Phylogenese


Ich erlebe grade im Zeitraffer einen Entwicklungsschritt der totaltechnisierten Menschheit nach.

Ich bin völlig fertig.

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Auch in Wien kann man mich dieser Tage problemlos niederfahren.

Seit 2006 blogge ich und nütze gerne alle möglichen Netzspielereien für meine Zwecke. Bis auf die Netzwerke. Die hab ich bisher tunlichst vermieden.

Nun hab ich ein sogenanntes ‚Business‘. Eine Website, ein Firmenschild, ein Logo, Accounts in den tollsten Netzwerken. Und ein neues Telefon. Ich bin eine PoserYogini.

Das alte Telly war hin. Ich habe also in aller Unschuld ein Neues gekauft, das meinen Liebsten (der von berufswegen nur Raketenrechner gewöhnt ist) vor Ehrfurcht erblassen ließ.

Und jetzt sitze ich hier mit diesem Gepard im Handypelz. Das Problem ist, dass ich ihn bedienen kann.

Genau das ist mein Problem.

Was wollte ich nochmal? Achja, ein Telefon, mit dem ich für meine Schüler Texte und Bilder verarbeiten, meine Website verwalten und vielleicht auch gelegentlich eine Veranstaltung in den Netzwerken verbreiten kann.

Ich hatte nicht bedacht, dass mein naiver Wunsch mich innerhalb weniger Stunden aus meiner steinzeitlichen Idylle katapultieren würde, in der Nachrichten noch abgerufen werden mussten und mich nicht hinterrücks am Häusel überfielen.

Wer hätte gedacht, dass diese Form des Bombardements sich als viel zu schillerndes, schnelles und dummerweise verführerisches Jetzt tarnen würde?

Ich weiß zum Beispiel, was in LA und Istanbul vor sich geht, während mich am Grazer Hauptplatz die Bim über den Haufen fährt.

Wie immer beim Fortschritt gilt: es gibt kein Zurück mehr. Entweder ich reite dieses Datenmonster oder die Zeiträuber haben mich… Uiuiui.

Ich werde nie wieder über hektische Managerfutzis lachen, die ihre Finger nicht von ihren Smartphones lassen können. Das hab ich mir jedenfalls schon vorgenommen.

Und ich verstehe auch auf einmal, warum in so einem Klima die ästhetisch präsentierte Pseudo-Wellnessschiene gut läuft: es braucht den Eyecatcher, sofort. Zum Eintauchen keine Zeit.

Banale  Erkenntnis, ist mir klar. Aber wenn Eine sozusagen aus ihrem Höhlenmenschendasein auf den superschnelle Datenhighway geschnalzt wird, ist der Kontrast groß genug, um das Wichtigste klar zu sehen.

Realität kann sich verschieben. In nullkommanix.

Und ratet mal, womit ich jetzt blogge?

4 Antworten zu “Phylogenese

  1. Ich erhalte mir gern die Idee, dass es ja durchaus möglich ist (zeitweise) ins HöhlenmenschenDasein zurückzukehren. Hätten diese Geräte nicht einfach ein paar enorme Vorteile für diie Bewältigung des postmodernen urbanvagabunden…

  2. Merci für die Erinnerung, liebe Lily.
    Bin ich froh, daß ich sowas nicht besitze – und mir auch nicht wünsche!
    In den vergangenen Jahren kann ich in der Limousine gut beobachten, wie den Leuten ihre Smartphones schon fast an die Haut gewachsen sind – sie können nicht mehr ohne. Und nicht ohne „soziale Netzwerke“, solche scheinen klebrigen Spinnennetzen zu ähneln.
    Manchmal halte ich eine kurze Rückschau auf meine PC- und Internet-Laufbahn … und stelle fest, wie diese Gerätschaften mein Leben verändert haben. Prophezeit wurde mir dies von guten Bekannten, die mir bereits vorab erläuterten, wie sich die Gestaltung der Zeit durch einen PC verändert – ich solle es mir gut überlegen. Das tat ich auch – und schaffte mir erst in 2001 erstmal einen PC privat an. Heute kann ich mir kaum noch vorstellen, wie das Leben vorher war.
    Und heute – überlegt kaum noch jemand, ob und was er wirklich braucht. Weil uns glauben gemacht wird – daß wir alles brauchen. Und wir – glauben´s auch noch. Zum Beispiel, wie Du schreibst, aus Marketinggründen und weil wir sonst nicht mehr aktuell sind.
    Ich schaue derzeit bei mir selbst nach – wieviel Zeit ich online verbringe – und in dieser Zeit nicht etwa spazierengehe an der frischen Luft oder mich den Dingen widme, die mich wirklich nähren. Die Versuchung ist groß – und die Zeit fliegt schnell davon.
    In dieser Zeit – könnte ich z.B. musizieren, lesen oder in den Wald gehen – wie Dein weiser Vater – und somit in den Tempel. Habe auch schon länger – eine starke Sehnsucht, wieder mehr Zeit dort zu verbringen. Und werde das auch tun.,
    Trotz temporärer Allergie gegen diese hochtechnisierte Gesellschaft – wünsche ich Dir viel Erfolg mit diesem Gerät. Möge es Dir nützen, so, wie Du es angedacht hattest, Sati

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