Aus dem Tagebuch ::: Begräbnisse, Reisen und tickende Uhren


Liebe Leser,
Ende Oktober ist meine französische Großmutter verstorben. Also bin ich ein paar Tage später in den Zug gestiegen, um in das verschlafene Nest zu fahren, wo meine Familie sich seit Jahrzehnten allsommerlich versammelt.

Meine Großmutter wurde 97 Jahre alt und hat ihre Großfamilie noch einmal um sich versammelt – um sich und einen sehr tapferen jungen Pfarrer, der den Schneid hatte, alle Unversöhnlichkeiten zwischen Mutter und Kindern anzusprechen.
Meine Großmutter hat zwei Weltkriege erlebt, deutsche Pistolenläufe von ihrer Schläfe abgewandt, 5 Kinder auf 3 Kontinenten geboren; sie konnte wunderbare Märchen erzählen oder vorlesen während sie (ohne hinzusehen) komplizierte Aran-Muster strickte; eine legendäre Ratatouille kochen und ihre Mitmenschen mit ihrer Sturheit in den Wahnsinn treiben.

Sie ging zur Kirche und hatte am Ende ihres Lebens keine Scheu, ihre Glaubenskrise offen anzusprechen. Sie war berüchtigt für Knausrigkeit und Wutanfälle, aber auch für ihre Neugier und Verve.

Wenn ich mir ein Erbstück wünschen darf, dann diese Offenheit. Mit 94 Jahren (kurz bevor sie in ein Altersheim übersiedelte), fand sie heraus, dass in ihrem Wohnhaus ein Taiji-Lehrer eingezogen war. Und besuchte kurzerhand seine Kurse. Natürlich war sie die Älteste – aber nur im Körper…

Es ist still in L.
Habe die Gegend noch nie in Herbstfarben gesehen. Es liegt eine langsame Traurigkeit in der Luft, etwas Zufälliges – die Zeit steht. Fühle mich irgendwie außerhalb davon, als wären das Einzige hier die Geräusche vom alten Brunnen, F.s Schritte auf der Treppe, das Ticken der Uhr und das leise Rauschen von ausgeschenktem Tee.

Bonne Maman (meine Großmutter) ist begraben, ich habe gestern fast alle Cousins gesehen. Hélène, Armelle, Yves, Martin, Grégoire, Jean, Lolo,…

Habe mich lang mit Lolo und Grégoire unterhalten. Der eine scheint sich irgendwie mit seinem Leben abzufinden, traurig. Grégoire dagegen ist aufgeblüht. Ausbildung zum Sonderpädagogen, Musikwissenschaften, jetzt kombiniert er beides. Sie reißen sich um ihn.

Ich habe ihn als Sündenbock der Familie in Erinnerung. Bin froh, dass er so kompromisslos seinem Weg gefolgt ist und etwas ganz Anderes macht – sich auch zutraut, eine Karriere zu wählen, die seiner Familie sicher nicht von Anfang an zugesagt hat.

Ähnlich bei Jean. Ich sehe ihm seinen Lebens-Gusto an.

Bei dieser Gelegenheit frage ich mich, wie viel Ungesagtes im Raum hängenbleibt – was Menschen bereit sind, ihrer Familie preiszugeben und was nicht, was die Einzelnen überhaupt bereit sind, von den Anderen zu erfahren.

Und irgendwo zwischen der Intimität der Familie und der Distanz von Bekannten schweben auch die Gespräche. Bei manchen höre ich zwischen den Worten das heraus, was sie in der Nacht wachhält – vor Aufregung oder Angst; das, was sie gerade beschäftigt, ihre größte Leidenschaft, ihre größte Sorge.

Untertöne, Seelentöne – sie sind es jedenfalls, die mich ihnen allen näher gebracht haben.

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