Brief an mein Ungeborenes


Prolog

Hallo!

Hallo, lieber Leser …
Hier bei mir geht’s grade rund, und zwar ziemlich, schon seit Monaten. Mittlerweile solltest Du bemerkt haben, dass mein Blog in turbulenten Zeiten nicht mit den Quantensprüngen in meinem Geist mithalten kann.

Ich werde mich bemühen, in den nächsten Wochen wieder mehr zu posten. Ich fühle mich nun gar genug.

Hier, zu Beginn, ein Brief, den ich bereits Ende Juni verfasst habe. Als nämlich etwas völlig Unerwartetes geschah.

Ich war nichtsahnend zu einem Schwitzhüttenritual gegangen (ja, solche Dinger besuche ich neuerdings), aus dem ich umgekrempelt wieder auftauchte. Die Kurzversion:
hinein als Frau ohne den geringsten Kinderwunsch,
hinaus als Frau ohne Kinderwunsch,
aber mit dem tiefen Wissen, dass das Leben sie zur Mutter machen würde.

Seit diesem Tag fühle ich, besonders rund um den Eisprung, eine wirklich seltsame Verbindung zu einem ungeborenen Wesen;
es fühlt sich fast an, als hätte es die längste Zeit auf mich gelauert.

Und ein Dank dem Himmel für den Mann an meiner Seite,
in dessen Augen ich nach Spuren der Panik forsche,
als ich irgendwann nicht anders kann, als ihm zu erzählen,
dass ich das eindringliche Gefühl habe, demnächst (damit meine ich die nächsten 10 Jahre) Mutter werden zu müssen.

Stattdessen sieht er mich an, als spräche ich grade von meinem Mittagessen, oder ähnlich profanen Dingen.
Und sagt mir dann (ich forsche vergeblich nach Anzeichen der Belustigung):
„Äh, ich glaub das ist normal.“

Achso.

Und hier kommt nun ein ganz „normaler“ Brief,
nämlich an ein inexistentes, jedoch deutlich wahrgenommenes „Etwas“.

~*~

Du hast es längst gewusst – und gewartet, ganz geduldig.

Nunja, ich bezweifle, dass Geduld – oder Zeit – an dem Ort, wo Du Dich befindest, irgendeine Rolle spielen. Da ruhst Du, in Deiner Wiege aus grenzenloser, ewiger Bewusstheit.

Aber für mich – ein Wesen, das sich schon in einen Körper gezwängt hat – hat Zeit Bedeutung. Also bitte ich Dich noch um ein wenig davon – zwei, fünf, zehn Jahre vielleicht? ;)

Liebes Kind, ich fühle Dein Kichern.
Du lächelst hinunter zu mir, durch unsere Nabelschnur der Liebe und Sehnsucht.
Eine Schnur, die erst vor ganz Kurzem in der pulsierenden, dunklen Gebärmutter einer Schwitzhütte geknüpft wurde. Als Deine Großmutter, eine große feurige Schlange, mir die Angst vor Dir aus dem Bauch fraß.

Liebes kleines Licht, ich fühle Deine Leidenschaft fürs Leben, Deinen Wunsch, hierher zu kommen um zu lernen und zu teilen,
genauso wie ich mich an mein eigenes Fernweh erinnern kann, als ich noch unermessliche, grenzenlose Präsenz war, wie Du es jetzt bist.

Dennoch bin ich überrascht und verwirrt von Deiner Verwegenheit.

Mit einem frechen Grinsen hast Du Deinen Zeigefinger auf mich gerichtet:
„Du! Hey, Du! Ich komme!“

Wie bitte, was meinst Du, Du kommst hierher? Bist Du Dir sicher?

Warum hast Du mich ausgesucht (oder ich Dich…),
eine Frau ohne ausgeprägte Mutterinstinkte,
eine Frau, die es nie ernsthaft nach Familiengründung verlangte,
eine Frau, die erschaudert bei der Vorstellung, von einem hilflosen bedürftigen Wesen bei lebendigem Leibe verschlungen zu werden?

(Und wirst Du jetzt damit aufhören, mich so anzugrinsen!!!)

Da kommst Du also, um die Welt zu erobern, und beginnst gleich mal mit meiner.
Du bist noch nicht viel mehr als ein weit entferntes Körnchen, aber schon jetzt hast Du meine Lebensvorstellungen gründlich geschreddert.
Verschwörerisch reibst Du Dir die Hände und lachst unbändig über Deine köstlichen, wilden Ideen.

Gelegentlich fühle ich Dich die Lichtschnur herunterklettern,
wenn ich den Mann liebe, der Dein Vater werden könnte.
Angezogen vom stillen, süßen Rausch kommst Du immer näher,
bis ich Dich in mein linkes Ohr flüstern höre:

„Hey, wie wär’s mit jetzt, MAMA?!“

Und ich kann nicht anders; ich werde leicht panisch und schreie im Geiste zurück:
„Frag Deinen Vater!“

Dann verriegle ich die Tür, so gut ich kann –

während Du gut hörbar auf der anderen Seite herumkasperst.
Du bombardierst das Tor mit Bällen und Quietschenten,
nur um so zu tun, als hätte ich in der Sache irgendein Mitspracherecht.

Du stures, zähes Lauskind.

Ich liebe Dich ja jetzt schon,
und sei es nur wegen Deiner Beharrlichkeit, mit der Du die Burg meiner Meinungen belagert hast.
Und Gott weiß, was für eine stolze Burg das ist.

Du wirst sie einnehmen – mit nichts als Gelächter und Teddybär-Kanonenkugeln –
und natürlich Deinem starrköpfigen Willen, Dir einen Körper zu beschaffen.

Aber bevor es so weit kommt, lass mich Dir ein paar Dinge sagen.

(„Hör auf mich!“ – Du wirst Dich daran gewöhnen müssen, mich das sagen zu hören. Schließlich scheinst Du recht überzeugt davon, dass ausgerechnet ich Deine menschliche Mutter werden soll.)

Das ist ein verdammt zäher Planet. Kein Schmäh.

Du wirst sie vergessen, die weiten, endlosen Gefilde der Liebe und Gegenwart.
Du wirst Angst und Hass schmecken, Streit und Trennung.
Du wirst Zeiten der Verzweiflung und Einsamkeit erleben.
Du wirst Deine Macht gegen Schuld tauschen, oder sie ganz verleugnen.
Du wirst ringen; Du wirst den Wunsch kennenlernen, nie hierher gekommen zu sein.
Du wirst ins Vergessen stürzen und Du wirst die Mühsal des Aufstiegs durchleben.

Ich weiß, aus Deiner Perspektive ist das alles ein Spaziergang.
Sobald Du aber hier bist, wird es Dir beängstigend echt erscheinen.
Und dann erzähl mir nicht, niemand hätte Dich gewarnt!

Aber was soll’s – ich kann Dich ja doch nicht austricksen.
Du weißt nur zu gut, dass all meine Schulmeisterei nur Furcht entspringt, ganz einfach.

Die Geschwindigkeit, mit der Du auf mich zugeprescht bist, raubt mir gelegentlich den Atem.
Ich weiß nicht, ob ich mich soweit dehnen kann, wie Du es verlangst.

Was Du alles mit meinem Körper anstellen könntest! Meiner Beziehung. Meiner Arbeit. Meinem Zuhause. Meinen geliebten Angewohnheiten. Meinem Leben!

Viele „Meins“ …
Überhaupt recht viel von „mir“, verstrickt im Kräftemessen mit Deinem „Ich“.

Aber Du weißt, wie Du das Spiel zu spielen hast – mit Kindchenschema kormmst Du bei mir nicht weit.
Du bist kein zartes Seelchen.

DU wirst es sein, Du wirst mich austricksen, ich ahne es.
Ich werde die Waffen strecken, die Zugbrücke herunterlassen,
mit eigenem Mittel besiegt:

meiner Neugier.

Du hast mir eine kleine Kostprobe gegeben,
einen Vorgeschmack auf Dein strahlendes Feuer,
Deinen wirbelwindenden Ungestüm,

und schon hast Du mich!

Ich will Dich kennenlernen.
Ich will erfahren, warum ausgerechnet Du ausgerechnet mit mir zusammenkommen solltest.
Vor allem liebe ich das Unvorstellbare, Absurde, Unerhörte:
Ich – eine Mutter! Ahaha!

Also gönne mir die Illusion, mich auf eine gute Herausforderung gebührend vorbereiten zu können.

Noch ein bisschen Geduld, mein Liebes – die ist doch sicher noch drin…

XOXO
Mom

Eine Antwort zu “Brief an mein Ungeborenes

  1. Liebe Lily,

    ich habe Dich im Internet wiedergefunden!

    Vielen Dank für Deine wundervollen Texte! Sie sind so klar, ehrlich und poetisch! So viel Inspiration!!!

    Herzliche Grüße aus Dresden,

    Ulrike

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