Yoga der Sexualität ::: Teil 2 ::: Stamm-Hirn


Prolog – Teil 1
Teil 3
Teil 4
Teil 5
Teil 6
Teil 7
Teil 8
Epilog

Am Beginn des Lebens lernen wir von unserem Stamm die Überlebensregeln. Am Anfang einer (sexuellen) Krise konfrontieren wir uns mit jenen Regeln, die uns hinderlich geworden sind.

Mit sexueller  Krise meine ich übrigens das, was DU darunter verstehst.
Mit Stamm meine ich nicht nur unsere Familie, sondern auch Nation, Kulturkreis, Glaubenssystem, Medienmeinung – kurz gesagt alles, was eine große, undefinierte Masse von Personen so alles meint, glaubt und gewichtet.

Ich nenne es das „Stamm-Hirn“.

Ein Hirn ist super: es hilft mit allem, was es weiß, beobachtet und gelernt hat. Das Stammhirn definiert, was Sexualität ist und sein soll und in weiterer Folge, wo der Sex zum Problem wird. Unser persönliches sexuelles Problem beginnt dort, wo unser Stammhirn es bestimmt.

Das Stammhirn früherer Jahrhunderte sagte zum Beispiel: „Sex dient der Fortpflanzung und der Freude des Mannes.“ Folglich hätten sich Menschen erst Sorgen gemacht, wenn keine Kinder auftauchten, oder der Mann zu kurz kam (grob vereinfacht, natürlich).

Unser Stammes-Territorium hat sich diesbezüglich verändert. Das durchschnittliche Gelände sieht in etwa so aus:

„Sex darf, muss aber keine Babies produzieren. Sex muss hingegen auf jeden Fall Spaß machen. Sex soll, wie vieles andere, ein Mittel der Selbsterfahrung, des Selbstausdrucks, der Selbstbefreiung sein. Wir haben ein Recht auf guten Sex, und wir haben das Recht, guten Sex einzufordern.“

Früher war unfruchtbarer Sex ein plausibler Scheidungsgrund, heute reicht es, schlechten Sex zu haben. Eine mögliche Gleichung, die das heutige, westliche, Stammhirn aufstellt, wäre:
„Schlechter Sex = schlechte Beziehung = der/die Nächste, bitte!“

Die Krise bringt also alles zum Vorschein, was unser Stamm-Denken glaubte, sein zu müssen, tun zu müssen, erleben zu müssen. Auf dieser Ebene geht es noch nicht darum, was WIR tatsächlich wollen, fühlen, oder denken, sondern um das „Sollte“. An diesem Punkt ist allerdings nichts, wie es sein „sollte“.

Wie am Beginn vieler guter Geschichte bewegen wir uns außerhalb der Stammesbegrenzung. Bilbo verlässt sein Auenland. Alice schlüpft in den Hasenbau. Dorothy wird aus Kansas verweht, und Siddharta hat das Gefühl, das hinter dem Prunk der Palastmauern Neues nach ihm ruft.

Tore öffnen sich, fallen zu, die Luft riecht anders und alle fragen sie sich:
„Wo zum Teufel bin ich gelandet?“ – So auch wir.

Was ist hier los?
„Ich sollte doch eigentlich …“
„Sie/er sollte doch eigentlich wissen, dass …“
„Es hätte doch so funktionieren sollen …“
„Es war doch bis jetzt immer so …“

Das Stammeshirn hasst Unordnung. Darum stellt es Daumenregeln auf, die dann zu Prophezeiungen werden, wie etwa: „Das liegt in den Genen.“ Das Stammhirn sichert und vererbt, es rechnet 2 und 2 zusammen. Doch die Frage lautet: welches Erbe treten wir frei und gerne an? Und welche Rechnungen funktionieren auf fremden Planeten?

Um das zu erforschen, brauchen wir handfeste Krisen. Gerne auch im Bett, denn wie ich bereits in der Einleitung schrieb: was ist politischer als Sex?

~*~

Als ich meine erste ausgewachsene sexuelle Krise erlebte (möge sie in Frieden ruhen), war eine der ersten Fragen, die wir uns stellten: „Sollen wir uns jetzt trennen?“

Typisch Stamm-Hirn: „Schlechter Sex = schlechte Beziehung.“ Wir glauben an solches Zeug.

Mein damaliger Freund und ich glaubten es so gründlich, dass wir uns zunächst tatsächlich trennten. Wir dachten, uns immer noch auf Stammesterritorium zu befinden. Innerhalb dieses Territoriums gab es keine Regel die besagte, dass eine richtig gute Beziehung phänomenal schlechten, gar unmöglichen, Sex beinhalten kann. Das war unser notwendiger Paradigmen-Wechsel. Wir mussten den Mut entwickeln, unser Stammes-Paradigma („SO sollten wir eigentlich nicht zusammen sein!“) aus den Angeln zu heben.

Wir wählen unsere Partner unter Stammesbedingungen. Sexuelle Krisen sind die Neuverhandlung.

~*~

Dieses Stadium stelle ich mir ein wenig so vor, als würden alle unsere Meinungsmacher rings ums Liebeslager Wache halten und uns gutgemeinte Ratschläge erteilen. Langsam dämmert uns, dass wir nicht tun und denken, was uns noch entspricht, sondern was wir gelernt haben. Großer Unterschied!

Das ist auch das Stadium, in dem wir verzweifelt neue Meinungsmacher suchen, die uns doch bitte die Regel zu unserer Ausnahme liefern sollen. Das sind zum Beispiel Sex-Ratgeber. Mögen wir weise wählen.

Das Schwierigste an dieser Phase ist es, Klarheit zu erlangen. Und Klarheit bedeutet in diesem Fall, sich auf das gefasst zu machen, was der fantastische Dr. David Schnarch* folgendermaßen umschreibt: Wandel braucht Unbehagen („discomfort for growth“). Es widerfährt uns etwas, dass uns nicht widerfahren sollte, denn schließlich haben wir alle Regeln eingehalten. Die Regeln sind zahlreich, die Ausnahmen leider auch.

Wer nicht glaubt, von Stammes-Regeln beherrscht zu werden, beobachte bitte die Reaktion, wenn sein/ihr gefürchtetstes Sex-Disaster sich das nächste Mal unangekündigt anbahnt.
Ihr werdet Euch fragen, was ihr falsch gemacht habt.

Diese Frage impliziert die Annahme, dass es einen Weg gäbe, Sicherheit und Erfolg zu garantieren. Durch Regeln, natürlich. Ätsch! (Aber natürlich geht es darum, herauszufinden, was falsch läuft – aber die Lösung sieht anders aus, als erwartet.)

~*~

Der Stamm hat aber auch eine ganz andere, wunderbare Funktion: er heißt uns Willkommen, er bereitet uns ein Zuhause und feiert unsere Ankunft.

Seine wichtigste Botschaft lautet: „Das Leben ist kostbar.“

In dieser ersten Phase einer jeden Krise verlieren wir leicht die Achtung vor unserem eigenen Leben. Oder einem Teil davon. Wir würden es austauschen, wenn wir könnten, und wir werfen es weg.

Die erste Lektion einer Krise lautet, den Boden auf dem wir stehen nicht zu verfluchen, sondern ihn zu untersuchen.

* Im Ernst, der heißt so. David SCHNARCH, Ph.D. Seines Zeichens genialer Sex-Therapeut. Ich weiß, was ihr denkt, aber tut Euch den Gefallen, lasst Euch von ihm verzaubern.

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