass doch etwas Nützliches entstand in der Nacht, als meine Mutter mich widerwillig bei sich aufnahm.

Sie ist wohl immer wieder überrascht, was für schöne Kinder sie hat. Und dennoch, trotz ihrer offenkundigen Freude über uns zwei Kleinen, hege ich einen schamvollen, alten Groll gegen sie und alles, was ihr nie über die Lippen kam. Dass sie meinen Vater mochte, aber nie begehrte; dass sie sich vor ihm ekelte. Das alles wusste ich immer schon, aber ich hielt es für Verrücktheit, für Einbildung.

Die Bestätigung fand ich erst, als ich ihr Vertrauen hinterging und es selbst las. Ich bin ihr böse dafür, dass ich wie ein Dieb meine Gewissheit aus ihrem Tagebuch ziehen musste – eine Tatsache, die mich beschämt, so sehr sie mich beruhigt.

Ich wünschte, es gäbe schon ein glückliches Ende. Ich wünschte ich könnte sagen, dass ich damit aufgehört hätte, mich in Winkeln zu verstecken um „nicht zu stören“. Dass ich mich nicht länger wundern würde, warum die Anderen das Bedürfnis nach Zugehörigkeit in meinem Verhalten nicht erkennen können und es mit Schmollen und Abneigung verwechseln.

Ich wünschte, ich könnte hier mit der weisen Stimme wahrer Einsicht sprechen und ohne jeglichen selbstmitleidigen Misston.

Ich wünschte, ich könnte hier davon berichten, wie ich mich selbst willkommen heiße, neu zeuge und wieder gebäre.

Noch nicht.

Eine Antwort zu “Abbitte

  1. Liebe Lily,

    meiner Meinung nach ist so ein Vertrauensbruch so eine Sache – aber Dir wird bestimmt verziehen, und war vielleicht unnötig. Ich meine, mit Meditation hättest Du dieselbe Wahrheit in kristallklarer Form gesehen, wenn Du sie eingeladen hättest – Dein zweifelndes Herz hat vielleicht das innere Auge verschlossen…

    Liebe Grüße Rainer

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s