HIV: Eros – Tod – Angst – unsortierte Gedanken


Wenn Beziehungen enden und neue beginnen, pilgere ich zum HIV-Antikörpertest.

Das mach ich so, seit ich mit 17 meinen ersten Freund verlassen habe. Damals wollte ich prüfen lassen, ob der Gute mir von seinen zahlreichen Expeditionen in andere Betten vielleicht Souvenirs mitgebracht haben könnte. (Nebenbei: nein, das ist kein bitterer Unterton in meiner Stimme. Wir waren beide jung und unerfahren, und jeder auf seine Weise untreu und treu zugleich. Trotzdem war’s eine Katastrophe – von der ich hauptsächlich gelernt habe, wie man’s nicht macht. Auch gut!)

Zurück zum Aidstest. Seit diesem ersten Mal vor 10 Jahren bin ich immer auf alles gefasst. So auch dieses Mal, vor einigen Wochen.

Mit dem Unterschied, dass sich nun, kraft der in den letzten Monaten entwickelten Lässigkeit und Zuversicht etwas Merkwürdiges ereignet hat:

Ich begann zu denken! Ich meine nicht das fragmentiert-frenetische Hin-und-Her der Gedanken, das sich in einer abwärts strudelnden Spirale bewegt und von ANGST verursacht und gefüttert wird. Nö. Ich meine ein sehr ruhiges, sehr neugieriges Durchleuchten – ein im Sinne des Wortes erhellendes Zwiegespräch mit meiner Situation und den Gedanken in meinem Kopf.

Durchblick am Rosenhain

So, das wird jetzt politisch nicht korrekt. Das ist mir völlig bewusst.

(Und bevor es weitergeht: ich freue mich über, ja erhoffe mir, weitere Meinungen und Kommentare, die ein vollständigeres Bild ergeben.)

Aber an der HIV-Geschichte, ich spür’s, gibt’s einen mächtigen Haken; da ist was faul!
Ich sage nicht, die Krankheit sei harmlos!
Ich sage auch nicht, es sei bloß eine Verschwörung der Pharma- und Gummi-Industrie.
Ich sage bloß: da ist verdächtig viel Angst im Spiel.
Und da frage ich mich mittlerweile gerne: wem nützt das?

Als Yogini weiß ich: Angst ist nicht die Wahrheit. Angst ist eins der geistigen Gifte (kleshas).
Wer Angst hat, sieht nur die Hälfte, wenn überhaupt. Wer Angst hat, wird von dem, was er fürchtet, beherrscht.

Fear is the mind-killer.

Ich denke, es ist sicherlich möglich, diese Krankheit realistisch zu betrachten und als Gegebenheit zu akzeptieren, ohne der Panik zu verfallen.

Von wissenschaftlicher Seite gibt es einige gar nicht so uninteressante (oder unbekannte) Stimmen, die zu einer Neubetrachtung der gängigen Meinung aufrufen. Ich bitte Euch, Euch da selbst ein Bild zu machen – ich habe in dieser Hinsicht viel zu wenig Durchblick, um Informationen weitergeben zu können. Ich fand einfach die Anstöße interessant.

Was mich wirklich gepackt hat – und worüber ich eine Meinung zu vertreten wage – ist HIV/Aids als Symbol.

Folgender kleiner, fieser, Hintergedanke kam mir, als ich im Wartezimmer der Aids-Hilfe saß und mir sinnierend einen Wattetupfer auf die Einstichstelle drückte:

„So, Lily, wenn der Test nun positiv ausfällt – dann hättest Du’s wohl verdient! Du hast einfach viel zu viel Spaß gehabt! Bist mit einem Teilzeit-Liebhaber ins Bett gehüpft, hast Dir als kleinen Snack zwischendurch einen zweiten Teilzeit-Liebhaber gegönnt und überhaupt Deine Freude an der Sinnlichkeit viel zu hemmungslos rausgelassen! Und jetzt, wo Du jemandem begegnet bist, bei dem Du gerne verweilen möchtest, würde es mich nicht wundern, wenn Du die Rechnung für Deine Hemmungslosigkeit kassierst. Ha!“

Nun bin ich mittlerweile soweit, meine Gedanken nicht länger mich denken zu lassen.

Ich reagierte recht amüsiert: Wie interessant, dass sich in diesem Bereich meines Bewusstseins noch so viel Schuldgefühle und Verhaltenskorsetts versteckt haben!
Der „Du-bist-eine-Schlampe!“-Gedankengang in meinem Kopf führte zu einer ganzen Reihe von Einsichten.

Diese HIV-Aids-Geschichte erzeugt – als Symbol –  wirklich interessante Mechanismen, die ich – zugegebenermaßen noch nicht ganz ausgereift – hier beschreiben möchte. Man überlege einmal, welche Urängste in dieser Krankheit gespiegelt sind!!!

  • Der unsichtbare, unbesiegbare „Feind“.

Dieses Bild allein erzeugt schon so viel Emotion, so viel Angst und Dringlichkeit, dass die eigene Verantwortung und auch Selbstachtung weggeworfen werden. Wer käme auf die Idee zu sagen: Wir kreiieren unsere Welt und auch die Krankheiten darin – lasst uns mal schauen, welches „Missverständnis“ zu dieser Krankheit geführt hat? – ??? Das würde ja die Existenz der Krankheit nicht negieren – aber uns ermächtigen.

Das ist natürlich eine Variation der alten Melodie, die zu vielen Krankheiten gespielt wird: der Körper spielt verrückt, weiß gar nicht was er tut, muss besiegt werden! Der Mensch beginnt, in seiner eigenen Wohnstatt dagegen zu kämpfen. Wir erlauben uns nicht mehr die Zeit, durch tieferes Blicken die Botschaft zu entschlüsseln und damit heiler zu werden … Wir glauben daran, kämpfen zu müssen; wir glauben nicht mehr an unsere Macht.

Fear is the mind-killer.

  • Ausgrenzung, Trennung, Außenseiter-Sein.

Und zwar in einem Bereich, der zu den Grundbedürfnissen des Menschen gehört: Berührung. Nähe. Verbindung.

Ich behaupte mal frech, dass es die alten Schuld- und Schamgefühle im Bezug auf Intimität/SEx natürlich auch noch im Zeitalter der sexuellen „Freiheit“ gibt.

Nur kann man sie nicht mehr so einfach durch moralische oder religiöse Behauptungen begründen und erzeugen.

Theoretisch darf jede/r Sex haben, wie, wo, wann, mit wem er oder sie möchte.

Aber: die alten Doktrinen sind noch nicht geheilt. Und sie erzeugen, diesmal mithilfe der Wissenschaft als neuer „Religion“, das selbe alte Muster:Sex ist tödlich.

Denn ganz ehrlich – was ist die Botschaft, wenn nicht das:

Bleibt einander treu, wenn ihr schon nicht auf Sex verzichten könnt! Sonst geschieht Euch Übles, die Gefahr lauert überall!Kommt mir bekannt vor. Irgendwie. Ich hab in Geschichte aufgepasst.

Jetzt sagen uns keine moralischen Oberhäupter mehr, dass Sex (ohne „Liebe“, auch mit Gummi) immer ein Risiko ist, sondern die Wissenschaft. [Mit „ohne Liebe“ meine ich den von hauptsächlich erotischen Gefühlen motivierten Bettausflug, dem vielleicht keine intensive Kennenlernphase vorausging, noch jemals folgen wird.]

  • Eros und Tod – die alte Geschichte…

    Tod und Mädchen - Hans Baldung Grien

Und die alte Geschichte vom „Tod“, der wie ein Abstreifen der alten Kleider mit Hingabe und Auflösung im großen Ganzen zu tun hat, im Vergleich zum „Tod“, den das verängstigte menschliche „Ich“ als grausamen, düsteren Prozess der Auslöschung betrachtet.

Vielleicht erzeugt das menschlich-kollektive Bewusstsein an jenen Orten, wo echte Empfänglichkeit, Hingabe und Verbindungsfähigkeit gefragt sind, Mythen von Vernichtung und Untergang –
um zu verhindern, dass sein wertvolles kleines „Ich“ sich im Meer der Einheit auflöst:

Fear is the mind-killer.
Fear is the little-death [!] that brings total obliteration.
Also: Angst ist der kleine Tod, der völlige Vernichtung bringt.

Danke, Frank Herbert.

Tarot "Roots of Asia" - Der Tod

4 Antworten zu “HIV: Eros – Tod – Angst – unsortierte Gedanken

  1. Liebe Lily,

    Deine Gedanken zur Sexualität und den wertenden Gedanken rund um Krankheiten sind sehr inspirierend. Ich denke viele Menschen habe ähnliche Gedanken, da Schuldgefühle gesellschaftlich gezüchtet werden. Dein Beitrag hilft sich solche Gedanken bewusst zu machen..
    Danke..

    Liebe Grüße Rainer

  2. Hola, Lily!

    „Aber: die alten Doktrinen sind noch nicht geheilt. Und sie erzeugen, diesmal mithilfe der Wissenschaft als neuer „Religion“, das selbe alte Muster: Sex ist tödlich.“

    So isset!
    Besonders für Frauen – zumindest, was ihren Status in der Gesellschaft betrifft. Wie eh und je.
    Tolle Hetero-Hechte gehen derweil – wie eh und je – fleissig aushäusig vögeln und bleiben dabei völlig „unbefleckt“. Nur die Schwulen kriegen Aids … fällt mir gerade dazu ein. Eine Art Patriarchats-Sicherungs-Virus also …

    Inzwischen glaube ich nicht mehr an die Existenz eines bösen (HIV- und/oder Ehec-)Virus – sondern wieder daran, daß der Glaube Berge versetzt.
    Und daß wir oft einfach nicht wissen, was unsere Seele (das Unterbewußtsein) wirklich erfahren will.

    „Angst essen Seele auf“ – trefflicher Filmtitel vom Herrn Faßbinder seinerzeit. Kranke Seele macht kranken Geist und kranken Körper – sage ich.

    Allerdings – wundere ich mich immer noch, daß gerade in Afrika soviele Aids-Tote zu beklagen sein sollen. Die haben schließlich ganz andere Glaubenssysteme als wir hier … habe mich aber nicht weiter dahinein vertieft. Eben fällt mir die akzeptierte Polygamie dazu ein – siehe oben unter „tolle Hechte“.

    Ein Buch zu der kühnen und doch so schlüssigen These, daß wir unsere Krankheiten selbst kreiieren, habe ich hier noch liegen, welches zuende gelesen werden will: „Der Symptomcode – warum es bei Krankheit nicht um Krankheit geht“ von August M. Zoebl.

    Die aktuelle Medien-Farce zu dem pösen pösen Ehec-Virus finde ich übrigens hochinteressant auch im Hinblick auf einen vermeintlichen HIV-Virus, an den ich selbst viel zu lange geglaubt habe. Schießlich habe ich mal ein rechtes Lotterleben und „Vielmännerei“ praktiziert, daher kannte ich diesen absurden Gedanken von „mögliche Strafe dafür“ auch. Ein lustvolles „unmäßiges“ Leben gilt eben nach wie vor als verwerflich – besonders für unser Geschlecht. Ich erlaube mir, dies nochmal zu wiederholen, obwohl es oben bereits steht.
    Die aktuelle Spurensuche der „Experten“ auf einigen Gurken ist geradezu komisch – würden sie nicht so gut für all den Unsinn bezahlt, mit dem sie die Leute verarschen.

    Danke für die Erinnerung an „Eros und Tod“ – habe auch noch den Herrn Bataille hier zum Thema zu lesen …

    Äußersten Genuss bei allen kommenden Liebesspielen mit wem auch immer wünsche ich dir,
    Sati

  3. Liebe Lily,

    ich denke du spielst mit deinen Andeutungen auf die sogenannte „Aids-Kritik“ aus dem Lager Nitsche/Leitner/Lanka an. Wenn sie Recht hätten, wäre es in der Tat interessant zu schauen, warum dieser Mythos (und ein solcher wäre es ja dann) anscheinend so passgenau unsere Bedürfnisse nach Krankheit befriedigt. Zu der Fachfrage kann und möchte ich hier nichts sagen, das ist denke ich auch gar nicht mal so wichtig.

    Weil: Du bist in dir selbst auf der Spur, wie da eine unrationale Angst, oder sagen wir ein unrationaler Teil einer Angst unbewusst deine Handlungen und dein Denken bestimmt. Und da musst du gar nicht auf der allgemeinen gesellschaftlichen Ebene suchen um festzustellen, wie sehr du bereits innerlich von diesem Virus befallen bist, – sagst du ja selbst.

    Darf ich dir sagen, was mir auffällt, welche Frage mir kommt: Wenn du doch einerseits sehr wohl an die Existenz des Virus‘ glaubst (oder zumindest für möglich hältst), warum lässt du es denn dann immer wieder fahrlässig auf eine Infektion ankommen? Sprich: Warum schützt du dich nicht entsprechend?! Nur um anschließend bibbernd im Wartezimmer das Angst-und-Strafe-Drama neu inszenieren zu können?

    Es scheint also in der Tat ein gewisser „Genussaspekt“ in dieser Angst zu liegen, etwas, was dir passend und stimmig erscheint. Irgendetwas Irrationales und Selbstschädigendes, denn wäre es nicht so und wäre die Angst einfach nur sachlich und rational begründet (und ich denke es ist nach allem heutigen Wissen rational begründet Angst vor einer Aids-Infektion zu haben), könntest du dich ja davor bewahren, – vor der Gefahr und vor der Angst vor Strafe.

    Zusammengefasst: Einfach nur die Gefahr verleugnen um alle Angst abwerfen zu können, scheint mir nicht ausreichend bzw. der richtige Weg zu sein.

    Meine Gedanken zu deinem Posting, ich hoffe, ich durfte das so sagen…

    Barbara

    • Hallo Barbara,

      klar ‚darfst‘ Du das so sagen!

      Was vielleicht nicht so deutlich rübergekommen ist in meinem Posting: die Angst ist einsehrseits „irrational“ (weil ich mich schütze) – gleichzeitig „rational“ begründbar, weil ja theoretisch NIE ein 100%iger Schutz vor irgendwas besteht. Außer bei totaler Abstinenz.

      Und genau dort, wo die Rationalität ansetzt, gibt es ein klitzekleines Schlupfloch für die Angst. Und die Schuldgefühle.

      Denn sobald ich nicht abstinent lebe, gibt es immer ein Risiko, selbst wenn’s minimal ist. Und DAS ist’s, was mich in diesem Posting beschäftigt hat: woher kommt diese Angst, woher kommt diese „Lust an der Angst“ wie Du sagst? Sie ist ähnlich der Lust daran, sich zu jedem Problem gleich das „worst-case-scenario“ auszumalen.

      Und – bei mir zumindest – war sie eben verbunden mit tief vergrabenen Schuldgefühlen, weil ich eben manchmal kein „braves“ Mädchen war. :) Das ist es, was mich so überrascht hat – wie tief diese alten Programme sitzen.

      Liebe Grüße,
      Lily

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