„H.strasse Nummer 55“ – ein erweiterbarer Mehräkter, täglich von 00:00 bis 23:59 – Eintritt frei


Meiner Postleitzahl nach zu urteilen könnte man meinen, mir wäre zumindest innerstädtisch der große Aufstieg gelungen.

Aufgewachsen bin ich im Gries – und wer Graz ein bisschen kennt, weiß, dass im Alltagsjargon das Wort „Griesplatz“ lange Zeit Synonym von „Puff“ war. Mittlerweile gibt es da allerhand feine Schuppen, aber in der guten alten Zeit war mein Schulweg noch gesäumt von „netten Nutten“, die bei winterlichen Temperaturen mit hilfsbereitem Lächeln auch gymnasiastischen Rotznasen ein Taschentuch rausrückten.

Und nun wohne ich im foinen Geidorf auf der anderen Seite des Flusses. Hier leben gut betuchte Pensionisten mal mehr, mal weniger einträchtig neben wilden Studenten, welche in Fahrradkörbe kotzen oder sie gar stehlen – wie ich es am eigenen Fahrrad erlebt habe. Allerdings besaßen diese Studenten die Umsicht, die Halterung meines Korbes sofort nach dem Diebstahl sorgfältig wieder anzumontieren. In welcher Stadt passiert das sonst?

Ich habe mir ein bisschen was vom liederlichen Charme des Gries‘ bewahrt, denn mein Balkon liegt, wie die regelmäßigen Besucher dieser Seite sehr wohl wissen, direkt über einem Wettcafé. Ab den ersten wärmeren Temperaturen liefert es mir der wunderbarsten Soundtrack zu meinem Alltagsleben – Rauchergehüstel, scheppernde Gläser, Trinkerweisheiten und gelegentlich auch heftige Auseinandersetzungen bekomme ich zu hören, während ich den Kopfstand mache, putze oder arbeite.

Wäre ich eine Poetin mit Schreibblockade, wäre diese Wohnsituation die reinste Therapie – ich müsste nur die Gespräche von dort unten hurtig auf Papier übertragen und hätte ohne großes Zutun ein Buch beisammen, das die Massen begeistern würde. Nun leide ich aber bloß unter Schreibblockade, ohne Poetin zu sein. Soll heißen: wenn ich nicht schreiben kann, fühle ich mich ganz okay und mache was anderes.

Schade, dachte ich mir letztens, denn so entgehen der Nachwelt die schönen Geschichten über den geheimnissvollen Pauli, Miss Mole die Hausbesorgerin und Frau Mischung, die akademische Trinkerin.

Doch beginnen wir von vorne. Bevor wir in die verrauchten Untiefen eines Wettcafés hinabsteigen, muss der Vollständigkeit halber erwähnt werden, dass der Rest meines Hochhauses den Besucher auf Angenehmste überraschen wird. Es kommt alles äußerst anständig daher.

Der Besucher wird angetan sein, zu jeder Jahreszeit den (roten) Teppich ausgerollt vorzufinden. Bei mir gibt es Teppiche am Eingang, am Aufgang, am Durchgang, am Ausgang und im Treppenhaus. Sie kommen in erstaunlicher Farb- und Formenvielfalt daher. Da ich nicht sehr hoch wohne, benutze ich den Lift nur gelegentlich, doch auch dort fand ich an nassen Tagen schon mobilen Bodenbelag vor.

Wer diesen hübschen Parcours aus Fleckerlwerk und Flor durchschreitet, wird an allen Tagen der Arbeitswoche von einem wunderbar propperen Geruch umspielt. Es ist ein Fest für Fuß und Nase, gelegentlich gewürzt mit liebevollen Botschaften an die Hausbewohner, welche, in krakeligen GROSSbuchstaben verfasst, an Wänden und Türen flattern.

Dies ist das gute Werk von Missis Mole, der Hausbesorgerin. Sie geht mir ungefähr bis zum Hals und ist genauso breit wie hoch. Ihr ganzer Körper scheint aus Kreisen gemacht zu sein; man könnte meinen, sie sei die fleischgewordene Lehrzeichnung eines Schneemannkonstrukteurs.

Kugeln sind auf Kugeln montiert, ihr Gesicht ist ein großer Vollmond mit dicken runden Lippen und hinter ihren Brillen aus Bierflaschenböden blinzeln ihre dreifach vergrößerten kreisrunden Augen. Sogar ihre Haare formen ordentliche Kringel. Wenn sie aus ihrer dunklen Wohnung kommt, um mir Waschmünzen zu verkaufen, überkommt mich Mal um Mal der innere Eindruck eines kleinen satten Maulwurfs, der sich an die Erdoberfläche schaufelt.

Das ist natürlich sehr gemein von mir, denn ich weiß um die Maulwurfshänseleien, die so mancher Brillenträger erleiden musste. Miss Mole aber ist meine persönliche Heldin, die sich Tag um Tag mühsam durch die Gänge unseres Hauses wischt und mobbt, die uns Bewohnern Teppiche ausrollt und mit herzzerreißender Sorgfalt allerhand interessante Notizen verfasst, die sie selbst kaum lesen kann.

Missis Mole setzt sich ein Kopftuch auf, wenn sie sich todesmutig auf ihr Fahrrad schwingt, um einzukaufen. Sie sieht vermutlich nicht weiter als bis zu ihrer Nasenspitze scharf. Ich begegnete ihr beim Einkauf nur ein einziges Mal, beim Billa nämlich, und staunte nicht schlecht, als ich all meine Vorurteile bestätigt sah: in ihrem Einkaufskorb lagen Melonen, ein kugeliger Kopfsalat und Eier. Miss Mole isst gern Dinge mit ihr verwandter Physiognomie.

Miss Mole scheint übrigens keine Freundin des Wettcafés zu sein. Sie radelt mit einer Miene dran vorbei, die ich als starr und abschätzig deute. Allerdings bin ich mir meiner Fähigkeiten auf dem Gebiet der Mimikdeutung selbst nicht mehr sicher, denn eigentlich schaut Miss Mole immer so drein. Auch mich blickt sie bei unserem Waschmünzenritual meist an, als würde sie mich nicht mögen, was nicht zutreffen kann, denn ich bin ein äußerst liebenswürdiger Mensch.

Weil unsere Wohnung schon seit vielen Jahren in meinem entferntesten Bekanntenkreis weitergereicht wird, bin ich die sechste Person im Mietvertrag. Ich traf vor kurzem, auf der Hochzeit meiner Freundin, eine Vormieterin, nämlich die Nummer 4 im Vertrag. (Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass es sich bei der Braut zugleich um die Mieterin Nummer 5 handelte.) Die Nummer 4 und ich verbrachten eine gute halbe Stunde damit, unsere Notizen zu vergleichen und kamen zum Schluss, dass sich die Besetzung des Stückes „H.strasse Nummer 55“ seit ihrem Umzug kaum geändert hat.

Auch sie kannte zum Beispiel den mysteriösen Pauli aus dem Wettcafé. Wir wurden uns seiner Existenz nur bewusst, weil sein Name Tag und Nacht in regelmäßigen Abständen gerufen wird:

„Nein Pauli.“
„Pauli sitz.“
„Pauli komm her.“
„Braver Pauli.“

Bei Pauli, so schlossen wir, muss es sich um einen Hund handeln, der seinem Besitzer beim beruflichen Caféhaus-Sitzen geduldig Gesellschaft hält und auch bei den häufig anfallenden Überstunden niemals von der Seite weicht.

Es ist ein mysteriöser Hund, der sich da unter den Sonnenschirmen verborgen hält. Aber der unsichtbare Pauli wacht über uns und das beruhigt.

Mieterin Nummer 4 stellte mich dann vor ein Rätsel und fragte mich, ob es denn „die Irre“ noch gäbe? Nach ein wenig Hin und Her ergab sich, dass es besagte Dame tatsächlich noch in unserem Stück auftritt. Allerdings hatte ich sie in meinen Notizen unter einem anderen Namen verzeichnet: ich nenne sie Frau Mischung.

Frau Mischung ist eine Studierte Trinkerin, was erklärt, warum sie im Laufe des Abends zwar immer die Contenance und den guten Ton verliert, niemals jedoch eine gewählte Ausdrucksweise vermissen lässt.

Derart Trinker gibt es im Geidorf viele. Vergessen Sie nicht, wir befinden uns in einem feinen Viertel. Alkoholiker bestehen hier auch im Delirium auf die korrekte Anrede durch den Notarzt; „Herr Hofrat“ zum Beispiel, oder „Frau Doktor“. Das „Gendern“ ist allerdings noch optional.

Frau Mischung aka „Die Irre“ also, hält fast täglich ab etwa 14:00 Staat im Wettcafé. Sie wird begleitet von einem namenlosen Pinscher, der im Gegensatz zu Pauli noch nie von nobler Zurückhaltung gehört hat, sich stattdessen lieber an die Tonlage seiner Herrin hält:

„Kläffkläffkläff“ in dreigestrichenem Bereich.

Zu späterer Stunde ziehen dann unweigerlich die Gewitterwolken auf (metaphorisch gesehen):
„Das ist eine bodenlose InfamIIEEE!“ brüllt Frau Mischung.

„Eine Frechheit ist das, eine Frechheit! Dass ich mir sowas erlauben muss!“ (Beschwichtigendes Raunen aus dem Hofstaat, doch die Königin ist bereits echauffiert.) „Du BAGAGE, dass ich mich so schikanieren lassen muss! Verschwind‘!“
(Sesselrücken, Glassplittern, Geschrei.)

Was ist geschehen? Ich habe bis jetzt immer den Auslöser der Zornausbrüche verpasst, doch kürzlich gelang es, im entscheidenden Moment die Ohren zu spitzen:
Frau Mischung wurde von einem der Anwesenden als Alkoholikerin bezeichnet.

Göttlich ist jedes Mal aufs Neue die Schlusspointe in diesem kurzen Zwischenspiel um Mitternacht – wenn der Angreifer vertrieben und die Gemüter wieder geglättet sind, ist Frau Mischungs schnarrende Stimme zu vernehmen:

„Was is, trink ma no a Mischung?“

Wie Mieterin Nummer 4 und ich allerdings feststellen mussten, haben seit ihrer Zeit im Stück „H.Strasse Nummer 55“ einige interessante Charaktere die Bühne verlassen.

Sie erzählte mir vom älteren Herrn, dessen gekaufte Braut aus Thailand in tragikomischen Interludien auftrat, um ihn von der Caféhausterrasse zu locken. Sie berichtete mir von einem seltsamen Bariton, der gelegentlich von nebulösen Geschäftsreisen in die H.strasse zurückkehrte. Ihr zufolge ließen seine Reiseerzählungen auf eine Betätigung als Organhändler oder Schlepperbandenführer schließen.

Mir wird ein wenig wehmütig ums Herz, wenn ich bedenke, dass diese interessanten Charaktere ersatzlos von der Besetzung gestrichen sind.

Gut ersetzt hingegen wurden unsere Nachbarinnen. Während Mieterin Nummer 4 noch mit einer krankhaft hellhörigen Lehrerin benachbart war, lebt nun eine entzückend fröhliche Studentin neben mir.

Ich weiß zwar nicht wie sie aussieht, aber ich weiß, dass sie gerne lacht. Sie ist eine Happy Miss Sunshine und hat seit einigen Monaten einen Freund, der anscheinend mächtig auf ihr Kichern abfährt.

Wenn zwischen den Beiden hinter der Wand großes Gelächter ausbricht, kann ich mit erstaunlicher Sicherheit prognostizieren, dass innerhalb der nächsten halben Stunde eine andere Geräuschkulisse meinen Tag versüßt.

Oder auch meine Nacht… Als mein Liebster und ich vor kurzem um 3 Uhr morgens feststellen durften, dass die Wände wirklich dünn sind (oder die Nachbarn stimmgewaltig), spielten wir wieder einmal mit dem Gedanken, unsere Kräfte mit dem unbekannten Pärchen zu messen. Wir verwarfen den Gedanken wieder. Nicht weil wir die Niederlage fürchten würden –

aber um unsere Rollen in diesem Stück zu behalten: „Die unsichtbaren Beobachter“.

Somit fällt zumindest in der Bloggosphäre der Vorhang in diesem unendlichen Stück.

Besuchen Sie uns bald wieder, oder sehen Sie sich diesen Werbefilm an.

Seine heroische Eingangsmusik wird sie davon überzeugen, dass sich in Graz echte Sieger tummeln.

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