Stille Wasser


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Ich hab meinen Vater gegoogelt.
Dabei hab ich herausgefunden,
dass er auf seinem Gebiet berühmt ist. Total.

Einigermaßen überraschend. Schließlich war er für mich immer nur der Papa.

Er ist der Typ „zerstreuter Professor“: hoffnungslos romantisch, musisch veranlagt, ständig am Entdecken und Basteln, gelegentlich peinlich, vielseitig interessiert und mit einem Hang zu lautstarken jedoch ungefährlichen Zornausbrüchen.

Nur eins war er nie: in irgendeiner Form esoterisch angehaucht.

Das führt mich direkt zur zweiten Episode, in der mein Vater mich überraschte.

Das war, als er eines Tages am Sofa liegend eine schockierende Aussage tätigte. Sie ließ die Vermutung zu, dass er eine persönliche Beziehung zum Göttlichen pflegte.

Bis dahin hatte ich mich in pubertärer Selbstüberschätzung für die einzige, noch dazu verkannte, Repräsentantin der spirituellen Lebensweise in unserer Familie gehalten. Natürlich wusste niemand von meiner Rolle als einsame Vorreiterin – denn bei uns gab es weder Gespräche über Gott noch energetischen Klimbim, weder Selbsthilfebücher noch Glücksbringer zur Neutralisierung schlechter Schwingungen.

Es gab Musik und Bücher, Spaziergänge, Reisen.

Da also habe ich begriffen, dass ich die längste Zeit schon dort war, wo ich sein wollte: in einem Tempel. Mein Vater sprach nie darüber, aber für ihn war der Wald die Kirche, die Musik das Gebet, das Lesen die Andacht…

Er hat sicher gemerkt, dass ich ihn belächelt habe – und trotzdem nie Anstalten gemacht, mich zu seiner Sichtweise oder gar zu seiner Spiritualität zu erziehen.

Wie so Vieles zwischen uns wird auch diese Tatsache wortlos gewürdigt werden.

Gerade kam er aus dem Urlaub zurück. Und erzählte mir davon, dass er in seiner „Kraftkirche“ war – er wird rot und erzählt sofort von der faszinierenden Architektur.

Aber wir wissen beide, was er wirklich meint.

Eine Antwort zu “Stille Wasser

  1. „Da also habe ich begriffen, dass ich die längste Zeit schon dort war, wo ich sein wollte: in einem Tempel. Mein Vater sprach nie darüber, aber für ihn war der Wald die Kirche, die Musik das Gebet, das Lesen die Andacht…“

    Ein weiser Mensch. Dafür spricht auch, daß er nicht missioniert …
    Was für ein schöner Tempel, Sati

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