Yoga der Sexualität ::: Teil 3 ::: Ganz normaler Sadismus


Prolog – Teil 1
Teil 2
Teil 4
Teil 5
Teil 6
Teil 7
Teil 8
Epilog

Auf der ersten Stufe, dem „Stamm-Hirn“, geht es um die Beziehung des Einzelnen zur Gruppe. Auf der nächsten Ebene werden die Beziehungen persönlicher. Wir widmen uns dem einzelnen Menschen (mit dem wir die Suppe auslöffeln). Unserem Bett-Gespielen. Besser wohl: Trauer(ge)Spielen).

Hier kriegen wir – recht unfreiwillig – alle unsere Strategien, um Machtverhältnisse auf zwischenmenschlicher Basis aufrechtzuerhalten, präsentiert.

Im Zwischenmenschlichen gibt es drei wichtige Ebenen der Macht und Ermächtigung: Geld, Sex, Status (yay!).

Beginnen wir mit der Ent-Mächtigung.
Die fühlen wir in diesem, zwischenmenschlichen, Bereich zum Beispiel, wenn wir jemandem begegnen der

  • mehr Geld/Ressourcen besitzt als wir
  • mehr Attraktivität besitzt als wir
  • mehr soziale Anerkennung besitzt als wir

Im Allgemeinen verspüren wir so einem Menschen gegenüber einen rapiden „Territorialverlust“. Viele Mechanismen auf der zweiten Ebene der menschlichen Entwicklung bauen wir auf, um dieses Gefühl der Bodenlosigkeit nie (wieder) fühlen zu müssen. Wir trachten nach Geld, Schönheit, und allem, wofür man uns lobt. Wir entwickeln Strategien, um die Symptome der Ent-Mächtigung zu lindern: gefühlte Armut, Eifersucht, Verrat, Ohnmacht.

Die Eigenschaften dieses Bereichs sind heiß, magnetisch, spannungsgeladen. Es fällt äußerst schwer, sich dem Kraftfeld dieses Zentrums zu entziehen, wenn es erstmal aktiv ist. Im Guten wie im Unangenehmen:

Ich stelle mir zum Beispiel meine Reaktion vor, wenn ich einem genialen, reichen und umwerfend erotischen Wesen begegne, das mir meine Arbeit, meinen Partner oder irgendein anderes „Meins!“ streitig macht.
Vielleicht habe ich mich vor noch fünf Minuten als gleichmütigen und großzügigen Menschen bezeichnet. Tja. Ich würde es nie zugeben, aber innerlich bin ich winzig klein mit Hut; meine Gedanken tanzen im Kreis um ein Fegefeuer der Rache. Nicht lustig.

Die brillante Caroline Myss beschreibt diesen Bereich als das „teuerste Energiezentrum“. Denn jemandem aus diesem Kraftzentrum heraus zu ermächtigen, kann sich anfühlen, als würden wir uns selbst ins Pfandhaus tragen.

Wie sieht Ermächtigung in diesem Bereich aus? Es können Ressourcen sein oder Geld. Aufrichtiges Lob und Anerkennung von Talenten zählen ebenso dazu, wie bedingungslose Unterstützung. Bedingungslos ist das Stich- und Losungswort; wir müssen aufrichtig sagen können: „Ich sehe Dein Licht und ich möchte, dass Du leuchtest – selbst wenn sich Dein Weg nicht mehr mit meinem vereinbaren lässt.“

Nur wenn wir das einmal gemacht haben, wissen wir, dass es keineswegs Eingeständnis unserer eigenen Wertlosigkeit oder Minderwertigkeit darstellt. Leider nur dann.

Oh Hilfe.

Wenn sexuelle Probleme einschlagen, dann ganz besonders in diesem Zentrum. Wir fühlen einen mächtigen Territorialverlust, ganz egal auf welcher Seite wir uns befinden. Wenn wir nicht mehr können oder wollen, packt uns Panik. Wenn unser Partner nicht mehr kann oder will, ebenso. Wir fühlen, dass der Magnetismus, der den Anderen an unserer Seite hält, verführt und auch kontrolliert, rasant abnimmt.

Es ist wichtig zu wissen, dass beide Seiten so fühlen. Vielleicht nicht immer gleichzeitig und gleich stark. Aber das System „Beziehung“ befindet sich immer in Balance.

~*~

An dieser Stelle beginnt der ganz normale sexuelle Sadismus.

Wer meint, sadistisch gesehen ein Unschuldslamm zu sein, lasse sich überraschen.

Sadismus auf dieser Ebene bedeutet, das Gefühl des eigenen Machtverlusts dadurch auszugleichen, den Gegenspieler zu entmächtigen.

Beispiele? Aber gerne.

Nehmen wir Mensch A. Dieser Mensch hat keine Lust mehr, mit Mensch B zu schlafen, die Gründe sind momentan egal. Das beunruhigt A, denn er/sie will B nicht gehen sehen. Nun folgert A aber (dem Stamm-Hirn sei Dank), dass B’s Stammhirn schlechten Sex durchaus als Trennungsgrund vorbringen könnte. In dieser Situation ist Menschlein A eindeutig der Schwache und B der Mächtige. Also wird A den Spieß umdrehen. Denn so lange B glaubt, er würde versagen und hätte daher die erotische Dürre zu verantworten, wird er weiter an der Leine gehen. Theoretisch. Und eine Zeit lang fühlt sich B sicher zu schlecht, um überhaupt daran zu denken, dass er was Besseres verdient haben könnte, als das nörgelnde, kalte, unzufriedene Wesen an seiner Seite. B wird aber ebenso Strategien entwickeln, um die Empfindungen der Schwäche und Wertlosigkeit auszugleichen. Das Rad läuft weiter.

Ganz normaler Beziehungs-Sadismus:

Er kennzeichnet sich nicht durch äußere Wortwahl. „Du bist ein Schlappschwanz!“ könnte ich mir unter bestimmten Umständen und unter Voraussetzung menschlicher Reife sogar als konstruktive und äußerst liebevolle Kritik vorstellen (hab’s aber noch nicht probiert).

Es ist die Absicht, den Anderen wieder ins überschaubare, kontrollierbare Körbchen zu bugsieren, die zählt. Diese Absicht hegen wir, sobald wir unseren Partner aus dem Wirkungsradius unserer Einflussnahme entschwinden sehen. Sei es der sexuelle, intellektuelle, berufliche oder gesellschaftliche Wirkungsradius.

Es bedarf enormer Größe, einer menschlichen Sternschnuppe den Weg freizumachen.

Diese Größe ist niemals angeboren, sie ist erarbeitet und errungen. Dazu gibt es, zum Glück, die Krise. Hipp-hipp … !

~*~

Die Stärke, die wir in diesem Bereich der Krise entwickeln, ist die Achtung vor dem Anderen und die Zusammenarbeit mit ihm. Entweder wir werden so „leicht-herzig“, um durch dieses Nadelöhr zu passen, oder wir bleiben auf dem Schlachtfeld gegenseitiger Herabwürdigung.

Wir müssen hier lernen, unserer eigenen Unsicherheit entgegenzutreten und das zu geben, von dem wir denken, es nicht zu besitzen. Kooperation macht unsicher, weil sie impliziert, dass der (Bett-)Gefährte durch unsere Unterstützung unabhängig und erfolgreich werden könnte.

Eine zeitlang ist es dann sogar ein funktionierendes „Bindemittel“, den Anderen um freundliche Worte, Gesten und Sex betteln zu lassen und Scheinkooperation anzubieten. „Ich würde ja, wenn du … „

Manche Bindemittel binden allerdings nicht ewig (wie ich letztens beim Möbel-Reparieren feststellen durfte). Wir fragen uns irgendwann, wer der Mensch an unserer Seite ist. Der Andere tut es auch. Seine Kontemplation fällt vielleicht nicht zu unseren Gunsten aus.

Die Bereitschaft, die eigene Zwangslage aufrichtig darzulegen und dabei auf Kontrollmaßnahmen zu verzichten; die Bemühung, in der Notlage die Masken und Leinen abzulegen, schafft eine neue Allianz.

Und ja, das ist eine Predigt. Ich habe nämlich Recht. :)

Wenn wir durch dieses Nadelöhr hindurchpassen, geschieht etwas äußerst Seltsames:
das Problem ist noch lange nicht verschwunden,
Ekstase und Erotik halten sich bedeckt,
aber es stellt sich eine eigenartige neue Verbundenheit ein.

Es gibt wieder etwas gemeinsam, geheim Gehegtes:
„Wir haben ein Problem (im Bett) – und wir packen es, zusammen!“

Hui, wie aufregend.

3 Antworten zu “Yoga der Sexualität ::: Teil 3 ::: Ganz normaler Sadismus

  1. Hola, Lily!
    Interessante Serie – zu einem der profundesten menschlichen Lebensthemen – der Sexualität. Las eben die ersten drei Teile – und bin durchaus völlig anderer Ansicht als Du. Aus dem simplen Grund heraus – daß gelebte Sexualität mit einem – oder auch mehreren – Partnern für mich nur einen Bruchteil meiner sexuellen Potenz ausmacht.
    Aber die Art, wie Du diesem Zusammenspiel zwischen zweien (oder dreien) auf den Grund gehen möchtest, gefällt mir. Danke für Deine Gedanken.
    Und ja – diese Form von Sadismus – bzw. Masochismus, immer ein Zusammenspiel – ist ganz sicher sehr weit verbreitet. Hat aber eben mit eigentlicher Erotik – im Moment – kaum noch was zu tun bzw. rein gar nichts.

    Was ich nicht ganz teile – sind die „Stammesbetrachtungen“, da ich zutiefst davon überzeugt bin, daß erotische Begegnung von beiden Geschlechtern gleichermaßen verzückt erlebt werden kann und will. Aber – hier stimme ich Dir wieder zu – offenbar nicht soll.

    An einer erfüllenden gemeinsamen Sexualität zu „arbeiten“ – ist mir fremd und scheint mir geradezu absurd zu sein. Als ehemals recht promiskutive junge Frau durfte ich feststellen, daß ein Liebhaber eben einfach nur ein Liebhaber ist. Und daß es durchaus solche Momente des gegenseitigen Sich-Fallenlassens und im „temporären Wegschmelzen“ auch mit ansonsten eher fremden Männern gab.
    Hier stellt sich für mich also die Frage – was der mensch genau sucht – in einem Gegenüber: Einen Moment in Begegnung – oder eine Glücksgarantie? Letzteres – führt sicher zum Sado-Masochismus.

    Beziehungsfreie Grüße, Sati

    • Hallo Sati, und danke für Deine Gedanken.

      Wie Du schreibst: gelebte Sexualität ist weit mehr als das, was sich im Bett (oder sonstwo) abspielt. Die chinesische Medizin erachtet diesen Bereich der „sexuellen Handlungen“ als 5 Prozent unseres gesamten sexuellen Potentials. Ich alte Entdeckerin bin hingerissen von dieser Tatsache.

      Sexualität ist ein so schillerndes „Etwas“, dessen Facetten ich hier zu beschreiben versuche. Wenn ich damit fertig bin (wenn? WANN??? … ojeoje), wird das Farbenspiel „Sexualität“ sicherlich besser zu erkennen sein. Auch für mich.

      Mir scheint, dass Dein freier Geist so viele der erotik-feindlichen Gedankenkonstrukte gar nicht erst zur Tür hereingelassen hat. Was für eine Gabe. Das meine ich ernst.

      Und was der Mensch in seinem Gegenüber eigentlich sucht? Jenseits der Glücks- und Sicherheitsgarantie? Ich habe keine Ahnung.

      Nachdem ich die Möglichkeit des alleine-Bleibens als ernsthafte Option in meinem Leben akzeptiert habe,
      nachdem mein Innenleben wirklich frei war von der Gleichung „Partner = Glück“,
      dachte ich ehrlich, dass es ja wohl keine Gründe für Beziehung mehr gibt.
      Naiv. Dann habe ich mich in meinen jetzigen Freund verliebt.

      Seit gut einem Jahr stelle ich mir an seiner Seite diese Frage:
      „Warum DU? Warum DU und ICH?“
      Eine tolle Frage, in die ich hineinwachsen kann.
      Die Antwort verbirgt sich im Horchen und Betrachten.

      Mir wurde nichts zum Besitzen geschenkt,
      sondern etwas zum Lieben,
      das meine ich damit.
      Das genügt mir als Antwort.

      In diesem Sinne: herzliche Grüße,
      Lily

  2. „Etwas“ zum Lieben – schmunzel. Hier also – ein menschliches Gegenüber.
    Treffe ich manchmal – für Momente. Auf längere Dauer – schön länger nicht mehr. Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, warum bzw. warum nicht – es ist einfach, wie es ist.
    Ich meine, daß mensch seine Sexualität in einer schlichten Yoga-Übung und/oder im Musizieren – also in irgendeiner Form der Lebendigkeit – sogar einfach in einem genüsslichen Atemzug erleben kann. Also – die 95 %.
    Die anderen fünf – können durchaus sehr an- und aufregend sein.
    Mein „freigehaltener Geist“ – da hast Du schon recht, es ist eine Gabe, also ein Geschenk, daß ich erst gar nicht an all den vielen Unsinn glauben kann, der so kursiert – hat mich aber nicht vor Erfahrungen bewahrt. Wie auch immer geartet. Auch nicht vor tief konditiertem Unsinn – der uns allen eingegeben wird. Manchmal dachte ich als junge Frau – als der Liebhaber mich oder ich ihn verließ – wir hätten uns doch ineinander verlieben müssen. Oder ähnlichen Unsinn. Spielte auch meine Spiele mit den Geliebten – bin also nicht frei – trotz recht unsinnsfreiem Geiste gab es denoch auch diese Sado-Maso-Manipulationen.
    Wobei – es bei mir recht simpel gestrickt ist/war: Solange alles Zwischenmenschliche stimmt – also tatsächlich „ausgewogen ist“ – stimmt auch die Sexualität. Sobald sich diverse Differenzen einschleichen – kann auch die Erotik leiden. Sie leidet dann – unter den von Dir aufgeführten Machtspielen, kann nicht mehr frei sein. Soweit meine bescheidene Beobachtung.
    Meine letzte und rein erotische Begegnung war sehr interessant für mich – es trafen sich zweie, die absolut nicht bereit waren, auch nur irgendwie darüber hinaus zu gehen – in ein „zwischenmenschliches Jammertal“. Zwei, die nicht zusammen einen „Alltag teilen wollten“ – sondern nur die Frucht der gemeinsamen Lust geniessen wollten. Radikal. Und radikal verrückt.
    War eine Weile sehr leidenschaftlich – und verlor sich dann ebenso im Ozean, wie alle anderen Begegnungen es (manchmal) tun. Einfach – eine weitere Erfahrung. Schreibe Dir das nur für Deine „Sammlung“.
    Und füge – wertungslos, aber durchaus biologisch hinzu: Geniesse Deine Untersuchungen. Du bist jung und schön – und die vermeintlichen „fünf Prozent“ sind für jüngere Menschen sicher anders einzuschätzen – die sich verschenken wollen, wie die Natur.
    Wenn Du herausbekommen jast – was der eigentliche Sinn einer „Zweer-Beziehung“ ist – laß es mich wissen. Es ist eine Frage, die mich immer noch beschäftigt. Ehrlich. Denn – ich kann soviele lieben. Und so gut alleine sein. Ein lieber Gruß, Sati

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