An ein Ungeborenes – pt. 2


Dein Komet schlägt ein,
an einem strahlenden Montagvormittag Ende August,
kurz nach 10.

Und noch während ich tief entspannt nach langem Yoga, wehrlos, den Urknall in meinem Unterleib miterlebe,
weiß ich, dass ich mich selbstsüchtig entscheiden werde.

Du hast bloß Deinen Zeh ins Wasser getunkt
und ich bekomme schon kalte Füße.
Zwei Striche ein paar Tage später bestätigen,
was ich schon weiß:
Du bist hier – nein, Dein Körper ist hier.

Du schwebst über uns und wartest.

Es ist ein Geschenk –
und schaffbar, wunderschön –
aber ich will nicht hören. Ich weiß, dass ich nicht hören will.

Im Kopf verbarrikadieren wir uns gegen Dein Kommen,
nicht im Herzen.
Es ist, als würde ich mich vom Teufel reiten lassen,
denn ich entscheide mich, mich für die Angst zu entscheiden
und Dich wieder fortzuschicken.

Mit oder ohne Dich,
unser Leben braucht Richtung – das steht fest.
Mit oder ohne Dich,
ein lange Totgeglaubtes ruft nach Leben und will geboren werden.
Ich werde mich selbst leben lassen,
das habe ich Dir versprochen.

Als ich mich entscheide,
ist mir klar, dass ich ungeahnte Konsequenzen zu mir rufe.
Vielleicht stirbt unsere Beziehung.
Vielleicht holen mich quälende Selbstvorwürfe ein.
Vielleicht lerne ich einen Schmerz kennen, der jenseits meiner Vorstellung liegt.

Es ist nicht „korrekt“ – aber irgendein Stolz befiehlt mir, auf dem harten Weg zu lernen.

Und diesen Stolz – ich sehe ihn erst, als ich Dich wieder fortschicke.
Medea, das bin ich.
Die Mutter, die tötet, um sich der Angst, dem Ruf nach Veränderung nicht zu stellen.

Und ich weiß nicht, wie ich Dir danken soll für diesen Spiegel.
Wie viele meiner „Kinder“ nicht richtig leben dürfen, weil ich mich selbst in Befürchtungen fessle,
das hast Du mir gezeigt.

Und dass mir der grundlegende Respekt vor der Lebendigkeit fehlte;
die staunende Achtung vor diesem Körper,
der mich mit seinem Wissen einfach überrollt hat.

Wie russische Puppen sich ineinander verstecken,
so stecken wir, Mensch um Mensch, ineinander.

Ich war gefasst, dass Du mir böse wärst, dass ich ein Leiden spüren würde –
aber stattdessen schicktest Du mich zum Abschied in den blühenden Mirabellgarten
und gabst mir Deine Augen und Ohren, Deine Nase und Haut.

Du bist in mich hineingestorben
und plötzlich schmecke ich das Leben wieder so,
wie mit 5 Jahren.
Du hast mich geboren.

Ich saß still auf der Bank und empfing eine Gnade,
die ich weder erhofft noch erbeten hatte –
derer ich mich auch nicht würdig fühlte:
Dein Gesicht im Wind, in den Kinderstimmen, in der Abendsonne.

Dein Vater kam auf mich zu und gab Dir Deinen Namen.
Er gab Dir einen Sarg und ein Feuer.
Er gab Dir Tränen und Deine Abschiedsworte:
„Du bist nichts, wovor wir uns je hätten fürchten müssen.“

Ich staune, ich kann nur staunen,
dass aus unserem Stolz und Deinem Opfer
eine so schöne Blüte erwachsen kann.

Mit oder ohne Dich – nichts ist wie zuvor.
Ich sehe Dich in den Armen Deines Vaters
und alle Last, alle Angst fallen ab.
Jetzt sehe ich Deine Gaben –
Du hast mich geheilt.

Ohne Dich – das gibt es nicht mehr.
Wir sind Eltern eines unsichtbaren Kindes.
Du bist da.

In Liebe,
Ma

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