Eine Birne, ein Schuldi und Herr Kyrie wünschen: Frohes Fest!


Was meine Mutter damals vor Weihnachten verstand:

Ich: „Mama, ich wünsche mir ein Heft mit Loh-Gekritzeln…“ (ich war ca. 12)
Mum: „Was für Gekritzel?“
Ich: „Nein, nicht Gekritzel – ich meine Loh-Ge-Kritzel!“
Mum: „Tut mir Leid, ich hab keine Ahnung was Du meinst…“

Erst nach einiger Zeit wilden Gestikulierens begriff meine Mutter ihren Verhörer. Es waren natürlich Logik-Rätsel, die ich wollte. Oder eben Loh-Gekritzel. Eh klar.

Gestern gab’s bei der Bescherung allerdings keine Verhörer. Ich habe sogar nicht mal sagen müssen, was ich mir wünsche und ich bekam trotzdem die tollsten Sachen.
Das ist jetzt natürlich total kontraproduktiv.

Nämlich im Bezug auf jene populärpsychologische Lehrmeinung, die besagt, dass „Mensch schon sagen müsse, was er möchte, um es auch zu bekommen.“ Diese Vorgehensweise werd ich mir nun wieder abtrainieren. :)

Tut mir Leid, Psycho-Autoren, ich habe die These gestern nämlich TOTAL widerlegt. Ich habe nicht mal ein klitzekleines bisschen mit dem Zaunpfahl winken müssen – meine Lieben KÖNNEN meine Gedanken lesen! Ha! (Ich kann jetzt natürlich nicht sagen, was ich bekommen habe, weil ich sonst Werbung machen würde. Bis auf den handgeschmiedeten Silberring, das kann ich Euch erzählen. Handgeschmiedet! Und schmal! Genau was ich wollte – ohne den Mund aufzumachen.)

Worüber wir gestern noch gelacht haben: die gängigen weihnachtlichen Verhörer, die sich auch bei uns eingeschlichen hatten, als mein Bruder und ich klein waren.

Da war einmal der lachende Obi, den sicher einige Leser hier auch kennen: In der stillen, heiligen Nacht schleicht er sich in die Idylle: „Gottes Sohn Obi lacht!“

Und dann meine kindliche Verwirrung ob des „Schuldi“. Wer war wohl mein Schuldi???
Denn in der Kirche leierten sie herunter: „… wie auch wir vergeben unserem Schuldi gern“.

Dann gab’s natürlich auch noch das Obst in Marias Bauch. Eine Birne, ganz eindeutig, denn:
„… Du bist geBIRNEdeit unter den Frauen und geBIRNEdeit ist die Frucht Deines Leibes, Jesus.“

Und schlussendlich beharrte ich hartnäckig darauf, dass an der Krippe in Jerusalem ein Herr namens „Kyrie“ stand, oder vielleicht der Ochse so hieß, denn in dem Lied „Maria durch ein‘ Dornwald ging“ hörte ich:

„Kyrie Esel Sohn“.
Mit seltsamer Betonung, natürlich. Aber ganz eindeutig: der Ochse (oder Herr) Kyrie, der Esel, der Sohn. Das war mir sehr sympathisch, drum hab ich kein anderes Erklärungsmodell akzeptiert.

Ich wünsche Euch allen, ganz konfessionslos, ein wunderbares Fest des inneren Feuers:

Was der Rose gesagt ward und sie öffnete,
ward mir gesagt, hier in meinem Herzen.

Was dem Zypressenbaum gesagt ward und ihn stark und grade machte,

was dem Jasmin geflüstert ward und ihn machte wie er ist,

was auch immer das Zuckerrohr süß machte,

was den Leuten der Stadt Chigil in Turkistan gesagt ward, dass sie so schön wurden,

was die Granatapfelblühte erröten lässt wie ein menschliches Gesicht

das wird nun mir gesagt. Ich erröte.

Was Gewandtheit in die Sprache tat, das geschieht nun, hier.

Die mächtigen Türen des Speichers öffnen sich, ich schwelle an vor Dankbarkeit,

an einem Stück Zuckerrohr kauend,

verliebt in den, dem all dies angehört.

Rumi – frei übersetzt

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