Märchenstunde ::: Seelenverträge. Ablenkungen. Schweigegelübde.


Das folgende Märchen ließ mich – wohl aus, ähem, persönlichen Gründen – an vielen Stellen aufhorchen (soweit man beim Lesen von Horchen sprechen kann… Wie auch immer.).
Gleich erzähle ich das Märchen.

Ich habe ein wenig über das Wesen der Einsamkeit nachgedacht – und zwar jener Einsamkeit, die archetypisch ist. Jene Einsamkeit, die Teil des Reifungsprozesses ist, weil wir nur so erfahren können, aus welchem Holz wir geschnitzt sind. Wenn bestimmte Pläne und Vorhaben eben nur von uns erdacht werden wollen, können wir zwangsläufig nicht mit dem Verständnis unserer Umwelt rechnen.

Und nicht zuletzt ist es zuweilen eine Einsamkeit, in der wir uns selbst nicht wiedererkennen und uns fremd sind. Die Erkenntnis, dass wir keineswegs eine festgelegte, deutlich umrissene Einheit sind, muss durch Erfahrung untermauert werden, zum Beispiel wenn wir plötzlich schwanger gehen mit ungesagten, unerhörten Ideen.
Wer sollte diese Ideen verstehen? Wer sollte uns beibringen, unserem Instinkt zu trauen?

Eben.

Der Heldinnenstoff in diesem Märchen ist aus Hingabe, Loyalität und Zähigkeit gewebt.

Drei archetypische Phasen machen dieses Märchen aus:
Die Einsamkeit, das Auf-Sich-Gestelltsein.
Das Erkennen der eigenen Aufgabe, das Arbeiten daran.
Die Versuchungen und Schwierigkeiten der Aufgabe.

Meine Gedanken zu diesem Märchen sind übrigens weniger kopf-geboren, als es den Anschein haben mag. Märchen versteht man eben auf einer Ebene unterhalb der Worte. Vielleicht geht es Euch ja ebenso:

Die wilden Schwäne – von H.C. Andersen

Die neue Frau des Königs – natürlich eine böse Stiefmutter – findet an ihren Stiefkindern keinen Gefallen. Sie verwandelt ihre elf Stiefsöhne in Schwäne. Ihre ungeliebte Stieftochter Elisa vertreibt sie ebenfalls mit einer List:
Zunächst versucht sie, das Mädchen zu korrumpieren: drei Kröten hat sie in sein Badewasser geschmuggelt. Eine für Hässlichkeit, eine für Trägheit, eine für Boshaftigkeit. Aber alle 3 Kröten verwandeln sich durch die Berührung der Prinzessin in Blumen. In letzter Not tunkt die Stiefmutter Elisa in dunkles Walnussöl, sodass ihr Vater das stinkende, schmutzige Mädchen nicht mehr erkennt und fortschickt.

Nachdem Elisa ihre Heimat verloren hat, sucht sie verzweifelt nach ihren Brüdern. Als sie sie endlich findet, beschließen die Geschwister, gemeinsam davonzufliegen. Sie lassen sich auf eine gefährliche Reise ein, denn Elisas Brüder sind nur tagsüber Schwäne. Sobald die Nacht kommt, verwandeln sie sich wieder in Menschen – und sollten daher bei Sonnenuntergang besser Boden unter den Füßen haben. Bevor die Reise losgeht, webt Elisa ein Netz, in dem ihre Brüder sie übers Meer tragen können.

Elisa beendet ihr gemütliches Prinzessinen-Dasein also nicht freiwillig, sondern wird von äußeren Umständen in die Einsamkeit katapultiert. Am Anfang ihrer Krise kann sie noch nicht für sich bestehen. Alle ihre Bemühungen richten sich darauf, ihre Verbündeten wieder zu finden.

Aber wir wissen bereits, dass sie das Zeug zur Heldin hat. Denn ihre erste Prüfung hat sie (unwissentlich) schon bestanden: die Berührung der Kröten hat ihr nichts ausmachen können. Ich sehe das Symbol der Badewanne wie das kindliche „Abtauchen“ in Fantastereien und Emotionen. In diesem Bad wird sie zum ersten Mal geprüft: „Wirst Du auch anpacken können? Kannst Du Deine Liebe und Dein Licht hüten?“ Ja, sie kann. Und qualifiziert sich daher für den Rausschmiss aus der Komfortzone hinein in die Wildnis der Seelenreifung.

Im ersten Stadium der Einsamkeit sucht sie zunächst nach Verbündeten, ihren Brüdern. Deren Schwanengestalt symbolisiert für mich die Fähigkeit, Dinge aus einer höheren Perspektive zu sehen, geistige Höhenflüge zu bewältigen UND in wässrigen Emotionen zu schwimmen, also die Fähigkeit, in schwierigen Situationen einen klaren Kopf zu bewahren und nicht (in sich selbst) zu ersaufen.

Noch sind diese Fähigkeiten nicht sehr ausgeprägt. Zwar sind sie stark genug, um Elisa aus ihrem gewohnten Umfeld zu tragen (man beachte auch die Zahl 11 – Veränderung, Transformation, Auflösung), aber sie sind nicht besonders verlässlich. Es droht der Absturz, wenn sie nicht rechtzeitig landen. Elisas Aufgabe ist in diesem Stadium nur, alles hinter sich zu lassen und unbeschadet ein neues Land zu erreichen. Eine neue Perspektive und Einstellung muss sie also finden. Was sie dann machen wird, weiß sie an diesem Punkt selbst noch nicht.

Im fremden Land angekommen, widmet sich Elisa der Befreiung ihrer Brüder. Unaufhörlich betet sie, einen Weg erkennen zu können, der ihre Brüder endgültig erlöst. Schließlich hat sie einen Traum, in dem ihr gezeigt wird, wie sie aus giftigen Nesseln mit bloßen Händen 11 Hemden zu weben hätte. Während dieser Zeit soll sie Stillschweigen wahren und darf, um ihre Brüder zu retten, mit niemandem ein Wort wechseln. Nach getaner Arbeit soll sie die Hemden über ihre Schwanenbrüder werfen, um sie wieder in Menschen zu verwandeln.

Das Mädchen macht sich sofort an die Arbeit, sucht nach den besonderen Nesseln und stört sich auch nicht an den vielen Verbrennungen und Verletzungen, die das Weben mit sich bringt.

Hier also begreift Elisa, was sie zu tun hat. Sie ist mit ihren Brüdern geflogen – jetzt gilt es, deren Qualitäten zu befreien. Ihr Seelenauftrag: Erlösung. Weil sie über sich selbst hinaus sehen kann, keine falsche Eitelkeit kennt und bereit ist, sich ihrer Aufgabe ganz zu widmen, erfährt sie von ihrer Bestimmung und den damit verbundenen Auflagen. Sie muss ihren Brüdern – ihrer visionären Intelligenz – Kleidung machen. Die Kleidung hat einen sozialen Aspekt: ihre Ideen werden durch die Hemden auch für andere greifbar, einordenbar – also kurz gesagt: bezugsfähig.

Aber die Arbeit wird mühsam und langwierig, und bedarf vor allem der Geheimhaltung. Es gibt gewisse „Seelenaufgaben“, über die tatsächlich nicht gesprochen werden darf. Pläne, die wir haben und von denen wir wissen, dass wir sie niemandem verraten dürfen. Oder auch Ahnungen, die sich selbst für uns derart diffus anfühlen, dass ein falsch gesprochenes Wort sie endgültig ins Reich der Traumspinnereien abschieben würde. Das Schweigen ist ein Schutz.

Schwierig und schmerzhaft wird es für Elisa, ihre Aufgabe zu erfüllen – obwohl beschrieben wird, dass die Aussicht auf die Befreiung ihrer Brüder die Prinzessin alle Schmerzen vergessen lässt. Eine schöne Erinnerung, dass uns eine wahre Aufgabe ausgesprochen zäh machen kann. Die zweite Auflage, nämlich mit niemandem zu sprechen, ist zwar anstrengend (ich fände es blöd, nicht raunzen und mich nirgendwo über meine Brandblasen beschweren zu können), aber sicherlich zu bewältigen – solange sie nicht herausgefordert und ihr Schweigen zu einem Hindernis wird.

Die webende Prinzessin wird natürlich entdeckt: ein lediger Königssohn kommt auf der Jagd an ihrer Höhle vorbei und packt sie ein. Dass sie ihm nicht erklären kann, woran sie arbeitet und warum ihre Finger voller Wunden sind, juckt ihn nicht – Hauptsache sie ist bei ihm und willigt ein, ihn zu heiraten.

Diese Stelle ist doch ziemlich lustig: Vorhang auf für die verführerische Ablenkung!
Die kenn ich gut – gerade dann, wenn ich dabei bin, mich ganz meiner Aufgabe hinzugeben, taucht von irgendwoher ein sehr einnehmendes „Etwas“ auf. Muss ja kein Mann sein. „Probleme“ tun’s auch … Vor allem aber ist die Ablenkung mit einem Paradoxon verknüpft: aufgrund seiner Fremdheit kann der junge Prinz Elisas Beschäftigung nicht verstehen. Elisas Beschäftigung fordert wiederum, dass sie ihrem Prinzen nichts erklärt.

Nun sieht es in dem Märchen so aus, als hätte der Prinz seine Traumfrau ohne deren Einwilligung mitgenommen.
Ein passendes Bild, um die Natur der verführerischen Ablenkung zu umschreiben. Denn man kann es ja immer noch so deichseln, dass es aussieht, als wäre man einfach von seiner Ablenkung überfallen worden! Wehrlos entführt! Hilflos überrumpelt!

Aber natürlich muss sich der Prinz in Elisa verlieben – wie könnte er auch nicht? Sie blüht gerade auf in ihrer ureigenen Seelenaufgabe; das macht sie schön und kennzeichnet sie als selbstständige Gefährtin. Der Test für den Prinzen wird sein, ob er sie lieben und unterstützen kann, ohne ihre Aufgabe zu verstehen und ohne sie davon abzuhalten. Elisas Herausforderung ist nun, unter dem Druck, vorzeitig von ihrer Aufgabe zu erzählen, nicht nachzugeben und ihre Brüder damit zu gefährden.

Hier ist es also der fesche Königssohn, der scheinbar zu früh auf den Plan tritt und die schweigsame Prinzessin in ein Dilemma führt. Ich mag den Beginn dieser Liebesgeschichte: von Anfang an wird deutlich, dass es das „Unerklärliche“ ihrer Seelenmission ist, das den Prinzen anzieht. Und es wird gleich klargestellt, dass der Prinz lernen muss, das Mysterium an Elisa zu lieben. Elisa kann nämlich noch nicht sprechen; ihre Aufgabe ist nicht erfüllt; ihre Gedanken haben keine Kleider. Allein schon deshalb ist sie als „Neue“ am Prinzenhof eine Außenseiterin, aber ihr Schweigen grenzt sie täglich mehr aus. 

Nachdem die Prinzessin im Schloss ihres Zukünftigen eine recht lange Miene zieht und mit nichts zum Sprechen oder Lächeln zu bewegen ist, schenkt ihr der junge Mann einen Webstuhl in der Hoffnung, sie damit aufzuheitern.

Die Prinzessin verliebt sich in ihn, muss aber weiter an den Hemden ihrer Brüder arbeiten. Mit ihrem neuen Webstuhl ist sie wieder auf einem guten Weg, und außerdem hat sie ja jetzt einen feschen Verlobten, der ihr in der Nacht die arg geschundenen Finger küsst und es mittlerweile unterlässt, dumme Fragen zu stellen. Kein schlechtes Leben also.

Elisa findet Nesseln am Friedhof neben dem Schloss und schleicht sich jede Nacht hinaus, um sie zu sammeln. Alles bestens?

Nein – denn der hinterhältige Berater des Prinzen beschattet sie und erzählt daraufhin herum, die junge Braut wäre in Wahrheit eine Hexe, die sich nächtens auf Friedhöfen herumtreibe. Dummerweise darf Elisa noch immer nicht ihren Mund öffnen.

Hier zieht sich die Schlinge nun enger. Mittlerweile aber hat Elisa einen Mann an ihrer Seite, der sie unterstützt, ohne sie zu verstehen.
Das wären hehre Ansprüche an einen realen Mann, aber zumindest von uns selbst können wir die Unterstützung fordern, drängenden Fragen nachzugehen, ohne ganz zu begreifen, wozu sie gut sein sollen.

Nun aber kommt das Umfeld hinzu. Es ist herausragend, dass Andersen nicht nur die Unvermeidbarkeit der Ablenkung thematisiert, sondern auch die Unvermeidbarkeit des Unverstandenseins.

Das Schweigegelübde kann man wörtlich verstehen, aber auch als Unfähigkeit, eine Aufgabe anderen begreiflich zu machen, bevor sie nicht wörtlich spruch-reif ist. In dieser Phase des Ausbrütens ist es fast so, als würde eine unüberwindbare Kluft zwischen dem Einzelnen und seiner Umwelt aufreißen. Im schlimmsten Fall wird das unerklärliche Tun völlig falsch ausgelegt – weil der Mensch nun mal gerne das Schlimmste befürchtet. Das Unbekannte ist nunmal sofort suspekt. Elisa, die ihre Brüder retten will, wird zu Elisa der Hexe.

Und hier kommt nun das letzte, große Dilemma: kehren wir ins Kindchenschema zurück, weil wir Verständnis und Unterstützung fordern, oder stellen wir uns der Tatsache, dass unser Umfeld gar nicht verstehen kann? Dann müssen wir uns darauf verlassen, dass unsere Seelenaufgabe selbst uns beschützt. Die notwendige Abgrenzung hingegen obliegt dem inneren „König“ – solange er an Elisa glaubt, kann ihr die Häme an seinem Hof nichts anhaben.

Elisa kommt in den Kerker. Ihr hartnäckiges Schweigen wird gegen sie ausgelegt und ihr Verlobter hat seinen Glauben an sie verloren.

Nun ist sie wieder allein, aber mittlerweile hat sie gelernt, dass sie bei ihrer Aufgabe bleiben muss – komme was wolle. Eine kleine Maus hilft ihr, bringt ihr immer wieder frische Nesseln, und sie webt die ganze Nacht; sogar auf dem Weg zur Richtstätte webt sie weiter. Da tauchen in letzter Minute die Schwanenbrüder auf, denen sie die elf fertiggestellten Hemden überwirft – mit Ausnahme eines Hemds, dem ein Ärmel fehlt. Der jüngste Bruder, dem dieses Hemd gehört, behält einen Schwanenflügel anstelle eines Arms.

Endlich können alle Missverständnisse aus der Welt geräumt werden. Der Prinz, der wohl etwas beschämt ist, entlässt seinen bösartigen Berater und setzt an dessen Stelle die Schwanenbrüder ein (einer gegen elf – kein schlechter Tausch). Er und Elisa heiraten und leben fortan glücklich, und ohne Kommunikationsschwierigkeiten, bis an ihr Lebensende.

 

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