Die Gnade der Wurstfrau


Es gibt in Salzburg eine bemerkenswerte Frau. Sie arbeitet beim Billa an der Wursttheke und ist, der Erzählung nach, ein Engel im Deckmantel der Irrelevanz. Ich kenne sie nur aus den Berichten meines Freundes, der sich mit Kollegen regelmäßig an der Wursttheke einfindet. Dort lassen sich die Burschen von der Wurstfrau ein paar Sandwiches der Extraklasse zubereiten.

Diese hagere, unansehnliche Frau scheint beim Sandwich-Stapeln eine derartige Fachkenntnis, Kompetenz und Liebe zum Detail auszustrahlen, dass ich allein von ihrer Beschreibung beinahe vom Sofa springe, um ihr zu huldigen.

Es wird mir berichtet, dass all ihre Handgriffe sitzen, sie die Sauce immer  an den richtigen Stellen zu platzieren weiß sodass beim Beißen nie was überläuft und dass sie immer noch ein paar überraschende Gimmicks findet, die den Geschmack vortrefflich abrunden. So wird aus dem, was an anderen Wursttheken ein einfaches Jausenweckerl ist, der vielgerühmte „Billa-Burger“ – den es nur bei ihr gibt und geben wird, und dessen Ruf bereits weit über die Grenzen der Stadt hinausgeeilt ist.

Es scheint keine Tätigkeit auf dieser Welt zu existieren, zu der nicht jemand berufen wäre… Die Erzählungen von der Billa-Frau haben in mir ein paar Rädchen in Bewegung gesetzt.

„Könnte es, rein hypothetisch natürlich, sein“, frage ich mich, „dass diese Wurstfrau abends zu Bett geht und sich die Frage nach dem Zweck ihrer Existenz stellt?“

Es bringt mich zum Schmunzeln, dass diese hagere Wurstfrau keinen blassen Schimmer davon hat, wie ihre Sorgfalt in so trivialen Dingen sich zu einem Lauffeuer entwickelt hat.

Denn mittlerweile denke ich nämlich immer an die Wurstfrau, wenn ich das Gefühl habe, hoffnungslos überfordert zu sein. Überhaupt nichts einbringen zu können. An den Tagen, an denen ich ernsthaft glaube, ich müsste irgendwas Grandioses zuwege bringen, lächle ich meine imaginäre Wurstfrau an und es geht mir besser.

Dann denke ich denke daran, wieviele Menschen es gibt, die mein Leben auf wunderbare Weise verändert haben – OHNE davon zu wissen. Schriftsteller, Filmemacher, Schauspieler, Bands, aber vor allem viele Unbekannte auf der Straße, oder eben die Wurstfrau. Den wenigsten habe ich je ein persönliches Dankesschreiben überbracht – sie wissen nicht, dass ihre Existenz mich berührt hat und gehen vielleicht an manchen Abenden mit denselben Selbstzweifeln ins Bett, wie ich.

Ich kann bei solchen Dingen eine blühende Fantasie entwickeln. Zum Beispiel stelle ich mir folgende Szene vor:

Die Wurstfrau steht kurz davor, zu inkarnieren. Ihr Spirit saust über die Dächer der Stadt und entdeckt: einen Supermarkt. Sie dreht ein paar Runden über diesem Supermarkt und betrachtet das merkwürdige Treiben. Zunächst fällt ihr auf, dass Menschen mit klarem Kopf ins Gebäude kommen, während sie auf der anderen Seite des Supermarkt-Würfels völlig entnervt wieder ausgespuckt werden. Was geht da drinnen vor?, fragt sich die Seele.

Sie fliegt näher ran und entdeckt im Supermarkt-Würfel die seltsamsten, angelhaken-artigen Energiegeflechte, die sich aus bunten Packungen nach Menschen recken und sich an sie haften.

Zwei Angelhaken namens „Ziff“ und „CilitBANG!“ spielen gerade Tauziehen an einem Menschen, der unentschlossen auf die Liste in seiner Hand blickt. Ein anderer Mensch hat den Würfel ohne solch eine Liste betreten und die Wurstfrauenseele sieht ihn nun wehrlos von einer ganzen Reihe Angelhaken an seinen empfindlichsten Stellen attackiert: „Langeweile. Hunger. Einsamkeit. Bedürftigkeit.“ Am Ende steht er in einer langen Schlange und schleppt schlussendlich Dinge aus dem Supermarkt, die er vermutlich nicht gebraucht hat.

Die Seele ist recht angerührt von den unglücklichen Gesichtern, die sie reihenweise aus dem Würfel kommen sieht.

In meiner blühenden Fantasie sehe ich, wie al-Chidr, der Seelenführer, an die Seite der zukünftigen Wurstfrau fliegt. Das nun folgende Gespräch spielt sich in meiner Vorstellung wortlos ab, aber hier ein Versuch der Transkribierung:

al-Chidr: „So viele Menschen, so wenig Achtsamkeit – nette Herausforderung, oder?“

Seele: „Juhu!“

al-Chidr: „Is gebongt, meine Liebe. Du könntest ein bisschen Licht in einen Würfel wie diesen bringen.“

Seele: „Juhu!“

al-Chidr: „Und zwar – in Menschenzeit – jeden Tag. Und in Menschenanzahl: vielen hunderten.“

Seele: „Juhu!“

al-Chidr: „Du könntest ein Vorbild der Sorgfalt und Liebe sein – und ich pack noch einen oben drauf: Du könntest doch jedem Menschen ein Stückchen dieser Sorgfalt mitgeben, die sie sich dann zuführen, wie Menschen das eben machen. Und es könnten Menschen aus allen Bevölkerungsschichten sein – sie werden alle zu Dir kommen und sich ein bisschen was abholen.“

Seele: „Oida, geil!

al-Chidr: „Du wärst an einer äußerst einflussreichen Stelle, könntest täglich mehreren Dutzenden, wenn nicht gar Hunderten von Menschen, ein paar Deka Freude mitgeben! Wenn es Dir gelingt, Deine enorme Verantwortung niemals aus den Augen zu verlieren, dann wärest Du in diesem Würfel sozusagen  eine Ausgabezentrale der Freude. Du wärst Wurstfrau!“

Seele: „Gemma’s an!“

Und so erteile ich mir mithilfe meiner imaginären Freunde eine wiedermal wichtige Lektion:

Mögen wir niemals die Seelen unserer Wurstfrauen unterschätzen. Ahó.

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